Archiv für den Monat Oktober 2017

Wenn alles zu zerbrechen droht

Es gibt die Momente. Plötzlich taucht das Unheil auf, wütet, und hinterlässt nichts als Trümmer. Die Generationen, die ihrerseits einen Krieg miterleben mussten, wissen sehr genau, wovon die Rede ist. Sie können sich noch daran erinnern, wie es sich anfühlte, aus der Fabrik, vom Fußballtraining oder aus der Schule zu kommen und auf der Straße zu erfahren, dass der Krieg ausgebrochen war. Da war die alte, zivile Welt auf einen Schlag vernichtet. Und dann, dann kam im Laufe der Zeit noch die Steigerung. Obwohl die Entwicklung immer wieder dazu einlud, sich täuschen zu lassen. Denn zuerst fühlte sich der Krieg noch wie Frieden an, alles ging seinen Gang und irgendwie sah man nichts Schlimmes. Erst mit der Zeit tauchten die ersten Zeugen des heißen Krieges auf, und sie raunten einem, mit ängstlichen Blicken Ausschau haltend, zu, dass man nicht glaube, was sie gesehen hätten. Und dann tauchten die Flugzeuge am Himmel auf, die tonnenweise die Vernichtung abwarfen und die tatsächlichen Trümmer schufen.

Auch wenn wir uns das gerne einreden, die beschriebene Entwicklungslinie ist nicht ausschließlich die der heißen Kriege, sondern sie ist auch sehr oft identifizierbar bei ganz normalen Vorgängen. Handelt es sich nun um Konflikte im Arbeitsfeld, in der Familie, im Verein oder wo auch immer. Irgendwann wird deutlich, dass etwas passiert ist, das die Lager innerhalb einer Gemeinschaft zu spalten in der Lage ist. Und es folgt auf dem Fuß der Schock. Der ist heftig und lässt böse Ahnungen über die Folgen hochkommen. Zumeist stellen sich diese dann aber gar nicht so schnell ein. Auch die mentalen Systeme brauchen Zeit, um sich auf Krieg zu justieren. Ist dieses jedoch geschehen, dann ändert sich vieles im einstigen Miteinander und die Zeit der Vernichtung feiert Triumphe.

Menschen ertragen vieles und in ihrem Leben sind sie immer wieder mit Situationen konfrontiert, die dafür sorgen, dass ad hoc eine Katastrophe befürchtet wird, diese aber dann nicht gleich eintritt und erst später folgt. Oder auch nicht. Das hängt davon ab, wie die Menschen damit umgehen. Oft ist nämlich nicht einmal entscheidend, von wo ursächlich die schlechte Atmosphäre ausging und welches Fehlverhalten zu dem Konflikt führte. Die Frage ist, in welchem psychologischen Umfeld das Ganze zu wirken beginnt. Sollten die Konfliktparteien in der Lage sein, das einzelne Ereignis zugunsten des großen Ganzen auszublenden, dann sind sie auch in der Lage, sich erneut zu arrangieren. Geht es aber um das Festhalten an einer ganz besonderen Sichtweise, die die andere Seite nicht so teilen kann, dann ist der Korridor zu einer dauerhaften Verwerfung offen.

Es ist relativ schnell ersichtlich, in welche Richtung sich Konflikte entwickeln. Sind sie an dem großen Rahmen interessiert, in dem die beteiligten Akteure engagiert sind, dann sind die Aussichten auf eine erneute gemeinsame Lösung durchaus vorhanden. Beharren sie, oder auch nur eine Seite, auf Details oder Spezifika, dann ist der Ausgang so wie bei einem heißen Krieg. Irgendwann bleibt nichts als verbrannte Erde und eine immense Bitterkeit. Und dann fragen sich alle, Beteiligte wie Beobachter, wie es nur so weit kommen konnte.

Ist der große Rahmen in Sicht, darf nichts unterlassen werden, um das Gemeinsame zu retten. Geht es dogmatisch ums Detail, lohnt es sich nicht einmal zu kämpfen, dann ist der schnelle Rückzug eine kluge Entscheidung.

