Archiv für den Monat Mai 2018

Im Pantheon des Journalismus

Vielleicht zeichnet die Helden unserer Tage das Phänomen aus, nicht als solche sichtbar zu sein. Zumindest nicht der alten Glorie zu entsprechen, dass da jemand steht im Glanze seiner Persönlichkeit und im Glanze seiner Leistung und alle anderen Erdenmenschen überstrahlt. Die wahren Helden unserer Tage scheinen jene zu sein, die so sind wie wir, mit Fehlern und Macken, die aber trotzdem ein Selbstbewusstsein an den Tag legen, das seinesgleichen sucht.

Aus meiner Sicht War Tom Wolfe so ein Held. Ein ziemlich arroganter Allerweltsmensch, der es nötig hatte, sich wie ein Dandy zu kleiden und zu vermarkten, weil er sonst kaum Beachtung gefunden hätte. Wolfe war ein Repräsentant seines Jahrhunderts, weil er aus dem Journalismus kam und mit dem dort gereiften Stil zu einem Literat von Weltruhm wurde. Ja, er arbeitete sich auch als Journalist durch sein Leben, knallte der Bauhausarchitektur eins vor den Bug und berichtete von der LSD-Tournee im Magic Bus. Aber das, was für mich hängen bleiben wird als groß und großartig, das sind seine drei Großstadtromane.

New York City, Atlanta und Miami. Bonfire of Vanities, A Man in Full und Back to Blood. Der überzeugte New Yorker debütierte mit dem Roman über die Metropole New York, wo es reicht, sich nur einmal zu verfahren, um in einer Odyssee, einer Reise des Lernens durch Leiden, zu enden. Ganz in der Tradition des leibhaftigen Journalismus entstand das „Fegefeuer“ zunächst als Fortsetzungsroman in der New York Times und vieles, was dort thematisiert wurde, beunruhigte das Publikum, weil zeitgleich oder kurz darauf etwas in der Metropole geschah, das es so aussehen ließ, als verfüge der Autor über eine Art Geheimwissen. Wolfe reagierte mit einem Aufsatz unter dem Titel: Dichter in den Dreck! Er, der von der literarischen Nomenklatura als Journalist verhöhnte, schlug zurück und beschrieb das Profane als Quell der Erkenntnis.

A Man in Full zeigte weniger den Moloch Atlanta, als einen Ort der Deplatzierten, der quasi über Nacht mit der Gründung von CNN zur Fabrik der Weltmeinung gemacht wurde, aber ein provinzielles Hinterland bot, das frei von den politischen Virulenzen eines Washingtons war, aber reich an niederen Intrigen. Und dann Miami in Back to Blood, die sonnenbeschienene Fassade zwischen Age Belt, kulturellem Größenwahn, russischen Oligarchen und konservativen Latinos. Tom Wolfe wusste, wo der Rhythmus war, den das moderne Amerika bewegte und Tom Wolfe wusste, wo es richtig schmerzt.

Der kalt wirkende, immer in weiße Anzüge gehüllte Dandy, dessen Zeilen reich waren an Geist, Spott und manchmal auch Zynismus, dieser scheinbar kalte Mann war ein genialer Beobachter. Und ihm gab das, was er sah, auch zu denken und zu fühlen. Nur hatte er, der Journalist, einen Vorteil, den gerade seine Profession in guten Zeiten aufwies. Er machte sich mit keiner Sache gemein. Wolfe beobachtete, Wolfe beschrieb und Wolfe komponierte seine Texte. Was herauskam war genial, weil es ohne Belehrung auskam.

Seine Texte wirkten. Sie hatten gesellschaftliche Explosivität. Und sie trugen die Leserschaft durch eine klare, leuchtende, Erkenntnis fördernde Distanz. Tom Wolfe ist gegangen. Ins Pantheon des Journalismus. Kein schlechter Ort!

