Archiv für den Monat Juli 2017

Untergehende Welten

Ein Freund von mir pflegt zu sagen, seit dem Jahr 1967 sei alles den Bach herunter gegangen. Es sei ein Privileg gewesen dabei zu sein, in jener Zeit, als sich vieles gegen das Alte kehrte und Ideen, Trends und Visionen aus dem Boden geschossen seien wie die Pilze im Herbstwald. Und dann beginnt er aufzuzählen, was in den Sechziger Jahren entstanden ist, in der Musik, in der Mode, im Design, in der Literatur, in den bildenden Künsten. Es fällt schwer, gegen die Faszination, die diese Zeit auch in der Rückbetrachtung auslöst, etwas zu sagen. Dennoch habe ich ihm noch nie Recht in seiner These gegeben. Vieles wurde danach anders, und die etwas bittere Note sei seiner Betrachtung zugebilligt, aber wenig wurde besser. Zumindest empfinden wir es so. Denn vieles, was dann endlich, nach Jahren des Begehrens, zur Lebensrealität wird, schmeckt nicht nach Triumph, sondern so furchtbar alltäglich.

Das, was als Aufbruch bezeichnet werden muss, ist allerdings in der Dimension, die uns die Sechziger beschert haben, nicht mehr vorgekommen. Es war ein Frühling gesellschaftlichen Räsonnements, dem ein langer Sommer folgte, in dem genossen wurde, was vorher auf den Weg gebracht worden war. Und dann kam ein Herbst, der viele von denen, die euphorisiert ins Leben getreten waren, wie Blei in die Trübnis zogen. Alle, die Neues und Tempo gewohnt waren, wurden durch den Stillstand, der folgte, traumatisiert. Viele von ihnen endeten als Pessimisten oder Zyniker, und die allermeisten verstummten. Und es scheint, als ginge dieser schreckliche Herbst erst jetzt, langsam, zur Neige, um einen Winter hervorzubringen, über dessen Ausmaß besser nicht nachgedacht wird.

Mein Freund ist ein kluger Mann. Deshalb ist es so schwer, ihm zu widersprechen. Immer hat er Argumente, gute, intelligente, historisch reflektierte, die er einer Einwendung entgegen schleudert. Und dennoch will ich mich seiner Einschätzung nicht anschließen. Denn seine These, dass seit 1967 alles den Bach herunter gegangen sei, hat nur Validität, wenn er sich und seine Generation als das historische Maß des Urteils nimmt. Das ist, und so argumentiere ich dann auch, natürlich höchst vermessen. Da kommt dann die Idee daher, dass wir nur Partikel einer großen Nebelwolke sind, die sich zeitlupenartig, aber mit immenser Geschwindigkeit nicht vorwärts, sondern irgendwohin bewegt. Das ist sicher richtig, und dann wird mein Freund wütend und nennt mich einen Nietzscheaner. Sei ´s drum. Den Schuh ziehe ich mir gerne an, wenn es darum geht, dem Pessimismus und Bruder Zynismus die Tür zu versperren.

Ehrlich gesagt, vieles, mit dem ich heute konfrontiert bin, gefällt mir nicht. Und da meine ich tatsächlich die Kategorien, die mein Freund immer zur Untermauerung seiner These anführt. In der Musik ist vieles Stillstand, die Literatur verliert ihre Sprache, das Design wiederholt sich so wie die Mode und die bildenden Künste haben Angst vor der eigenen Abstraktion. Die historische Betrachtung verrät, wohin das geht: es wird etwas Neues geboren werden aus der komplexen Einfalt, die diese Phase der Moderne dem Individuum beschert. Sie wird einhergehen müssen mit einer radikalen Befreiung von den Verhältnissen, die das hervorgebracht haben. Das wird nicht immer etwas Neues sein, aber grundlegend anders. Und ob wir das noch bezeugen, ist völlig unerheblich. Man denke an das Partikel und den kosmischen Nebel.

