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G 7: Apokalyptischer Budenzauber

Im exklusiven Évian-les-Bains, auf der französischen Seite des Genfer Sees, findet das Treffen der G 7 statt. Da die Veranstalter wussten, dass das Treffen nicht ohne Protest würde stattfinden können sprach man gleich ein Demonstrationsverbot aus und verlegte die Proteste in das schweizerische Genf, um die Anwesenden nicht mit dem zu konfrontieren, was, realistisch betrachtet, als die derzeitige globale Realität bezeichnet werden muss. Denn wenn sich die Vertreter der USA, Großbritanniens, Italiens, Deutschlands, Frankreichs, Japans und Kanadas treffen, dann geht es vor allem um eines: Wie kann der Anspruch der betreffenden Länder auf die Ressourcen dieser Welt gesichert werden und nach welchen Konditionen will man untereinander verkehren. Alles andere, d.h. die ganze Litanei von Freiheit, Gleichberechtigung etc. wird durch das Handeln dieser Staatsführungen täglich und zur Genüge als verbale Hülse offenbar. 

Fakt ist, dass das dort versammelte Ensemble ca. 40 Prozent der auf der Welt verfügbaren Ressourcen braucht, um so weiter machen zu können, wie bisher. Und Fakt ist auch, dass, in Bezug auf die Weltpopulation, dort nicht einmal ein Zehntel der Erdbewohner vertreten sind. Da ist es folgerichtig wie deutlich, davon zu sprechen, dass man sich in Évian-les-Bains darüber Gedanken machen wird, wie man an Öl, Gas, Seltene Erden und strategisch relevante Tools wie Halbleiter kommt bzw. den Zugriff sichert. Die Brisanz, die dadurch entsteht, liegt in der zunehmenden Stärke derer, auf deren Kosten in der Vergangenheit die Güter verteilt wurden und deren Strategien, wie eine neue, anders strukturierte Weltökonomie gestaltet werden kann. Chinas unbestrittene Stärke, Indiens Tempo, Russlands und Irans Ressourcen hier, Brasiliens dort, der Anspruch des afrikanischen Kontinents – alles das hat sich bis dato unter der Chiffre des BRICS zusammengefunden und plädiert nicht nur für eine neue Weltordnung, sondern arbeitet bereits seit geraumer Zeit daran.

Wer die Verwerfungen und Kriege in der Ukraine, in Weißrussland, in Afghanistan und im Iran nicht in Kontext mit der von China finanzierten und orchestrierten Neuen Seidenstraße sieht, hat das Wesen nicht erfasst. Seit langem geht es denen, die dort am Genfer See tagen, um die Verhinderung eines Instrumentes, das die Anrainerstaaten an dieser Seidenstraße unabhängig von den bestehenden, unter der Kontrolle des Westens befindlichen Verkehrswege machen würde beziehungsweise bereits gemacht hat. In Afghanistan ging es nicht um den Kampf gegen den Terror, im Iran geht es um kein Atomprogramm, in Minsk ging es nicht um Bürgerrechte und in der Ukraine schon gar nicht um Demokratie. 

Die konsumistisch benebelten Eliten im Westen mögen den apokalyptischen Budenzauber, der von den zumeist von politischen Hinterbänklern veranstaltet wird, die sich ins Rampenlicht deteriorierender Demokratien gedrängt haben, noch glauben. Der Rest der Welt, das heißt die Mehrheit, glaubt diese Geschichte nicht. Und zwar nicht aufgrund staatlicher Propaganda, sondern aus purer Lebenserfahrung. 

Was macht man, wenn man mit Menschen und Parteien zusammenkommt, um sich zu verständigen und um zu sehen, was machbar ist und was nicht? Man formuliert offen und ehrlich seine eigenen Interessen und versucht, mit Mitbewerbern und Konkurrenten einen Modus vivendi zu finden, der – auch mit eigenen Einschränkungen – zum Nutzen aller Bestand hat.  Man achte darauf, was von dieser Essenz vom Genfer See nach außen dringen wird. Je mehr von Demokratie und Freihandel erzählt wird, desto weniger seriös sind die Vorhaben. Und nicht vergessen: wer nicht verhandeln will, führt Kriege.   

