Archiv für den Monat Oktober 2017

Die Krim und Katalonien

Die Abstimmung auf der Krim war eindeutig. Bei einer Beteiligung von 80 Prozent der Stimmberechtigten votierten 96 Prozent für die Zugehörigkeit zu Russland. Da das gleichbedeutend war mit der Loslösung von der Ukraine und das Ende der Option für eine EU- und NATO-Mitgliedschaft, hatte sich die Atmosphäre erheblich vergiftet. Berichte über Verwerfungen auf der Krim hört man nicht mehr, dagegen böse Zwistigkeiten aus Katalonien. Dort gab es am Wochenende auch ein Referendum: bei einer Beteiligung von 40 Prozent sprachen sich 90 Prozent für ein unabhängiges Katalonien aus. Damit ist allerdings kein Staat zu machen.

Nun wird vielen, die diese Zeilen lesen, bereits das Blut kochen, weil sie Russland eben nicht als ein demokratisches Land ansehen, weil sie das Referendum als Fake betrachten und weil sie die Unabhängigkeit der Ukraine als beschädigt ansehen. Im Gegensatz dazu halten sie die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien für eine urdemokratische Angelegenheit, wenn nicht gar die Re-Inkarnation der Idee von der gewaltfreien Herrschaft. Und sie halten den spanischen Zentralstaat für eine anachronistische Gewalt, die in Europa nichts mehr zu suchen hat.

Im Grunde genommen sind beide Beispiele die jeweilige Kehrseite der einen Medaille. Im Falle der Krim suchte ein wie auch immer dimensionierter Teil der Bevölkerung Schutz bei der Kraft, die seit 1792 auf diesem Terrain die bestimmende war und in Katalonien berief man sich bei der Initiierung des Referendums auf das Jahr 1714, als die Stadt Barcelona sich nach einjähriger Belagerung ergab und zwangsweise in den spanischen Zentralstaat eingegliedert wurde. So weit reicht der Arm der Geschichte und so fragil sind die bestehenden politischen Grenzen.

Will man aber mehr als die Plattitüde dieser Feststellung, so ist es erforderlich, das eigene Denk-Paradigma zu überschreiten. Im Falle Kataloniens ist es das Paradigma der Nationalstaaten in einem Bündnis wie der EU und NATO und, siehe da, im Falle der Krim analog. Es geht, so lernen wir, um Macht und Einflusssphären und akzidentiell, wenn die Herrschenden etwas kurzatmig sind, geht es auch um das Selbstbestimmungsrecht von Völkern und Regionen.

Grundsätzlich ist die westliche Welt durch die Aufklärung so sozialisiert, dass das Herz immer für Souveränität und Autonomie schlägt. Das kann zuweilen gut, das kann aber auch gewaltig daneben gehen, wenn das so viel beachtete Herz dabei die Sicherheit und die Unversehrtheit vergisst. Wer sich nicht verteidigen kann, wird schnell zum Opfer. Und welchem Opfer nützt schon die Freiheit etwas? Und es kann natürlich sein, dass die eigene Freiheit und Unabhängigkeit nur erkauft werden kann durch noch größere Knechtschaft anderer. Ob das dann noch gerecht ist, ist äußerst fraglich.

Die Frage, ab wann das hohe Gut von Souveränität und Autonomie eine solche Relevanz besitzt, um den Kampf um die Macht mit allen Mitteln zu eröffnen, erfordert ein freies Räsonnement im Vorfeld. Wenn es darum geht, aus bloßer Unterdrückung und Schikane etwas Menschenwürdiges zu machen, muss das Nachdenken nicht allzu lange dauern. Wenn es jedoch darum geht, die eigenen Privilegien zu verteidigen oder andere im Kampf um weiteren Wohlstand zu übervorteilen, dann ist etwas faul an der wunderschönen Utopie.

Und bitte, bilden Sie sich ein eigenes Urteil: Wie rein ist die Willensäußerung auf der Krim, und wie unbescholten die in Katalonien?

