Archiv für den Monat Mai 2017

Shit hits the Ventilator

Im Amerikanischen existiert diese schrecklich-treffende Metapher, dass ein Haufen Scheiße in den Ventilator fliegt. Den Rest des Bildes kann man sich vorstellen. Die Redewendung wird dann hervorgeholt, wenn sich ein Desaster über alle infrage kommenden Bereiche erstreckt. Insofern ist es folgerichtig, das G 7-Treffen im sizilianischen Taormina mit mit dieser Metapher zu beschreiben. Da kam ein amerikanischer Präsident, dem die Etikette egal sind, der sich an solchem Unsinn wie dem Weltklima nicht aufhält und der die deutsche Position des Exportweltmeisters kritisiert. Ehrlich gesagt, schlimmer konnte es für die dort Versammelten nicht kommen.

Dass die Benimm-Regeln von Trump nicht so ernst genommen werden, kann vielleicht noch mit einem Paradigmenwechsel beschrieben werden. Dort, wo es um Geschäfte geht, wird bei derben Witzen und zünftiger Umgebung knallhart verhandelt. Es ist eine andere Welt als die der Diplomatie. Und da sei eine kleine Replik an die so Empörten erlaubt: Geht es ansonsten um deren wirtschaftliche Interessen, dann sind sie auch nicht zimperlich. Und außerdem ist es fraglich, ob ein hochnäsig-blasiertes Populisten-Modell wie das britische so viel mehr Niveau mitbringt wie der teutonische Bullterrier von der amerikanischen Ostküste.

In Sachen Klimawandel und der nahezu obligatorischen Note gemeinsamer Anstrengungen dagegen zahlt sich jetzt aus, dass es fatal ist, sich jahrelang mit einem Gestus des guten Willens zu begnügen. Ohne tatsächliche gemeinsame Aktionen gegen die immer schneller werdende Erwärmung lässt sich schwer überzeugen. Trump argumentiert jetzt so, wie lange die Chinesen, die ihrerseits jedoch bereits auf einer ganz anderen Route sind und bereits Maßnahmen eingeleitet haben, die alle „gemeinsamen Schritte“ des Westens in den Schatten stellen werden. Auch wenn es einer nahezu permanenten Katastrophe im eigenen Land bedurfte, um dahin zu kommen. In den USA wird es nicht anders sein, obwohl dort schon weitaus drastischere Veränderungen zu beobachten sind als in Europa.

Der schwerste Schlag Donald Trumps war jedoch die Kritik an den deutschen Außenhandelsüberschüssen. Mit dieser Bemerkung hat er das von den USA selbst geschaffene System der beiden Weltproduktionsstätten, Deutschlands und Japans, zur Disposition gestellt. Die USA hatten sich nach dem II. Weltkrieg zwei Länder für diesen Job ausgesucht. Beide hatten mit den Vorkriegsproduktivkräften und einer dementsprechend qualitativen Work Force die Voraussetzungen mitgebracht, diese Funktion innerhalb einer us-kontrollierten Weltwirtschaft zu übernehmen. Dass es sich dabei um zwei Verlierermächte handelte, war kein Zufall. Dass Trump nun ausgerechnet diese Funktion anzweifelt beziehungsweise ihre Berechtigung zurückweist, zeugt davon, dass nichts mehr so sein wird, wie es einmal war.

Es ist gut, sich darauf einzustellen, dass ein von den USA aus gesteuerter Weltmarkt in dieser Form nicht mehr existiert. Die Trunkenheit nach dem Sieg über die Sowjetunion und das Gefasel über das Ende der Geschichte endet ein Vierteljahrhundert später mit der ernüchterten Feststellung, dass wir heute in einer wirtschaftlich multipolaren Welt leben, in der momentan heftig um die neue Dominanz gekämpft wird. Das wird einher gehen mit der Suche nach der neuen militärischen Vorherrschaft, die, noch, bei den wirtschaftlich angezählten USA liegt. Die neue Seidenstraße ist so ein Symbol, das genau beobachtet werden sollte.

Für Europa ist das alles gar nicht der passende Zeitpunkt. In Zeiten großen Wandels ist es immer von Vorteil, eine Strategie zu besitzen, um zu wissen, wo die eigene Zukunft liegen soll. Weder die EU als ganzes, noch Deutschland oder Frankreich vermitteln den Eindruck, über so etwas zu verfügen. Dann schon eher Großbritannien, das mit dem Brexit fulminant Kurs auf USA, Protektionismus und militärisch abgesicherte Zugriffe genommen hat. Noch einmal: Shit hits the ventilator!

