Archiv für den Monat Juni 2017

Der deutsche Sonderweg

Egon Bahr war ein ausgesprochen kluger Mann. „Wenn Politiker damit beginnen, von Werten zu reden“, so riet er, „ist es besser, den Raum zu verlassen“. Denn so Bahr, in der Politik gehe es immer um Interessen. Und wenn die Werte bemüht würden, dann sei die Verschleierung von Interessen in der Regel nicht mehr weit. Mit dieser Einschätzung ist Bahr selbst und sein Chef, Willy Brandt, nicht schlecht gefahren. Zumindest ist es ihnen gelungen, das Koordinatensystem des Kalten Krieges nachhaltig außer Kraft zu setzen. Dazu bedurfte es einer klugen Strategie und unendlicher Geduld. Eine außerordentlich lange Periode des Friedens war die Folge.

Es bedurfte gerade 25 Jahre, die Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Wiedervereinigung Deutschlands, um die Leitidee der Neuen Deutschen Ostpolitik, Wandel durch Annäherung, vertrauensbildende Maßnahmen auf beiden Seiten, Handel und gegenseitiger Vorteil, zu den Akten zu legen und stattdessen eine Expansionsrage sondergleichen zu entfachen. Das Deutschland, das bei den Verhandlungen zu seiner Einheit von der damaligen britischen Premierministerin Maggie Thatcher so geliebt wurde, dass sie am liebsten zwei davon hätte, dieses Deutschland hat sich mit der Wiedervereinigung schnell in seiner außenpolitischen Wirkung verändert.

Kanzler Kohl zelebrierte bis zum Ende seiner Amtszeit 1998 noch das außenpolitische Erfolgsrezept der Mäßigung und Liaison mit Frankreich und Kanzler Schröder verhinderte es mit seinem Nein zum Irak-Krieg, dass Deutschland in die US getriebene Allianz der Regime Change Fanatiker eintrat. Was die NATO und ihre seit Clinton bereits in den neunziger Jahren vorangetriebene Osterweiterung der NATO anbetraf, so taten sie alle mit. Die NATO war die Speerspitze gegen die soeben erlangte neue Friedensordnung in Europa.

Seit der Regierung Merkel im Jahr 2005 ist eine klare Linie der zunehmenden Expansion und Militarisierung festzustellen. Immer mehr militärische Beteiligungen, auch bei völkerrechtswidrigen Interventionen, eine nach wie vor dem Export unbändige Unterstützung gebende Außenpolitik und eine verheerende Finanzpolitik, die die Isolation Deutschlands innerhalb der EU zur Folge hatte.

Deshalb sind jetzt, zu Zeiten der Aufkündigung der strategischen Allianz mit den USA, die Appelle an eine neue Verantwortung an Europa und seine Werte eine so unschlüssige wie gefährliche Rhetorik. Die Forderung einer aktiveren Rolle der EU in der Welt, die neue Allianzen suchen müsse, ist der formulierte Bedarf für eine sich nicht verändern wollende BRD. Die Bundesrepublik als Heimat militärisch-industrieller Produktionsstätten will weiter eine wichtige Rolle auf dem Weltmarkt spielen und sucht daher nach einer immer schwierigeren Beziehung zu den USA nach neuen Märkten. Dazu, so zumindest das rasend plappernde Organ namens Verteidigungsministerin, bedarf es vielleicht auch des einen oder anderen Militäreinsatzes. Dass sich die Staaten der EU hinter einer derartig offensichtlich vorgehenden Ein-Punkte-Programmatik vereinen und aktivieren lassen werden, ist zu bezweifeln.

Es ist ein grandioses Stück der Zerstörung von Ordnung, das hinter dieser Regierung liegt. Bei aller Trump-Phobie, die momentan die Köpfe verwirrt, die Weichen für einen nicht von vielen und nicht zu Unrecht gefürchteten deutschen Sonderweg sind seit langem gestellt. Die USA und Großbritannien als Konkurrenten im Westen, Russland im Osten, und, wie der deus ex machina, plötzlich Partner wie Indien und China im fernen Asien, aber alles ohne europäische Partner, das ruft doch nach weltherrschaftlicher Nostalgie. Aber mal ganz schnell die Requisiten aus Opas Kleiderschrank geholt, angezogen und vor den Spiegel gestellt: Wir sind wieder wer!

