Archiv für den Monat Juni 2017

Die Wahrheit wieder einmal komplizierter als sie schien

In Zeiten des abnehmenden Lichts. Matti Geschonneck
Acht Jahre nach erscheinen von Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist nun ein Film entstanden. Matti Geschonneck hat versucht, den als Montage konzipierten Roman anhand eines abschließenden Ereignisses zu fokussieren. Im Großen und Ganzen ist dieses gelungen. Um einen alten, manchmal zu abgegriffenen Begriff zu verwenden, der in diesem Fall allerdings kein Klischee ist: es ist sogar ein Sittengemälde der DDR, die kurz vor ihrem endgültigen Zusammenbruch steht, gelungen.

Um das Ereignis, den neunzigsten Geburtstag des Familienpatriarchen, ranken sich die Geschichten der einzelnen Familienteile und Familienmitglieder. Das Ganze spielt im Jahr 1989 und der Zuschauer weiß um die Endlichkeit der politischen Verhältnisse, in denen sich das Leben ausbreitet. Auch wenn die eine oder andere komische Inszenierung kurz aufblitzt, es handelt sich nicht um eines jener Werke, dass sich über die Weltfremdheit und das Skurrile der DDR lustig macht. Auch wenn viele Szenen grotesk wirken, so wird den Akteuren dennoch nicht abgesprochen, dass sie ihre eigene biographische Logik haben, die sogar in einem Systemzusammenhang steht.

Atmosphärisch wird der Eindruck vermittelt, den man hatte, wenn man die späte DDR besuchen konnte. Zumeist ein verschleiertes Licht, viele Grautöne, ruinöse Immobilien, antike Automobile, schlecht gekleidete Menschen und hölzern und unzeitgemäß wirkende Phrasen. Das wäre nichts Neues, wenn es nicht gelänge, die Motive der Handelnden und die dahinter stehenden Geschichten zu entschlüsseln. Der Veteran, der mit Mexiko das falsche Exil gewählt hatte, weil die späteren Parteikarrieren von denen gemacht wurden, die in Moskau waren. Seine Frau, der das Großbürgerliche in jeder Geste anhaftet, die mit ansehen musste, wie aus ihrem verehrten großen Welterklärer ein dogmatischer Besserwisser wurde. Ihr Sohn, der ins russische Exil wollte, aber zusammen mit seinem Bruder in einem Gefangenenlager landete, von wo nur er, aber mit einer russischen Frau und einer Schwiegermutter im Gepäck zurückkehrte, um ein angesehener Historiker zu werden, der verschweigt, was er im Gulag gesehen hat. Und sein Sohn, der im Film, kurz vor dem großen Geburtstag des Patriarchen, auch noch rüber macht.

Bis in den letzten filmischen Winkel werden Geschichten erzählt, die die Menschen sympathisch und nicht lächerlich machen. Die zumindest im Film größte Wirkung erzielt die Russin und Mutter des geflohenen Sohnes. Sie ist die Seele der Epoche, sie spürt den nahenden Untergang und sie sträubt sich mit ihrem ganzen Wesen. Quasi in der Schlüsselszene führt sie, angetrunken und exzentrisch gekleidet, einen Dialog mit der gesamten Hochzeitsgesellschaft. Sie seziert die in Formalismen erstarrte Gesellschaft und ihre Zukunft mit einer vernichtenden Offenheit. Das zentrale Statement ist ein Zitat: „Wenn es kein Brot gibt, können wir Kartoffeln essen, aber was ist, wenn die Ideen ausbleiben?“ Es ist folgerichtig, dass die Erzählung mit dem Ende dieser figurierten Seele endet.

„In Zeiten des abnehmenden Lichtes“ ist ein aus meiner Sicht wichtiger Film, weil er jenseits der Siegerperspektive Einblicke in die Tragik eines Projektes gewährt, das von sehr starken Charakteren und durchaus sympathischen Menschen in Angriff genommen worden war. Der Film macht ohne Triumphhalismus deutlich, dass die Wahrheit wieder einmal komplizierter war als es aus dem Blickwinkel der Sieger schien.