G 7: Apokalyptischer Budenzauber

Shit hits the Ventilator

Im Amerikanischen existiert diese schrecklich-treffende Metapher, dass ein Haufen Scheiße in den Ventilator fliegt. Den Rest des Bildes kann man sich vorstellen. Die Redewendung wird dann hervorgeholt, wenn sich ein Desaster über alle infrage kommenden Bereiche erstreckt. Insofern ist es folgerichtig, das G 7-Treffen im sizilianischen Taormina mit mit dieser Metapher zu beschreiben. Da kam ein amerikanischer Präsident, dem die Etikette egal sind, der sich an solchem Unsinn wie dem Weltklima nicht aufhält und der die deutsche Position des Exportweltmeisters kritisiert. Ehrlich gesagt, schlimmer konnte es für die dort Versammelten nicht kommen.

Dass die Benimm-Regeln von Trump nicht so ernst genommen werden, kann vielleicht noch mit einem Paradigmenwechsel beschrieben werden. Dort, wo es um Geschäfte geht, wird bei derben Witzen und zünftiger Umgebung knallhart verhandelt. Es ist eine andere Welt als die der Diplomatie. Und da sei eine kleine Replik an die so Empörten erlaubt: Geht es ansonsten um deren wirtschaftliche Interessen, dann sind sie auch nicht zimperlich. Und außerdem ist es fraglich, ob ein hochnäsig-blasiertes Populisten-Modell wie das britische so viel mehr Niveau mitbringt wie der teutonische Bullterrier von der amerikanischen Ostküste.

In Sachen Klimawandel und der nahezu obligatorischen Note gemeinsamer Anstrengungen dagegen zahlt sich jetzt aus, dass es fatal ist, sich jahrelang mit einem Gestus des guten Willens zu begnügen. Ohne tatsächliche gemeinsame Aktionen gegen die immer schneller werdende Erwärmung lässt sich schwer überzeugen. Trump argumentiert jetzt so, wie lange die Chinesen, die ihrerseits jedoch bereits auf einer ganz anderen Route sind und bereits Maßnahmen eingeleitet haben, die alle „gemeinsamen Schritte“ des Westens in den Schatten stellen werden. Auch wenn es einer nahezu permanenten Katastrophe im eigenen Land bedurfte, um dahin zu kommen. In den USA wird es nicht anders sein, obwohl dort schon weitaus drastischere Veränderungen zu beobachten sind als in Europa.

Der schwerste Schlag Donald Trumps war jedoch die Kritik an den deutschen Außenhandelsüberschüssen. Mit dieser Bemerkung hat er das von den USA selbst geschaffene System der beiden Weltproduktionsstätten, Deutschlands und Japans, zur Disposition gestellt. Die USA hatten sich nach dem II. Weltkrieg zwei Länder für diesen Job ausgesucht. Beide hatten mit den Vorkriegsproduktivkräften und einer dementsprechend qualitativen Work Force die Voraussetzungen mitgebracht, diese Funktion innerhalb einer us-kontrollierten Weltwirtschaft zu übernehmen. Dass es sich dabei um zwei Verlierermächte handelte, war kein Zufall. Dass Trump nun ausgerechnet diese Funktion anzweifelt beziehungsweise ihre Berechtigung zurückweist, zeugt davon, dass nichts mehr so sein wird, wie es einmal war.

Es ist gut, sich darauf einzustellen, dass ein von den USA aus gesteuerter Weltmarkt in dieser Form nicht mehr existiert. Die Trunkenheit nach dem Sieg über die Sowjetunion und das Gefasel über das Ende der Geschichte endet ein Vierteljahrhundert später mit der ernüchterten Feststellung, dass wir heute in einer wirtschaftlich multipolaren Welt leben, in der momentan heftig um die neue Dominanz gekämpft wird. Das wird einher gehen mit der Suche nach der neuen militärischen Vorherrschaft, die, noch, bei den wirtschaftlich angezählten USA liegt. Die neue Seidenstraße ist so ein Symbol, das genau beobachtet werden sollte.

Für Europa ist das alles gar nicht der passende Zeitpunkt. In Zeiten großen Wandels ist es immer von Vorteil, eine Strategie zu besitzen, um zu wissen, wo die eigene Zukunft liegen soll. Weder die EU als ganzes, noch Deutschland oder Frankreich vermitteln den Eindruck, über so etwas zu verfügen. Dann schon eher Großbritannien, das mit dem Brexit fulminant Kurs auf USA, Protektionismus und militärisch abgesicherte Zugriffe genommen hat. Noch einmal: Shit hits the ventilator!