Archiv für den Monat Mai 2018
Es ist angerichtet
Machen wir uns nichts vor. Es ist angerichtet. Die Zeit amerikanischer Zurückhaltung bei militärischen Operationen zur Sicherung der imperial-strategischen Interessen ist vorbei. Die Luftschläge gegen Syrien, bei denen noch die europäischen Allianz-Mächte Großbritannien und Frankreich mitmachen durften, waren nur ein kleines Präludium. Mit der Aufkündigung des Iran-Atom-Abkommens wird es richtig ernst. Dass nur zwei Tage nach dem Ausstieg durch Trump Israel seinerseits Militärschläge gegen iranische Stellungen in Syrien veranlasst, hat zwar seinen Grund, ist aber ein Zeichen dafür, dass Israel wusste, was in Washington längst gewiss ist. Kriegerische Akte im Zeichen des Adlers stehen kurz bevor.
Machen wir uns nichts vor. Es geht nie um Vernunft. Es geht um Geld, es geht um Macht. Dass die amerikanische Weltvorherrschaft ins Wanken geraten ist, hat mit mehreren Faktoren zu tun. Das ökonomische System der internationalen Aufgabenteilung mit den USA als Regie ist seit der Weltfinanzkrise brüchig geworden. Die Geldströme zur Wall Street als Pfand für das Imperium blieben aus. Gleichzeitig erstarkte China wirtschaftlich, in Bezug auf seine eigene Einflusszonen und militärisch. Der Kampf um die strategischen Ressourcen ist seitdem neu entbrannt. Jeder Kampf darum hat etwas zu tun mit dem Wettstreit um die Weltherrschaft. Und die Alternativen heißen im Moment entweder die USA oder China. Andere existieren nicht.
Die Mobilmachung gegen Russland ist kein Geplänkel. Sie resultiert aus einer sehr klaren Analyse seitens der amerikanischen Think Tanks. Wer Russland unter seiner Knute hat, der beherrscht aufgrund der immensen Landmasse und der dortigen Ressourcen die Welt. Das wussten alle Imperialisten, die nicht vor dem Krieg zurückschreckten. Das wusste Napoleon, das wusste Hitler und das glauben die Falken am Potomac zu wissen. Dass sich historisch alle bei dem versuchten Akt der Unternehmung den Leichenschmaus servierten, steht auf einem anderen Blatt.
Das Verhältnis der USA zu Europa ist ein anderes geworden als zu den Zeiten, als hier fleißig Waren hergestellt wurden, die unter US-Regie in der ganzen Welt versilbert wurden. Da die Regie nicht mehr funktioniert, ist jede Werkstätte auf dem alten Kontinent ein Konkurrenzunternehmen zu denen, die innerhalb der USA sind. Das sollte Europa endlich erkennen. Die USA taktieren dort zwischen dem Wunsch, die hiesigen Produktionsstätten zu vernichten, brauchen aber noch Allianzpartner für den geplanten Streich gegen Russland. Wer bei diesem Manöver mitmacht, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Es geht um Weltherrschaft und da laufen reihenweise begriffsstutzige Provinzpolitiker durch Europa und schreien nach Moral. Welche Moral? Die des Erstschlages?
Den Globus in Gänze betrachtet, sieht es nicht gut aus für die USA. Je mehr es sich zuspitzt, desto größer die strategische Überdehnung derselben. Genau diesen Zustand wollte Obama verändern, indem er zunächst versuchte, mehr zu moderieren als selbst zuzuschlagen. Vorbei. Gescheitert. Trump steht bereits an der Rampe. Und mögen auch die nächsten Schläge noch lokal begrenzt sein, sicher ist, dass es irgendwann zu einem final Countdown kommen wird.
Brillant hingegen die chinesische Zurückhaltung. Sie sollte nicht verwechselt werden mit Schläfrigkeit. Das Reich der Mitte ist bekannt dafür, dass dort in größeren Zeiträumen gedacht wird als im kurzatmigen Westen, der sich berauscht an der eigenen ständig sinkenden Halbwertzeit. Es ist angerichtet. Der Kampf um die Weltherrschaft tritt in ein neues Stadium.
