Archiv für den Monat Juni 2018

An der Zeit, den Kopf zu heben

Bei einer soziologisch-historischen Studie der amerikanischen Präsidenten, die vor einigen Jahren bereits erschien, kamen die Autoren zu dem Schluss, dass es einen signifikanten Unterschied zwischen den verschiedenen Präsidenten gegeben hat. Entweder, sie stammten vom Land, d.h. aus der Provinz, oder sie waren in den Metropolen sozialisiert. Diejenigen aus der Provinz waren ausgerechnet jene, die mit einer Vision in ihr Amt gingen, und die, die in den Metropolen bereits sozialisiert waren, galten als die Pragmatiker. Logisch ist der Ansatz. Denn wer im Kornfeld steht und bis zum Horizont schaut, dem ist es vergönnt, sich Gedanken über das Große und Ganze zu machen, und wer in den Gängen der Lobby groß wird, der ist mit den täglichen kleinen Deals beschäftigt.

Nun wäre es erforderlich, die ganzen Kolonnen der Politiker, mit denen wir es zu tun haben, zu durchleuchten und die Studien auszuweiten und durchzuführen. Die These für Deutschland unerforscht 1:1 zu übernehmen ist gewagt, und vielleicht trifft sie hier überhaupt nicht zu. Sicher ist nur, zumindest aus meiner Sicht, dass Politik generell zunehmend drunter leidet, ohne Vision, ohne Programm und ohne Strategie kommuniziert und vollzogen zu werden. Es ist eine heikle, ja nahezu irre Frage, ob Politik ohne eine Vision am Horizont auskommen kann. Deutlich ist, dass eine solche Vision fast vollständig fehlt. Es ist nicht unbedingt der Nachweis, dass Politik ohne großen Kurs überleben kann, sondern legt die These nahe, dass die große Krise, in der sich Politik befindet, in der Tatsache der Perspektivlosigkeit begründet ist.

Gerade darin scheint das Dilemma zu liegen. Politik wird nicht mehr begründet mit einem größeren Ziel, sondern mit einem irgendwie vorhandenen Ansatz und einem Anflug von Alltagsräson. Es klingt absurd, aber genau das ist in einem Land wie Deutschland, in dem es immer um das große System und das Prinzip geht, zu wenig. Wenn der von dem Historiker Heinrich August Winkler so beschworene lange Weg nach Westen darin bestanden hat, sich abzugewöhnen, die große Perspektive zu entwickeln und dem zwanghaften Versuch, den durchaus probaten, aber kulturell eben anders sozialisierten angelsächsischen Pragmatismus zu kopieren, dann ist dieses Unterfangen in einen unbefriedigenden Zustand gemündet.

Das letzte Relikt eines großen Plans ist das ständige Pochen auf den bei uns zumindest noch aufgeschrieben vorhandenen Wertekodex. Vertreter der angelsächsischen Blaupause dafür würden sich hüten, bei der Wahrung ihrer Interessen darauf zu verweisen, weil sowohl das einstige britische wie das heute amerikanische Imperium wussten, dass es Dinge gibt, die man tun muss, um die Macht zu erhalten, die sich aber nicht eignen, um in den Annalen der Systementwicklung zu erscheinen.

Stattdessen summt die deutsche Politik nahezu gemeinsam, aber zumindest im Kanon die Weise von den Werten, und macht dabei alles, was diesen nicht entspricht. Sie sieht dabei nicht, dass die eigene Glaubwürdigkeit hier darunter leidet und die Werte dort, wo sich nicht gelten, jeglichen Ruf verlieren. Die Konsequenz ist eine täglich gelebte Doppelmoral, die zu der Krise führt, in der wir uns befinden. 

Es ist an der Zeit, sich wieder mit großen Visionen zu beschäftigen, um einen Maßstab zu fertigen, an dem sich Politik messen lassen kann. Das muss nicht in Dogmatismus enden, aber es würde dazu erziehen, den Kopf zu heben und bis zum Horizont zu blicken.

