Archiv für den Monat Dezember 2016

Kalte Füße

Die Situation eskaliert. Die Reaktion derer, die sich über Jahrzehnte als Monopolisten bei der Formung öffentlicher Meinung fühlen konnten, wird immer wilder. Sie haben sich mächtig verheddert. Sie glaubten, zugunsten der Wertschätzung durch die herrschende Regierung die Sorgfalt, die in ihrem Beruf vonnöten ist, ohne Blessuren aufgeben zu können. Dieser Prozess, der zu einem vorläufigen traurigen Abschluss gekommen ist, hat insgesamt 10 Jahre in Anspruch genommen. Eigenartigerweise setzte er mit der Kanzlerschaft von Frau Merkel ein und war, übrigens unabhängig von sozialdemokratischer Beteiligung, nicht mehr aufzuhalten. Der Journalismus, der als vierte Gewalt in Form der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sogar von dem früheren Verfassungsrichter und späteren Bundespräsidenten Herzog ein Monopol erhielt, verkam mit dieser Macht im Rücken zu einer staatlichen Meinungsinstitution. Die Resultate breiten sich täglich vor einer immer resignierteren und zornigeren Öffentlichkeit aus. Massenweise Fake News als Staatspropaganda und mehr Konjunktive als Fakten. Es ist nicht mehr zu unterbieten.

Gleichzeitig brachte das letzte Jahrzehnt eine neue Qualität in die öffentliche Kommunikation und Interaktion. Mit dem Internet, den Informationsportalen und den sozialen Medien entstand eine Gegenöffentlichkeit, die immens an Einfluss gewann. Zunächst wurde sie einhellig auch vom Staatsmonopol gepriesen als der Korridor, der in eine neue Aufklärung und neue Dimensionen der Bildung führt. Dass das nur zum Teil zutreffen konnte, war zumindest denen klar, die sich mit der menschlichen Geschichte schon etwas intensiver und vielleicht auch länger beschäftigten. Die digitale Kommunikation wurde zeitgleich ein Kanal in die Aufklärung und in die Sphären des Obskurantismus und des Hasses. Beides entspricht dem, was sich in der Gesellschaft abspielt, ob das gefällt oder nicht.

Das Verheerende für die Monopolisten der öffentlichen Meinungsbildung war in diesem Kontext, dass sie ernsthafte Konkurrenz bekamen, während sie selbst die Qualität vernachlässigten. Jeder, der die Wirtschaft und ihre Mechanismen kennt, weiß, dass so etwas auf dem freien Markt das Todesurteil ist. Wenn die öffentlich-rechtlichen Anstalten noch existieren, dann nur aus einem gesetzlich fixierten Gewaltmonopol heraus. Qualitativ sind sie tot.

Dafür gesorgt hat eine systematische Unterwanderung dieser Institutionen, die, täten sie ihre Arbeit, dazu beitragen könnten, dass es in diesem Land eine größere Opposition gäbe, als sie sich momentan darstellt. Die Liste der leitenden Redakteure in ARD und ZDF, die nachweislich amerikanischen Lobbys und Think Tanks angehören, ist sehr lang und das Schlimmste ist, dass sie sich dessen noch rühmen. Sie haben in den letzten Jahren selbstherrlich und mit Mitteln der unzulässigen Vereinfachung und Emotionalisierung systematisch Feindbilder aufgebaut, die in Substanz wie Art und Weise noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen wären. Wenn ein regierungstreuer Journalismus so etwas produziert, ist klar, dass es die Regierung war, die das Land in eine Situation geritten hat, die ebenso inakzeptabel ist wie die Berichte, die dieses Desaster eskortieren.

Das Netz, dem die gestrigen Apologeten nun mit Haftbefehl und Polizei auf den Leib rücken wollen, bietet durchaus Chancen, eine Qualität in den Journalismus zurückzuholen, die die Union der Regierungssprecher abgelegt hat. Dabei steht außer Zweifel, dass eine hohe Bereitschaft herrschen muss, den Demagogen und Psychopaten den Einfluss zu erschweren. Die Etablierten hingegen haben ihr Vertrauen verspielt, die Messe ist längst gelesen. Es geht nun darum, ob der Status des Monopols bleibt oder die Propagandisten aus dem Monopol entfernt werden. Da geht es um Existenzen. Und deshalb haben sie kalte Füße.

