Archiv für den Monat August 2016

Ein Thrill und Historisches vom Balkan und der Schweiz

Philip Kerr. The Lady from Zagreb

Der britische Autor Philip Kerr ist bereits seit Jahren mit einer Kunstfigur unterwegs, die eine sehr heikle Mission verfolgt. Heikel im jeweils vorliegenden Narrativ, aber wohl noch heikler in ihrem eigenen Konstrukt. Es handelt sich um den Berliner Kriminalpolizisten Bernie Gunther, seinerseits ehemaliges Mitglied der Mordkommission, im Laufe der Machtergreifung der Nazis aber als bekennender Sozialdemokrat trotz exzeptioneller Fähigkeiten nicht geeignet für eine weitere Karriere. Ganz im Gegenteil, was Gunther überhaupt im Polizeiapparat hält, sind seine außergewöhnlichen Talente, auf die auch die Nazis nicht verzichten wollen. Gunther selbst such seinen Weg zu überleben, indem er den ständigen Drahtseilakt vollzieht zwischen Kompromiss und Subversion, immer den Abgrund vor Augen.

Das heikle an der Figur Bernie Gunther ist diese historische Konstellation, die im Metier des Kriminalgenres sehr schnell abgleiten kann in eine Form der Kolportage, die das historische Drama, das die Folie der Handlungen bildet, beschädigt und bagatellisiert. Das Erstaunliche ist jedoch, dass es Philip Kerr gelingt, diesen Absturz zu verhindern und darüber hinaus noch bestimmte Phasen in der Zeit des Nazi-Imperiums mit durchaus neuen und interessanten Aspekten zu beleuchten.

Mit dem Roman The Lady from Zagreb ist Kerr wiederum eine sehr anregende, manchmal vielleicht mit bestimmten historischen Aspekten überladene und etwas konstruierte Erzählung gelungen, die jenseits der sich aneinander reihenden Kriminalfälle geopolitische Aspekte der Kriegsjahre 1943 ff. ins Rampenlicht rücken. Jenen, die den Thriller für sich behalten wollen, sei das natürlich überlassen, es ist jedoch nicht zu viel verraten, von den Spots, dem Balkan wie der Schweiz ein kurzes Szenario zu entwerfen.

Durchaus glaubhaft und historisch belegbar wird von der deutschen Präsenz auf dem Balkan berichtet, von den Verbindungen vor allem zu den kroatischen Faschisten und deren Gräueltaten gegenüber allem, was Serbisch ist. Auch dort gab es Konzentrationslager, nur dort wurden sie von der kroatischen Terrororganisation Ustascha in einer Art und Weise geführt, dass selbst die SS den Atem anhielt und sich voller Ekel abwandte. Insgesamt ist der Balkan für die deutschen Nazis eine sehr unangenehme Erfahrung gewesen, die auf den dort üblichen Grausamkeiten beruhte, was angesichts der Schuldliste der Nazis fast wie eine Unmöglichkeit erscheint. Als Randnotiz sei erwähnt, dass allerdings genau die Bündnisse, die aus dieser Zeit stammen, zur außenpolitischen Neupositionierung der Bundesregierung nach dem Zerfall Jugoslawiens in den 1990iger Jahren geführt haben. Die alten Bündnisse funktionieren noch und es ist an Absurdität nicht zu überbieten, dass ausgerechnet die moralische Keule gegen Serbien bei der Vorbereitung einer militärischen Operation ausgepackt wurde.

Das andere, in The Lady from Zagreb ausgepackte Thema ist das Verhältnis der Nazis zur offiziell unabhängigen Schweiz. Kerr zeigt in seinem Krimi sehr gut, wie groß die beiderseitigen Abhängigkeiten waren. Hier die Schweiz, die nur mit deutschen Devisen die Neutralität durchhalten konnte und aufgrund dessen mit den Nazis immer wieder Geschäfte machte, die in der offiziellen Geschichtsschreibung des Landes keine besondere Hervorhebung genießen. Und dort ein in der Administration gespaltenes Deutschland, das einerseits ständig die Invasion der Schweiz gedanklich durchspielte und andererseits in einer neutralen Schweiz das Tor zu Verhandlungen nach einem möglichen Ende des Monsters sahen.

The Lady from Zagreb ist ein Kriminalroman, der neben der eigentlichen Handlung vieles abwirft, das Gegenstand weiterer Betrachtung sein sollte. Insofern handelt es sich auch hier um ein Exemplar, das weit über vielen anderen des Genres steht.

