Archiv für den Monat Oktober 2017

Schwejk im Asylbewerberheim

Jaromir Konecny. Die unglaublichen Abenteuer des Migranten Nemec

Manchmal ist es nur die Inszenierung, die alles auf den Kopf stellt oder anders gesagt, die es ermöglicht, alles einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Bertolt Brecht machte eine ausgewachsene Theorie daraus. Er verlegte Alltägliches nach Kaukasien oder Sezuan, um einen Effekt zu erzielen, der distanziertes Denken möglich machte. Und da gab es immer auch, seit dem Mittelalter, den Schalk, der mit einer scheinbar naiven Betrachtungsweise den Weg zu einer herrlichen Kritik öffnete, in der die Großen und Mächtigen plötzlich ganz erbärmlich aussahen. Till Eulenspiegel ist so eine Figur, der wir sehr viel verdanken.

Und da ist da natürlich noch Jaroslav Hasek, der mit seinem braven Soldaten Schwejk eine so schreckliche Angelegenheit wie den Krieg zugänglich machte für menschliche Bedürfnisse und auch die Autoritäten wie die letzten Trottel aussehen ließ. Wer wäre, bei all dem Ernst, mit dem wir uns in unseren Tagen über die Kriege im nahen und fernen Osten und das damit verbundene menschliche Elend inklusive der Massenflucht unterhalten, wer wäre in diesem Zusammenhang auf die Idee gekommen, eine Figur wie den Schwejk in unsere bittere Welt zu holen, um uns zu zeigen, dass das positiv Menschliche auch in diesen Kontexten zum Vorschein kommt?

Jaromir Konecny! Ein gebürtiger Tscheche, der selbst vor langer Zeit aus der sozialistischem Tschecheslowakei in den freien Westen flüchtete, der selbst seine Erfahrungen gemacht hat in deutschen Asylbewerberheimen und der es geschafft hat, in dieser Gesellschaft anzukommen. In seiner Erzählung „Die unglaublichen Abenteuer des Migranten Nemec“ erzählt er nicht nur seine Geschichte, sondern er nimmt diese, seine Figur, und setzt sie als jemanden, der wegen Urkundenfälschung zu sozialer Arbeit in einem Asylbewerberheim verurteilt wird, dort auf die armen Seelen aus Syrien, Afghanistan und Eritrea an.

Dieser Nemec bringt die ganze Rhetorik und den ganzen Witz des Schwejk mit in diese in der bayrischen Provinz gelegene Anstalt, in der plötzlich nichts mehr so ist, wie es in den Schilderungen all derer stattfindet, die mit dem Elend anderer Menschen politischen Profit machen wollen. In dieser tschechischen Erzählung wimmelt es von Menschlichem, mit all seinen Stärken und Schwächen, aber eben mit dem Humor und dem Liebenswerten.

Es ist dem Autor zugute zu halten, dass er dennoch nichts ausspart, den Populismus, die Geldgier, den politischen Radikalismus und die kriminellen Handlungen. Aber es wird erzählt und gestaltet von einem, der an das Format des Schwejk herankommt. Und da verlieren sich plötzlich die kleinen Geister, der Witz trennt sie von den großen Herzen und irgendwie verliert man die Angst, die so oft zu Gast ist bei der öffentlichen Diskussion um die große Migration. Wir haben es mit Menschen zu tun, die aber erst zu Menschen werden, wenn wir sie berühren und ihrer habhaft werden. Das ist das Mittel, auf das Nemec verweist. Und damit scheint er Recht zu haben.

Wer keine Lust mehr hat auf so sakrosankte wie absurde Begriffe wie Willkommens- oder Verabschiedungskultur, auf Flüchtlingsströme und Überfremdung, der greife einfach zu diesem Buch. Da bleibt nichts mehr fremd, weil es menschlich, allzu menschlich wird.

