Archiv für den Monat Mai 2018

Wenn Geschichte leuchtet

Stefan Zweig. Magellan. Der Mann und seine Tat

Dass der Autor Stefan Zweig aus Wien stammte, dort zum wohl situierten Bürgertum gehörte und nahezu natürlich über exquisite Kenntnisse der von Sigmund Freud entwickelten Psychoanalyse verfügte, erklärt sich, so abgegriffen die Formulierung klingt, nahezu von selbst. Dass der Autor Stefan Zweig die Psychoanalyse zu einem wesentlichen Instrument seines leiterarischen Schaffens machte und das bis heute kaum thematisiert wurde, ist hingegen ein Kuriosum. Seine Werke, vor allem die vielen, in denen er sich historischen Figuren widmete, die komponiert aus psychoanalytischen Skizzen und kulturhistorischen Betrachtungen waren, sind in ihrer Lektüre sehr bereichernd. Sie haben den Blick auf und in die Persönlichkeit, um die es geht, und sie verweisen auf kulturkritische Überlegungen, die in dem Feld zwischen Person und Situation jonglieren. Maria Stuart, Erasmus von Rotterdam, Montaigne, Balzac, Nietzsche, Dostojewski, Fouché, Marie Antoinette, Amerigo, Hölderlin, Kleist, sie alle haben von Zweigs Methode profitiert. Und Magellan.

Zweigs Erzählung über den portugiesischen Seefahrer, der kurz nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus den direkten Weg nach Indien über den Westen suchte und dem es gelang, im Süden des amerikanischen Kontinents über die nach ihm bekannte Magellanstraße den Zugang zum pazifischen Ozean und damit zu den heute indonesischen Gewürzinseln, den Molukken zu finden, ist eine Hommage an den Menschen als Suchenden. 

Zweigs Magellan ist eines seiner sehr gelungenen Werke, weil es vieles in einem umfasst, und das in einer sehr gedrungenen Form. Da wird die Leserschaft zunächst orientiert über die Ökonomie des frühen sechzehnten Jahrhunderts und die Auswirkung der orientalischen Gewürze auf die Zahlungsweise, denn plötzlich ist nicht mehr Gold das allgemeine Äquivalent, sondern Gewürze, weil sie wesentlich wertvoller sind und den höchsten Wert auf geringem Raum konzentrieren. 

Es folgt eine Passage über die um die Weltherrschaft kämpfenden Mächte, dass sind Venedig, die Niederlande, Spanien und Portugal. Vor allem Portugal und Spanien liegen als Seefahrermächte in einem heißen Konkurrenzkampf, wobei das kleine Portugal den strategisch überdehnteren Eindruck macht. Und dann taucht Magellan auf, der unter portugiesischer Flagge bereits über den Ostweg die Gewürzinseln gesehen hat. Er schlägt seinem König, dem portugiesischen, die Expedition über den Westen vor, gewinnt aber nicht dessen Ohr. Beschimpft und enttäuscht begibt sich dieser ins benachbarte Spanien und findet dort Gehör.

Die Expedition selbst ist von Zweig glänzend erzählt. Er beschreibt einen von seiner Idee überzeugten Kapitän, der seine Rolle spielt, der gar nicht so genau weiß, wo der Zugang des Pazifiks eigentlich ist, dessen Karte sich spätestens am Rio de la Plata als falsch erweist, der immer weiter herunter bis ins eiskalte Patagonien fahren lässt, der Meutereien und Fahnenflucht übersteht und dem es tatsächlich gelingt, mit einer stark dezimierten, ausgehungerten Mannschaft zuerst die Philippinen zu entdecken, wo er tragisch, nein komisch selbst das Leben verliert, und dessen Schiff dann doch noch zu den Molukken navigiert wird.

Das Resümee dieser grandiosen geographischen und welthistorisch wichtigen Erkenntnis ist der Stoff, aus dem Zweig die Widersprüchlichkeiten der Menschheit präzise formt. Seine Reflexion erzählt, dass die große Erkenntnis nicht selten auf einem gravierenden Irrtum beruht, dass die Geschichte immer die belohnt, die zum Schluss zufällig in der ersten Reihe stehen und nicht diejenigen, die alles strategisch gesehen und hart erarbeitet haben. Und wir erfahren, dass vieles wichtig, nein unabdingbar ist zu wissen, aber praktisch dann doch keine Relevanz besitzt.

