Archiv für den Monat März 2016

Futur II und Plusquamperfekt

Es steht außer Zweifel, dass das Studium der Geschichte in hohem Maße dazu beiträgt, die Gegenwart zu verstehen. Gerade in unseren Tagen, die geprägt sind von wachsenden Geschwindigkeiten und sinkenden Halbwertzeiten dessen, womit wir unser Dasein gestalten, scheint die Geschichte ein schnöder Mammon geworden zu sein, allenfalls noch attraktiv für die Menschen von gestern. Folgerichtig sinkt das oral Überlieferbare an relevanter Geschichte. Menschen, die reflektieren, was sie oder die noch verfügbaren Generationen vor ihnen erlebt haben, gehören zu einer immer kleiner werdenden Minderheit. Daneben existieren Datenbanken, zugänglich für jedermann, aber auf die greifen nur die Experten zu und wären sie nicht virtuell, dann würden sie verstauben.

Doch auch die Historiker, die sich professionell mit der Materie der Vergangenheit beschäftigen, sind nicht par excellence Experten für die Deutung der Gegenwart. Lassen sie sich in den Dienst virulenter Tagesinteressen stellen, so beschädigen sie ihre eigene professionelle Reputation. Heinrich August Winkler ist so einer. Mit seiner Geschichte des Westens hat er sicherlich ein Werk geschaffen, das dazu beitragen könnte, die Entwicklung der Politik aus einer bestimmten Perspektive zu erhellen. Seit er sich jedoch auf die Rampe hat stellen lassen, um eine Synchronität abendländischer Werte mit der NATO herzustellen und an der Konstruktion eines russischen Feindbildes zu werkeln, hat er die historischen Wissenschaften weitreichend betrogen. Für diese Leistung wird er nun auf der Leipziger Buchmesse geehrt. Willkommen in der Gegenwart!

Die Geschichte bleibt trotz solcher Enttäuschungen ein Metier, das nicht nur bei der Dechiffrierung der Gegenwart helfen kann. Da die Geschichte Grundmuster menschlicher Handlungsweisen in bestimmten Kontexten freilegt, kann sie sogar dazu dienen, es mit den Potenzialen der Zukunft aufzunehmen. Im Westen, um bei Winklers Perspektive zu bleiben, ist das allerdings weniger ausgeprägt als in Asien, vor allem in China. Während hier, tief im Westen, die Deutung von Zukunft immer noch mit Krankheit, Irrsinn oder Magie assoziiert wird, gehört die Betrachtung von Geschichte und Zukunft in China zu einer Grundübung eines jeden gebildeten Menschen. Der Westen, mit seiner atemberaubenden Verwertungslogik, erscheint dagegen wie eine Amöbe.

Das war nicht immer so. Nicht vergleichbar mit China, aber immerhin hatten die politischen Parteien des bürgerlichen Zeitalters noch den Anspruch, Zukunft zu gestalten. Niederschlagung fand das in politischen Programmen, die dazu geeignete waren, einen Zukunftsentwurf zu lesen. Mag es zum einen die Schnelllebigkeit sein, die zum Verschwinden dieser Programme beigetragen hat, zum anderen war es die wachsende Furcht, sich festzulegen und damit von der Geschichte widerlegt zu werden. Alles, was den Anspruch dokumentiert, über Zukunft nachdenken zu wollen, setzt sich der Gefahr aus, bei Bekanntwerden skandalisiert zu werden. Da wundert es nicht, dass sich Politikerinnen und Politiker hüten, Aussagen zu Ihrer Meinung über die Zukunft zu machen. Die bequemste, aus gesellschaftlichem Interesse aber auch die dümmste Konsequenz aus diesem Dilemma ist die Aussage „Wir fahren auf Sicht“!

Bei allen Schwierigkeiten, die bei der Beschreibung einer verständlichen Kontur von Zukunft auftreten und die durch wachsende Interdependenzen und größere Komplexität nicht weniger werden, jeder kann es üben. Es ist schwer, aber es sollte versucht werden. Peter Weiss hat das auf den letzten Seiten seiner Ästhetik des Widerstandes gemacht. Da beschreibt er Entwicklungen, die in der Zukunft schon abgeschlossen sind. Selbst das Deutsche tut sich damit schwer. Futur II und Plusquamperfekt. Versuchen Sie es mal! Geben Sie der Zukunft eine Chance!

