Archiv für den Monat Juni 2018

Singapur aus Sicht der Epigonen

Bis auf den edlen Ritter Schäuble sind es nur noch Epigonen, die auf den Prozess der deutschen Wiedervereinigung aufgrund unmittelbarer eigener Erfahrungen zurückblicken. Von den beiden Protagonisten, die einst im Kaukasus zusammen in der Sauna saßen und sich hinterher ein Wässerchen genehmigten, weilt der eine nicht mehr unter uns, dafür aber in den Geschichtsbüchern, und der andere musste miterleben, wie er zu einer Randnotiz der russischen Geschichte verkam. Gorbatschow wird heute von vielen Russen dafür verantwortlich gemacht, dass sich das Land nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat vom Westen nach Strich und Faden betrügen lassen. Das ist zwar nicht ganz gerecht, aber etwas Wahrheit ist schon dabei.

Das, was im Nachhinein als Stück aufgeführt wurde, war ein betrügerischer Akt, der das Vertrauen, welches im langen, beschwerlichen Prozess der Detente entstanden war, restlos zerstört hat. Die zentrale Garantie des Westens, keine NATO-Osterweiterung, wurde bereits einige Jahre später von der Clinton-Administration ignoriert. Seitdem wurde Russland Stück für Stück weiter militärisch eingekreist und die Grenzlinie, an der direkt NATO-Soldaten vor der russischen Tür stehen, reicht heute vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer.

Die Deutschen, die mit der Einheit auch für die Geduld und die Kontinuität in einem beschwerlichen Friedensprozess belohnt wurden, beteiligten sich nach einigem Zögern am Aufbau einer neuen Frontlinie gegenüber Russland. Die Epigonen sind am Ruder und sie sind dabei, auf alles zu pfeifen, was die Zivilisation zurück nach Europa gebracht hat. Sie haben danach den Balkan zerschlagen, sie haben sich an Putschen im Osten beteiligt und sie haben eine eigene Propagandamaschine aufgebaut, die der in Russland in nichts nachsteht.

Dass diese Epigonen nun, bei dem Aufeinandertreffen zwischen Donald Trump und Kim Jong Un in Singapur, diesem mit gemischten Gefühlen gegenüberstehen, entspricht ihrem Charakter. Das war bereits zu sehen, als in Korea Bewegung ins Spiel kam. Für ein Land, das lange selbst gespalten war, begleitete man die Vorgänge in Deutschland mit herzlich wenig Empathie. Und sieht man sich die Kommentare zu dem an, was sich momentan abzeichnet, entdeckt man nur noch Zynismus.

Die alleinige Möglichkeit einer Wiedervereinigung in Korea wird partout negiert, die amerikanische Regierung unter Präsident Trump wird als unberechenbar dargestellt – was nicht stimmt, da keine vor ihr so berechenbar war, ob die Art der Politik schmeckt oder nicht – so als sei die Wiederaufrüstung durch Bill Clinton gegenüber Russland das Natürlichste von der Welt gewesen.

Im Kern jedoch geht es um das Psychogramm der Epigonen: Mit ihrem Zynismus, mit ihrer Missgunst und ihrem Defätismus beweisen sie, dass sie mit dem emotional so beladenen Akt der Wiedervereinigung selbst nicht das Geringste zu tun haben. Nicht in Deutschland und schon gar nicht in Korea. Sie gleichen den Charakterköpfen, die im Spanischen so treffend als Chaqueteros bezeichnet werden, die ihre Position so wechseln wie ihre Jacketts, wenn es ihnen nur opportun erscheint.

Einmal abgesehen und weg von dem ständig wiederholten Kritikpunkt mangelnder Strategie und Programmatik: Wer keine Empathie hat, wer sich nicht hineinversetzen kann in die Traumata der Völker, und wer psychisch nicht das zu durchleben in der Lage ist, was die Menschen unseres Zeitalters bewegt, der hat in dem Geschäft, in dem es letztendlich um das gesellschaftliche Schicksal aller geht, nichts, aber auch gar nichts verloren.