Das späte Exil der Adele Bloch-Bauer I

Simon Curtis. Die Frau in Gold

Heute kann man in der auf Initiative von Mäzenen entstandenen New Gallery in Manhattan unter anderem das Bild „Women in Gold“ von Gustav Klimt auf sich wirken lassen. Der Maler war Österreicher und die extravagant porträtierte Frau war Österreicherin. Wie das Bild zum kolportierten Preis von 135 Millionen Dollar, bezahlt von dem Privatmann Ronald S. Lauder, nach Manhattan kam, schildert der Film von Simon Curtis. Die Frau in Gold ist ein gut britisch gedrehtes Justizdrama, das sich dem widmet, was allgemein unter der Chiffre des Nazi-Kunstraubes steht. Dem Film gelingt es, die komplexen politischen Widersprüche, die sich in internationalen juristischen Auseinandersetzungen ausdrücken, zum Leben zu bringen und die politischen wie moralischen Fragen, die dahinter stehen, ins Bewusstsein zu rufen.

Stark vereinfacht geht es darum, dass das Porträt mit dem ursprünglichen Titel Adele Bloch-Bauer I, welches die jüdische Kaufmannsfrau gleichen Namens darstellt, nach der Besetzung Österreichs durch die Nazis mit einem an Ausmaß und Dreistigkeit nicht zu überbietenden, exakt organisierten Raub aus dem Hause der von nun an verfolgten Juden verschwand und in den Besitz einer Nazigröße gelangte. Aus Adele Bloch-Bauer wurde die Frau in Gold, um das Judentum der porträtierten Schönheit zu kaschieren. Nach dem Krieg tauchte das Bild wieder auf und wurde in Wien ausgestellt und mutierte dort, wie es im Film an einer stelle so schön akzentuiert wurde, zur Mona Lisa Österreichs.

Aus österreichischer Sicht war dann das Unterfangen der mittlerweile Amerikanerin Maria Altman, einer Nichte der Porträtierten, sehr subtil von Helen Mirren dargestellt, der die Flucht nach Kalifornien gelungen war, das Bild neben anderen als ihren Besitz zu reklamieren. Dieses geschah aufgrund einer eigens von Österreich ins Leben gerufenen Restitutionskampagne. Letztere erweckte, zumindest in der filmischen Darstellung, den Eindruck, als handele es sich um eine PR-Aktion des Staates Österreich, die im Falle der Frau in Gold nicht ernst gemeint war. Österreich lehnte zunächst rigoros ab, sich mit den Beweisen, die die Partei Altmans vorlegte, auseinanderzusetzen. Dann ging es über ein amerikanisches Gericht wieder zurück zu einer in Österreich tagenden neutralen Schiedskommission, die Altman die Rechte auf insgesamt fünf Klimt-Bilder zusprach, auch Adele Bloch-Bauer I. Der österreichische Staat verzichtete auf den Versuch, auf 300 Millionen Dollar geschätzten Werke zu erwerben. So landete die „österreichische Ikone“ dort, wo sie nicht hingehörte, in Manhattan.

Die Stärke des Films besteht in der Verknüpfung eines einzelnen jüdischen Familienschicksals mit der Geschichte eines von einem höllisch motivierten und zynisch operierenden Beamtenapparates, der im Auftrag der Nazis alle Kunstwerke von Wert im Rahmen der Judendiskriminierung, der Judenverfolgung und des Judenmordes enteignete und unter der Nomenklatura des Naziapparates verteilte. Aus diesem kalten Akt der Gier, der unter anderem zeigte, wie bewusst man sich in diesen Kreisen auch der Rezeption offiziell als entarteter Kunst bezeichneter Werke hingab, wurde eine nach der Niederlage des Faschismus nicht selten eine Attitüde, sich heimlich zu sichern, was aus den Häusern der Mörder und Räuber gerettet werden konnte. Nicht nur, aber auch und signifikant zeugen die geraubten Kunstwerke aus jüdischem Besitz mit aller Strahlkraft von dem kulturellen Verlust, den die Herrschaft der Barbaren hinterlassen hat. Und der Film erzählt eigentlich die Reise eines solchen Kunstwerks ins späte, endgültige Exil.