Archiv für den Monat Mai 2018

Laue Performance

Egal, was auch passiert. Die erste Reaktion offenbart, wes Geistes Kind sie ist. Die Rede ist von der Regierung. Wird bekannt, dass Facebook Kundendaten verscherbelt hat, dann wird daraus ein Skandal gemacht, obwohl die Bundespost so etwas seit Jahren praktiziert. Erstens darf das eigene Monopol alles, und zweitens ist die Beeinflussung von Bürgern deshalb so gut möglich, weil sie offenbar die Koordinaten verloren haben. Wir sprechen von einem Bildungsproblem. Das ist der Skandal.

Ein weiteres Beispiel, jüngst durch die Ticker gelaufen. Da stemmen sich in Deutschlands Süden Asylbewerber gegen die Abschiebung eines Mitinsassen und leisten gar den Polizeikräften Widerstand, und schon wird von Ankerlagern gesprochen, die bewacht sein müssen und der notwendigen Härte, mit der abgeschoben werden müsse. Zum Bedenken: Gesetze sind so, wie sie sind, und nicht hart oder lau. Dass sie angewendet werden müssen, entspricht dem Auftrag vor allem eines Politikers im Amt. Wenn er dieses betont, macht er sich lächerlich. Dass die Lagerphantasie attraktiver ist als ein vernünftiges Einwanderergesetz, sollte seit Jahrzehnten beunruhigen.

Von den erlahmten Beweislagen in den Fällen Skripal und Douma soll erst gar nicht geredet werden. In beiden Fällen liegen ernst zu nehmende Testate internationaler Qualität vor, die eine öffentliche Revision des Grundes für diplomatische Sanktionen gegen Russland und einen Militärschlag gegen Syrien rechtfertigte. Doch mehr als eine lakonische Bemerkung der Kanzlerin („es war eine einmalige Sache“!?) liegt nicht vor.

Der Aufforderung des US-Präsidenten an Deutschland, die Rüstungsausgaben auf zwei Prozent des jeweiligen Haushaltes zu erhöhen, wird diese Regierung wohl folgen. Da ist es unerheblich, dass die schwedische SIPRI gerade ihre neuesten Daten veröffentlichte. Die USA und China sind Spitzenreiter in Sachen Militärausgaben, die USA geben gut ein Drittel der weltweiten Gesamtsumme für Militär aus, Russland hingegen hat die eigenen Ausgaben um 20 Prozent gekürzt und kommt auf 3,8 Prozent, Saudi Arabien im Vergleich auf 4 Prozent. Deutschland im Moment auf 2,5. Das sind Zahlen, die vieles ins rechte Licht rücken. Die Courage, damit zu argumentieren, hat niemand.

Und noch etwas sollte in hohem Maße beunruhigen. Einer der Hauptverantwortlichen im Abgas-Diesel-Skandal, ein ehemaliges Vorstandsmitglied von VW, wurde eben wegen dieses Deliktes in den USA wegen Betruges angeklagt. Angesichts des zu bemessenen Schadens wird derweil von einem möglichen Strafmaß von bis zu 25 Jahren Haft gesprochen. Da stellt sich die Frage nach dem eigenen Justizsystem. Warum ermittelt in den USA die Staatsanwaltschaft und in Deutschland nicht? Wurden und werden in der Bundesrepublik nicht noch wesentlich mehr Käufer von VW-Dieselfahrzeugen geschädigt? Oder reicht der alles in den Schatten stellende Begriff der Systemrelevanz auch bis zu einer Paralyse des Rechtssystems?

Es zeigt sich wieder einmal, dass an allen Ecken und Enden der megalomane Anspruch, das eigene Wertesystem überrage alle anderen auf der Welt, als eine ziemlich trunkene Illusion herausstellt. Mal wird die eigene Dummheit heruntergespielt, mal werden hausgemachte Verschwörungstheorien kolportiert, mal flammt ein Flashback des alten Lagerlebens wieder auf und droht dabei den Kleinen, während man die Großen wieder einmal laufen lässt. Es ist so stereotyp, dass die Phantasie aufkommen könnte, das alles könne ja nicht wahr sein. Denn das gäbe der profanen Weisheit Recht: Dumm geblieben und nichts dazu gelernt!

