Archiv für den Monat Juni 2018

Munchs Schrei und das cultural gap

Das Naturell des menschlichen Wesens hat keine Zeit, entsprechend der es umgebenden Veränderungen zu reifen. Vom Dreißigjährigen Krieg, in dem die Hellebarde, die Machete und der Morgenstern das Dasein auslöschten bis hin zu den täglichen Veränderungen in Überbitgeschwindigkeit und der Fähigkeit, aus dem All ein Autokennzeichen vor Abschuss zu lesen, liegen ganze 270 Jahre. Das, was sich in dieser Zeitspanne an wissenschaftlich-technischen Veränderungen, Revolutionen und der Erschließung von Destruktionspotenzialen ergeben hat, sprengt alleine schon die Vorstellungskraft des durchschnittlichen Zeitgenossen. Seine Fähigkeit, Verhalten und Handlungsweisen den veränderten Verhältnissen anzupassen, ist vorhanden, jedoch nicht in dem Maße, wie die Industrialisierung der Erkenntnis fortschreitet.

Das, was in der Soziologie als cultural gap bezeichnet wird, definiert die beschriebene Situation. Zwischen der Alltagskultur der Gesellschaft, also den Handlungsweisen und Verkehrs- und Kommunikationsformen derselben und der real existierenden technischen Welt existiert eine Kluft. Der Mensch, obwohl Impulsgeber und Schöpfer einer jeglichen Innovation, steht mit seinem eigenen Dasein immer in der Vergangenheit und schaut staunend auf das Neue, dem er nicht entrinnen kann.

Es ist klug und gekonnt, sich ab und zu zurückzulehnen und den Sachverhalt zu betrachten und zu beschreiben. Nur wenn das gelingt, kann etwas sehr Zerstörerisches verhindert werden: Die Dissonanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Irgendwann wird jeder Generation deutlich, dass eine neue Entwicklungsschwelle erreicht ist, an der sie scheitern wird. Es bedeutet, sein eigenes Leben so weiter zu leben wie bisher, aber dadurch daran gehindert zu sein, am neuen Leben teilzuhaben. Damit kann man leben, wenn keine Notwendigkeit des Broterwerbs damit verbunden ist. Im Arbeitsleben ist es Mord.

Das cultural gap kann sich in der Produktion wie im Wirtschaftsleben allgemein niemand leisten. Wer sich neuen Entwicklungen entgegenstellt, den stellt der Wettbewerb ins Abseits. Wer mitmacht, zahlt jedoch einen hohen Preis. Er folgt der Logik des Neuen, ohne jedoch noch in einer Beziehung von Subjekt und Objekt, vom handelnden Menschen zum Werkzeug zu sein. Vielmehr verkehrt sich das Verhältnis und die Funktionslogik der neuen Technologie dominiert das menschliche Wesen. Ein brutaler Prozess der Entfremdung ist die Folge.

Je kürzer die Halbwertzeiten des technischen Fortschritts und je radikaler das Neue, desto schlimmer wird der Druck, dem die Menschen in diesem Prozess ausgesetzt sind. Das Schlimme an der Situation im Allgemeinen liegt darin begründet, dass über diese Herausforderung nicht gesprochen wird. Zumindest nicht dort, wo der Druck am größten ist. Deshalb ist es kein Wunder, dass die Botschaften, wie denn tatsächlich das cultural gap auf die menschlichen Individuen wirken, aus dem Feld der Diagnostik stammen.

Stressfaktoren und Symptome sind Fehler, Krankheit, Misserfolg, Überforderung, Termindruck, Lärm, Informationsflut, Multitasking, ständige Erreichbarkeit und Angst. In den wenigsten Leistungsorganisationen wird dieses thematisiert und führt zu einem vernünftigen Umgang miteinander und mit der Situation. Und, so makaber es auch scheint, selbst dieses ist ein Indiz für das cultural gap. Dennoch und deshalb gebührt all denen, die sich dem Thema ernsthaft widmen, großer Respekt.

Vielleicht hilft es auch, sich den Schrei von Edvard Munch unter diesem Aspekt noch einmal auf sich wirken zu lassen. Ist es nicht auf die Verzweiflung des menschlichen Wesens über die Raserei, die es selbst erzeugt?

Europas Süden: Nicht mehr artig zum Diktat!