Kultur, Kultur
Willkommenskultur, Abschiebekultur, Bleibekultur, Unternehmenskultur, Debattenkultur, Leitkultur – die Liste der Begriffe, die mit dem Begriff Kultur assoziiert werden, ist an Länge kaum noch zu erfassen. Ob durch die Verbindung aller möglichen Umstände mit dem Begriff Kultur etwas zur Aufhellung beiträgt, ist fraglich. Der Eindruck, der entsteht, ist ein anderer: Mit dem Beiwort der Kultur bekommt vieles den Status des Sakrosankten, das eine nähere Analyse verbietet. Wer sich gegen diesen so erzeugten Nebel wehrt und darum bittet, doch genau zu formulieren, worum es eigentlich geht, steht schnell im Abseits. In welchem auch immer. Um eine Klärung komplizierter Zusammenhänge, in denen es auch um einen Standpunkt oder sogar Haltung geht, ist anscheinend nicht erwünscht. Stattdessen herrscht die Meinung, dass es bei Kultur um etwas Positives geht, ob geklärt oder nicht. So wird eine Stimmung erzeugt, in denen der Bauch mehr zu sagen hat als der Kopf.
Es ist nicht unbedingt ein neues Phänomen. Mit der Beigabe Kultur wurde schon immer gerne eine Stimmung erzeugt, die der Klarheit abträglich ist. Eines der markanten Beispiele ist der übersetzte Titel des umstrittenen Buches von Samuel Huntington. Der hatte sich die Landkarte der Welt vorgenommen und Linien gezogen, in denen unterschiedliche Zivilisationskonzepte aufeinander stießen. Und so hatte er seine Studie auch „Clash of Civilizations“ genannt. Was er daraus für Schlüsse zog, ist eine andere Sache. Da ist Kritik durchaus angebracht und aus heutiger Sicht sieht man eine Geographie der Machtausdehnung des Westens. Eigenartigerweise haben genau diejenigen, die gegen das Buch seinerseits so aufgebracht argumentiert haben, brav mitgemacht, bei der Atomisierung des Balkans beispielsweise, oder bei der NATO-Osterweiterung. Da waren sich plötzlich alle einig.
Den Zusammenstoß der Zivilisationen allerdings im Deutschen als Kampf der Kulturen zu übersetzen, das zeigt, wie verheerend dieser laxe Umgang mit dem Wort der Kultur enden kann. Plötzlich befinden wir uns alle im Kulturkampf, ein Begriff, der vor brauner Soße nur so trieft und den man dem Autor beim besten Willen nicht zuschreiben kann. Aber da sind sie dann alle da, die Friedensapostel und Toleranzgötter, die endlich die Folie gefunden haben, auf der letztendlich eine Politik betrieben werden kann, die nur noch als entsetzlich beschrieben werden muss.
Es ist der Hang, alles mit der Aura des Großen und Erhabenen vermengen zu wollen, um sich letztendlich auf der richtigen Seite zu wähnen. Die Folgen sind bekannt, und sie waren nie anders. Es wird eine Stimmung erzeugt, die von großen Emotionen getragen wird, in der es nur noch um das Gute oder das Böse geht und in der die Wortakrobaten wie selbstverständlich auf der richtigen Seite stehen. Am Schluss stehen Emotionalisierung und Propaganda.
Es wäre hilfreicher, die jeweilige Situation zunächst einmal ganz pragmatisch zu umschreiben. Dass zum Beispiel in einer bestimmten historischen Situation der eine Schritt der richtige ist und der andere eher nicht. Dass der Versuch, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen eher dazu führt, die Lage komplexer und prekärer zu machen, als ihr gebührt. Dass die eigenen Interessen einen Namen haben, den man sich genau ansehen muss, bevor gleich mit der Kultur die ganze historische Wolke, in der die Gesellschaft eingehüllt ist, auf den Plan zu rufen. Letztendlich handelt es sich um alles, nur nicht um Kultur, wenn Zusammenhänge einfach nur noch vernebelt werden, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen, die zu nichts Gutem führt.


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