Kommst du aus dem Dorf der Lüge?

Ein frühes Mysterium der Neuzeit war das Erscheinen des Kaspar Hauser im Jahr 1829 in Nürnberg. Der damals 17jährige junge Mann gab viele Rätsel auf. Die meisten sind bis heute gelöst, zumindest diejenigen, die die weit verbreiteten Legenden anbetrifft. Seit seinem Auftauchen und mehr noch, seit seinem frühen Tod 1833 regte er immer wieder die Phantasie an und schuf dadurch so manchen Mythos. Unter anderem wurden ihm bei seinem Auftauchen zwar wenig ausgebildete Sprachkenntnisse attestiert, dafür aber eine außergewöhnliche Intelligenz. Diese, so die bereits einsetzende Kolportage, habe zu vielen Untersuchungen und Examinierungen durch renommierte Ärzte und Wissenschaftler jener Zeit geführt.

Eine dieser Untersuchungen, die ein solches Gremium durchführte, sollte das logische Vermögen des Jungen auf die Probe stellen. Und die Aufgabe, die die Kommission ihm stellte, hatte es in sich. Sie lautete: Du stehst an einer Weggabelung. Die beiden Wege, die sich an dieser Gabelung treffen, kommen aus zwei verschiedenen Dörfern. In einem dieser beiden Dörfer sind die Bürger verpflichtet, immer die Wahrheit zu sprechen und in dem anderen, sie nie zu sagen, sprich immer zu lügen. Du weißt aber nicht, welcher Weg zu welchem Dorf führt. Nun kommt ein Mann aus einem der beiden Dörfer an deine Gabelung. Du hast nur eine Frage, um herauszubekommen, aus welchem der beidem Dörfer, dem der Wahrheit oder dem der Lüge, der Mann kommt. Was fragst du ihn?

Bis heute ist das sicherlich keine einfache Frage, und, das sei zugestanden, eine, die aktueller ist als je. Es ist damit zu rechnen, dass die sich aus weisen und wissenschaftlich denkenden Menschen zusammengesetzte Kommission mit einer die formale Logik würdigenden Antwort rechneten, oder dass sie zumindest darauf hofften. Es ist damit zu rechnen, dass dabei Gedankenspiele eine Rolle spielten, die sich mit einer einfachen Negation oder sogar der Negation der Negation beschäftigten. Doch der Mythos um Kaspar Hauser wäre kein Mythos, wenn nicht auch bei dieser legendären Spekulation etwas heraus gekommen wäre, das verblüfft. Denn Kaspar Hauser schoss die Antwort frontal in die denklastige Formation: Ich würde ihn fragen, ehrwürdige Herren, bist du ein Laubfrosch?!

Die Schlagfertigkeit, die von einer hohen sozialen Intelligenz und einem tiefen Bezug zum Leben spricht, ist genau das, was in hohem Maße verloren geht, wenn das Leben immer weniger von unmittelbaren Erfahrungen gespeist wird. Insofern kann die Kaspar Hauser zugeschriebene Antwort auch in das Reich der Legende verwiesen werden, denn nachweislich hat sich dessen Leben im ersten Jahrzehnt in einem Keller abgespielt, aus dem er nicht herauskam. Wichtig ist die Beobachtung, dass ein Großmaß an unmittelbarer Erfahrung davor bewahren kann, nicht jeder Lüge auf den Leim zu gehen. Oder anders herum betrachtet, wer in der rein virtuellen Welt sozialisiert wird, hat die bodenständigen Bezüge zum Leben nicht errichtet und mag insofern zugänglicher sein für die Adaption von Informationen, die aus dem Reich der Spekulation oder Manipulation stammen.

Auch hier, bei dem momentan heiß diskutierten Umstand der Desinformation im Netz, der sich auch die nun sehr echauffierten großen Medien in hohem Maße schuldig machen, ist die soziologische, psychologische und pädagogische Deutung sowie eine daraus entwickelte Gegenstrategie der einzig gangbare Weg. Nun nach Verboten und Polizei zu rufen, ist Populismus pur. Grüße nach Berlin!