„Bin müde und leer, will in Süden ans Meer, auf meinem Weg ohne Wiederkehr“, sangen die Menschen mit Fernweh zu einer Zeit, als noch nicht das Primat der Wirtschaftlichkeit den Blick völlig verdorben hatte. Da war die Welt noch in Ordnung. Hier, im Zentrum Europas, rannten die Menschen in großen Kohorten in die Fabriken und schufteten im Schichtbetrieb. Dafür verdienten sie mehr als alle anderen ihresgleichen auf dem Kontinent. Sie kauften sich davon unter anderem tolle Autos, mit denen sie dann in Urlaub fuhren. Natürlich in den Süden. Und natürlich ans Meer. Dort hielten sie abends die Tische frei, soffen den Rotwein wie Bier und kehrten mit wilden Geschichten ans Band zurück und erzählten ihren Kollegen, sie könnten sich gar nicht vorstellen, was „da unten“ alles nicht funktionierte und was für eine laue Mentalität dort herrschte. Ja, der deutsche Michel war wieder wer und es schien, als herrsche er zu Recht über die Welt. Als Meister. Bei der Arbeit wie beim Fußball. Dieses Bild herrschte über Jahrzehnte, bei vielen ist es immer noch im Kopf, obwohl sich vieles dramatisch verändert hat.

Die EU hat dafür gesorgt, dass der alte und „faule“ Süden des Kontinents in Sachen Markt und Infrastruktur eingegliedert ist, dass dort, wo es sich lohnt, produziert wird, weil es billiger als im Zentrum ist und dass ordentlich das gekauft wird, was die Unternehmen aus dem Zentrum produzieren. Notfalls wird die Kaufkraft mit locker vergebenen Krediten hergestellt, um sie danach in einer massiven Staatsverschuldung wieder zu treffen. Und wenn diese vorliegt, dann wird auf Privatisierung gepocht. Die Liquidität, um sich des Volksvermögens zu bemächtigen, liegt natürlich im Zentrum des Kontinents und so werden zentrale Funktionen wie See- und Flughäfen wie Edelimmobilien ganzer Nationen verhökert. 

Dass sich der alte Süden, der die Kultur des Kontinents kulturell wie spirituell prägte und in dem so manches heute wesentlich besser funktioniert als im selbst ernannte Musterländle, dass sich dieser alte Süden nicht mehr länger von den protestantischen Zuchtmeistern aus Berlin. Und Brüssel vorschreiben lassen wollen, welcher Politik sie folgen sollen, ist konsequent. In Griechenland und in Portugal haben sich die von der EU, dem IMF und der Weltbank verordneten Schrumpf- und Privatisierungskurse als Albtraum für das gesellschaftliche Zusammenleben erwiesen. Dass sich Länder wie Italien oder Spanien in eine ähnlich Sackgasse treiben lassen werden, wird immer wahrscheinlicher. Der Süden Europas setzt sich nicht mehr artig hin zum Diktat.

Von kritischen Medien könnte erwartet werden, dass sie sich mit der Ursache wie der Wirkung immer deutlicher zutage tretender Verwerfungen in der EU auseinandersetzten. Manche machen das auch und verweisen auf den Provizialismus wie den Dogmatismus der Schäuble-Merkel-Doktrin. Nur die TV-Nachrichtensendungen, denen böse Zungen nachsagen, sie hätten sich zu einer Pressestelle der Bundesregierung entwickelt, machen das nicht. Stattdessen bedienen sie die alten Vorurteile vom ach so faulen Süden, der auch noch korrupt ist. Das kommt bei manchen gut, vor allem bei der AFD, die damit direkte Steilvorlagen aus der Bundesregierung bekommt. Aufgrund des Ausmaßes könnte spekuliert werden, stürzte diese Regierung, dann verschwände die AFD im Gully. 

Gefährlich wird es aber erst, wenn die einstigen Könige vom Band herausfinden, dass sie heute als Schlusslicht der Produzenten durch den Kontinent taumeln. Vorbei die goldenen Zeiten. Sie verdienen weniger, sie arbeiten länger und ihre Renten sich schlechter. Das soll sie aufwiegeln gegen die Kollegen im Süden. Es kann aber auch anders kommen.