Der inszenierte Schock

Vordergründig geht jetzt alles sehr schnell. Da entstehen über Nacht politische Karrieren und andere fallen vom Himmel der Publizität herunter wie schwere Meteoriten. Schon während des Wahlkampfes war zu beobachten, dass manche, die sich als Gladiatoren wähnten, die erforderliche Professionalität im Spiel der Macht gewaltig unterschätzt hatten. Wer schlichten Gemütes nur noch dem Instinkt folgte, der demoskopischen Mode zu frönen, ohne die Möglichkeit des eigenen Scheiterns mit einzukalkulieren oder das Szenario einer schwierigen Koalitionsbildung mit in Erwägung zu ziehen, der war schon tot, bevor das Wahlvolk an die Urnen ging. Die ehemalige Weinkönigin aus der Pfalz ist so eine, und der mit dem grimmigen Kuscheltier aus dem Schwabenland ebenfalls. Menetekel upharsin, gewogen und zu leicht befunden.

Für alle, die dieses Spiel mögen, und es sind nicht wenige, werden es noch spannende Tage werden. Denn über das wilde spekulieren um Personen hinaus bekommt das Publikum noch eine Lehrstunde erster Güte über die Wertschätzung der Akteurinnen und Akteure hinsichtlich des Wählervotums. Das Geschwafel von einer Deutschland-Koalition in Baden-Württemberg ist eine solche Lehrstunde, die zeigt, dass vielen der Napf wichtiger ist als das Mandat. Aber, das sollte nicht vergessen werden, es geht nicht in erster Linie um dieses Spiel.

Viel bedeutender ist die Frage, wie die Parteien, die hinter den handelnden Personen stehen, mit dem Wahlergebnis umgehen. Da zeigt sich schnell, ob sie bereit sind, zu lernen, oder sie sich dogmatisch auf ein Weiter so! beschränken. Der gewaltige Zuspruch, den die AfD in weiten Kreisen des Wahlvolkes erhalten hat, sollte Anlass genug sein, sich darüber Gedanken zu machen, was da eigentlich passiert ist. Wer jetzt mit der Bildungskeule kommt und das Wahlverhalten mit der Dummheit der Leute erklärt, der hat nichts gelernt oder nichts begriffen oder beides. Mögen die Parolen oder die Personen, die diesen Zuspruch erhalten haben nun gefallen oder nicht, es spielt keine Rolle. Die Wählerschaft der AfD ist zu diffus, als dass sie eine gemeinsame politische Programmatik überhaupt zuließe. Die These sei aufgestellt: die AfD hätte sagen können, was sie gewollt hätte, sie wäre in den gleichen Anteilen gewählt worden.

Vieles, sehr vieles spricht dafür, dass es der Gestus war, mit dem diese Partei ihre gegenwärtige Bedeutung erlangt hat. Und es ist in der Geschichte nicht neu, dass die Inszenierung des Schocks zuweilen ausreicht, um Sympathien zu erlangen. Wer sich als das Enfant terrible präsentiert, oder sich von mir aus auch wie eine Wildsau aufführt und gegen alles verstößt, was in der politischen Landschaft an Tischsitten etabliert ist, der bekommt nur dann Applaus, wenn diese Tischsitten nicht mehr akzeptiert werden. Das Protestative dieser Wählerinnen und Wähler bezieht sich auf die Intransparenz von Entscheidungen, den Moralismus der öffentlichen Personen, die tendenziöse Berichterstattung über alle Dinge, die von Belang sind und es bezieht sich auf die Feindbilder, die das politische Establishment selbst geschaffen hat.

Die alles beherrschende Frage, wie die AfD entlarvt und ihre Wählerinnen und Wähler bekehrt werden können, ist nicht mit den bekannten Kampagnen gegen die AfD zu beantworten. Wer es wirklich ernst meint, der beginnt damit, der Intransparenz des eigenen politischen Handelns den Kampf anzusagen, dem unerträglichen, dogmatischen und erzieherischen Moralismus eine Absage zu erteilen, mitzuhelfen, das Rundfunk- und Pressewesen wieder zu professionalisieren und die infame Produktion von Feindbildern selbst einzustellen. Geschähe das, wäre der Schock ein heilsamer gewesen.

Willkommen in der Ära Bush!

