Archiv für den Monat Juli 2017

One for the money…

George Washington war ein Mann, der sehr genau wusste, was er seinen Aufzeichnungen anvertrauen konnte und was nicht. Ihm war klar, dass das, was er da nur für sich aufschrieb, später einmal zu historischen Dokumenten höchsten Ranges gehören würde. Soviel Selbstbewusstsein war ihm eigen, weil er eine ziemlich genaue Vorstellung von seiner eigenen geschichtlichen Rolle hatte. Es ging nicht nur um einen Kontinent mit ungeheuren Ressourcen, es ging auch um eine gigantische Nation, die als Blaupause für die europäische Moderne gelten konnte. Und Washington wusste anderseits, wie sehr dieses Projekt bedroht war von den Kleinigkeiten des Alltags, den Widrigkeiten des Anfangs und der Ungeschicklichkeit derer, die nicht ahnten, in welchem gigantischen Strom sie schwammen. Die Tagebücher sind voll von Berichten über letzteres, und immer wieder schwingt die verständige, empathische, und nachsichtige Stimme eines weisen Vaters mit, wenn Washington über all das schreibt. Die Liebe, die ihm viele Nachfahren entgegenbrachten, resultiert aus dieser Zuneigung Washingtons gegenüber seinen irrenden Zeitgenossen und Weggefährten.

Nur gegenüber einer einzigen Gruppe verlor dieser weise Mann die Contenance. Es waren diejenigen, die nichts anderes im Sinne hatten als das schnelle Geld. Wie die Beulenpest, so Washington, saßen diese Gierlappen in allen wichtigen Gremien, die die militärischen Operationen gegen die Britische Krone orchestrierten. Auf jeder Versammlung tauchten sie auf und hinterfragten alles nach den Kosten und den möglichen Gewinnen. Nationenbildung oder die Schaffung staatlich verfasster Institutionen waren ihnen nur sympathisch, wenn dabei ein Geschäft heraussprang. Wenn nicht, pfiffen sie darauf. Washington, der die neue Nation mit einer demokratischen Verfassung im Auge hatte, konnte schier verzweifeln über diese primitiven Jäger nach dem Geld. Und in vielem, was sie damals vorbrachten, glichen sie jenen, die heute als Vertreter des Wirtschaftsliberalismus die Welt mit ihrem Unwesen belästigen.

Die amerikanische Geschichte hatte von ihrer Geburtsstunde an diese Seite in ihrem Charakterzug. Es ging immer um das schnelle Geld, und es waren immer Akteure am Werk, die auch eine Vorstellung von Weltordnung im Sinne hatten. Vieles von dem, was unter dem amerikanischen Aspekt in den Geschichtsbüchern steht, kann nur verstanden werden, wenn man sich vor Augen führt, dass beide Eigenschaften zumeist parallel wirken und Einfluss auf das haben, was allgemein als die amerikanische Politik bezeichnet wird.

Seit den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert gehören die USA zu den bestimmenden Imperien. Und seitdem wirken beide Prinzipien weiter. Die Schaffung einer neuen Weltordnung diente dem Geldverdienen, die Sicherung des Zugriffs auf die Ressourcen diente dem Geldverdienen und die inszenierten Regimewechsel gehören immer wieder zur Philosophie der Bereicherung. Vielleicht ging das immer wieder so durch, weil die USA gleichzeitig über das andere Narrativ verfügten, das George Washington mit begründet hatte: Die demokratischen Institutionen und der Sinn für das Recht. Dass das Streben nach Glück, welches als Recht in der Verfassung steht, oft nur eine materielle Bedeutung hat, sei dahingestellt.

Die Sanktionen gegen Russland, die gestern in den USA verlängert wurden, sind unter diesem Aspekt zu betrachten: Es geht um eine politische Aussage, die durchaus getroffen werden kann bei Betrachtung der Besetzung der Krim, auch wenn diese Aussage die Vorgeschichte etwas ausblendet. Aber die Sanktionen sind nur zu verstehen, wenn man weiß, dass es um den europäischen Gasmarkt geht. Drängt man Russland zurück, winken den USA neue Märkte und fette Gewinne.