WM: Bundesverdienstkreuz und Großmanöver

Hans-Joachim Seppelt, seinerseits bekannt geworden als Doping Experte, dem es vor allem gelungen ist, vor allem russischen Sportlern in Zusammenhang mit den olympischen Spielen in Sotschi massenhafte Verstöße gegen das Doping-Verbot nachzuweisen, erhielt gestern von Bundespräsident Steinmeier das Bundesverdienstkreuz. Zeitpunkt wie Anlass sind politisch und beides zeigt, wie heuchlerisch es zugehen kann in diesem Land. Vorausgegangen war der Ehre nämlich ein kleines Scharmützel zwischen Seppelt und den russischen Einreisebehörden. Diese wollten ihm die Einreise anlässlich der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft nach Russland verweigern, wovon sie allerdings nach internationalen Protesten Abstand nahmen. Seppelt hatte unter anderem behauptet, auch im russischen Fußball werde systematisch gedopt. Diese Aussage zumindest erscheint dubios, weil alle deutschen Fußballfunktionäre seit Jahrzehnten zum besten geben, Doping mache in der Sportart Fußball überhaupt keinen Sinn.

Nichtsdestotrotz, es scheint, als sei alles erlaubt, was das Gastgeberland der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft, Russland, in der Lage ist zu diskreditieren. Es sei nur an das Ausbooten des Ex-TV-Fußballexperten Mehmet Scholl erinnert, der sich geweigert hatte, sich im Kontext der WM über die politischen Verhältnisse in Russland auszulassen. Er wolle, so der Satz, der zur Trennung führte, über Fußball reden und sonst nichts. Seppelt ist da anders, und dafür erhielt er nun das Bundesverdienstkreuz. Welches Verdienst im Sinne vorbildlichen Agierens für diese Republik damit honoriert wird, ist also deutlich.

Das kleine Ereignis, das da zu verzeichnen ist, reiht sich ein in die immer deutlicher werdenden Indizien einer ideologischen Kriegsführung. Ginge es um die Sauberkeit des Sportes, dann hätten wir genug im eigenen Land zu tun. Ja, wie war das noch? Die eigene ehemalige Top-Führungsebene des DFB unterliegt momentan einer staatsanwaltschaftlichen Untersuchung wegen schweren Korruptionsverdachts, und zwar in Sachen des Stimmenkaufs zugunsten der Vergabe der Fußballweltmeisterschaft nach Deutschland im Jahr 2006. Millionen Euro sind in diesem Zusammenhang an Stimmberechtigte der FIFA über schwarze Kanäle gewandert. Eigenartig, dass sich der Bundespräsident nicht zu diesem schweren Vergehen bis heute geäußert hat. Stattdessen bewirbt sich Deutschland für die nächst mögliche Austragung der Fußballeuropameisterschaft, so, als sei nie etwas gewesen.

Alle, die momentan so burschikos über die Frage reden, ob Politiker überhaupt nach Russland fahren sollten und was noch alles gemacht werden könnte, um zu verdeutlichen, mit welcher korrupten Despotie wir es dort zu tun haben, müssten, wären sie konsequent, die neuerliche Bewerbung als Austragungsort für ein Turnier dieser Größenordnung in Deutschland sabotieren und, sollte Anklage wegen Korruption erhoben werden, die berechtigte Frage stellen, ob Deutschland an künftigen Turnieren noch teilnehmen kann. Das wird natürlich nicht passieren. Der Propagandakrieg läuft bereits, und bis in die höchsten Stellen scheint sich niemand zumindest selbst zu ekeln.

Dass, by the way, in diesen Tagen unter der Führung der US-Streitkräfte 35.000 NATO-Soldaten auf dem Weg zur russischen Grenze sind, um passend zur WM-Eröffnung mit einem Großmanöver in Polen und im Baltikum dort den Ernstfall zu üben, dokumentiert, wie ernst die Lage wirklich ist. Einen solchen Fall hat es historisch noch nicht gegeben. Sich daran zu beteiligen, zeigt, inwieweit der geschäftsführende Ausschuss dieser Republik sich bereits im Kriegsrausch befindet. Die Werte, auf die sich diese Kreise berufen, spielen in ihrem eigenen Handeln keine Rolle. So etwas nennt man Glaubwürdigkeitsverlust. Und zwar auf der ganzen Linie.

