Archiv für den Monat März 2016

Die Harmonie von Wall Street und Charity

Bertolt Brecht. Die Heilige Johanna der Schlachthöfe

Kurz nach dem großen Börsencrash in der New Yorker Wall Street schrieb Bertolt Brecht 1929/30 Die Heiligen Johanna der Schlachthöfe. Auf die Bühne konnte das Werk in Deutschland nicht mehr gebracht werden. Die Uraufführung kam erst 1959 in Hamburg unter der Regie von Gustav Gründgens zustande. Bertolt Brecht wandte sich mit dem Stück den konkreten wirtschaftlichen Auswirkungen des internationalen Finanzkapitalismus zu. Dass er sich als Ort der Handlung die Fleischfabriken Chicagos aussuchte, hatte zweierlei Gründe. Zum einen entsprach der Ort seiner Konzeption von geographischer Ferne, um Verhältnisse, die ebenfalls sein eigenes Publikum betrafen, aus der direkten Hitze der örtlichen Auseinandersetzungen zu nehmen, um der kühlen Reflexion mehr Raum zu geben. Zum anderen standen die Schlachthöfe Chicagos für die schamloseste Variante kapitalistischer Ausbeutung. Bereits 1906 hatte der Amerikaner Upton Sinclair mit seinem Roman Der Dschungel weltweites Entsetzen über die dortigen Verhältnisse ausgelöst.

Die Heilige Johanna der Schlachthöfe geriet zu einem sehr komplexen Stück, das in der Folge und bis heute in mancherlei Hinsicht das Publikum überforderte. Ursache dafür war die Absicht, gleich zwei essenzielle Fragen in den Fokus zu stellen. Es ging Brecht um die börsengesteuerte Funktionsweise von Angebot und Nachfrage sowie um die Erörterung der Wirkung von religiös motivierter Wohltätigkeit. Beides wird von den beiden Protagonisten, der anfangs im Auftrag der Heilsarmee agierenden Johanna und dem Fleischspekulanten und Börsianer Mauler personifiziert. Ihre Interaktion ist das reflektierte Zentrum des Stücks. Während Johanna an Mauler herantritt und ihn um die Öffnung der Fabriken für die ausgesperrten Arbeiter bittet, versucht dieser, den Zeitpunkt seiner Entscheidungen mit den für ihn jeweils wirtschaftlich günstigsten Wirkungen zu koordinieren.

Die zunächst religiös motivierte Johanna gerät in der laufenden Handlung immer mehr in Zweifel, weil sie die Abhängigkeit ihrer eigenen Organisation von den agierenden Kapitalisten begreift und sie die Ausweglosigkeit der Streikenden und ausgesperrten Arbeiter immer mehr motivieren, sich mit ihnen zusammenzuschließen. Doch dort begegnet sie aufgrund ihrer Vergangenheit bei der Heilsarmee großer Skepsis. Mauler, der immer wieder Dossiers von seinen Freunden der New Yorker Börse erhält, spielt sein Spiel, das auf Monopolbildung und maximalen Gewinn ausgerichtet ist. In einem solchen Konstrukt ist für ein Happy End kein Platz. Johanna begibt sich zu den streikenden Arbeitern ins Schneetreiben, bekommt eine Lungenentzündung und stirbt. Mauler, der immer wieder das Gebaren eines Börsentickerjunkies an den Tag legt, spielt das Spiel zu Ende. Er kauft alle Fleischvorräte auf und cornert sie, wie der Terminus für die künstliche Verknappung lautet, um sie später für Wucherpreise an die Hungernden verkaufen zu können. Als sein Deal gelingt, spendet er reichlich an die Heilsarmee, die ihrerseits die an diesem Widerspruch gescheiterte Johanna zur Heiligen erklärt.

Die Heilige Johanna der Schlachthöfe beschreibt die Funktionsweise des Raubtierkapitalismus in drastischer, aber treffender Weise. Gleichzeitig macht das Stück deutlich, dass die organisierte Wohltätigkeit Bestandteil dieses Systems und nicht dazu geeignet ist, die Verelendung der Arbeiter aufzuhalten. Ganz im Gegenteil, sie hält davon ab, sich der politischen Konsequenzen bewusst zu werden, die vonnöten sind, um das System der spekulativen Inszenierung von Angebot und Nachfrage zu überwinden.