In der Arena des gesellschaftlichen Diskurses

Nicht, dass alles entspannt wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Die Auflistung der Irrungen, Wirrungen und Verwerfungen ist lang. Das, was lange Zeit als geordnete Verhältnisse bezeichnet werden konnte, gehört längst der Vergangenheit an, obwohl auch das immer eine Frage des besonderen Blickwinkels ist. Der Blick auf die Welt hat immer etwas mit den eigenen Interessen und Befindlichkeiten zu tun. Manchmal wirken Geschehnisse aus anderen Teilen der Welt als nicht sonderlich interessant, manchmal erregen sie die Gemüter. Es fragt sich, wie das kommt. Vieles hängt damit zusammen, wie man es erfährt. Jetzt, zum Beispiel, im Falle Aleppos, tobt ein Sturm der Entrüstung, der verständlich ist, weil organisiert herbei geführtes menschliches Leid immer eine Tragödie ist. Aber, warum hinterlässt das Drama, das sich gleichzeitig im Jemen abspielt, eine Arktis der emotionalen Kälte? Ja, es sind immer die Interessen, die dabei eine Rolle spielen. Fragt sich nur, wessen Interessen es sind, die dazu aufrufen, im einen Fall medial zu mobilisieren und im anderen die Nachrichtensperre zu verhängen.

Die deutsche Gesellschaft befindet sich an einer Wegmarke. Vieles, was als geregelt galt, ist ins Wanken geraten. Das bestürzt viele, es beinhaltet auch Chancen. Manches spricht dafür, dass ein „Weiter so!“ in eine Katastrophe führen kann. Die Befindlichkeit in diesem Land orientiert sich sehr an dem Begriff der Stabilität. Sie ist es, die nicht mehr existiert. Sie existiert in den meisten Ländern dieser Welt schon lange nicht mehr. Überall, egal in welchem Winkel, macht sich die Beschleunigung breit. Die Beschleunigung durch Technik, die Beschleunigung von Verfahren und die Beschleunigung der Vergänglichkeit. Da ist es ratsam, sich gut zu überlegen, wie damit umgegangen werden soll, wenn nicht das Gefühl entstehen soll, getrieben zu sein.

In einer Zeit, in der sich der herrschende Geist als so weit entwickelt wie nie wähnt, ist es schon enthüllend, wenn plötzlich aus dem Fortschreiten der Weltbewegung so etwas wie Ratlosigkeit resultiert. Da kann etwas nicht stimmen. Und, diese These sei erlaubt, die Ratlosigkeit, die existiert, kommt aus dem Größenwahn, der im Rausch des Tempos entstanden ist. Er hat es zu einer bequemen Erscheinung gemacht, nicht mehr zu reflektieren, was eigentlich vor sich geht. Woher kommen die Impulse, was bezwecken sie und in welchem Verhältnis stehen diejenigen zu der erzeugten Energie, die davon betroffen sind? In einer Zeit, in der sich Feuilletonisten ohne Massenprotest selbst zu Philosophen erklären, ist es nicht verwunderlich, dass große Menschenmassen in der Orientierungslosigkeit versinken, ohne das die Hoffnung aus Abhilfe existierte.

Die in Stein gemeißelten Fragen einer jeden Philosophie, die sich drehen um so Schlichtes wie „wer sind wir?, wohin wollen wir?, was ist der Zweck unseres Handelns?, und welchen Werten folgen wir?“, sie sind kollektiv ausgeblendet, weil sie Elementares ans Tageslicht fördern. Ihre Erörterung würde dazu führen, vieles, das vor sich geht, in einem anderen Licht zu sehen und die Triebkräfte der Veränderung kritisch unter die Lupe zu nehmen. Letztendlich würde sich erweisen, dass wir uns in dem größten Prozess der Entmündigung befinden, der jemals stattgefunden hat. Und er nimmt seine Bahn, und das ist das Phänomen, ohne dass es denn meisten bewusst wäre, dass es so ist. Dieser Prozess kommt ohne Waffengewalt daher, und das kann er, weil kein kollektives Bewusstsein gegen ihn steht. Der klare Verstand, der sich selbst versichert, dass es in der Geschichte immer ein Subjekt und ein Objekt gibt, dieser klare Verstand ist es, der zurück geholt werden muss in die Arena des gesellschaftlichen Diskurses.