Archiv für den Monat März 2016

Das größte Projekt gegen Diktatur und Menschenhass

Neulich beschwerte sich jemand bei einem Freund über die Ereignislosigkeit in seinem Leben. Ihm ginge die Monotonie, so wie er das Ablaufen seiner Routinen erlebte, als eine kaum zu ertragende Langeweile auf die Nerven. Es werde Zeit, so der sich Beschwerende, dass etwas passiere, sonst drehe er noch komplett durch. Der besagte Freund, dem er sein überdrüssiges Herz ausschüttete, hörte sich alles mit einem milden Lächeln an. Eigentlich, so der Freund, sähe er das auch so. Alles ginge seinen Gang, alles liefe so wie immer, aber er genieße das wie ein rares Gut. Wie das?, so antwortete der Klageführer, wir haben doch eigentlich ein ähnliches Temperament, wieso leidest du nicht und freust dich sogar an der Ereignislosigkeit? Ja, antwortete da der Freund, für mich ist der geregelte Ablauf der Routinen ein Ausdruck tiefen Friedens. Das ist für mich ein hohes Gut und daher erlebe ich es als ein großes Glück.

Was klingt wie ein Bruchstück aus Bertolt Brechts Geschichten vom Herrn Keuner war eine tatsächliche Unterhaltung vor wenigen Tagen. Es ist keine Überraschung, wenn deutlich wird, dass der eine, sich über die Langeweile Beklagende ein gebürtiger Deutscher war und der andere aus Serbien stammte. So verschieden kann die Sicht der Dinge sein. Was die einen als Ödnis betrachten, sehen die anderen als Segen und was die einen als willkommene Action begrüßen, fürchten die anderen als Bedrohung.

Die besondere Herausforderung, der sich die Menschen zunehmend stellen müssen, besteht vor allem darin, dass wir es zunehmend mit einem Phänomen der Gleichzeitigkeit zu tun haben. Durch die enger aneinander rückende Welt sind die Zustände von Frieden und Krieg, von Stabilität und Unruhe, von Reichtum und Armut, von Ordnung und Chaos und von Erklärungsnot und Sinn zu ganz selbstverständlich nebeneinander existierenden Nachbarn geworden.

Die Koexistenz sich scheinbar widersprechender Zustände anzuerkennen wäre schon ein erster Schritt, um damit zurechtzukommen. Was allerdings gegenwärtig beobachtet werden muss, ist der massenhafte Versuch, die Illusion des existenziellen Purismus aufrecht zu halten. Entweder Krieg oder Frieden, entweder Ordnung oder Chaos, entweder Stabilität oder Unruhe, das sind die Muster, die in der Lage sind, immer mehr Menschen zu mobilisieren und je nach individueller Perzeption in großem Stile zu spalten.

Anzuerkennen, dass sich alles in einem vagen Zustand befindet, bedeutet, sich mit der Perspektive auseinandersetzen zu müssen, dass vieles passieren kann und das in alle Richtungen. Es setzt voraus, sich darauf eingestellt zu haben, ohne vorher feststehendes Regiebuch existieren zu müssen und sich eine eigene Ordnung herzustellen, die die existenzielle Grundversorgung ermöglicht. Das ist nicht nur anstrengend, sondern es erfordert auch ein gewisses Instrumentarium, ohne dass eine Orientierung in unbestimmten, weil durchwachsenen Zeiten nicht möglich ist.

Das, was in den Wissenschaften so gerne als Ambiguitätstoleranz, als Akzeptanz verschiedener, nebeneinander existierender Unwägbarkeiten beschrieben wird, lässt sich nicht erwerben wie eine Lizenz. Zwei Dinge sind unabdingbar, die das Ergebnis einer gelungenen Sozialisation sind: Selbstvertrauen und eine eigene Vorstellung von Ordnung. Liegt beides vor, so kann an einem Plan gearbeitet werden, um letztendlich das zu erwerben, was vielleicht am treffendsten als innerer Kompass bezeichnet werden kann. Eine innere Orientierung in stürmischen Zeiten, flankiert von Selbstachtung und Werten, gestützt von vernünftiger Disziplin. Die Vermittlung all dessen, ein gewaltiges Projekt, ist das größte seiner Art im Kampf gegen jede Art von Diktatur und Menschenhass.

