Archiv für den Monat Juli 2017

Väterchen, erzähl mir etwas Trauriges

Pramoedya Ananta Toer, der große indonesische Erzähler, der vor einigen Jahren verstorben ist, schuf sein berühmtestes Werk als politischer Gefangener. Als Gegner des Dikators Soeharto hatte er seine Stimme erhoben. Als man ihm drohte, ließ er sich nicht einschüchtern, was zur Folge hatte, dass er sich für sieben Jahre auf einer kleinen, entlegenen Insel wiederfand, wo er als Gefangener Zwangsarbeit verrichten musste. Dort begann er einen Roman zu schreiben, und zwar im Kopf. Ihm wurden weder Stift noch Papier zugebilligt, elektronisches Equipment gab es noch nicht. Was machte Pramoedya? Er begann, die sich in seinem Kopf entfaltende Geschichte den Mitgefangenen zu erzählen. Und zwar so, wie das in der Geschichte alle großen Erzähler gemacht haben, als Fortsetzungsroman. So entstand die nach der Insel benannte Buru-Tetralogie. In ihr wird das Erwachen der indonesischen Nation aus dem Flickenteppich der Kolonisation beschrieben. Es ist brillant erzählte, bewegende, hoch politische Literatur. Und es ist nicht gewagt zu behaupten, dass Indonesien in der heutigen Form ohne dieses großartige Werk nicht vorstellbar ist.

Abgesehen von der Absicht, diesen großen Literaten unbedingt zur Lektüre zu empfehlen, stellt sich mir angesichts der „Produktionsmethode“ dieses Stücks großartiger Literatur, nämlich der mündlichen Erzählung, die auch in der europäischen Literatur der Vergangenheit unvergessene Dokumente hinterlassen hat, die Frage, was aus dieser Art der Literatur wird, wenn man sich nichts mehr erzählt. Die mündliche Erzähltradition scheint in den komplexen, modernen Gesellschaften am Ende zu sein. Man hinterlässt sich Nachrichten, aber die Erzählung langer Geschichten gehört nicht mehr zum Repertoire. Walter Benjamin wies auf dieses Genre einmal hin, als er sich mit einem russischen Erzähler befasste, da schrieb er von den fahrenden Gesellen, die die mündliche Überlieferung zu einem Genre der Literatur vorbereitet hatten. Da, wo es fahrendes Volk gab, da entstanden später große Werke. Ich selbst begriff das, weil ich das Phänomen aus dem eigenen Haus noch kannte. Mein Vater war fahrender Schmied gewesen, und wenn er abends zu erzählen begann, dann wurde die Nacht zum kollektiven Abenteuer. Noch heute, Jahrzehnte später, habe ich die Geschichten und Episoden mit ihren schillernden Figuren deutlich vor Augen, als seien sie eingebrannt.

Natürlich existieren andere Genres von Literatur, und die Moderne, in der die fahrenden Gesellen so langsam, kaum bemerkt, am Horizont verschwanden wie die Stimmen der vergangenen Zeit, die Moderne hat ebenfalls großartige Konstrukte von Literatur hervorgebracht, die von dem wilden Verlauf des Wissens und der Technik zeugen. Und die Referenz für die mündliche Erzähltradition soll kein Affront sein gegen einen Joyce, gegen einen Dos Passos oder gegen einen Brecht oder Döblin. Sie sind quasi die Mutterbänder der komplexen Moderne. Und dennoch: wenn das Kollektiv verlernt, zu erzählen, dann bringt es auch diese Literatur, in der sich das orale, kollektive Gedächtnis mit seinen ganzen Eskapaden widerspiegelt, wenn das Kollektiv verlernt zu erzählen, dann stirbt nicht nur die große Erzählung, dann verschwindet auch der kollektiv reflektierte Sinn.

Was kommen wird, und ob etwas kommt, das diesen Verlust kompensieren wird, liegt im Bereich der Spekulation. Der amerikanische Kongress hat vor einigen Jahren beschlossen, den kompletten Twitterverkehr in der National Library zu dokumentieren. Das ist klug in Bezug auf die anzustellende Spekulation. Denn die Frage ist, wie die Geschichte Pramoedya Ananta Toers zeigt: Völker können entstehen, wenn sie in der Lage sind, sich ihre Geschichte zu erzählen. Und sie verschwinden von der Bildfläche, wenn sie das nicht mehr können.

Taktieren bis der Arzt kommt

Welch ein Schreck! Nun geschieht es, dass ein deutscher Anti-Stress-Trainer in der Türkei wegen Terrorismus festgenommen wird. Und es werden Listen des türkischen Geheimdienstes bekannt, auf denen deutsche Organisationen und Unternehmen stehen, die ebenfalls den Terrorismus entweder direkt organisieren oder unterstützen. Ganz oben stehen Daimler und die BASF. Da schlagen sich unvoreingenommene Beobachter die Hand vor den Kopf, wie sie dies schon lange tun im Angesicht einer nun schon Jahre dauernden Faschisierung der Türkei. Nur die Bundesregierung tut so, als sei alles auf einmal dramatisch. So, als hätten sie eben erst, auf dem Weg zur Arbeit oder beim Brötchenholen erfahren, dass mit der Türkei etwas nicht stimme.

Bei allem, was bis dato vorausging, konnte eine Bundesregierung beobachtet werden, die mit ansah, wie die türkische Justiz demontiert wurde, wie die freie Presse kriminalisiert wurde, wie man den öffentlichen Dienst säuberte sowie Polizei und Militär von allem befreite, was nicht dem verqueren Menschenbild des neuen Diktators entsprach. Man sah darüber hinweg oder spielte es herunter, weil im Hintergrund etwas deponiert war, das unter dem unschönen, aber treffenden Namen Flüchtlingsdeal bekannt geworden war. Man war mit dem Teufel ins Bett gegangen und wunderte sich danach über die eigenartigen Krankheiten, die sich verbreiteten. Geschäfte mit Schurken haben ihren Preis.

Nun, so kurz vor der Wahl, haben die Demoskopen herausgefunden, dass sich wohl ein größerer Teil der Bevölkerung wünscht, dass sich die Regierung, stellvertretend für die Nation, nicht von einem Hassprediger und Propagandisten vorführen läßt. Nicht schlimm genug, dass sie dafür kein Gespür mehr hat, aber sie hat alles hingenommen, damit der Flüchtlingsdeal nicht gefährdet ist. Das hat vor allem die Kanzlerin so gesehen, und als Preis dafür hat sie Demütigung des Landes in Kauf genommen.

Nun, so kurz vor der Wahl, wird mit scharfen Reaktionen gedroht, die sich, warten wir es ab, wahrscheinlich dann doch nicht als scharf genug erweisen. Das Grundproblem ist mangelnde Haltung. Wer sich im Jargon der Eigentlichkeit bewegt, wer im Superlativ der Beliebigkeit lebt und angesichts der Türkei die NATO als Wertegemeinschaft bezeichnet, lässt Haltung vermissen im Antlitz einer Diktatur. Es stellt sich die Frage, wer sich das leisten kann, wer sich das leisten will. So, wie es aussieht, ist die Nation, die nie eine richtige war, auch in dieser Frage gespalten. Das Pendant zu diesem Zustand spiegelt sich in der Handlungsanweisung für die Bundesregierung wider: Taktieren bis der Arzt kommt.