Archiv für den Monat September 2019

EU: Ihre Tollität und der Totalitarismus

Wer erinnert sich nicht mehr an die Zeit vor den Europawahlen, als mit einem ungeheuren Aufwand für die EU als einem ur-demokratischen Projekt geworben wurde und nie der Verweis fehlte,  es handele sich auch um ein gigantisches Friedensprojekt. Viele Menschen haben sich davon betören lassen und im Netz sogar ihr Konterfei von Eurosternchen umschwärmen lassen. 

Nach der Wahl sah bereits nach kurzer Zeit alles anders aus. Die vorher so gepriesenen Direktkandidaten für den Kommissionsvorsitz spielten keine Rolle mehr und ausgerechnet die als Scharfmacherin profilierte, als Ministerin desavouierte von der Leyen machte das Rennen, mit Zustimmung des ultraleichtes Blocks versteht sich. Der rhetorische Firlefanz von vor der Wahl spielt keine Rolle mehr. Das dachten sich auch die Mitglieder der rechtskonservativen Parteien, die einen Antrag ins Parlament brachten, der aus dem angeblichen Friedensprojekt einen Angriff auf den Frieden macht.

Die Quintessenz des Antrags lässt sich schnell umschreiben: Ausgehend von der Analyse, dass es sich beim deutschen Faschismus und beim russischen Kommunismus um zwei totalitäre Systeme gehandelt habe, die sich im Hitler-Stalin-Pakt noch verbunden hätten und Europa nun von der Knebel des Totalitarismus befreit sei, sollten alle Denkmäler, die die falsche Assoziation herstellten, die Rote Armee hätte zur Befreiung vom Faschismus maßgeblich beigetragen, demontiert und beseitigt werden. 

Die Selbstachtung verbietet es, diesen geschichtsrevisionistischen Schwachsinn auch noch en detail zu widerlegen. Bei dem kürzlichen Besuch von Bundespräsidenten Steinmeier in Polen hätte man sich bereits denken können, dass an einem derartigen Konstrukt gearbeitet wird. Auch er hatte sich ausdrücklich bei den USA für die Befreiung vom Faschismus bedankt, ohne die damalige Sowjetunion auch nur zu erwähnen.

Wichtig noch zu registrieren, dass dieser Antrag der Unsäglichkeit angenommen wurde, und zwar mit den Stimmen der Sozialdemokraten und der Grünen. In Sachen Geschichtsrevisionismus ist man sich also einig. Der, so ist das immer, dient zur Etablierung neuer Feindbilder. Dass das Russland ist, wissen wir seit dem erfolgreichen Angriff auf die Souveränität der Ukraine. Wie sehr die amerikanische Nomenklatura in diese kriegstreibenden Machenschaften verwickelt war, ist an den dirty Fingers der Familie Biden in diesen Tagen wieder deutlich geworden. 

Die Theorie des Totalitarismus erklärt im Grunde nichts. Sie wird immer dann hervorgeholt, wenn man eine Blaupause braucht, um das vermeintlich eigene lupenrein demokratische Edelsystem zu beweihräuchern. Allerdings existieren schon immer totalitäre Regimes. Das ist außer Zweifel. Und deren Charakter lässt sich relativ einfach umschreiben.

Ein totalitäres Regime sichert die Herrschaft eines kleinen Kreises von Menschen über den Rest. Es werden Einzelinteressen vor das Gemeinwohl gestellt. Das ist der Wesenszug auch schlicht autoritärer oder sogar sublim demokratischer Systeme. Was das Totalitäre ausmacht, ist der Versuch, ideologisch alles zu beherrschen und zu durchdringen. Dazu gehört auch die Vorstellung der Gesellschaft von Geschichte. Geschichte ist das Narrativ, von dem aus das weitere Vorgehen in der Zukunft reflektiert wird. Dabei arbeitet das totalitäre Paradigma in der Regel mit Feindbildern. Sie dienen einerseits dazu, von dem eigenen Agieren im Innern abzulenken und andererseits haben sie immer im Blick, Aggressionen nach außen zu legitimieren.

Insofern ist der im Europaparlament angenommene Antrag zur Auslöschung der Erinnerung des Beitrages der Roten Armee zur Befreiung vom Faschismus ein willentlich totalitärer Akt, um das Geschichtsbewusstsein der EU-Bevölkerung zu manipulieren. Und beides trifft zu: Ablenken von der eigenen Politik gegen das Gemeinwohl und Vorbereitung kriegerischer Akte gegen Russland. Die EU wird totalitärer. Oder handelt es sich um einen Akt ihrer Tollität? 