Der Traum von der Befriedung

Der Traum von einer Befriedung der Verhältnisse wird vorerst ein Traum bleiben. Dazu sind die Quellen zu stark, aus denen der Wunsch nach Rettung gespeist wird. Die Zahl derer, die sich auf den Weg in eine gehofft bessere Welt machen werden, hängt von den Verhältnissen ab, aus denen sie kommen. Wie so oft hilft es wenig, immer wieder darauf zu verweisen, dass auch die Bundesregierung zu lange einer Entwicklung zugesehen hat, die zu dem trieb, was heute geschieht. Aber es ist wohl ein Gesetz der Schwerkraft, dass dazu führt, erst dann zu reagieren, wenn die Hitze steigt. Zwar existieren Gegenbeispiele, aber das sind dann wohl die Ausnahmen.

Ein Frieden in Syrien, von dem die Verhältnisse noch weit entfernt sind, wird schwierig werden. Zum einen sind jenseits der materiellen Zerstörungen die psychischen Wunden auf allen Seiten sehr groß. Zum anderen spiegelt sich in der verzwickten Interessenlage das ganze Elend des Nahen Ostens. Hier Sunniten, dort Schiiten, d.h. Saudis und Iraner, dort die religiösen Minderheiten des Landes selbst, dann die Türkei mit wachsendem Großmachtanspruch, die USA mit dem der Weltmacht, Russland mit der Interkontinentalen, die sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen will. Bei den Verhandlungen um einen Frieden in Syrien sitzen diese Kräfte alle am Tisch. Nur diejenigen, die Syrien als Nation friedlich am Laufen halten könnten, die sitzen nicht mit am Tisch, die sitzen in einem Millionenlager in Jordanien, auf undichten Schlauchbooten in der Ägäis oder liegen im Schlamm in Idomeni.

Deutschland hat nach Einsetzen der Massenwanderung von Flüchtlingen auf das Zentrum Europas ein humanitäres Zeichen gesetzt. Nicht mehr und nicht weniger. Die Regierung hat dabei nicht absehen können, wie sehr diese Geste in der Lage war, die eigene Gesellschaft zu spalten. Noch bevor die Bevölkerung tatsächlich aufgrund eigener Erfahrungen begreifen konnte, was diese Geste in der Folge bedeutet, hatten sich viele extrem positioniert und es begann eine gallige Diskussion darüber, was machbar ist und was nicht.

Fest steht auch, dass die Bundesregierung alleine nicht die Ursachen der Flucht beseitigen kann. In Fällen wie Afghanistan war man an der Schaffung lebensgefährlicher Verhältnisse für viele, die jetzt kommen, mit beteiligt, in Syrien eher Bündnis bezogener Zaungast. Ob Lehren außenpolitischer Dimension daraus gezogen werden, wird sich zeigen. Momentan ist Skepsis eher angeraten, die Türkei mit einem Präsidenten Erdogan an der Spitze spricht ebensowenig dafür wie der anhaltende Waffenverkauf an Saudi Arabien.

Innenpolitisch wurde eine Entscheidung getroffen, die wiederum dem eigenen Naturell sehr entspricht. Es wurden Verfahren gewählt, die andere Länder, vor allem Griechenland, verstärkt be- und Deutschland entlasten. Der humanitäre Aspekt blieb dabei auf der Strecke. Was nun beeindruckend gut anrollt, ist die Organisation der Immigration im Innern. Da hat die Bundesregierung nachweislich vieles in schneller Zeit dazu gelernt und sich Partner geholt, die wissen, wie derartige Anforderungen organisiert werden. Und es wird nicht lange dauern und die entwickelte Immigrationslogistik wird ein neuer Exportschlager aus Deutschland werden.

Was dabei, obwohl es immer wieder von den politisch Weitsichtigeren angemahnt wird, auf der Strecke bleibt, ist ein Einwanderungsgesetz. Damit wäre eine politische Grundlage für Bedarf und Recht geschaffen, die unabhängig von Krisen Verlässlichkeiten sowohl für die Republik als auch für die Immigranten schaffen würde. Und es bleibt dabei: Politischem Denken haftet hierzulande immer das Aroma des Verdächtigen an, während organisationstechnische Erwägungen regelrecht erotische Gefühle hervorrufen. Der Traum von der Befriedung der Verhältnisse wird vorerst ein Traum bleiben.