Die Verbilligung von Produkten, um die Konkurrenz auszuschalten und dessen Cornern oder Horten, um den Preis nach Erreichung der Monopolstellung in die Höhe treiben zu können wie die Illusionserzeugung durch den Charity-Gedanken sind bis heute brandaktuell.

Wahlen: Ein Recht verwirken lassen?

Es mangelt nicht an Appellen. Geht zur Wahl, gleich einem Mantra wird wiederholt, wie wichtig es ist, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen. Angesichts der Geschichte ist es eine vernünftige Einlassung. In Europa gab es Zeiten, in denen kein Wahlrecht existierte. Dann wurden Teile der Bevölkerung, zumeist die privilegierten, zugelassen, um sich zur Besetzung von Staatsfunktionen oder Entscheidungsgremien zu äußern. Nach und nach, in einem alles andere als friedlichen Prozess, wurde das freie, geheime und gleiche Wahlrecht erfochten. Das Wahlrecht, auch für Frauen, ist in Deutschland ohne die organisierte Arbeiterbewegung undenkbar. Die Etablierung dieses Rechts hat nicht dazu geführt, dass die Mehrheiten ihre Politik hätten verwirklichen können.

Demokratie und Parlamentarismus basieren auf Kompromissen und Machtverhältnissen. Auch in dieser Staatsform ist bereits im Namen der Terminus der Herrschaft geblieben. Das zu bewerten ist Unsinn, weil Herrschaft zu den Axiomen gesellschaftlicher Verhältnisse gehört. Zu suggerieren, es wäre nicht so, ist eine Verkennung sozialer Existenz und erzeugt Illusionen. Wer wählen geht, schafft keine Herrschaftsverhältnisse ab. Er oder sie kann die Ausübung von Herrschaft beeinflussen, aber nicht die Herrschaft selbst.

Allerdings existieren noch andere Zonen auf dieser Welt, in denen selbst dieses Recht sehr vielen verwehrt wird. Da wird überhaupt nicht gewählt, oder wenn, werden die Ergebnisse so gebeugt, dass die Herrschenden genau das machen können, was sie sowieso vorhatten. Es ist der zivilisatorisch primitivste Zustand, den das Zeitalter der Moderne noch zu bieten hat. Aus der Perspektive dieser Staaten sind die Rechtsverhältnisse in unseren Breitengraden ein Privileg, das viele andere gerne hätten.

An die intrinsische Motivation zu appellieren oder auf sie zu setzen, wie dieses gerade in diesen Tagen immer wieder gemacht wird, greift zu kurz. Der Appell setzt auf ein Langzeitgedächtnis, das in dieser Form kaum noch existiert. Die Erfahrungen, die dazu geführt haben, dass der Wille, zur Wahl zu gehen, auf immer weniger Resonanz stößt, gehen zum einen darauf zurück, dass die rechtsstaatliche Existenz über einen sehr langen Zeitraum nicht mehr fundamental gefährdet war. Niemand, außer den sehr Alten, kennt noch aus eigener Anschauung die Zeiten, in denen die Schergen einer Diktatur im Morgengrauen mit einem LKW Vorfahren konnten, um Freigeister und andere Unliebsame einzuladen und sie in Folterkeller oder Todeslager abzuholen, ohne dass etwas dagegen hätte unternommen werden können.

Die andere, vielleicht noch wichtigere Erfahrung hat ein komplizierteres Umfeld. Es geht dabei um eine Verselbständigung von Politik, die vieles so erscheinen lässt, als würden die Bedürfnisse, die die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler, die von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben, danach kaum noch eine Rolle spielen. Dafür spricht vieles, wenn man sich konkrete Regierungspolitik genauer ansieht. Ein weiterer, wichtiger Aspekt, ist die Verabschiedung der Politik, und an diesem Prozess ist die gesamte Bevölkerung beteiligt, von einer Programmatik, um die es geht. Politik hat sich personalisiert. Bei aller Diskussion um ihre Richtung spielen die persönlichen Stärken und Schwächen und ihre Vermarktungsmöglichkeit eine größere Rolle als die Weichen, die gesellschaftspolitisch gestellt werden müssen, um das komplexe Gebilde am Laben zu erhalten. Politik ist in vielerlei Hinsicht zu einem Showbusiness geworden, dessen gesellschaftliche Relevanz immer mehr an Bedeutung verliert. Das aufzulösen ist die eigentliche Aufgabe.