Wenn sich alles sehr schnell ändert

Manchmal ist es schwer, anzuerkennen, dass sich etwas, das Jahre oder Jahrzehnte Bestand hatte, plötzlich ändert und nicht mehr so ist, wie es war. Das ist menschlich. Denn nichts ist so langsam in seinem Reifeprozess wie menschliches Verhalten. Bevor das sich ändert, muss vieles geschehen. Es muss sich herausstellen, dass die Verhältnisse, auf die man sich einlässt, etwas Regelmäßiges haben, und dass die Menschen, die in diesen Verhältnissen eine Rolle spielen, vertrauenswürdig sind. Erst dann, ganz langsam, mag sich eine Routine herausbilden, an der sich die verschiedenen Seiten beteiligen. Und Routinen geben Sicherheit. Und Sicherheit ist ein wesentlicher Bestandteil dessen, was als das menschliche Bedürfnis nach existenziellem Rückhalt bezeichnet werden kann. 

Sicherheit im Übermaß wiederum nimmt den Raum für die Dynamik des Lebens schlechthin. Es geht also nicht darum, jede plötzliche Veränderung zu beklagen. Wichtig ist allerdings, dass die Zeit des ungläubigen Staunens über eine plötzliche Veränderung als sicher geglaubter Routinen zu einem Verlust an wertvoller Zeit werden kann. Das Staunen, das Entsetzen, die Trauer über die Veränderung haben oft etwas Lähmendes. Es ist das sich Nicht-damit-abfinden-Wollen, das sich in den Vordergrund drängt und dazu führen mag, sich zu spät auf die neuen Verhältnisse einzustellen.

Vieles spricht dafür, dass sich die politischen Konstellationen in der Welt in raschem Tempo verändern und die momentane Zeit so wie oben beschrieben werden kann. Alte, als ehern geglaubte Allianzen zerbrechen und neue Möglichkeiten deuten sich an. Die Beschreibung des gerade dahingesiechten G 7-Gipfels ist ein wundervolles Indiz dafür, dass die Trauer, die Angst, die Überraschung und das Entsetzen über eine veränderte Welt in und um dieses Gremium noch überwiegen. 

Dass die Welt vor allem durch die sich in starkem Maße verändernden USA und ein ungeheuer dynamisches China ein neues Bild annehmen würde, ist allerdings seit der Weltfinanzkrise aus dem Jahre 2008 gewiss. Dass, was sich damals abgespielt hat, hat alles dramatisch verändert. Die Weltfinanzkrise hat der Weltmacht USA den Todesstoß versetzt. Seitdem ist die alte internationale Arbeitsteilung vor allem zwischen den USA, Deutschland und Japan dahin. Vor allem Deutschland und Japan galten in dem von den USA garantierten System des Weltmarktes als die beiden Produktionsstätten, die in erster Linie für die Versorgung der Märkte zuständig waren, während die Revenuen der Erlöse an die Wall Street gingen, was wiederum den USA ermöglichte, eine Deckung für die imperialen Infrastrukturkosten zu haben. 

Seitdem letzteres nicht mehr gewährleistet ist, ist es nicht überraschend, dass sich die USA und ihr jetziger Präsident radikal von der Rolle des die Welt beherrschenden Imperators verabschiedet haben und als ungehobelter, popeliger Mitbewerber auf dem Weltmarkt erscheinen. Da wird mit Manschetten wie in den Gründerjahren gekämpft und die scheinbare Wohltäter-Rolle, ruht in den Requisiten. 

Vor allem bei den Vertretern Frankreichs und Deutschlands ist das Entsetzen zu verspüren, dass damit einher geht. Es führt jedoch zu nichts, weil selbst die größte Trauer nicht in der Lage sein wird, die Ursachen für die neue Rolle der USA zu revidieren. Da ist es nun an der Zeit, sich schnell auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. Da heißt es, sich nach neuen Allianzen umzuschauen, die Sicherheit herstellen und in denen Vertrauen erarbeitet werden kann. Denn im Saloon, dem Weltmarkt, da geht es banausenhaft zu, da spuckt so mancher die ausgeschlagenen Zähne auf den Boden und ein anderer ballert mit dem Revolver ganz unvermittelt in die Deckenleuchte.