Archiv für den Monat März 2018

Anklage ohne Beweise

Nach dem Mordversuch an dem ehemaligen russischen Spion Sergej Skripal und seiner Tochter Yulia sieht Großbritannien in Russland den Schuldigen. Außenminister Johnson klagt den russischen Präsidenten Wladimir Putin sogar persönlich an. Und die Medien? Statt aufzuklären werfen sie – ohne jeden Beleg für eine russische Schuld – die Frage auf, ob die Vorkommnisse nicht längst den NATO-Bündnisfall ausgelöst hätten. Rechtsstaatlichkeit sieht anders aus.

über Beweise, bitte! Eine nüchterne Analyse des Mordversuchs an Sergej und Yulia Skripal — Neue Debatte

Hegel und der Frühling

In früheren Zeiten und heute noch in bestimmten Gegenden gilt der Frühling als das Maß des Lebens. Die Frage dort lautet: Wieviel Lenze? Es heißt, die Anzahl der Frühlingsperioden, die ein Mensch durchschritten hat, sind die relevantesten der Jahreszeiten. Obwohl diese Zählweise nicht aus der Moderne stammt, sondern auch in der Diktion eher antik wirkt, überbietet sie den momentanen Zeitgeist um Welten. Das permanente Stöhnen über Unsicherheit, die suizidale Paarung mit konstruierter Komplexität und die grassierende Unfähigkeit, sich an kleinen Dingen zu erfreuen, haben einen Zeitgeist produziert, der an keiner Stelle dem Gefühl des Frühlings entspricht.

Frühling, das ist die Zeit des Erwachens, das ist das Gefühl der wachsenden Kräfte, das ist Licht. Es sind Mächte, die mit dem Aufbruch im wahren Sinne des Wortes korrelieren und die stehen für den Abschied von dem Unrat der alten, kalten Zeit und stehen für das Quirlige, Unerwartete und das Neue. Das war immer so, und das ist auch epochal belegbar. Biologisch findet der Frühling jedes Jahr statt, epochal lag er, zumindest bei unserer Zeitrechnung, zuletzt in der Aufklärung und der Vorbereitung der Moderne. Es hat keinen Zweck, weitere Epochen zu prognostizieren, aber es ist ermutigend, den Moment zu feiern.

Es ist längst an der Zeit, sich über positive Perspektiven zu streiten als über negative Szenarien zu jammern. Wer will schon ewig im Halbschatten der düsteren Vision sein Dasein fristen? Viel zu viele, werden manche sagen, und sie haben natürlich Recht. Aber es führt nicht weiter. Sicher existiert konkret in unserem Kulturkreis, über den so gerne, auch in diesen Tagen, gestritten wird, eine ausgeprägte Affinität zu einer sehr negativen Sichtweise. Seit Jahrzehnten gewannen Parteien im politischen Wettstreit beachtliche Ergebnisse, wenn sie den Widerstand gegen Veränderungen ankündigten oder Sicherheit versprachen. Stillstand und Sicherheit, sicher keine Attribute des Lebens, genau genommen marmorne Zeugen des Todes. Wer absoluten Stillstand und einhundertprozentige Sicherheit genießt, der weilt längst nicht mehr auf der Erde, wie wir sie heute erleben.

Und da der Tod keine Perspektive bietet, schon gar nicht an einem Datum wie diesem, ist es folgerichtig, auf die Essenz des Frühlings als individuelles Motto wie als politisches Konzept zu verweisen. Im Frühling müssen wir planen, was wir mit den Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, in diesem Jahr erreichen wollen. Quantitativ wie qualitativ. Der Frühling ist nicht nur die Zeit, um sich über ein sich wiederholendes Ritual Gedanken zu machen, sondern der Frühling ist die Zeit, darüber zu räsonieren, was sich ändern soll und muss. Und nicht nur darüber zu räsonieren, sondern sich auch zu entschließen.

Mit dem heutige Tag ist diese Zeit wieder einmal angebrochen. Es empfiehlt sich, seiner eigenen Maxime zu folgen und den Aufbruch zu wagen. Es empfiehlt sich ebenso, das täglich Gehörte und Gesehene nach diesem Kriterium zu beurteilen. Einfach einmal die ausgetretenen Pfade meiden und einfach einmal den Unmut darüber äußern, was zu Passivität und Depression treibt.

Es ist die Zeit, in der die Vernunft bereit ist, herunter auf die Welt der Menschenkinder zu kommen. Es ist die Zeit Hegels, in all ihrer Komplexität. Denn, wie wir wissen, alles, was ist, ist vernünftig. Und im Frühling, da wissen wir etwas mehr: Alles, was vernünftig ist, muss sein!

