Archiv für den Monat Oktober 2017

Die Akzeleration des Unheils

Sie schlagen ein wie moderne Geschosse. Sie kommen von überall. Sind die Schäden groß genug, werden alle Sendungen unterbrochen. Sie dominieren die Berichterstattung überhaupt. Und dass es sie gibt, liegt an der Annahme derer, die sie bekannt machen, dass dem Menschen nach Sensation ist. Und die Sensation ist am größten, wenn sie gleichzeitig auch noch schrecklich ist. Gemeint sind die Katastrophenmeldungen, die uns immer schneller getaktet erreichen. Und sobald dieses der Fall ist, beginnt ein Wettlauf der Nachrichtenbranche um genaue Berichte direkt vor Ort. Dass das nicht immer so klappt und zum Teil in schlichten Betrug ausartet, steht auf einem anderen Blatt und hat mit den Finanzen der Produzenten zu tun. Da berichtet ein Herr Kroll schon mal schnell direkt aus Barcelona, obwohl er sich gerade in Paris aufhält, oder da sind die Kriegsberichterstatter aus Syrien immer aus Kairo zugeschaltet.

Die Sensation und das Fake gehören zusammen. Denn die Anzahl der tatsächlichen Katastrophen auf dieser Welt scheint dem erbitterten Konkurrenzkampf der Nachrichtenorgane nicht zu genügen. Das zeigt sich an der Art der Katastrophen, die uns zuweilen erreichen wie – so schlimm es im Einzelfall auch sein mag – ein umgekippter Schulbus auf der anderen Erdhalbkugel oder, und da wird es immer hysterischer, ein Autounfall in der Londoner Innenstadt, bei dem zwei Radfahrer leicht verletzt wurden und bei dem noch nicht geklärt ist, ob die Herzschwäche des das Auto fahrenden Rentners einen terroristischen Hintergrund hatte. Wie auch immer, die Branche tobt, und Hemmungen oder Schamgefühle gehören nicht zum Berufsethos.

Manche erinnern sich noch an den als hinterwäldlerisch stigmatisierten Spruch, dass nicht zu interessieren habe, wenn in China ein Sack Reis umfalle. Ja, die Welt ist komplex, sie ist näher zusammen gerückt und zu seiner Zeit war die Weise ein Signet des Provinzialismus. Zu was ihre Negation allerdings beigetragen hat, sehen wir heute. Die Branche interessiert sich mittlerweile mehr für ein abgestürztes Sportflugzeug auf Feuerland als um Kinder, die morgens ohne Frühstück in unseren Schulen erscheinen. Da ist von der Gewichtung etwas dramatisch aus dem Ruder gelaufen, das unter anderem dazu beiträgt, dass in der Nachrichtenproduktion eher eine Machenschaft denn eine Bereicherung gesehen wird.

Die Akzeleration des Unheils macht auch etwas aus dem Publikum. Diese Problem kann nicht nur der Psychologie überlassen werden, wenn auch deren Hinweise auf Verrohung, Sadismus, Voyeurismus und emotionale Kälte bedenklich genug sind. Der Effekt auf das in diesem Prozess heraus gebildete, politisch wirksame Bewusstsein ist noch dramatischer.

Was passiert mit einer Gesellschaft, deren Grundwahrnehmung die überall wütende Katastrophe ist? Wie wirkt es sich aus, wenn Menschen im Dauerregen von unheilvollen Ereignissen stehen? Ich bin mir sicher, in den Büros derer, die diesen Zustand zu verantworten haben, hat man sich diese Fragen nicht gestellt. So flach, so stupide und so skrupellos wie heute war dieses Metier noch nie. Das hängt einerseits mit den Besitzverhältnissen und andererseits mit den Qualitäten der Produzenten zusammen.

Das Resultat des Katastrophenjournalismus ist eine wachsende gesellschaftliche Immunität gegen Elend und Krieg. Und ein immer stärker werdendes Gefühl, dass das Verhängnis der ganz normale Lauf der Welt ist. Was da so scheinheilig als journalistische Pflichterfüllung aus allen Teilen der Welt zusammengesucht wird, um die nächste Sensation zu präsentieren, ist die Produktion des Defätismus.