Staatsfernsehen

Der konservative Kanzler Kohl und der ebenso konservative Bundespräsident Herzog waren weitsichtige Männer. Sie fädelten bereits vor dreißig Jahren das ein, worüber sich halbwegs analytisch denkende Menschen jeden Tag erzürnen müssen. Es ist die Befindlichkeit in der gegenwärtigen Medienlandschaft. Helmut Kohl setzte, im Zusammenspiel mit einem Förderer der CDU, dem Medienmogul Leo Kirch, die Etablierung des Privatfernsehens durch, das es bis dahin nicht gab. Die damals formulierte Kritik an kaufbaren Medien, die zur Massenmanipulation geeignet sind, griff Herzog als Präsident des Bundesverfassungsgerichtes auf und sicherte den öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten ein dauerhaftes Monopol zu. Beide Politiker argumentierten, es müsse einerseits die Freiheit geben, selbst auf Sendung gehen zu können und andererseits gesichert sein, dass eine kritische Reflexion von Politik mit einem öffentlichen Auftrag gesichert sein müsse.

Bei Einführung des Privatfernsehens wurde viel über die zu erwartende Qualität spekuliert. Und die Kritiker schienen Recht zu behalten, die ersten Produktionen, die auf Sendung gingen, waren scheußlich und ständig von Werbung unterbrochen. Schnell etablierte sich ein Unterschichtenfernsehen, das sich in den Untiefen sozialer Tristesse und persönlicher Verzweiflung aalte und lange Zeit schien es so, als sei die Existenz zweier Rundfunk- und Fernsehwelten, die sich gravierend voneinander unterschieden, gesichert. Womit kaum jemand gerechnet hatte: nicht die privaten Anstalten orientierten sich qualitativ an den öffentlich-rechtlichen , sondern umgekehrt. Die Einschaltquoten wurden zum Maß aller Dinge und der unaufhaltsame Fall der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten konnte beginnen.

Die heutige Situation stellt sich dar als ein im Vergleich zu früheren Jahrzehnten verheerend unkritischen Journalismus und einer gefärbten wie selektiv betriebenen Information. Wer hätte gedacht, dass sich irgendwann einmal Bürger der Republik bei ausländischen Medien informieren müssen, um sich ein Bild darüber machen zu können, was auf der Welt passiert. Die Erfahrungen, die dabei entstehen, sind entsetzlich, denn es stellt sich heraus, dass sich das staatlich geschützte Monopol, dass als demokratische Kontrollinstanz gedacht war, als ein Staatsfernsehen reinsten Wassers verfestigt hat. Zudem ist es regelrecht unterwandert von US- geförderten Journalisten. Das Personal besteht zum einen aus diesen Boten amerikanischer Think Tanks und zum anderen aus dem schwülstigen Demokratieproporz der ökologischen Erwachungsphase, das über die Phase der political correctness nun das Stadium der Kriegstreiberei erreicht hat.

Ganz nach dem Motto, komm, wir spielen Konsensdemokratie, hat sich, wie anders zu erwarten und von den Privaten als Pilot vorgemacht, ein Talk- und Moderationsformat etabliert, in dem nur zugelassene Positionen austariert werden. Analysen, die in die Tiefe gehen, finden nicht statt und sobald Positionen vertreten werden, die nicht der Intention entsprechen, werden regelrechte Kampagnen gegen deren Vertreter gefahren. Die Stars sind die Moderatoren, die bis zu 100.000 Euro pro Sendung einstreichen. Sie sind die Ideologen, für gute Journalisten in den Nachrichtensendungen ist angeblich kein Geld da. Eine Reform von Innen heraus und mit diesem Personal, scheint nicht mehr möglich zu sein.

Die alte Weisheit der südamerikanischen Revolutionäre, dass du die Lehrer, die Redakteure und die Polizisten brauchst, um die Verhältnisse zu ändern, hat nicht an Bedeutung verloren. Das Bildungssystem ist durch Diffusion wirkungslos, der Polizeiapparat noch das am besten erreichbare Organ, weil dort direkte Erfahrungen mit den tatsächlichen Lebenswelten vorliegen, und die öffentlich-rechtlichen Medien haben ihren Tiefpunkt erreicht. Aber es ist besser, sich der Wahrheit zu widmen als sich in der Illusion zu verlieren.