Das Wort geht der Tat voraus

Da, wo es weh tut, ist der Erfolg am schönsten. Eine derartige Aussage ist durchaus noch gebräuchlich und wird in vielen Lebensbereichen als positiv gewürdigt, obwohl sie nahezu aus dem öffentlichen Wortschatz getilgt ist. Davon gibt es viele. Und alleine diese Tatsache verrät bereits, dass ein Missverhältnis herrscht zwischen der real existierenden und der normativen Welt. Zwischen dem, wie die meisten Menschen das Dasein erleben und dem, wie es politisch korrekt und normativ vorgegeben wird.

Der offizielle, normative Code ist hinlänglich bekannt. Er ist durchdrungen von dem Moralin, das allgemein als politisch korrektes Denken bezeichnet wird. Das Weltfremde wohnt jeder herrschaftlichen Verordnung inne und atmet die verpestete Luft einer schlechten Grammatik. Sprachlich ist das in der Regel haarsträubend, aber wie sollte es auch anders sein? Zuweilen sind bestimmte Dechiffrierungsprogramme vonnöten, um herauszufinden, um welche Zielgruppen es eigentlich geht. Um den eingangs bemühten Satz zu reaktivieren: Auch bei der Bekämpfung dieses Codes tut es richtig weh. Es gilt also das Versprechen, dass der Kampf gegen das politisch Korrekte ein besonders Genussvolles Ende wird haben können.

Im wirklichen Leben, da wabern jedoch noch ganz andere Bilder herum, als in der artifiziellen Welt der normativen Kraft. Dort, in letzterer, ist selbstverständlich alles vorurteilsfrei, dort existiert keine Genderspezifik, dort ist alles nachhaltig und barrierefrei. In dieser Welt des social science fiction riecht es weder nach Menschen noch nach Dreck, nein, die vermeintlichen Verhältnisse sind synthetisch rein.

Und wie sehr unterscheiden sich diese Bilder von der realen Lebenswelt, in der die Ungleichheit mit dem Ressentiment, die Schäbigkeit mit der Intrige und der Existenzkampf mit dem Raub koexistieren. Und da sind sie dann auch, die Reden und Redewendungen, die von Stärke und von Kampf, von Heimtücke und von Gier berichten. Das Volk scheint zu wissen, wie es tatsächlich zugeht und nur diejenigen, die seit langem in der medialen Scheinwelt der digitalen Ideologie ihr Dasein fristen, adaptieren gleich Papageien den Neusprech, der letztendlichen Scheinwelten.

So ist eines bereits festzustellen: Nicht nur die soziale Schere entzweit die Gesellschaft in zunehmendem, furchtbaren Maße, sondern auch die Sprache und die in ihr benutzten Bilder unterscheiden sich gravierend. Und da Sprache nicht nur Medium, sondern auch Indiz des Denkens ist, treffen wir auf zwei Klassen mit unterschiedlichen ökonomischen Interessen und einer anderen Vorstellungswelt. Das war in allen Klassengesellschaften so, das ist nichts Neues, aber es hat sich eben auch nicht geändert. Und das mit politisch korrekten Attributen gespickte Neusprech ist die Sprache derer, die ihren Raub an der Allgemeinheit zu kaschieren suchen.

Da ist es doch gar nicht so dumm, sich darauf einzurichten, das harte Zeiten bevorstehen, dass eine Portion Schmerz mit einkalkuliert werden muss, will man nur der Wahrheit näher rücken. Jede Frucht, so heißt es da in der semantischen Unterwelt, jede Frucht hat ihren Preis.  Und niemand ist dort, der den Preis nicht zahlen würde. Solche Leute bewegen sich nur auf der anderen Seite, denn sie klauen und nennen es nicht Diebstahl, sie betrügen und nennen es nicht Betrug und sie lügen und nennen es ihre Form der Berichterstattung. Da gilt es, die Wahrheit als eine Form der Enthüllung zu begreifen. Das Wort, schrieb Heine, das Wort geht der Tat voraus. Worauf warten wir noch?