Wenn der Nachbar zum Feind wird

Es ist ein eigenartiges Phänomen. Da leben Menschen zusammen, vielleicht lieben sie sich sogar. Sie teilen die Wohnung oder sie leben im gleichen Haus, sie machen viel zusammen und sie denken, ohne den anderen wollten sie eigentlich nicht sein. Das geht Jahre so, es ist Vertrauen entstanden, die Bindungen sind vielfältig und alle Beteiligten glauben, sie gehörten sprichwörtlich zusammen wie der Wind und das Meer. Und dann, über Nacht, bringt ein politisches Ereignis den großen Schatten. Plötzlich, ohne dass sich etwas in den konkreten Beziehungen untereinander verändert hätte, bemerken die verschiedenen Interakteure einen gravierenden Unterschied, der eine ungeahnte Bedeutung bekommt.

Der Unterschied, den das politische Ereignis plötzlich deutlich macht, war vorher auch schon da. Nur spielte er im Bewusstsein der Interakteure keine Rolle. Sie beschränkten sich bei ihrem Handeln auf die konkreten Erfahrungen mit den anderen, und da war der Unterschied oft nicht einmal ein Thema gewesen. Und jetzt ist er da, der Unterschied im Glauben, in der Nationalität, in der Staatszugehörigkeit, in der Muttersprache oder schlichtweg im Brauchtum. Und schon ist sie da, die Kluft, über die keine Brücke mehr führt.

Der Balkankrieg war so ein Ereignis in der jüngeren Geschichte, in dem nach den ersten Verwerfungen der umstrittene Clash of Civilizations innerhalb vieler Familien virulent wurde. Da waren Bosnier mit Kroaten, Kroaten mit Serben und Serben mit Montenegrinern verheiratet, die wiederum im alten Jugoslawien wie selbstverständlich mit Slowenen verbandelt waren. Und kaum war der Hass gesät, ging ein Riss durch das ganze Land und er setzte sich fort bis in die Familien. Eine Tragödie ersten Ranges fand statt. Im Konflikt in Nordirland waren es Protestantismus und Katholizismus, die die kleinen sozialen Systeme zerstörten wie Massenvernichtungswaffen. In Belgien sind es Flamen und Wallonen, die immer wieder am Rand der nationalen Existenz tanzen, in Polen wurde der Antisemitismus in großem Maße wieder entdeckt, der Zwist zwischen Christentum und Islam polarisiert mittlerweile viele Gesellschaften und ihre sozialen Systeme und, da kann man sicher sein, der Riss zwischen Katalanen und Spaniern wird bereits in vielen Häusern und Straßen, wo sie aufeinander treffen, deutlich.

Die Liste ließe sich verlängern, bis in die Antike und darüber hinaus. Sie ist so lang, dass die Frage erlaubt ist, ob die Menschheit nicht über ein destruktives Gen mehr verfügt. Es ist das Gen, das die Zugehörigkeit zu einer weit abstrakteren und entfernteren Gruppe über das System stellt, zu dem er aufgrund eigener, unmittelbarer sozialer Erfahrung gehört. Der Appell aus der Internationale, dass uns kein höheres Wesen rette, galt nicht nur den Göttern, Kaisern und Tribunen, sondern genauso den Nationen, Religionen oder Ethnien. Und dennoch greifen sie ein in das, was den Menschen ausmacht, in die konkrete Erfahrung der eigenen Sozialisation.

Man stelle sich vor, die Konflikte, die durch unsere Nachrichten rauschen wie die Herbstblätter, sie würden nicht gespeist von all den Abtrünnigen, die entgegen ihrer konkreten sozialen Erfahrung plötzlich von den „höheren“ Geistern ihrer Nation, ihrer Religion oder ihrer was auch immer erfasst würden, sondern sie stünden fest zu dem, was sie konkret mit Menschen mit anderem Entwicklungshintergrund gelernt haben. Die Welt wäre weitaus friedlicher. Da stellt sich schon die Frage, wem die scheinbar großen Zugehörigkeiten, die jedes Band zerreißen, einen Nutzen bringen.