Und dennoch: Ein Recht verwirken zu lassen führt nie zu dessen Stärkung. Es ist der Gestus von Beleidigten, die nicht mehr die Kraft aufbringen, um Gestaltung zu kämpfen.

Glücksritter und Verfahrenspriester

Und täglich von neuem: In der Krise manifestieren sich Risiken wie Chancen. Die Form, in der sich das Management von Krise offenbart, gewährt immense Chancen für eine Diagnostik über die Organisation insgesamt. Wird nach Lösungen gesucht? Werden Chancen geortet? Werden Potenziale gesichtet oder erhellen neue Erkenntnisse und positive Lernprozesse den dunkel erscheinenden Horizont? Das negative Pendant sieht die Risiken und Gefahren, die Vorkommnisse, die notwendigerweise zu einem kollektiven Ende führen müssen und die Unabänderlichkeit, mit der das Schicksal besiegelt ist. Am Ende steht die kollektive Depression, in Deutschland zumeist noch der kollektive Amoklauf. Auch der deutet sich in Konturen an.

Gegenwärtig ist noch ein anderes Phänomen zu beobachten. Die, die nach Lösungen suchen, sind in der Minderheit, die, die bereits den Untergang zelebrieren, wachsen in ihrer Zahl, bilden aber nicht die Mehrheit. Letztere, und zwar die überragende, lässt sich in anderen Verhaltensmustern finden, die zum Teil erprobt und zum Teil neu sind. Eine Variante vermutet in der Krise nicht die Chance der Lösung, sondern die Chance der Verbesserung der eigenen Ausgangslage. Da werden taktische Vorteile gesucht, da werden Besitzstände gewahrt und neue erfochten. Da wird die Krise zum Anlass genommen, um andere über den Löffel zu barbieren und die eigenen Depots prall zu füllen. Das Muster hat sich zu einem Massenphänomen entwickelt und ist in unzähligen Situationen zu beobachten. Die Krise ist der Vorwand für neue Spielregeln, die Argumentation appelliert an den Gemeinsinn, aber Zweck ist der eigene Vorteil.

Eine andere Variante, die weder mit Bewältigung noch mit Depression verwandt ist, und die auch nicht als Phänomen der Verdrängung identifiziert werden kann, ist die exzessive Zuwendung der Aufmerksamkeit auf die Verfahren. Ja, auch die Systemtheorie spricht von der Legitimation durch Verfahren. Aber dieses Memento wirkt nur, wenn die Verfahren ein bestimmtes Ziel verfolgen. Die Verfahrensexzesse, die gegenwärtig zu erleben sind, haben sich selbst als Ziel. Sie sind das Ergebnis einer Verselbstständigung der Mittel.

Das Phänomen der Instrumentalisierung der Welt ist nicht neu. Das hat es immer gegeben. Und in Zeiten der gediegenen Saturiertheit ist es gar nicht so ungewöhnlich, mit den Instrumenten zu spielen anstatt sich den essenziellen Fragen der Zielerreichung und Lebenswirkung zu stellen. In Zeiten der Krise jedoch dokumentiert die exzessive Aufmerksamkeit auf Qualität und Beschaffenheit von Verfahren eine ebenso entwickelte Ignoranz gegenüber der Dringlichkeit von Handlungen. In der Not, so heißt es, frisst der Teufel fliegen. Da sitzt er nicht am Tisch und pocht auf das Drei-Gänge-Menü, das er normalerweise an diesem Tag gewohnt ist. Die Verfahrenspriester aber sind keine Teufel, die sich aufs Überleben verstehen.

Es erscheint eher so, als seien die Glücksritter, die aus der Krise Profit schlagen wollen und die Verfahrenspriester, die das Ritual höher einschätzen als die Füllung de Mägen, Agenten dieses Teufels. Der Teufel selbst wird überleben, weil er das Spiel schon tausendmal gespielt hat und er weiß, dass Fliegen Eiweiß enthalten. Die Glücksritter werden sich wohl gegenseitig erlegen und die Verfahrenspriester werden gar nicht erst bemerken, wenn sich ihr Debattiertisch bereits im Jenseits befindet.

Es ist ein schlimmes Wort, das abgedroschener nicht sein könnte. Aber dieser Umgang mit Krise, der nun durch das Land geht, der peitscht es immer wieder auf die Zunge. Der Schrecken, den es erzeugt, hat einen Namen: Es ist die Dekadenz.