Archiv für den Monat April 2017

Das Reaktionäre an der Bedienung des Geschmacks

Ich erinnere mich an eine Zeit, als sich alle möglichen Leute in einer asiatischen Metropole trafen, um das betreffende Land dabei zu unterstützen, nach Jahrzehnten der Diktatur wieder auf die Beine zu kommen. Diejenigen, die sich aus dem saturierten Europa auf einen solchen Weg begeben, wollen in ihrem Leben noch etwas reißen und sind in der Regel nicht Vertreter so genannter Durchschnittsbiographien. Und wie das so ist, wenn Menschen unter besonderen Umständen aufeinandertreffen, wenn sich die Gelegenheit bietet, dann erzählen sie von sich, woher sie kommen und was sie geprägt hat. So bekommen alle langsam einen Einblick in die Geheimnisse dieser Gruppe Gleichgesinnter.

Einer dieser Experten erzählte beim Bier immer wieder die Geschichte, wie er in den frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als er bei einem Hamburger Radiosender angestellt war, den Mut oder die Impertinenz besessen hatte, ein Stück von John Coltrane aufzulegen, das sechzehn Minuten dauerte. Das war etwas, was überhaupt nicht in die Programmvorstellungen der Verantwortlichen passte, es führte zu einer sehr schnellen Trennung von dem besagten Bekannten, hatte aber auch zur Folge, dass beim Sender nicht wenige Briefe großer Zustimmung eingingen.

Das Interessante an dieser Geschichte war die Art der Selbstheroisierung, die durch die ständige Wiederholung der Erzählung erfolgte, denn damit wurde das Gegenteil von dem erreicht, was die ursprüngliche Aktion zur Folge hatte. Dort hatte nämlich ein bewusst eingegangenes Risiko zu einer Innovation geführt. Der nostalgische Blick auf das Geschehene in der Vergangenheit wiederum stand weiteren Innovationen immer wieder im Weg.

Es handelt sich um die immens aktuelle Frage, inwieweit die Bedienung eines Massengeschmacks nicht dazu führt, den Stillstand zu konservieren und damit neue Formen von Innovation zu verhindern. Bleiben wir im Genre: Wohl in jeder Region der Republik existieren Radiosender, die sich über die Zustimmung ihrer Hörerschaft definieren. Und zwar einer Hörerschaft, die sich über die Heroisierung ihrer eigenen Vergangenheit definiert und an keinerlei Veränderung interessiert ist. Dort werden Musiktitel aus vergangenen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts gespielt, die immer wieder als Hits und Megahits oder als größte Hits aller Zeiten bezeichnet werden. Einmal im Jahr findet dann eine Hitparade statt, die die Reihenfolge der beliebtesten und damit der zu spielenden Titel bestimmt. Sie entsteht aufgrund der Befragung des Publikums und das Kuriose dieser Hitparade besteht darin, dass oft über Jahre keinerlei Veränderungen an diesem Geschmack festzustellen ist.

Die Redaktionen dieser Sender sind auf die Festschreibung ganzer Generationen auf eine bestimmte Geschmacksform festgelegt, die Hörerschaft fühlt sich durch den Stillstand wertgeschätzt und alle verfallen dem Mythos, dass früher alles besser war. Personen, wie der eingangs erwähnte Bekannte, die es wagen würden, einmal was Neues, Avantgardistisches, die Hörgewohnheiten Herausforderndes einzuspielen, scheint es nicht mehr zu geben. Der Stillstand wird zelebriert und das Publikum zu einer hermetischen Abschirmung von neuem Gedankengut erzogen.

Was das Beispiel der beschriebenen Radiosender belegt, ist die These, dass der exklusiven Bedienung des vorhandenen Geschmacks etwas renitent Reaktionäres anhaftet. Und es ist nicht nur reaktionär, sondern auch etwas Lächerliches. Nichts gegen einen nostalgischen oder auch romantischen Blick in die eigene Vergangenheit. Aber die menschliche Existenz definiert sich immer über die Perspektive für die Zukunft. Eine solche Zukunft Teilen der Gesellschaft abzusprechen, aus welchen Gründen auch immer, ist eine immens zynische Angelegenheit. Das erfordert doch einen rebellischen Gestus. Egal, welche Generation betroffen ist!

Eine Hommage an Ella F.