Bad Boy Putin?

Heute wird in Russland gewählt. Und es wird berichtet, an der vierten Wiederwahl von Wladimir Putin bestehe kein Zweifel, obwohl sich insgesamt 8 Kandidatinnen und Kandidaten bewürben. Zurückgeführt wird die Prognose auf die Behinderung anderer, tatsächlich potenter Figuren durch Justiz und Geheimdienst. Das mag stimmen, sich ist aber auch, dass die Reputation Putins während der Ukraine-Krise innerhalb Russlands in den Himmel geschossen ist. Eine harte Haltung gegenüber dem Westen wie am Beispiel der Krim wird seitens der russischen Wählerschaft honoriert. Insofern kam die allerbeste Wahlkampfhilfe für Präsident Putin aus dem Westen. Aus den USA, von der NATO und jüngst von der britischen Regierung. Alle Beschreibungen, alle Anschuldigungen und alle Bündnispartner, die der Westen aufführt, sind ein Schlag ins Gesicht der meisten Russen. Man könnte fragen, woher die Dummheit des Westens kommt, aber diese Frage spielt keine Rolle, viel wichtiger ist die Überlegung, was in den Russinnen und Russen vorgeht.

Mit dem Untergang der Sowjetunion und deren Rolle als imperialistischer Supermacht zerfiel ein Weltreich. Mehr als 50 Millionen ehemalige Sowjetbürger fanden sich in in neue Republiken wieder, was nicht schlimm schien, soweit sie den Ethnien zuzuschreiben waren, die sich vom sowjetischen Joch befreiten, wie Usbeken, Tadschiken, Litauer oder Esten. Was jedoch zu einer Art Demütigung der russischen Nation führte, waren insgesamt 27 Millionen native Russen, die fortan nicht mehr in ihrer Heimat, sondern in anderen Staaten lebten, in denen das Russische kaum noch eine Rolle spielte. Dass die westliche Propaganda daraus im Laufe der Jahre russische Agenten machte, gehört zu den Tollheiten der dortigen Ideologiefabriken. Dass die verbliebenen Russen im eigenen Land darunter litten und es als Schmach empfanden, sollte die Vorstellungskraft nicht überfordern.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion setzte eine De-Sozialisierung aller Produktionsanlagen, der Infrastruktur und der nahezu unendlichen natürlichen Ressourcen ein. In Mafia-Manier, nur wesentlich rigoroser, wurde alles verteilt. Gewinner waren die Oligarchen, Verlierer war das Volk, dem es in dieser Zeit so schlecht ging wie kurz nach Weltkrieg, Revolution und Staatsgründung 1917. Nur dass dieser bestialischen Re-Privatisierung der Westen Pate stand und die Entwicklung sehr begrüßte. Der damalige Präsident Boris Jelzin tanzte besoffen vor irgendwelchen Militärkapellen herum und Bill Clinton fand das alles drollig. Für die meisten Russen war es ein Albtraum.

Die Ära Putin war geprägt von dem Versuch, ein vernünftiges Verhältnis zum Westen herzustellen, was daran scheiterte, dass er die Oligarchen enteignete und des Landes vertrieb und erklärte, dass auch an die 27 Millionen Russen gedacht werden müsse, die außerhalb des neuen Russlands lebten. Man stelle sich nur vor, so etwas sei auf amerikanischer Seite passiert. Faktum ist, dass mit dem Kampf gegen die Oligarchen-Mafia die Aktivitäten der NATO einsetzen, um die gesamte Westgrenze Russlands gegen alle Beteuerungen aus dem Jahr 1990 mit NATO-Raketen zu bestücken. Die einzigen Länder, in denen das nicht gelang, heißen Georgien und die Ukraine, ansonsten erstreckt sich die militarisierte NATO-Linie auf über 1000 Kilometer russische Grenze. Dass sich die dortige Bevölkerung bei diesem Szenario nicht wohl fühlt, sollte nachvollziehbar sein. Und dass sich die russische Bevölkerung die Frage stellt, warum der Westen ausgerechnet die Figuren als Kronzeugen auspackt, unter denen sie am meisten gelitten hat, um das russische System als marode zu charakterisieren, spricht für ihre Intelligenz.

Ob es vielen Betrachtern schmeckt oder nicht, und trotz aller Verschwörungstheorien und Komplottszenarien aus dem Westen, es scheint gute Gründe zu geben, warum sich die Russen heute zu einem Votum für Wladimir Putin entscheiden.