Vom ewigen Verrat

Je undurchsichtiger die Lage ist, desto mehr wird über sie gestritten. Auffallend, aber nicht überraschend ist, dass sich der Diskurs hierzulande sich nicht um Klarheit bemüht, sondern sich darauf konzentriert, die Bösewichter auszumachen. Irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass es nicht um ein Bild unseres Daseins geht, sondern um die Verortung des Übels. Das ist irreführend, in einer Atmosphäre, in der es aber gar nicht um Lösungen geht, völlig unerheblich. Hauptsache, der Beelzebub ist identifiziert, der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.

Eine derartige Herangehensweise lässt sich nur durch das Trauma erklären, das Deutschland gleich mehrmals in der jüngeren Geschichte erlebt hat. Erst wurde es nichts mit der Nation, dann, als es soweit war, sollte es gleich das Format einer Weltmacht sein, was den I. Weltkrieg zur Folge hatte. Und die Niederlage legte schon den Grundstein zu der Frage nach Sündenbock und Meuchelmörder, so wie es bereits im Ur-Mythos der Deutschen, der Siegfrieds-Sage tradiert wird. Und aus dem Generalverdacht des Verrats resultierte die nächste Katastrophe, Faschismus und wieder ein Weltkrieg, der verloren werden musste. Danach die Teilung mit einer doppelten Fremdbestimmung und schließlich die Einheit aufgrund der Implosion einer Hegemonialmacht. Alles verlaufen ohne ein historisches Subjekt, das den Namen verdient hätte. Da liegt der Schluss nahe, dass es immer die andern sind, wenn etwas schief geht.

Aufgrund des beschriebenen Vermächtnisses ist es kein Wunder, dass die Triebkräfte fehlen, die die Welt so beschreiben wollen, wie sie ist, um dann ein Bild davon zu bekommen, welche Rolle das eigene Sein in diesem Konglomerat spielt oder spielen kann und welche Optionen klug und vernünftig sind. Man könnte das alles als ein infantiles De-Arrangement bezeichnen, wenn es nicht die Gefahr in sich trüge, wie einmal den satanischen Ansatz zu wählen. Irgendwo sitzen die Missetäter, die die große deutsche Nation ins Übel führen wollen und erst dann Ruhe geben, wenn das Land der Weltmeister in Schutt und Asche liegt.

Obwohl Theodor Wiesengrund Adorno gar nicht so weit ging, sei ein treffendes Zitat aus dem Kontext gerissen und den zeitgenössischen Deutschen vor die Füße geschleudert. Ihr Auftreten und Agieren in einer zunehmend schneller und komplexer werdenden Welt ist das einer armen Seele, die sich an ihrer eignen Unzulänglichkeit delektiert.

Es reicht, sich die Leser-Kommentare auf den Online-Portalen der großen Nachrichtenmagazine anzuschauen, um das Treffende des Zitats zu erkennen. Ob Griechenland, Euro, ob EU und Russland, ob Syrien und Italien, ob Macron und Merkel: Immer schwingt der alles entlarvende Satz mit, „wir“ seien es, die immer bluten müssten, „wir“ seien es, die die Zeche zu bezahlen hätten. Es ist grotesk und es wird bei niemandem Mitleid hervorrufen, wenn es soweit ist, dass die Bilanzen auf den Tisch gelegt werden müssen. Wenn die Länder, die sich verschuldet haben, damit aufhören, dieses zu tun, dann werden „wir“ auf unseren Waren sitzen bleiben. Die Doktrin, mit der die Familie Michel gefüttert wird, ist so unlogisch wie eine Weltmacht, die sich als Objekt besser fühlt als das Subjekt.

Die Verantwortung, von der in jedem Kontext gefaselt wird, besteht nicht in dem Befolgen neutraler Maximen. Sie hat nichts mit Einsätzen wie Afghanistan oder Mali zu tun. Verantwortung heißt zu allererst einmal, sich ein realistisches Bild von sich selbst zu machen und dann zu definieren, worin die eigenen Interessen bestehen. Alles andere ist ideologische Makulatur.