You can’t go home again!

Didier Eribon. Rückkehr nach Reims

 
Die Geschichte ist so alt wie die Menschheit. Ein junger Mann fühlt sich in den Verhältnissen seiner familiären wie geographischen Heimat zu eingeengt, er wagt den Weg hinaus in die Welt und kehrt nach vielen Jahren wieder einmal heim. Der Vater, der idealtypische Gegenpol der Vergangenheit, ist mittlerweile verstorben und der Diskurs mit der verbliebenen Mutter dient der Vergewisserung des Erinnerten, dem Bericht über das ohne den Sohn Geschehene und dem gescheiterten Versuch einer Verständigung. Für die amerikanische Gesellschaft hat Thomas Wolfe mit seiner Erzählung „You can´t go home again“ Nationalliteratur geschaffen, indem er die Vergeblichkeit der Rückkehr kategorisch an den Schluss setzte.

Nun, in einer Zeit, in dem sein Land Frankreich vor großen Entscheidungen stand und steht, in dem vielen klar ist, dass sich vieles ändern wird, traut sich der heutige Soziologieprofessor und landesweit bekannte Publizist Didier Eribon an die literarische Aufarbeitung seiner eigenen biographischen Rückkehr. Unter dem Titel „Rückkehr nach Reims“ veröffentlichte er bereits 2009 diesen Versuch in Frankreich, seit 2016 ist er auch in deutscher Sprache erhältlich.

Bei „Rückkehr nach Reims“ handelt es sich weder um einen Roman noch eine Erzählung, sondern vielmehr um einen sehr reflektierten, kritischen Diskurs mit sich selbst. Vielleicht könnte es auch als Dialog mit dem anderen Ich bezeichnet werden. Eribons Schilderung seiner frühen Biographie hat insofern klassischen Charakter, als dass er noch einmal das alte, klassenbewusste europäische Proletariat zeigt, dass eine eigene Partei besitzt und vor Selbstbewusstsein strotzt. Die Erzählung zeigt aber auch die Nöte des Underdogs Didier Eribon selbst, der als Jugendlicher, der auf die Bildungsstraße gerät und zudem seine eigene Homosexualität entdeckt. Nach Bildung strebend und außerhalb der Welt der damals paternalistischen Heterosexualität war das Dasein zum Ausgestoßenen vorgeprägt, es sei denn, man bevorzugte die Flucht in die Metropole Paris, was Eribon tat und sich damit rettete.

Dass da jemand schreibt, der sich über die zeitgenössische französische Philosophie zur Soziologie vorgearbeitet hat, wird deutlich, wenn Eribon über die politische Entwicklung des französischen Industrieproletariats reflektiert, das von der mächtigen Säule der kommunistischen Partei abrückte und zunehmend nach rechts driftete und heute in großen Teilen dem Front Nationale zugewandt ist. Die Feststellung, dass der Konservatismus auch in früheren Zeiten präsent war, aber durch den Anspruch der Mobilisierung als politische Kraft neutralisiert werden konnte, während heute die Statik und Passivität dieser verbliebenen sozialen Schicht das Phlegma der unreflektierten Tradition zum größten Faktor macht, gehört zu den Erkenntnissen, die das Buch in Frankreich zu einem Bestseller haben werden lassen.

Die Entschlüsselung des Doppelcharakters sozialer Klassen in Bezug auf ihre politische Mobilisierung ist quasi ein Gewinn der zweiten Art, der sich bei der Lektüre einstellt. Eribon vermittelt mit „Rückkehr nach Reims“, ob willentlich oder nicht, viele Einsichten in das französische proletarische Milieu, in die dortige Klasse der Intellektuellen und die nahezu nationale Affinität zur romantischen Illusion. Vieles, von dem Eribon berichtet, hört sich auch bei deutschen Proletarierfamilien nicht anders an und dennoch existieren viele Details, die es in dieser Form nur in Frankreich gibt. Ein intelligentes Buch, das trotz anderer Absichten auch zu dem Schluss kommt, dass es keine Rückkehr gibt. Allein deshalb ist es zu empfehlen.