Archiv für den Monat Mai 2018

„Etwas Besseres als den Tod findest du überall“

Von Bertolt Brecht stammt das kluge Wort, Fortschritt bedeute nicht, fortgeschritten zu sein, sondern fortzuschreiten. Wem es an dieser Stelle bereits zu kompliziert ist, möge gleich aussteigen. Das ist kein arrroganter Hinweis, sondern ernst gemeint. Tatsächlich ist die Frage der Erneuerung und Veränderung eine sehr komplizierte. Das, was zunächst schlicht aussieht, wird schwierig angesichts fast als archetypisch anzusehender Verhaltensmuster des Menschen. Denn selbst die, die einer gewissen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie leben, aufgeschlossen gegenüber stehen, wünschen sich schon bald nach der Anstrengung etwas Ruhe. Sei es, um das Veränderte zu erleben und zu bewerten, bevor sie sich erneut Gedanken über die Notwendigkeit weiterer Veränderungen zu machen, sei es, weil sie die neuen Verhältnisse so nach ihrem Vorteil geraten sehen, dass sie befürchten, nach weiteren Veränderungen in eine schlechtere Position zu kommen. 

Ja, alles steht auf dem Prüfstand, wenn die Veränderung namens Fortschritt in die bestehenden Verhältnisse rauscht und das Leben der Menschen durcheinander wirbelt. Wichtig ist, dass die Menschen, die davon betroffen sind, mit sich im Reinen sind. Sie sollten wissen, dass es sich um einen Prozess handelt, in dem sie Subjekt und nicht Objekt sind. Ist das gegeben, dann kann sich etwas Vernünftiges entwickeln. Aber, und diese Überlegung drängt sich mit aller Macht auf, wie können Menschen, die seit langer Zeit als Objekte ge- und behandelt wurden, plötzlich zu Subjekten werden? Um es gleich zu sagen: Gar nicht. Es sei denn, sie wähnen sich in einer solchen Lage, dass sie bereit wären, der Maxime Till Eulenspiegels zu folgen: Was Besseres als den Tod findest du überall!

Die Perspektive, die die vielleicht ungewollten Veränderungen des Fortschritts zeichnet, muss so verheerend sein, dass sich ein Großteil der Menschen nicht mehr getraut, darüber nachzudenken. Dann werden jene Selbsterhaltungskräfte mobilisiert, die aus Objekten Subjekte machen. Diese Subjekte sind jedoch nicht die mit dem Plan für eine vernünftige Veränderung. Nein, bei ihnen handelt es sich um Angst gesteuerte, in ihrer Existenz bedrohte Menschen, die vermeintlichen Konzepten der schnellen Lösung folgen. Das, was normalerweise dann auch verheerend wirkt, ist nicht notgedrungen alles nur emotional, irreal und destruktiv. Im Kern befindet sich auch bei dieser Gruppe eine durchaus als sehr real empfundene Vorstellung von dem, was ist, und dem, was nicht sein darf.

Die jahrzehntelange Entmündigung großer Teile der Gesellschaft durch eine zunächst als Fürsorgeideologie zu bezeichnende Bevormundung hat dazu geführt, dass nahezu die einzige verändernde Kraft aus den Reihen der großen Masse in einem Kampfdenken gegen das besteht, was vielleicht am besten als die rasende tägliche Veränderung bezeichnet werden kann. Diese Kräfte spüren, dass da etwas in die falsche Richtung gegangen ist und geht und nichts mit dem zu tun hat, was als die große Chance der Veränderung von einigen Kreisen propagiert wird. 

In diesem Kontext von Fortschritt zu sprechen, fällt schwer. Richtig wäre es, von Veränderungsprozessen auszugehen, die die Gesellschaft überrollen. Mit gemeinsamem Fortschreiten hat das wenig zu tun. Da werden Verhältnisse geschaffen, die angeblich keine Zeit lassen, darüber zu reflektieren und sich Zeit zu nehmen. Das ist das Wesen der Technokratie. Sie schafft Verhältnisse, die nur wenigen Nutzen bringen, aber die als unausweichlich charakterisiert werden. Ein falsches Spiel. Und ein böses Ende.