Der französische Film und der amerikanische Jazz

John Coltrane. Blue World

Der französischsprachige Film der 1960iger Jahre sorgt dafür, dass die herausragenden Akteure des Modern Jazz aus den USA noch einmal mit bisher nicht vermarkteten Aufnahmen zu uns kommen, die an Qualität die Tür zu einer damals kaum bewusst wahrgenommenen neuen Qualität aufstoßen. Die Filmmusik von Miles Davis zu „Ascenseur pour l´échafaud“ (Fahrstuhl zum Schafott) fällt insofern aus dem Rahmen, als dass die Aufnahmen 1968 entstammten, quasi als letzte Sequenz anzusehen sind und sofort als eines seiner großen, bis heute unerreichten Werke beschrieb. 

In jüngster Zeit gesellten sich zu diesem bekannten Werk noch zwei dazu, die allein beim Hören gewahr werden lassen, wie sphärisch und reflektiert es im französischen Underground Film der Sechziger Jahre zuging. Vor nicht allzu langer Zeit erschienen Thelonious Monks Einspielungen zu „Les liaisons dangereuses“ (Gefährliche Liebschaften, 1960), die das Spektrum dessen, was von ihm bekannt war, noch einmal um eine weitere inspirierende Note erweiterten. 

Und nun, 2019, gesellen sich die Aufnahmen John Coltranes zu dem franco-kanadischen Film „Le chat dans le sac“ (Die Katze im Sack, 1964) hinzu. Insofern haben wir nun die großen Revolutionäre des amerikanischen Modern Jazz als Filmmusiker beisammen: Miles Davis, Thelonious Monk und John Coltrane.

Dass die Untermalung eines Filmes um eine junge Beziehung, der im Montreal der Sechziger Jahre spielt mit John Coltranes Titel Naima beginnt, zeigt, wie auch die filmische Avantgarde ihre spirituellen Eingebungen aus dem zeitgenössischen Jazz speiste. Naima selbst ist aus heutiger Sicht ein Titel, dem eine eigene Rezeptionsgeschichte gebührt. Coltrane komponierte ihn für seine erste Frau, er gehört bis heute zu den in bestimmten amourösen Situationen am meisten gespielten Titeln und reicht bis zur Namensgebung für die Tochter eines deutschen Schauspielers. Auf der hier und jetzt neu vorliegenden Aufnahme von Coltranes Label Impulse ist das Stück mit zwei Aufnahmetakes vertreten und, wie sollte es anders sein, beide Versionen überzeugen, weil ein anscheinend gut gelaunter Coltrane allein durch seinen legendären, für ihn immer noch so eigenen, nie mehr erreichten Ton eine Sphäre schafft, die das vegetative Nervensystem der Hörenden in Wallungen bringt.

Die anderen Titel, die den Film untermalend und akzentuierend bereichern, sind Village Blues, Blue World, Like Sonny und Traneing In. Keines dieser Stücke ist obsolet, alles ist stimmig, es wird beim Hören deutlich, dass sich niemand bei diesen Aufnahmen gedacht hat, es handele sich ausschließlich um schnell verdiente, immer so bitter nötige Dollars. Die Produktion fand in den legendären Rudy van Gelder Studios statt und Coltrane spielte zusammen mit großartigen Musikern wie McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones. 

Das Ergebnis liegt vor, das Einzige, was zu bedauern ist, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, die CDs aller drei genannten Akteure zusammen mit den jeweiligen Filmen zu veröffentlichen oder gar alle drei in ein Paket zu schnüren. Das wäre eine großartige Aktion, die der zwar kurzen, aber kulturhistorisch markanten Epoche einer franco-amerikanischen Kooperation die Aufmerksamkeit schenkte, die sie verdient. In den USA sind diese Projekte übrigens bis heute nahezu unbemerkt und die Rolle des französischen Films wird nahezu ignoriert.

Was bleibt, ist, John Coltranes Blue World zu empfehlen, weil es sich um großartige Aufnahmen handelt. Aber, wer Coltrane erst noch empfehlen muss, der hat schon verloren.