 

Notiz und Deutung

Das Unbewusste spielt uns viele Streiche. Seit den Deutungen und Experimenten Sigmund Freuds wissen wir, wie sehr die unterschiedlichen mentalen Instanzen des Seins miteinander korrespondieren, wie sie in Konflikte geraten oder kollaborieren. Für das einfältige Ego, das inmitten dieses Ensembles steht, ist das nicht immer so einfach zu erkennen. Und selbst einem aufmerksamen Beobachter würde manches entgehen, machte er sich nicht Notizen. Die Zunft der Psychoanalytiker ist daher seit Beginn mit dem Utensil der Aufzeichnung ausgestattet, um Passagen des Bewusstwerdens zu dokumentieren oder sich Notizen zu Ideen der Deutung zu machen. Da unser Dasein immer in Korrespondenz zwischen bewusstem Sein und unbewusstem Befinden steht, ist es ratsam, diese Methode der professionellen Psychoanalyse zumindest in den Situationen zu übernehmen, die von vorneherein als bedeutsam prognostiziert werden.

Bei solchen Gelegenheiten führe ich eines jener kleinen, unter Literaten geschätzten Notizbücher mit mir, in die ich Zitate, Fakten und Ideen unter Datum und Anlass niederschreibe. Und es lohnt sich jedes Mal. Die Rendite dieser Aktivität kommt nämlich dann, wenn ich die Notiz später einmal nachlese. Dann ist die Emotion der konkreten Situation längst erloschen und es stehen dort Dinge, die entweder völlig trivial oder fundamental wichtig sind. So, als handele es sich um etwas grundlegend Fremdartiges, erscheinen Begebenheiten, an denen ich selber teilgenommen habe. Der Gewinn ist die Fähigkeit, mit kaltem Auge auf das zu schauen, was im Augenblick seiner ursprünglichen Faktizität stinkt oder duftet, vor Feuer sprüht oder nass und kalt wirkt. Das Unmittelbare bleibt erhalten, aber als Zustand des zu Analysierenden.

Die Idee, die sich hinter der Psychoanalyse verbirgt, ist die, dass Menschen Produkte komplexer Wirkungsfaktoren sind. Zu ihnen gehört neben der eigenen Genetik die kulturelle Disposition der Generation, die tradierten Werte der Gesellschaft, die sozialspezifischen Haltungen der Klasse sowie individuelle Grundschemata wie Angst oder Aggressivität. Diese Idee, die anfangs von den Vertretern der theistischen Welterklärung vehement abgelehnt wurden, kommt mit der Diversifizierung der Wissenschaften in eine Spirale, die es zunehmend komplizierter macht, das menschliche Wesen in seiner Beschaffenheit wie Handlung zu deuten.

Die Digitalisierung hilft, diese Komplexität aufgrund der Volumina an Deutungsmustern, die existieren, in ihrer Quantität zu handeln. Sie hilft aber nicht, das Handwerk der Deutung zu erlernen. Wer Menschen nicht sprechen lässt und selbst nicht mit der Tugend des Zuhörens ausgestattet ist, wer sich nicht aufschreibt, was er hört, wer nicht immer wieder, mit zeitlichen Abständen, das Notierte nachliest und sich darüber Gedanken macht, der findet keinen Zugang in die Deutung menschlicher Handlungsmuster wie handlungsauslösender Impulse. Und der entdeckt auch nicht die Dilemmata des menschlichen Konstruktes an sich: die Widersprüche zwischen Schein und Sein, zwischen Begehren und Gesetz, zwischen Angst und Aggression und zwischen Glück und Leid.

Nicht, dass die Ansätze auf diesem unergründlichen Weg nicht immer wieder auch in die Irre gingen oder zu nichts führten. Das gehört zur menschlichen Existenz wie die Physis, die immer wieder an den biologischen Grenzen scheitert, von Generation zu Generation. Aber die Notiz wie die Reflektion sind so etwas wie das zivilisatorische Besteck, das dabei hilft, die temporär bewilligte Einsicht in das Existenzielle sinnvoll zu nutzen. Das können Maschinen nicht, die sind kalt und langweilig. Aber ein gutes Handwerk kann dem labilen menschlichen Erkenntnisapparat wertvolle Dienste leisten.