Die Kultivierung von Konflikten

Jedes Individuum kennt die Situation, aber auch nahezu jede Organisation und es geht hoch bis zum Staat oder Staatenbündnissen. Irgendwann entsteht ein Konflikt mit einer anderen Partei. Der Konflikt kommt aber nicht gleich zum Ausbruch und wird nicht durch eine einmalige Handlung gelöst. Entweder fällt es den beteiligten Seiten zu schwer, sich in Verhandlungen zu begeben, um die unterschiedlichen Interessen auszugleichen. Oder der Aufwand und die befürchteten Verluste einer gewaltsamen Lösung, ja eines Krieges werden als zu hoch erachtet, um den Konflikt zu beenden. In beiden Fällen bleibt der Dissens, aber man richtet sich auf allen Seiten darauf ein, mit diesem Konflikt, der ein ständiger Missklang bleibt, auf unbestimmte Zeit weiterzuleben. Was bleibt, ist das Versprechen, den Konflikt dann zu lösen, wenn die Verhältnisse es erlauben.

Und so entsteht auf jeder Seite mit der Zeit eine Legende, die alles beinhaltet: die Genese des Konfliktes, seine Ursachen, die Beantwortung der Schuldfrage, die sich immer wieder aufdrängenden Belege der eigenen Deutung und die Liste der Versprechungen darüber, wie und wann und mit welchen Folgen der Konflikt zu den eigenen Gunsten gelöst werden wird. Heute nennt man so etwas ein Narrativ. Nahezu jede Familie weist ein solches Narrativ auf, viele politische Parteien, und immer wieder Staaten und Staatenbünde.

Auffallend ist, dass es gefühlt immer mehr tödliche Konflikte gibt als tatsächlich wie auch immer gelöste. Und auffallend ist auch, dass die Bereitschaft, sie wie auch immer zu lösen, in keinem Verhältnis zu den Schäden steht, die sie auslösen. Es muss also ein Kraft geben, die den Konflikt in etwas verwandelt, das aus einer bestimmten Perspektive Sinn macht und dafür sorgt, dass er weiter schwelt.

Analysiert man vor allem die Befindlichkeiten auf den betroffenen Seiten eines bereits lange andauernden, unversöhnlichen Konfliktes, so lässt sich beobachten, dass die erwähnten Narrative nicht nur Sinn machen, sondern auch für eine große Kohärenz im jeweiligen Lager suchen. Immer wieder versichert man sich der Kompanie, der Solidarität und der Waffenbrüderschaft, immer wieder identifiziert man sich mit den gleichen Symbolen und den gleichen Feindbildern. Und immer wieder wird auch deutlich, dass die Fähigkeit, sich über die Befindlichkeit des Konfliktes hinwegzusetzen und auf die andere Seite zuzugehen mit der Fortdauer der Zelebrierung des Zerwürfnisses tendenziell unwahrscheinlicher wird. Je länger der Konflikt dauert, desto irrationaler wird seine Begründung.

Die große Chance, die in der Auflösung derartiger Konflikte zeitgleich besteht, ist die Beantwortung der Frage nach den tatsächlich noch vorhandenen Ursachen. Oft ist das gar nicht mehr möglich. Manchmal, und das scheint die Ironie der Geschichte zu sein, manchmal ist das deshalb so schwer, weil sich die verfeindeten Parteien mit der Fortdauer des Konfliktes durch ihr eigenes Verhalten angenähert haben. Wie hieß es sich schön in einem der großen politischen Konflikte im 20. Jahrhundert?: Wandel durch Annäherung.

Die Kultivierung von Konflikten hat immer den Vorteil, im eigenen Lager für Kohärenz zu sorgen. Sie führt mit ihrer eigenen Fortdauer zu einer steten Entfernung von den eigentlichen Ursachen. Darin liegt dann die Chance, einen Versuch der Lösung zu unternehmen. Darin liegt aber auch die Gefahr, dass das Irrationale zur Normalität wird. Und diese Gefahr ist groß.