Betriebskultur und Führungsqualität

Jeder Mensch, der sich in Organisationen bewegt, ob sie der Arbeit dienen oder welche Zielausrichtung sie auch immer haben, jeder Mensch macht in Organisationen Erfahrungen in Fragen der sozialen Verkehrsformen, des Umgangs miteinander und der Art und Weise, in der die Organisation geführt wird. Da die Arbeitsorganisationen die meisten Menschen dieses Landes erfassen, dürften diese auch die bestimmenden sein in dem, was man, wiederum landestypisch, die jeweilige Kultur und die Führungsphilosophie nennt. Und selbstverständlich existieren von Unternehmen zu Unternehmen große Unterschiede. Dennoch sind sie die alles bestimmende Instanz. Das, was die Menschen in den Unternehmen lernen oder gelernt haben, reproduzieren sie in den anderen Organisationen, in denen sie sonst noch unterwegs sind, ob beim Sportverein, bei den Kleingärtnern oder in der politischen Partei.

Industriebetriebe sind aufgrund der Verwendung der Ressourcen massenhafter Arbeitskraft und großer Materialmengen eo ipso sehr straff organisiert. Sie haben die Prinzipien des Umgangs wie der Führung zumeist genau beschrieben und verschriftlicht, dort gelten die Regeln und Prinzipien, die man sich gegeben hat. Bei kleinen Unternehmen ist das oft anders, da existiert in nicht wenigen Fällen noch ein Patriarch, der alles bestimmt und auf den alles ausgerichtet ist. Ist das ein guter Mensch, so haben die Beschäftigten Glück, ist es ein Despot, haben sie Pech. Wiederum andere Betriebe lassen vieles zu, weil sie sich der kreativen Branche zurechnen und gerade von dem Unerwarteten leben. Das bewahrt deren Führungskräfte nicht vor einer großen Verantwortung, denn auch kreative Mitarbeiter haben ihre Erwartungen, was gerade in diesem Milieu leider oft vergessen wird oder gar nicht erst bekannt ist.

Anders herum sind die Beschäftigten daran interessiert, dass das, was in dem Unternehmen gilt, auch tatsächlich gelebt wird und sie sich an dem orientieren können, was als Kodex festgeschrieben ist. Das schafft Verlässlichkeit und vermindert den Stress, der durch Ungewissheiten entsteht. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben den Anspruch, dass der Umgang untereinander wie mit der Führungsebene fair vonstatten geht, dass man sich gegenseitig respektiert und vertraut. In diesem Falle signalisieren sie Loyalität gegenüber dem Unternehmen und seinen Verantwortlichen. Ist dieses allerdings nicht der Fall, artet der Konkurrenzkampf in Mobbing aus, sind die Regeln zynische Wortspielereien und ist ansonsten alles erlaubt und lassen die Führungskräfte im Krisenfall die Beschäftigten fallen und stehen sie nicht loyal zu ihnen, dann befindet sich das Unternehmen bereits in einer schweren Systemkrise, die in der Regel von der „unsichtbaren Hand“ des Marktes bereinigt wird. Es verliert Mitarbeiter, die Produkte und der Ruf werden schlechter und die Stellung am Markt siecht dahin.

Selbstverständlich kann eine solche Betrachtung nicht 1:1 auf das politische System übertragen werden, aber um zu verdeutlichen, mit welcher Kultur wir es momentan dort zu tun haben, taugt ein solcher Vergleich doch: Da wird in Bremen eine Stelle des BAMF beschuldigt, fehlerhaft Aufenthaltsgenehmigungen für Asylsuchende ausgestellt zu haben. Und sehr schnell reagiert das System so, dass sich alles auf eine Mitarbeiterin konzentriert, die fehlerhaft gehandelt haben soll. Der ehemalige Leiter des Kanzleramts, damals verantwortlich, weist alles Vorwürfe von sich und zeigt mit zitternden Fingern auf den damaligen Innenminister. Der neue Innenminister entschuldigt sich mit der Gnade der späten Berufung, zuckt mit den Schultern und lässt die Chefin des BAMF antanzen. Dieselbe wiederum zeigt nach unten. 

Da wird eine „Kultur“ transparent, sowohl des Umgangs wie der Führung, die sich darüber wundert, dass viele Menschen sie kopfschüttelnd ablehnen. Noch Fragen?