Wer Geschichte leuchten sehen will, der lese Zweigs Magellan.  

Karl Marx. Lesen Sie das Original!

Jetzt ist sie wieder unterwegs, die Meute der Rechercheure und Erklärer, die ihre Kalender so führen, dass sie schon Jahre vorher im Visier haben und wissen, wer wann geboren oder gestorben ist, wann ein großes Jubiläum fällig und wann zu einer runden Zahl eine Schlacht geschlagen wurde. Und so wundert es nicht, dass passgenau zum Ereignis die Kanäle prallvoll sind. Heute trifft es den Journalisten, Politiker, Wissenschaftler, Philosophen und Satiriker Karl Marx. Er hinterließ der Welt ein gigantisches geschriebenes Werk, zwei seiner Schriften zählen zum Weltkulturerbe (Das Manifest der Kommunistischen Partei und der 18. Brumaire des Louis Bonaparte) und, das macht die Angelegenheit so prekär, viele Staaten beriefen sich direkt auf ihn. Dass es dort nicht so gut lief kreiden ihm viele an, obwohl er wohl am meisten über die Vermessenheit einer solchen Legitimation gelacht hätte.

Nun, da der Kapitalismus, den Karl Marx sein Leben lang analysiert hat und dem er keine rosige Zukunft prognostizierte, da dieser Kapitalismus immer noch existiert, sind viele seiner Schriften sehr aktuell. Denn der Gehalt dieser Werke trifft in vielem immer noch das Wesen. Aber, heute und in der folgenden Zeiten werden viele Experten erscheinen und dem staunenden Publikum noch erklären, wie Karl Marx und seine Schriften zu sehen sind. Bei manchen von ihnen erstaunt wiederum, dass sie den Eindruck machen, als hätten sie selbst das nicht gelesen, worüber sie referieren.

Die beste Referenz, die Karl Marx in diesen Tagen erwiesen werden kann, ist seine Schriften selbst zu lesen. Dann ist das Urteil authentisch. Und hier einige Tipps: 

Wer den eloquenten Journalisten genießen will, der sich mit dem verzwickten Thema der Geschichte befasst, der lese das Manifest der Kommunistischen Partei und den 18. Brumaire des Louis Bonaparte. Vor allem letztere Schrift ist eine gute Messlatte für den politischen Journalismus unserer Tage. 

Wer den Philosophen und Dialektiker etwas näher kennenlernen will, dem sei die Deutsche Ideologie empfohlen und die winzige, aber kolossale Schrift Zur Kritik der Hegel´schen Rechtsphilosophie. Einleitung ans Herz gelegt.

Wer den Ökonomen Marx in seinem größten, nicht vollendeten Versuchslabor begreifen will, der lese das Kapital. Zumindest den ersten Band. Da versteht man die Ware als zentrale Erscheinungsform des Kapitalismus ebenso wie die Tatsache, dass das Kapital nichts anderes als die Abstraktion menschlicher Arbeit darstellt. Und natürlich, wie ein Wert entsteht, wie zwischen Gebrauchs- und Tauschwert unterschieden wird und wie sich der der Ware Arbeitskraft bemisst und was ein Mehrwert ist. Und wer dann noch gute Laune hat, der vergleiche diese Kategorien einmal mi dem sinnlosen Geschnipsel, mit dem heute die Phänomene der Weltökonomie erklärt werden.

Und wer dann immer noch nicht genug hat, und wer immer noch zweifelt, dass die Lektüre von Marx Schriften vieles grausam erhellt, der widme sich dem Konvolut, das unter dem Titel Das Maschinenfragment zu finden ist. Dort ist alles thematisiert, was im Zeitalter der Digitalisierung virulenter denn je ist: Die Entfremdung der Arbeit, die Degradierung der Anwender vom Subjekt zum Objekt und die Enteignung der Weltgemeinschaft durch das technologische Monopol. Da fallen einem Namen wie Zuckerberg ein, und nicht verstaubte Figuren aus den Annalen.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Karl Marx wird 200! Lesen Sie das Original!