Archiv für den Monat Oktober 2017
Kein Eminem in Germanistan
Vielleicht ist die Klage über den Unhold Trump, die in Germanistan nahezu alle vereint, auch einfach nur der Konsens des Mittelmaßes. Das, was Trump an politischen Entscheidungen bisher getroffen hat, ist auf keinen Fall schlimmer als der politische Veitstanz, den ein George W. Bush aufgeführt hat. Vielleicht übertrifft Trump noch das weltweite Toben eines Bush und, das hat das arische Kollektiv vergessen, Obama hatte auch keine schlechte Bilanz. Allerdings ist es so, dass immer zählt, in welcher Garderobe und mit welcher Rhetorik etwas vorgetragen wird. Und liegen die Missetäter im Trend der Moden und Usancen, ist jeder Unsinn und jedes Verbrechen kaum der Rede wert.
Alle wissen, was deutsche Waffenexporte in der Welt anrichten, alle wissen, welche destabilisierende Politik die Deutschen auf dem Balkan einsetzten und dass sie mit alten Faschistenbündnissen kooperierten, alle wissen, in welchen Kaufrausch deutsche Banker den griechischen Staat trieben. Aber das alles sieht sehr solide aus, weil die Akteure dieser Politik mit grauen, schlecht sitzenden Anzügen oder Kostümen und Bürokratengesichtern agieren. Das schafft Vertrauen, wenigstens in Germanistan. Wer da langweilig daherredet, der kann nichts Schlimmes begehen. Das wird vielleicht erst anders, wenn die gewählten Politiker aus anderen Metiers kommen und sich nicht verstellen. Dann kommt das richtige Leben in die Politik und mit ihm das Zutrauen, dass man es tatsächlich mit Leuten zu tun hat, die nach Schweiß, Blut und Blei riechen.
Die seichte Schläfrigkeit, die sich über die bundesdeutsche Politik gelegt hat, führte zu einer Sedierung der gesamten Gesellschaft. Selbst die immer kritisch gegenüber den Herrschenden stehenden Intellektuellen sind sanft entschlafen in ihren hippen Caféterias, in denen vor lauter Latte kein Koffein mehr wirkt. Die einzigen Akteure, und das ist ein Zeichen an sich, die überhaupt noch Kritik an der Politik des neuen deutschen Imperiums üben, sind die Kabarettisten und Komiker. Man kann es nicht leugnen: Die bleierne Zeit ist lange vorbei und sie war lebendig gegen dieses Zeitalter der Inquisition ohne physische Folter. Hirnerweichung ist schlimmer als rohe Gewalt.
Insofern hat Amerika mit Donald Trump ein Geschenk erhalten. Obama, diesen Sympathieträger, für das imperiale und menschenverachtende Handeln der USA zu verurteilen, fiel schwer, sehr schwer. Dessen Nachfolger Trump, der aussieht wie ein Pokerspieler im Hinterzimmer einer Oben-ohne-Bar, und der sich auch so aufführt, ihm den ganzen Unsinn, den er verzapft, um die Ohren zu hauen, das fällt nicht schwer. Und dennoch: Hut ab vor einem Rapper wie Eminem, der sich das Früchtchen vorknöpft und kein gutes Haar an dessen aggressiver, menschenverachtender Politik lässt. Man sehe sich das auf YouTube an und träume von solchen Zuständen im eigenen Land. Rotzfreche Kritik gegen die Herrschenden, im Land der guten Deutschen ist sie unbekannt.
Nach Ursachen für das Fehlen eines deutschen Eminem muss nicht lange gesucht werden: In einem Land, von dem die Mehrheit meint, es sei eines der besten der Welt und wo die meisten tatsächlich glauben, dass hier das Beispiel für ein gutes Leben an sich gegeben wird, da kann es eigentlich auch keine harsche Kritik geben. In den USA, der ältesten Demokratie des Westens, die bis heute ohne Diktatur ausgekommen sind, da ist so etwas notwendig, meint man hier, aber in Germanistan, da ist alles zum Besten bestellt. Man scheint tatsächlich auf einem besten Weg zu sein: dem in die nächste Katastrophe!