 

Neue Konstellationen?

Nun wird es spannend. Der Dissens über das Iran-Atom-Abkommen zwischen den USA und dem Rest der Welt böte so einige Möglichkeiten. Die Position der USA ist deutlich und klar: Sie trauen dem Iran nicht, unterstellen ihm permanente Vertragswidrigkeit und sehen daher keinen Sinn in wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Sowohl die EU-Staaten als auch Russland und China sehen das anders. Sie beteiligten sich mehr oder weniger intensiv um dieses Abkommen, dass den Iran durch wirtschaftliche Kooperation dafür belohnen sollte, wenn er von einer Weiterentwicklung seines Atomprogramms absähe. Das schien und scheint vernünftig. Die USA haben den Vertrag mit ausgehandelt und noch während Obamas Präsidentschaft ratifiziert. Trump hat nun das Werk zwölfjähriger diplomatischer Bemühungen in einer Nacht abgefackelt. 

Wie bei allen vorherigen, so sei auch bei dieser Tat des amerikanischen Präsidenten davor gewarnt, seinen Aktivität mit dem Attribut „toll“ oder „tollwütig“ wegzuwischen. Es ist durchdacht und eine doppelte Kriegserklärung. Zum einen geht es direkt gegen den Iran, der im Nahen Osten das einzig mögliche Machtpendant zu Saudi Arabien bildet. Letzteres steht scheinbar auf Seiten des wankenden Imperiums, sicher sollte es sich jedoch genauso wenig sein wie Israel, dass in diesem Konflikt dramatisch isoliert ist, da sollte es sich keine Illusionen machen. Was die saudische Gesellschaftsordnung attraktiver macht als die iranische wird das Geheimnis der westlichen Moralpolitiker bleiben, letztendlich wurde von Riad aus in den letzten Jahrzehnten weltweit mehr Terrorismus finanziert und unterstützt als von Teheran. 

Und zum anderen ist die Aufkündigung des Iran-Atom-Abkommens die Fortsetzung des gegen die Staaten der EU begonnen Wirtschaftskrieges. Es geht vor allem darum, die Unternehmen zu stigmatisieren, die bereits Wirtschaftsbeziehungen zum Iran pflegen. Das soll andere erschrecken und die Knute zeigen, die das Imperium herausholen wird, wenn Unternehmen nicht das machen, was es von ihm verlangt. Vielleicht ein kleiner Hinweis: Bestrafte man alle amerikanischen Unternehmen, die weltweit unanständige Geschäfte machen, dann hätten wir sehr schnell in Europa einen Markt frei von amerikanischen Waren. Aber es geht um Macht. Da wird nicht argumentiert, sondern gehandelt.

Angesichts der amerikanischen Politik ist deutlich geworden, dass der Schutzschild, der durch das so genannte transatlantische Bündnis auch militärisch geboten wurde, bereits heute nicht mehr existiert. Insofern ist es nicht an der Zeit, sondern überfällig, sich zu überlegen, wo die zukünftigen Partner in der internationalen Politik zu suchen sind. Geschäfte machen will die Bundesrepublik immer, da sollte sie nicht zu genant sein. Die Frage ist, ob sich noch jemand findet, mit dem kooperiert werden könnte, solange man auf einem Schimmel durch die Welt reitet und die Nase rümpft ob der moralisch unterlegenen Ausdünstungen, wo immer man sich aufhält. Ein wenig Demut in Bezug auf die eigenen Verhältnisse, die nicht nur duften, könnte eine erste Überlegung wert sein.

Nach dem letzten Weltkrieg gab es einen Konsens in der internationalen Gemeinde, der davon ausging, dass wirtschaftliche Kooperation, wirtschaftliche Beziehungen zum gegenseitigen Nutzen, eine der zentralen friedenssichernden Instrumente darstellt. Wer miteinander Handel treibt, wer zusammen etwas herstellt, der lernt sich kennen, entwickelt für beide Seiten verträgliche Verkehrsformen und es entsteht ein gemeinsames Interesse. Wer bewusst gegen diese Option agiert und stattdessen auf Raketen setzt, der hat mit dem Frieden nichts im Sinn.