Trotz der immer wiederkehrenden Botschaft, Deutschland sei das Land der Sonderwege, die zudem nicht falsch ist, eine Analogie lässt sich ebenso wenig leugnen. Es ist der Nachhall auf Bewegungen in den USA. Das ist kulturell so, das ist wirtschaftlich so und das trifft auch auf die Politik zu. Kulturell befindet sich die Berliner Republik ebenso im Nirwana wie die USA vor zehn Jahren, wirtschaftlich posaunt ein Bundesfinanzminister seine liberalistische Doktrin in den Äther wie dort vor zwanzig Jahren und nun kommt hier die Dämmerung auf, die auf Bill Clinton folgte und durch den Namen George W. Bush geprägt wurde. Wer sich mit der politischen Atmosphäre auseinandersetzen möchte, die das Ende der Clinton-Ära prägte, dem sei Philipp Roth´ Roman Der menschliche Makel empfohlen. Es ist ein erschütternder Verweis, welches Unrecht Political Correctness auslösen kann und wie sehr sich diese instrumentalisieren ließ. Der Aufschwung der Republikaner speiste sich aus einem Überdruss der Bevölkerung an allem, was mit Multi-Kulti, Öko und Gleichstellung zu tun hatte.

Nun folgt Deutschland nicht der Entwicklung in den USA 1:1. Neben der zeitlichen Verzögerung sind auch noch andere Nuancen wahrzunehmen, die nicht unterschätzt werden dürfen. Die gestrigen Wahlen in drei Bundesländern haben es vor allem sehr schwer gemacht, die Situation, in der sich vor allem die Volksparteien der CDU, SPD und der Grünen befinden, realistisch einzuschätzen. Die Ergebnisse in Baden-Württemberg für die Grünen und in Rheinland-Pfalz für die Sozialdemokraten mögen suggerieren, dass alles nicht so schlimm ist. Doch diese Interpretation gleicht dem tiefen Schluck aus der Pulle mit Hochprozentigem. Sowohl Kretschmann als auch Dreier sind keine typischen Vertreter ihrer Parteien, sondern besondere Persönlichkeiten mit Eigenheiten, die dem Mainstream der Mutterparteien entgegenstehen. Sowohl die SPD, als auch die Grünen und die CDU haben dramatisch verloren. Die grandiosen Gewinne der AfD stehen für den protestativen Reflex gegen das Mantra der Political Correctness.

Was die Götterdämmerung noch wird verzögern können, sind Bündnisse aus CDU und Grünen, die eine Art Aktionseinheit des alten wie des neuen Mittelstandes verkörpern und auf Zeit setzen könnten. Die Zeit dessen, was gerne auch als Rollback bezeichnet wird, wird aller Wahrscheinlichkeit nach dennoch kommen. Folgt man dem Muster der amerikanischen Entwicklung, dann wird die Innenpolitik harscher die Interessen der Besitzenden verfolgen und nach außen ein aggressiverer Impetus zu militärischen Konflikten führen. Mit welchem Resultat, steht noch dahin, das hängt auch davon ab, wie sich die Kräfte sammeln werden, die ihre Lektion gelernt haben und sich vom eigenen Dogmatismus verabschieden, um wieder in die Politik mit Aussicht auf Erfolg eingreifen zu können.

Aus der zu erwartenden Koalition von Schwarz/Grün wird irgendwann ein bürgerliches Lager hervorgehen, das mit ein bisschen Philanthropie geschmückt die Interessen der neuen, bio-energetischen Bourgeoisie vertritt. Und wenn die Selbstkritik nicht völlig verschwunden ist, dann wird sich als Pendant zu dieser erneuerten Kraft eine neue Partei formieren, die die Koalitionsrechte der Besitzlosen und Diskriminierten ernst nimmt und als vereinigte Linke ein Programm entwickelt hat, das eine nachvollziehbare Alternative zur Herrschaft der plutokratischen Welterklärung darstellt.

In acht Jahren hat George W. Bush nicht nur die USA, sondern die Welt verändert. Mit den katastrophalen Folgen wird sich die Menschheit noch einige Zeit beschäftigen müssen. Eine Analogie in Deutschland und Europa wäre furchtbar. Der größte Feind dieser Schreckensvision ist schnelles Lernen. Wer die Verhältnisse jetzt schön redet, ist bereits ein Bote des Unheils.