Von Migranten, Schleppern und stagnierenden Gesellschaften

„Der Mensch ist frei und sein Feld ist die Welt“. Dieses Zitat Goethes stand bis zum Krieg an dem Überseeterminal der Hamburger Landungsbrücken. Alle, die sich, aus welchem Grunde auch immer, auf den Weg in die Neue Welt begaben, hatten dieses Motto vor Augen und für viele war es ein Versprechen, das die dann real angesprochene Welt nicht für sie parat hatte. Da stieß man nicht selten auf Feindschaft und Ablehnung und das mindeste war eine gnadenlose Konkurrenz untereinander. Allein aus Zentraleuropa machten sich von Mitte des 19. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts 17 Millionen Menschen auf in das verheißungsvolle Amerika, wobei der größte Anteil aus Deutschland kam. Nach heutiger Definition handelte es sich um Wirtschaftsflüchtlinge, von denen einige scheiterten, vielen eine neue Existenz gelang und wenige zu weltberühmten Hoteliers, Industriellen oder Bürgermeistern wurden. Die größte Schlepperorganisation bei dieser Massenmigration von Zentraleuropa in die USA war übrigens HAPAG Lloyd.

Wer sich für die Emigration entschied, dem waren die Existenzbedingungen in seiner angestammten Heimat wirtschaftlich zu dürftig oder politisch und kulturell zu eng. Wer angesichts dieser Situationsanalyse zu der Schlussfolgerung kam, den Atlantik überqueren zu wollen und ins Ungewisse zu segeln, der hatte zumindest eine Risikobereitschaft, die für damalige Verhältnisse als überdurchschnittlich beschrieben werden muss. Wer blieb, fand sich ab oder setzte auf die Veränderbarkeit des Bestehenden, wer ging, wollte das Tempo der Veränderung unter Risikoinkaufnahme erhöhen oder, ganz profan, wurde vielleicht auch wegen eines Gesetzeskonflikts gesucht.

Was nicht bestritten werden kann ist die Tatsache, dass sich ein großer Anteil unter den Emigranten befand, der durchaus als Auslese bezeichnet werden kann. Sie waren veränderungs-, risiko- und einsatzbereit, und daher ist es kein Wunder, dass viele mit den Namen derer, die heute noch auf den Passagierlisten zu finden sind, durchaus ein Renommee gewonnen haben, das über ihr eigenes irdisches Schicksal hinausging.

Interessant ist, dass sowohl in den Ländern, die massenhaft verlassen wurden als auch in denen, die als Ziel der Migration galten, eine gefühlte Stagnation vermittelten, vor der die Migranten einerseits flohen und die sie andererseits belebten. Dort, wo sie gingen, zementierten sie den Stillstand, und dort, wohin sie gingen, dynamisierten sie die Gesellschaft. Diese doppelte Wirkung ist es, die bei der Diskussion um Migration in unseren Tagen so sehr untergeht, wenn sie überhaupt geführt wird.

Und es geht nicht darum, dem ach so klugen Argument zu folgen, dass die Migranten, die nun zu uns streben, besser dort blieben, woher sie kommen, weil sie damit ihrer Heimat besser hülfen. Das gilt nach der hiesigen Logik nämlich nur eingeschränkt: junge und qualifizierte Immigranten aus Spanien schaden ihrer Heimat bekanntlich nicht, während die Kriegsflüchtlinge aus Syrien dieses tun. Dieser weit verbreiteten und nicht nur dort herrschenden Doppelmoral sei einfach das Diktum entgegengestellt, dass die Migranten mit ihrem Weggang ihren Ländern per se schaden und uns per se nützen. Dass in Syrien Krieg herrscht und in Spanien eine Massenarbeitslosigkeit herrscht, hat etwas mit den Aktivitäten des eigenen Landes in NATO und EU zu tun und insofern existiert überhaupt keine moralische Kategorie, die ohne Bedenken gezogen werden könnte.

Seien wir einmal zynisch, einfach weil es besser wirkt: Die Immigranten sind die zweite Rendite für eine bellizistische Politik im Nahen Osten oder in Afghanistan und eine Exportoffensive auf Kreditbasis, gekoppelt an eine Austeritätspolitik in Europa.