Archiv für den Monat April 2020

Medien: Herr und Knecht in Einem

Nicht, dass es so kompliziert wäre, als dass es nicht zum allgemeinen Wissen gehörte, wie es sich verhält mit gewissen Doppelcharakteren. Die, auf der einen Seite mächtig, denen gegenüberstehen, die sie unter sich wähnen. Da haben sie zum Teil die Gestik eines römischen Imperators und, wenn sie streng sind, züchtigen sie, wenn sie milde sind, dann lassen sie sich huldigen. Auf der anderen Seite kann jedoch beobachtet werden, dass diese Übergrößen auch noch jemanden über sich haben. Treffen sie auf diesen, dann schwindet das Gehabe des Tyrannen in Nu und aus dem mächtigen Feldherrn wird ein kleines Mäuschen, das sich versteckt und verzagt piepst. Das Erschreckende an dem Phänomen ist, dass es flächendeckend und zahlreich existiert, in jeder Firma, in jeder Fabrik, in jedem Verein, in jeder Partei und in jeder Initiative. Schaut man den ewigen Mäusen, denen, die niemanden mehr unter sich haben, aufs Mäulchen, dann ist zu entdecken, dass sie dafür Wörter haben, Treppentiger, Radfahrer, Bückling. Es ist ein Massenphänomen, und an schlechten Tagen könnte man zu dem Schluss kommen, der Mensch an sich sei einfach schlecht.

Das Schlimme an der sozialen Organisation von Menschen ist, dass sie das, was sie als Menschen auszeichnet, auch sehr gerne auf die Organisationen, die im gesellschaftlichen Gefüge eine Rolle spielen, übertragen. Keine einzelne Organisation, aber ein Bereich, der von diesem Doppelcharakter betroffen ist, scheinen all jene zu repräsentieren, die über staatliche Finanzierungssysteme an dem arbeiten, was sich so unspezifisch Meinung nennt. In Zeiten wie diesen, in denen der Hang zum Gewohnten groß ist, in denen sich andererseits jedoch Neues nahezu aufdrängt, haben diese medialen Organe den Auftrag, das Diktum der Regierung zu verbreiten, komme da, was da wolle. Wer an der Interpretation zweifelt, wer glaubt, dass es Alternativen gibt, dem sei empfohlen, sich die eine oder andere Bundespressekonferenz anzusehen, bei denen es um den Transport von Sichtweisen geht, die durchaus auch eine andere Meinung zuließen. Sehen Sie es sich an, es sind Geisterstunden, die Entsetzen oder Schamesröte hervorrufen, aber sonst nichts.

Diejenigen, die an diesem Zirkus teilnehmen, um ihre Politik zu verkaufen, trifft man sie außerhalb des Kontextes, an den sie sich gebunden fühlen, reden, wähnen sie sich unbeobachtet, so wie du und ich. Man glaubt es kaum, plötzlich entpuppen sich die Kampfhähne der öffentlichen Bühnen als Treppentiger par excellence. Da sehen sie alles, was den kleinen, den ewigen Mäusen fragwürdig erscheint an der großen Politik, genauso kritisch wie diese. Ist einmal die erste Verwunderung verschwunden, und es wird danach gefragt, warum denn vieles so ist, wie es ist, und nicht anders, dann kommt das, was eines römischen Imperators gar nicht würdig ist. Es wird dann verwiesen auf die Devisen, die „von ganz oben“ kommen und auf die Macht derer, die eigentlich keine haben: die Hofberichterstatter. 

Letztere sind es, die das erledigen können, was im Bereich der Kriminalität und des Terrors mittels des physischen Mordes geregelt wird. Das machen sie nicht und das brauchen sie nicht. Ihnen reicht es, den Ruf zu erledigen und über Nacht aus respektablen Bürgerinnen und Bürgern Verwirrte und Spinner, und, wenn es sein muss, auch noch Triebtätern zu machen. Es ist ein grausames Handwerk, dass da zuweilen jene erledigen, die einerseits Herr sind, aber eben auch Knecht. Das, als Massenphänomen, mit einer politischen Programmatik ändern zu wollen, scheint ein hoffnungsloses Unterfangen. Das beginnt bei jedem, vor der eigenen Haustür. Und wenn es dort nicht beschrieben, kritisiert und geändert wird, dann ist nicht zu erwarten, dass das Phänomen „Herr und Knecht in Einem“ jemals verschwindet. 