Die Zukunft begraben?

Geduld ist eine Größe, die von Individuum zu Individuum und von Gesellschaft zu Gesellschaft variiert. Und Geduld ist eine Qualität, die sich direkt aus dem Verhältnis der Handelnden zur Zeit bestimmen lässt. Wer keine Zeit hat, ist auch nicht geduldig und wer geduldig ist, der ist bereit, von seinem Zeitkontingent etwas herzugeben. Das Verhältnis von Geduld und Zeit hat sich mit dem, was allgemein das Entwicklungstempo genannt wird, dramatisch verändert. Gesellschaften, um genauer zu sein Ihre Geschäftsprozesse, sind schneller geworden. Heute existieren routinemäßige Untersuchungen über die Geschwindigkeiten von Gesellschaften. Genommen werden die wesentlichen Prozesse, die das Funktionieren einer Gesellschaft bestimmen und es wird gemessen, wie lange die jeweiligen Organe durchschnittlich brauchen, um deinen solchen Prozess abzuschließen. Das reicht von der Reisedauer zwischen Städten mit öffentlichen Verkehrsmitteln über die Herstellung und Verteilung von Grundnahrungsmitteln bis zu einem Gesetzgebungsverfahren.

Der Westen hat mit der Aufklärung für sich und den Rest der Welt eine Bewegung ins Leben gerufen, die vieles verändert hat, deren letztendliche Konsequenz aber noch nicht abzusehen ist. Die bürgerliche Revolution hat unter dem hier zu betrachtenden Aspekt zwei wesentliche Resultate gezeitigt. Sie hat mit der Öffnung der Gesellschaft für die Resultate der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung die Tür zu Industrialisierung und Konkurrenz geöffnet und sie hat durch die Individualisierung die Entwicklungsdimension einer Gesellschaft auf die Lebenszeitbetrachtung einzelner Generationen reduziert. Beides trug zur Beschleunigung gesellschaftlicher Prozesse wie zu einer Reduzierung der Geduld bei.

Das westliche Individuum ist aufgrund dieser Entwicklung zu Überzeugungen gekommen, die nicht überall in der Welt und in anderen Kulturkreisen gegriffen haben. Die Erwartung, Freiheit und Glück in der eigenen Biographie erreichen zu können, hat in Anbetracht des eigenen Anteils zu einer Jagd geführt, die als Formulierung, dem Recht auf die Jagd nach Glück, sogar expressis verbis Eingang in die amerikanische Verfassung gefunden hat. Die Folge ist für die allgemeine, längere Perspektive der Gesellschaft fatal: aus Heroismus, der Bereitschaft des Individuums, sich für die Sache der Allgemeinheit aufzuopfern, wurde Hedonismus, in seiner heutigen Form Konsum und Luxus des Einzelnen im Jetzt. Auch für die Politik hat das Konsequenzen. Mit Zielrichtungen wie Nation oder Gerechtigkeit sind keine Wahlen mehr zu gewinnen. Es geht um Wohlstand und Sicherung.

In den so genannten kollektivistischen Gesellschaften, die mehrheitlich in Asien leben und allen voran China, hat diese Individualisierung nicht stattgefunden und dort spielt sie auch keine Rolle. Dort heißt es auch nicht Freiheit und Glück, sondern Reichtum und Glück. Wobei der Reichtum durchaus immaterieller Natur sein kann. Insgesamt weist der Kollektivismus ein anderes Verhältnis zu Zeit und Geduld auf. Der zeitliche wie geographische Horizont der Betrachtung ist weiter gefasst und die Bedeutung der einzelnen Teile bei der Betrachtung des Ganzen ist weitaus geringer als im Westen.

Als im Dezember 1997 das Handover von Hongkong zurück an China stattfand, hatten sich die Briten vorher vertraglich den Sonderstatus von Hongkong als Freihandels- und Rechtsraum von der Volksrepublik China für einen Zeitraum von 50 Jahren vertraglich zusichern lassen. Für westliche Verhältnisse schien das ein großer Zeitraum zu sein. Kürzlich erzählte mir ein Honkong-Chinese, 19 Jahre seien bereits verstrichen. Schauen wir mal, räsonierte er lächelnd und entspannt, was 2047 passieren wird. Eine Betrachtungsweise, die so im Westen gar nicht mehr stattfindet. Die Zukunft scheint begraben zu sein.