Ein Grundsatzreferat und eine Chronik ohne Biss

Heinrich August Winkler. Zerbricht der Westen? Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika

Es kann eine große Bereicherung sein, wenn sich Historiker in das zeitgenössische politische Geschehen begeben. Zu sehr ist gesellschaftlich die Erkenntnis verblasst, dass die Gegenwart auch immer ein Substrat der Geschichte ist und vieles, das sich historisch im Unterbewusstsein der Gesellschaft festgebrannt hat, wesentlich die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft beeinflusst. Insofern ist Heinrich August Winklers Buch mit dem Titel „Zerbricht der Westen? Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika“ positiv zu werten. Angesichts seiner Reden zu offiziellen Anlässen in den letzten Jahren war bei mir zumindest eine gewisse Skepsis dabei, als ich das Buch kaufte. Aber ich wollte es lesen.
Und so ist der erste Teil des Buches tatsächlich ein Gewinn, weil Winkler sich die Mühe macht, das, was er in seinen historiographischen Publikationen immer als den „Westen“ bezeichnet, noch einmal allgemein verständlich herauszuarbeiten. Dabei wird deutlich, dass es ihm nicht um eine bestimmte historische Formation geht, die idealtypisch für den Westen steht, sondern um Prinzipien, die die Demokratie westlicher Prägung in der Folge der amerikanischen Revolution von 1776 und der französischen Revolution von 1789 in die Grundbücher der bürgerlichen Zivilisation eingetragen hat. Es handelt sich dabei um die unveräußerlichen Menschenrechte, das Prinzip der Gewaltenteilung mit seinen Checks und Balances, die Herrschaft auf Zeit, der Meinungsfreiheit, das Assoziationsrecht etc..
Danach begibt sich Winkler auf eine Zeitreise durch die jüngere Geschichte und führt als akribischer Chronist Buch über die jüngsten Erschütterungen, die der Westen erlitten hat: Die Annexion der Krim durch Russland, die griechische Finanzkrise, die Etablierung „illiberaler Demokratien“ in Polen und Ungarn, die Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA, den Brexit und den Erdrutsch in der fünften französischen Republik. Wie ein Chronist das zu tun hat, beschenkt Winkler die Leserschaft mit einer faktenreichen, lückenlosen Schilderung der Ereignisse. Und wer sich noch einmal vor Augen führen möchte, was in den letzten wenigen Jahren alles passiert ist und mit welchen Turbulenzen der Westen zu kämpfen hatte, wird hier bestens bedient.
Was bei Winklers Chronik verstört, ist seine unkritische Übernahme der Terminologie aus der Merkel´schen Regierungssprache. Da wimmelt es von Rechts- und Linkspopulisten, da wird das Diktum aus Regierungserklärungen 1:1 übernommen, vor allem in der Einschätzung Russlands und Erdogans und da findet keinerlei kritische Reflexion dessen statt, was als Interessen geleitete Beteiligung der deutschen Regierung in der fragilen und zunehmend komplizierten Gemengelage westlicher Politik anbetrifft. Die Chronik, die sich über zwei Drittel des Buches erstreckt, könnte als offiziell von der Regierung herausgegebene Chronik Bestand haben. Das ist legitim, aber das erwarte ich nicht von der Arbeit eines Historikers.
Genauso legitim ist es, durch die Wahl des Buchtitels massenhaft Ambitionen zu suggerieren, die sich dann allerdings nicht erfüllen.

Wenn ein Kaliber wie Heinrich August Winkler zum Titel greift „Zerbricht der Westen?“, dann erwartet die Leserschaft eine Analyse und Vorschläge, was daraus für die Gestaltung der Zukunft gelernt werden könnte. Stattdessen liefert er in dieser Publikation ein Grundsatzreferat über das Wesen des Westens, was grundsätzlich gut und bereichernd ist und eine Regierungschronik, die apologetisch wirkt, was nur verärgern kann. Lesenswert ist das Buch allemal, nur erfüllt es die im Titel erweckten Erwartungen nicht.