Die Entstehung Hong Kongs und der Clash of Civilizations

James Clavell. Tai Pan

Der 1924 in Australien als Sohn eines britischen Offiziers geborene James Clavell durchlief in seiner vor allem militärischen Biographie Stationen, die ihn mit dem asiatischen Kontinent in vielerlei Hinsicht schmerzhaft in Verbindung brachte. Während des II. Weltkrieges wurde er im Kampf gegen die japanische Armee gefangen genommen, zunächst auf der Insel Java festgesetzt und landete später in dem berüchtigten Changi Gefängnis in Singapur. Als einer der wenigen Überlebenden und nach einem Motorradunfall, der ihn dienstuntauglich machte, ging er nach England, studierte an der Universität Birmingham und schrieb in Folge zahlreiche Romane über Asien. Kings Rat, Shogun, Whirlwind und Noble House erreichten immense Auflagen, genau wie der 1986 erschienene Roman Tai Pan.

Tai Pan spielt in der Mitte des 19. Jahrhunderts und behandelt die Errichtung der britischen Kolonie Hong Kong. Das Unterfangen stand im Kontext mit den imperialen und immer komplizierten Handelsbeziehungen zu China, bei denen der Austausch von Opium gegen Tee im Zentrum stand. Die historische Folie des Romans dreht sich um die Bereicherung des British Empire an China und dem Versuch, sich langfristig als Weltmacht zur See zu stabilisieren.

Im Zentrum des Werks steht Dirk Struan, der als Vorsitzender der Handelskompanie Noble House trotz des Konkurrenten Brock den Handel dominiert. Struan fungiert als einer der Initiatoren des Hong Kong Deals, mit dem Ziel, einen sicheren Hafen vor den Toren Chinas zu etablieren. Das Buch ist ein Kompendium an Informationen über die verschiedenen Interessengruppen, die in der im entstehen begriffenen Metropole aufeinandertreffen. Es geht um direkte wirtschaftliche Interessen, die verbunden sind mit dem Versuch, Weltpolitik in starkem Maße zu beeinflussen. Neben den britischen Interessen tauchen dort die konkurrierenden russischen Weltmachtpläne auf. Während Großbritannien auf die Herrschaft zur See setzt, setzt die großrussische Philosophie auf die Beherrschung des bis heute virulenten Hinterlands auf die Landherrschaft.

Es geht spannend zu in dem Roman, neben den nationalen Playern tauchen dort auch die verschiedenen chinesischen Akteure auf. Da sind neben der Regierung in Peking auch noch einzelne Mandarine aus dem Süden Chinas und die Triaden, die zunehmend eine Rolle als mächtige Netzwerke spielen. Mord, Totschlag, Piraterie, Wirtschaftsspionage, Schmuggel und letztendlich der aufkommende wissenschaftlich-technische Fortschritt spielen eine wichtige Rolle in dem Kraftfeld, in dem der Tai Pan Struan zu navigieren hat.

Neben der großpolitischen Gemengelage liefert der Roman wunderbare Studien über die kulturellen Unterschiede in der Denkweise der beiden mächtigen Kulturblöcke, die in Hong Kong aufeinanderprallten. Der Terminus des Clash of Civilizations scheint mehr als angebracht. Clavell gelingt es, die wesentlichen Züge des Unterschiedes in dem Verhältnis zwischen dem Protagonisten Struan und seiner chinesischen Geliebten May May zu beschreiben. Die Dialoge allein sind ein Argument dafür, das Buch zu lesen. Sie belegen die These, dass mehrere Wahrheiten auf dieser existieren. Eine Erkenntnis, die bis in die heutigen Tage immer wieder in den Hintergrund gerät und zu desaströsen Verwicklungen der Weltpolitik führt. Struan, selbst ein Haudegen und burschikoser Vertreter seiner westlichen Werte, lernt in dem Prozess mehr und mehr, China als kulturell eigenständiger Macht besser zu verstehen. Ihm selbst wird mit seiner langjährigen Erfahrung mit China bei jeder Ankunft neuer, frisch aus Großbritannien anreisender Akteure deutlich, wie naiv diese ihr Weltbild auf die konkreten Bedingungen vor Ort anwenden wollen. Darüber ist er längst hinaus, ihm schwebt mehr und mehr der Weg einer Konkordanz vor.

Obwohl das Buch als historisch-politische Kriminalgeschichte seine Jahre auf dem Buckel hat, der Clash of Civilizations eröffnet eine neue, bereichernde Lesart.