Es lebe die Spontaneität!
Dass wir in Zeiten leben, in denen der Intellekt immer weniger beansprucht würde, ist eine boshafte Übertreibung derer, deren Bildungsstandards nicht mehr die maßgeblichen sind. Geändert, was die Beanspruchung einer Instanz wie Verstand oder Vernunft betrifft, geändert hat sich dennoch vieles. Wer agiert lediglich unbedacht? Wohl wirklich wenige, wenn wir die juvenile Unbefangenheit einmal aus dem Spiel nehmen. Ob etwas vernünftig ist, diese Frage ist zu Recht beklagenswerter Weise sehr aus dem Fokus geraten. Ob etwas allerdings dem Kodex, dem herrschenden Regelwerk, entspricht, das ist die dominierende Größe, die alles beherrscht.
Und wiederum böse Zungen behaupten, dass die an Bibelfestigkeit gleichende Verpflichtung auf den Kodex des politisch Korrekten zum Beispiel die spontane Kreativität, die bekanntlich die Revolte an sich auslöset, keine Chance mehr hat, unser Leben zu bereichern und zu verändern. Die anderen Kodizes, die mit den Regeln der eigenen Organisation oder der Verrechtlichung des gesamten Lebens zu tun haben, und die ohne Maschinerien wie die überall aufpoppenden Compliance-Systeme den Handlungsspielraum des Individuums einschränken, geben der Spontaneität den Rest.
Es gab Zeiten, in denen Spontaneismus als eine politische Bewegung galt, die sich damals ihrerseits von den Regelwerken des dogmatischen Marxismus befreien wollte. Die so genannten Spontis zeichneten sich dadurch aus, dass sie sich Aktionen ausdachten, die in der Lage waren, auf humorvolle Weise die Logik der Herrschenden zu karikieren oder zu konterkarieren. Als sie in Heidelberg zu einer Demonstration mit dreißigtausend Teilnehmern auf die kleinen Straßen gingen, um gegen das damals angewendete Berufsverbot in öffentlichen Dienst zu protestieren und das Städtchen in der Aktion nahezu ertrank, skandierten sie „Wir sind eine kleine, radikale Minderheit“. Später, als der Humor verschwand, hatte die Bewegung, die sich spontan nannte, keine Relevanz mehr.
In unserer Welt der Kodizes ist der politische Spontaneismus genauso verschwunden wie die Spontaneität. Letztere steht regelrecht auf dem Index all derer, die an der ständigen Ausdehnung der Kodizes arbeiten. Für die politische Willensbildung wie den politischen Diskurs bedeutet diese Entwicklung jedoch Gefahr im Verzug. Wenn es nicht mehr erlaubt ist, die Gravität von Akteuren und Institutionen mittels des Humors und der unerwarteten Handlung zur Disposition zu stellen, dann befinden wir uns bereits im Vorraum der Inquisition.
Im Gegensatz zu denen, die ihre brüchige Bedeutsamkeit gefährdet sehen und alles dafür tun, den Prozess der möglichen Demontage zu verhindern, hat das Volk in seinem kollektiven Bewusstsein eine sehr ausgeprägte Ahnung von den Verheerungen, die inquisitorische Verhältnisse anrichten können. Deshalb sind viele so genannte unbescholtene Bürgerinnen und Bürger so wild geworden. Weil sie die Fragen, die sie haben, mit dem Verweis ihrer mangelnden Auffassungsgabe nicht beantwortet bekommen und weil man ihnen den Weg zur spontanen Aktion mit der moralischen Keule verwehrt. Was dann noch kommt, ist destruktive Verbitterung.
So ist es nicht nur leicht, sondern auch folgerichtig, der spontanen Aktion, ja auch im anarchistischen, jede Ideologie ablehnenden Sinne, mächtig das Wort zu reden. Die sauertöpfischen Mienen der politischen Klasse, oben an die Mutter der Nation, färben ab auf das Erleben von Politik. Es wird Zeit, sich selbst und den tragenden Säulen der Misanthropie die Narrenkappe aufzusetzen. Es lebe die Spontaneität!


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