100 Jahre Jazz werden 2017 gefeiert. Und das passt gut zu Ella Fitzgerald die am 25. April 100 Jahre alt geworden wäre. Ein Naturtalent und eine Jahrhundertstimme die nachfolgende Generationen beeinflusst hatte. Sieben Jahrzehnte dauerte ihre überaus erfolgreiche Karriere an. Eigentlich wollte sie Tänzerin werden. Doch durch einen Zufall kam sie zum Gesang. Eine Gesangsausbildung […]

über Ella — Freiraum

Französische Zustände und deutsche Ratschläge

Die Lobeshymnen der deutschen Regierungspolitiker auf den französischen Kandidaten Macron sind einerseits verständlich, andererseits notorisch. Verständlich, weil das Bekenntnis zu einer bürgerlichen Demokratie und der Verzicht auf xenophobische Ressentiments liebenswürdiger erscheinen als ein sich in Schuldzuweisungen  und diktatorischen Tagträumen suhlender Nationalismus. Notorisch, weil gerade die radikale Version des Neoliberalismus, wie sie vor allem im deutschen Finanzministerium gepflegt wird, dazu beigetragen hat, dass sich die EU in Bezug auf ihren Zusammenhalt und ihre gemeinsame Identität in einem desolaten Zustand befindet.

Würde Macron gewählt, so bedeutete das das Festhalten an einer Doktrin der Ent-Staatlichung und Privatisierung wie der unlimitierten Bewegungsfreiheit von Kapitalströmen. Leiden würden immer größere Teile der Gesellschaft. Insofern hat es Frankreich mit einem Paradoxon zu tun, das tragisch ist: Durch die Wahl des neoliberalen Kandidaten Macron soll die Radikalisierung des Landes durch den Front National verhindert werden. Durch Macrons Wahl werden jedoch die Gründe für die Stärkung des Front National bei vielen Franzosen, die sich auf der Verliererstraße befinden, zunehmen.

Das ist ein Ball Pompös, der da aufgeführt werden wird. Vermutlich werden alle Parteien, die beim ersten Wahlgang abgestraft worden sind, dazu auffordern, Emmanuel Macron zu wählen, um Le Pen zu verhindern. Macron selbst verfügt jedoch über keine Parteibasis, seine Kampagne wird lediglich durch das Wahlbündnis En Marche getragen. Bei den später im Jahr folgenden Parlamentswahlen werden es jedoch wieder die Parteien sein, die die Mandate für die Sitze erhalten. Somit ist mit Macron ein Kandidat unterwegs, der alles mitbringt, grandios an den eigenen Parlamenten zu scheitern.

In den Parlamenten wiederum spiegelt sich die nahezu egalitäre Spaltung der Nation in Links und Rechts. Auch die erste Runde der Präsidentschaftswahlen dokumentiert dies. Und die Parlamentswahlen werden an diesem Zustand nichts ändern. D.h. ein neuer Präsident wird sich mit den bestehenden Parteien arrangieren müssen. Die französischen Probleme wird er so nicht lösen können. Wenn alles schlecht läuft, kann der jetzt umjubelte Macron zum Wegbereiter eines zutiefst nationalistischen Frankreichs werden, wenn er keine Mehrheit für einen anderen Weg zustande bringt. Als Ein-Mann-Show allerdings ein sehr ambitioniertes Unterfangen.

Bleibt zu monieren, dass es im befreundeten Deutschland niemanden zu geben scheint, der sich um die Freunde westlich des Rheins sorgt und auch nicht sieht, wie eine Alternative gestaltet werden müsste. Wenige Tage vor dem ersten Wahlgang hatten prominente Briten und Amerikaner, die durch Brexit und Trump  gelitten haben, die Franzosen gebeten, den linken Mélonchon zu wählen, weil sie die tödliche Gefahr des Neoliberalismus für die Demokratie längst ausgemacht haben.

Aus Deutschland kamen ähnliche Ratschläge nicht, weil dort bis in die Reihen der regierenden Sozialdemokratie die Illusion vorherrscht, der Neoliberalismus sei mit den Grundprinzipien der Demokratie vereinbar. Oder man geht noch weiter und goutiert die schlimmsten ideologischen Sprengsätze, die in letzter Zeit auf das Konstrukt Europa geworfen wurden: die Austeritätspolitik, die Zentralisierung der Finanzen, das Junktim EU-NATO oder sogar die Kaderschmieden eines Regime Changers a la George Soros. Die Dimension dieser Verblendung ist wohl auch die Ursache für die Hosianna-Rufe gegenüber Emmanuel Macron.

Was riet Heinrich Heine noch den Franzosen, wenn es um den Nachbarn aus Deutschland ging? Er erzählte von den nackten Göttern, die sich im Olymp die Zeit vertrieben, bis auf eine Figur, die unter ihnen weilte, bekleidet war und Schild und Helm trug. Es war die Göttin der Weisheit!