Mesut und Ilkay bei Onkel Osman

Wie sehr galten sie als Beispiele für ein gelungenes Projekt der Integration. Die Fußballer mit Migrationshintergrund, wie es die verschwurmelte Sprache der Umschreibung ausdrückt. Gerade ein Mesut Özil wurde immer wieder als leuchtendes Beispiel genannt, weil sein erfolgreiches Auftreten in der deutschen Nationalmannschaft identitätsstiftender sei als die Bemühungen soundso vieler Integrationsprogramme. Doch, wie das Leben so spielt, und so treffend es Frank Sinatra beschrieb, „riding high in April, shot down in May“. Leider, leider haben gerade Mesut Özil und der aus der gleichen Gelsenkirchener Zechensiedlung stammende Ilkay Gündogan mit einem Schlag die große Illusion platzen lassen wie einen Ballon auf einem Kindergeburtstag.

In einem Londoner Hotel trafen sie den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, seinerseits nicht nur dauerhafter Brecher des Völkerrechts, sondern auch der, der die Gleichschaltung des türkischen Staates nach dem Muster der faschistischen Machtergreifung in Deutschland betreibt. Hunderttausende sitzen ohne Verfahren in den überfüllten Gefängnissen, darunter nicht wenige Richter und ehemalige Staatsanwälte, darunter Journalisten und darunter auch Fußballer, die es gewagt hatten, sich kritisch zu äußern. 

Aus taktischen Gründen, weil die Opposition momentan aufgrund der Massenverhaftungen und der kriegerischen Akte in Syrien ein bißchen schwächelt, hat eben dieser Erdogan Neuwahlen anberaumt, für die er nun auf Werbetour geht. Unter anderem bei den Auslandstürken, denn ihre Zahl geht in die Millionen, sie haben nicht direkt unter dem diktatorischen Terror zu leiden und sie verbindet eine nostalgische Erinnerung an die alte Heimat.

Just in diesem Moment tauchen Özil, Gündogan und Tosun auf, um Erdogan zu begrüßen wie den lieben Onkel Osman, der aus der alten Heimat rübergekommen ist, um seine verlorenen Söhne zu begrüßen. Und artig tanzen sie, an, sprechen ihn mit Herrn Präsident an und überreichen ihm auch noch ein Trikot mit einer netten Widmung. 

Es geht nicht darum, sich moralisch zu empören, sondern es geht darum zu erkunden, was passieren kann, obwohl eine Biographie so verlaufen ist wie die der beiden Gelsenkrichener. Aufgewachsen als typische Vertreter der Arbeiterklasse in einem fremden Land, Straßenfußballer, der Aufstieg durch den Fußball bis zum Status als Multimillionär. Aufgewachsen in einem Land, dass auf seine demokratischen Werte verweist, nicht ohne selbst unter ständigen Unterminierungsversuchen zu leiden. Dennoch: Irgend etwas hätte hängen bleiben müssen, bevor sich Menschen mit einer solchen Biographie zu einem Werbetermin für einen Diktator hinreißen zu lassen, oder? Mit alleiniger Armut im Geiste kann es jedenfalls nicht erklärt werden.

Der Auftritt hat zu Recht zu einer heftigen Diskussion geführt. Es deutet sich jedoch an, dass nicht Fragen nach der Zukunft gestellt werden, d.h. wie mit dem Phänomen nostalgisch verklärender Gefühle von Einwanderern in Bezug auf ihre alte Heimat politisch umgegangen werden kann. Nein, es geht, wie immer, um die rückwärtsgewandt Frage danach, wer was falsch gemacht hat. Warum werden die Spieler nicht direkt gefragt und kritisiert? Das wäre doch einmal etwas. 

Der Ruf nach Nichtnominierung für die Nationalmannschaft ruft das alte Problem hervor, dass niemand sanktioniert werden kann für eine Straftat, die als solche nicht existiert. Selbst Minister der Regierung haben schon mit dem Erdogan-Machtzentrum gefreundelt und wurden nicht belangt. Die Spieler selbst haben sich keinen Gefallen getan, denn die Sympathie ist bei vielen dahin. Jedes Tor, dass sie schießen, wird mit eisigem Schweigen kommentiert werden und jeder Fehler, den sie machen, wird von dem enttäuschten Publikum mit Gold aufgewogen werden. Zu Recht.