B.O. und D.T.

So schnell ändern sich die Zeiten und so schnell ändert sich das Bild, welches einzelne Personen in der Öffentlichkeit gezeichnet bekommen. Erinnern wir uns noch? Da kam einst ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat nach Berlin, um eine Rede zu halten. Die damalige wie heutige Bundeskanzlerin konnte ihm kein offizielles Forum bieten, denn er hatte weder einen diplomatischen Status noch war sie sich sicher, ob er ihren Erwartungen entsprechen würde. Während er das dennoch an der Berliner Siegessäule massenhafte Publikum durch seine brillante Rhetorik zu euphorisieren verstand, blieb das offizielle Berlin reserviert.

Das hielt auch während Obamas Amtszeit so an. Eher skeptische Blicke auf sein Agieren, eher verhaltener Applaus auf seine Avancen. Das Bild, das von ihm gezeichnet wurde, entsprach weder dem, das ihm gerecht geworden wäre noch gereichte es dem, was er tatsächlich tat. Vom Tenor her wurde er als ein zu passiver Repräsentant seines Staates angesehen, von dem erwartet worden wäre, mehr den Weltpolizisten, zum Beispiel im Falle Syriens, zu spielen. Dieser Vorwurf verdeckte zum einen die Veränderungen innerhalb der USA, die er in Angriff genommen hatte und er verschleierte zum anderen die stille imperiale Agenda eines Präsidenten dieses Landes. Nie wurden mehr Drohnen abgeworfen und nie wurde in der gleichen Zeit in mehr Ländern der Regimewechsel versucht.

Nichts von alledem ist heute präsent, wenn nur ein halbes Jahr später der ehemalige US-Präsident Barack Obama auf einem Berliner Kirchentag erscheint. Verehrt wie eine Madonnenerscheinung, kommen 70.000, Fähnchen schwingende Christenmenschen auf die Veranstaltung, die er zusammen mit Angela Merkel besucht und huldigen ihn als den wahren Friedensapostel der Neuzeit. Ihm, dem ehemaligen Weichei und Zauderer, ist alles verziehen, ja, manche lassen sich sogar dazu hinreißen, von einem der größten seines Amtes zu sprechen. Wir leben im Land der Superlative, was bedeutet, dass diese auch schnell wechseln.

Ein Grund für diese Absolution ist natürlich sein Amtsnachfolger. Donald Trump, selbst Milliardär und Rächer der Enterbten, gilt im Gegensatz zu Obamas feinen und geschliffenen Umgangsformen als ein Elefant im Porzellanladen. Das Verhältnis seitens der deutschen Politik ist ambivalent. Von den Umgangsformen und seiner direkten Ansprache wird er als extrem unangenehm empfunden, als Weltbulle mit lockerem Schlagstock bringt er endlich das mit, was man bei Obama so vermisst hat. Kalten Auges schlägt Trump auf seine Ziele ein und ohne jede Art von Diplomatie sagt er, was er will. Da erschaudert es so manchen verweichlichten Europäer. Aber irgendwie scheinen sie es auch zu brauchen.

Die Mienen derer, die die Ehre haben, dieses Land zu vertreten, sind das beste Zeugnis für den Gemütszustand, den Donald Trump erzeugt, wenn er Tacheles redet. So geschehen auf dem jüngsten NATO-Treffen in Brüssel, wo er eben keine sülzige Rede über die Gemeinsamkeiten hielt, sondern die Mitgliedstaaten in harten Worten dazu aufrief, ihre bereits getätigten Zusagen in Bezug auf eigene Rüstungsausgaben endlich zu tätigen. Vor allem Merkels Blick war Gold wert: Er zeigte, wie sich ein souveräner und unabhängiger Staat fühlt, wenn er dennoch vor laufenden Kameras geschändet wird. Man hätte meinen können, es handele sich um einen Propagandafilm der viele zitierten Reichsbürger. War es aber nicht. Genauso wenig wie Trumps Vorwurf an die Bundesrepublik, mit ihren Außenhandelsüberschüssen vor allem den USA mächtig zu schaden. Irgendwie wird man den Eindruck nicht mehr los, dass es gar nicht so schlecht ist, was Trump mit seiner bruschikosen Weise macht. Er verdeutlicht, dass vieles nicht mehr so weitergehen kann. Eine triviale Erkenntnis. Aber hier kommt niemand auf diese Idee.