Eigentum, Macht, Absolutismus und die Chance für Utopien

Die Spekulationen über den Ausgang nehmen zu. Teilweise wähnt man sich in einem Londoner Wettbüro, wenn es darum geht, Optionen über den Zustand der Welt in Konkurrenz zu stellen. Von der lupenreinen Utopie bis zu ihrem Gegenpart, der Dystopie, ist alles vertreten. Doch wie die Chancen stehen, dazu gibt es wenig Handfestes. Wird alles so weiter gehen, wie bisher, oder lernt die abstrakte Menschheit aus dem, was sie gerade erlebt? Es ist, leider so, wie immer. Es wird nicht nach den Ursachen, nicht nach den Machtverhältnissen gefragt. Warum alles so gekommen ist, wie es ist, dafür gibt es Gründe. Und wenn diese nicht benannt und bearbeitet werden, dann wird vieles wieder so kommen, wie es bereits war. Und wenn damit die weitere grenzenlose Ausplünderung von Natur und Mensch gemeint ist, dann ist das Dystopie genug. Wenn aber noch hinzu kommt, dass der administrative Totalitarismus, der in der pandemischen Krise angebracht erscheint, hinübergerettet wird in die Zeit danach, dann wäre das keine Dystopie, sondern ein Inferno. 

Sprich, wenn die Kräfte weiter walten, die in den letzten Jahrzehnten das Weltgeschehen mit ihrem Besitz und ihrer Ideologie in Atem gehalten haben, dann wird die Sache nicht gut ausgehen. Wenn nicht darüber geredet wird, dass alleine die Besitzverteilung auf diesem Planeten bereits frivole, dystopische Dimensionen angenommen hat, dann hat sich die Gattung ihre Chance auf Fortbestand genommen. Wie weit sind Gesellschaften gekommen, die nicht mehr thematisieren, dass die Gruppe derer, denen Dreiviertel der Güter und Territorien der Welt gehören, lüde man sie zu einem Treffen ein, im Ballsaal einer Provinztanzschule in der Lüneburger Heide Platz fänden? In denen stattdessen darüber fabuliert wird, nach der Krise müsse man sich auch über die Kosten unterhalten und die Besserverdienenden zur Kasse bitten, womit sie diesen Kreis allerdings nicht meinen? Wie rechtfertigen Gesellschaften, die zudem von sich behaupten, demokratisch zu sein, dass sich Reichtum anhäuft, der von den sie Besitzenden in keiner Weise konsumiert werden kann? Und welchen Sinn macht es, einer Handvoll Leuten, die hinter hohen Wällen in ihren Ressorts residieren, die Regie über die Entwicklung der Produktivkräfte wie der globalen Infrastruktur zu überlassen?

Wir reden hier nicht über den kleinen Staat Dänemark, in dem etwas faul ist, sondern über eine Flächenerscheinung in den Ländern, in denen das Privateigentum die mit ihm verbundene Staatsform mit der Ideologie des Wirtschaftsliberalismus bis zum Absolutismus getrieben hat. Wir reden über die Staaten, in denen Verwertungsquoten höher geschätzt werden als das Wohlergehen ihrer Bürgerinnen und Bürger, Staaten, in denen das Gemeinwohl seit Jahrzehnten nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, Staaten, die alles tun, um die großen Akteure des Privateigentums an die noch größeren Töpfe ihrer Revenuen zu führen. 

Es ist ein Massenphänomen der Verblendung, das zwischen einer besseren Welt nach der Krise und auch nur Ansätzen einer Utopie steht. In diesen Gesellschaften der flächendeckenden Verblendung ist es den Nutznießern der historisch alles sprengenden Eigentumsverteilung gelungen, die Geschädigten auch noch dazu zu bringen, in heftigen Diskursen darüber zu streiten, inwieweit in ihrem eigenen Konsum und seinen Formen die Ursachen für die dramatischen Entwicklungen zu finden sind. Nicht schlecht, aus Sicht der Akteure des demagogischen Handwerks. Ja, die Hoffnung stirbt zuletzt, sie erweist sich jedoch als schöner Schein des Augenblicks, wenn sie sich nicht auf Tatsachen gründet. Eigentum bedeutet Macht. Und wenn die in den Händen erschreckend weniger Akteure mit einer privaten Agenda liegt, dann muss die Mehrheit etwas tun, damit die Hoffnung eine Chance auf Verwirklichung hat.