Der Hofnarr und die Deutschen

An einem Tag wie dem heutigen tauchen wie immer viele Fragen auf. Wir Deutsche, wer sind wir eigentlich, wo kommen wir her und wo wollen wir hin? Und kaum sind die Fragen formuliert, schon geht der Ärger los. Denn einig, wie es in der Strophe unserer Hymne so schön heißt, einig sind wir uns meistens nämlich nicht. Weder, was unsere Vergangenheit betrifft, noch, was die Zukunft anbelangt. Das, was so gerne als deutsches Wesen in die Sphären des Phänomenalen gehoben wird, beginnt eigentlich mit dem Zwist. Aber davon vielleicht später. Träten wir hier in einen Diskurs über Deutschland, es wäre ein Debakel. Und wenn Situationen so komplex und verfahren sind, dann hilft manchmal ein Blick von außen, die Perspektive zweiter Ordnung.

Das Spiel, das man dabei spielen muss, ist das Sich-Hineinversetzen in einen Betrachter von außen, der sich kalten Gemütes ansieht, was dort, wo Deutschland liegt, geschieht und geschah. Diese Aufgabe ist nahezu unlösbar. Deshalb sagen wir, wir machen ein doppeltes Spiel und geben der fiktiven, nicht deutschen Person von außen die Regieanweisung, sie solle sich in die Rolle eines deutschen Hofnarren versetzen und versuchen, die unlösbare Aufgabe mit viel Humor zu lösen. Was fiele diesem Narren wohl ein?

Er, der Hofnarr, spreche davon, dass die anderen, die schon viel früher über eine Nation verfügten, auch nicht von neun anderen Ländern umzingelt seien, die alle von ihrem Wesen in das Herzland hineinstrahlten. Ganz anders zum Beispiel bei den Briten, die hatten auf der einen Seite, hinter dem Kanal, das verhasste Europa und auf der anderen nur noch Ultima Thule. Ihr Schandmaul sollten sie halten, bevor sie über Deutschland urteilten. Kompliziert nicht nur das Umfeld, sondern auch die Sprache, von der das Sonnenkind aus der Levante sprach, es sei das Einzige, was Deutschland habe und Deutsch sei. Das Wilde, für andere aufgrund anderer historischer Umstände nicht Begreifbare dessen, was deutsche Kultur genannt wird, hängt damit zusammen. Was die Toren im Rest der Welt nicht verstehen, ist, dass die deutsche Kultur nicht kongruent ist mit dem Staatsgebiet und sich deshalb immer ein Anspruch daraus ableitete, der mindestens Europa, aber meistens die ganze Welt umfasste.

Und der Hofnarr erzählte, das die Deutschen in ihrem tiefsten Innern immer Barbaren waren und sind, was sie mit etwas anderem, aber zum Nutzen der ganzen Menschheit, auszugleichen glaubten. Mit ihrem Sinn für das Brüten in dunklen Gewölben erfinden sie immer wieder Dinge, die weit über die Grenzen scheinen und den deutschen Genius populär machen. Dichter und Denker wurden sie von den Spöttern genannt, die beobachteten, dass die Menschen gleicher Zunge keinen Staat auf den Weg brachten. Besser, so der Hofnarr, betrachtete man sie heute als die Tüftler und Brüter, weil aus dem Hang zum freien Denken eher etwas geworden ist, was mit verschwörerischem Suchen zusammenhängt.

Nachgefragt nach den duftenden Braten, den knusprigen Haxen und dem hopfigen Bier, winkt der Hofnarr nur genervt ab. Er ist, so betont er, bei einer seriösen Betrachtung. Folklore ja, aber das mögen die im Ausland mehr an uns als wir selbst. Aber, so doziert er, das Organisieren, das ist noch ein Alleinstellungsmerkmal, das uns gehört. Niemand macht sich soviel Gedanken über die Art und Weise, wie etwas organisiert wird wie wir.

Gut, sagt da der Betrachter von außen, ich verlasse mal den Hofnarren. Mir wird es zu ernst, irgendwie ist der Humor schnell verpufft, wenn man an Deutschland denkt, immer wird es gleich ernst. Das durchbricht auch nicht die Kunstfigur des Hofnarren.

Dann feiert mal schön.