Das Absingen schmutziger Lieder aus der Ferne

Marshall McLuhans zentrale Botschaft sei noch einmal auf den Prüfstand gelegt: Das Medium ist die Botschaft! Vieles spricht dafür und wenn dem so ist, dann trifft das genauso auf die sozialen Medien zu. Die Faszination, die sie ausüben, ist die nahezu banale Bedienung und die Überwindung von Raum und Zeit. So können nicht nur tatsächliche, sozial unmittelbar entstandene Kontakte gehalten und gepflegt, sondern auch zufällige, artifizielle Beziehungen hergestellt werden. Plötzlich sind die einzelnen Teilnehmer nicht mehr angewiesen auf die Möglichkeiten wie Barrieren einer direkten Begegnung. Ein feuchter Händedruck, olfaktorische Penetranz, ein unsicher Blick oder eine quäkende Stimme, das alles belastet nicht mehr bei der Kontaktaufnahme und es verlangt ganz andere Fähigkeiten, die eine oder andere individuelle Malaise in der virtuellen Welt zu dechiffrieren.

Das Eigentliche, worüber jedoch reflektiert werden muss, das ist die Reduktion der sozialen Komplexität, die das soziale Medium herstellt. Da geht es schlicht um binäre Entscheidungen über Profanes. Mögen oder Nicht-Mögen. Da stellt jemand ein Bild von einem Essen auf seinen Account, und schon reagieren die Freundinnen und Freunde darauf mit einem Mögen oder Nicht-Mögen. Im direkten sozialen Kontakt wäre eine solche Disposition zweifelhaft. Wer fragt schon, wenn ihm sein Essen serviert wird, die sich in der Nähe befindlichen Menschen, ob ihnen das gefällt, was er auf dem Teller hat? Zumindest würden einige Umstehende ihr Befremden zum Ausdruck bringen. Die Reihe lässt sich fortsetzen, zum Beispiel das Posten von Selfies. In der direkten sozialen Konfrontation wäre das Risiko, eine Debatte über die eigene Eitelkeit auszulösen, viel zu groß.

Doch die eigentliche Veränderung, die durch die sozialen Medien erfolgt, ist die Veränderung des Diskurses in eine Abfrage reflexartiger Zustimmung oder Ablehnung. Durch die Reduktion von Komplexität auf Mögen oder Nicht-Mögen verschwindet die Auseinandersetzung um komplexere Lebensperspektiven nicht nur aus den Köpfen, sondern es sinkt auch die Fähigkeit, dieses zu tun. Diejenigen, die mit den sozialen Medien, deren Fähigkeit, die einzelnen Mitglieder mikroskopisch auszuspionieren hier nicht betrachtet werden soll, aufwachsen, haben in einem echten Dialog, der nicht nur aus einem sozialen Konsens besteht, keine Chance. Wer die Möglichkeit des Widerstandes gegen die eigene Meinung oder den eigenen Standpunkt nicht kennt, der hat auch nicht gelernt, um ein Thema in verschiedenen Variationen zu kreisen, die Perspektive zu verändern und, das wohl wichtigste, sozialem Druck standzuhalten.

Die sozialen Medien sollen damit nicht verdammt werden. Sie sind nicht mehr wegzudenken. Aber sie sollten mit ihrer verheerenden Wirkung auf die Diskursfähigkeit der ganzen Gesellschaft nicht unterschätzt werden. Ein Indiz für die Unterlassung kritischer Sicht und die Ergreifung notwendiger Maßnahmen dagegen ist das tatsächliche Schwinden kontroverser Betrachtungen. Genauer gesagt, die unterschiedlichen Standpunkte verschwinden nicht, aber die Fähigkeit, sich in einer harten, aber sozial akzeptablen Form darüber auseinanderzusetzen. Mit der Abnahme der Fähigkeit, sich sozialem Druck zu stellen und die eigenen Motive freizulegen und offen zu verteidigen, ist die Fähigkeit der Diskreditierung und Diffamierung gestiegen. Um es deutlich auszudrücken: Das Absingen der berühmten schmutzigen Lieder aus der Ferne ist der neue Weltsport geworden, während der Streit mit dem vis-a-vis kaum noch beherrscht wird. Das gilt im Privaten wie in der Öffentlichkeit, das betrifft den berühmten kleinen Mann wie den Amtsträger. Und das wirkt schlimmer als militärisches Equipment. Das kommt zur Geltung, wenn der Diskurs misslungen ist.