Archiv für den Monat Februar 2016

Erfinderische Not?

Ressourcenökonomie beginnt in der Krise und Innovation beginnt in der Krise. Das vielleicht hierzulande am besten verständliche Beispiel sind die in Deutschland entwickelten und produzierten Verbrennungsmotoren. Weil das Land vor dem und während des II. Weltkrieges nur schwer Zugang zum Öl hatte, waren die Entwickler gezwungen, leistungsfähige Motoren mit geringem Treibstoffverbrauch zu entwickeln. Dieser Zwang war die Geburtsstunde der deutschen Automobilindustrie, wie sie sich auf dem Weltmarkt etablieren und Jahrzehnte lang halten konnte. Der Zwang verhalf zum großen Sprung, oder, wie der Volksmund so schön sagt, Not macht erfinderisch.

In vielerlei Hinsicht lassen sich Beispiele für diese These finden und es ist zu vermerken, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft eine Saturiertheit erreicht hat, die den Zustand der Verfügungsnot in vielen Prozessen gar nicht mehr kennt. Die These bedeutet zwar keine eindimensionale Kausalität, denn immer wieder wurden Erfindungen gemacht, die große technologische Weitsicht und kreative Produktivität verrieten, aber die Umsetzung von der Idee oder dem Pionierstück in die Serienpraxis gelang nicht. Die Liste des Scheiterns auf dem Weg von der Idee bis zur Realisierung ist sehr lang und sie reicht vom Telefaxgerät bis zum Transrapid. Entweder war die Vision zu schwach, oder die Bedenken waren zu groß oder Partikularinteressen dominierten. Die Gesellschaft diagnostiziert sich in solchen Fällen den eigenen Zustand wachsender Immobilität.

Auf der anderen Seite kann innovativer Geist nicht verordnet werden. Er entsteht nicht auf Befehl, sondern, und das scheint ein Axiom zu sein, in einer tatsächlichen oder gefühlten Krise. Die gravierendste Krise menschlicher Gesellschaften ist sicherlich der akute Kriegszustand. Ihm wohnt der teuflische Widerspruch inne, dass in ihm die zerstörerischen und inhumanen Kräfte überwiegen, aber auch, dass er eine Kreativität in praktischen Lösungen hervorbringt, wie es der Frieden nicht vermag. Menschen, die Kriege erlebt haben, finden sich anders zurecht, egal, in welcher Umgebung. Wenn es existenziell wird, gelten andere Regeln.

Theorien, die die Erkenntnis von der kreativen Produktivität von Kriegen als Grundlage nehmen, um neue kriegerische Handlungen zu postulieren, sind dennoch kriminell. Sie spielen, ohne dazu jemals autorisiert worden zu sein oder von wem auch immer autorisiert werden zu können mit der Existenz von Menschen. Das ist zynisch und pervers, es sei denn, es handelt sich um die eigene Existenz. Alles andere führt zur Diktatur.

Allerdings können die Erkenntnisse, die aus dem Umstand einer fundamentalen Existenzkrise geschöpft werden, auch in anderen Krisen zur Geltung kommen. Ob es sich um allgemeine Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen oder aber auch große Migrationsbewegungen handelt. In ihnen ist die Gesellschaft in starkem Maße gefragt und ihre eigene Überlebensfähigkeit kann daran abgelesen werden, ob sie in der Lage ist, nach Lösungen zu suchen und die betonierten Strukturen der Saturiertheit aufzulösen, um an Praxis und Geschwindigkeit zu gewinnen. Eine Gesellschaft, die der Auffassung ist, mit der Ankunft von einer Millionen Menschen genauso verfahren zu können wie mit der Einfuhr einer Millionen Schuhkartons, hätte einen Zustand der Handlungsunfähigkeit erreicht, der keine positive Prognose mehr zuließe. Eine Gesellschaft, die die Einfuhrbestimmungen Einfuhrbestimmungen sein ließe und sich fragte, wie die neuen Glieder schnell zu positiven Handlungsträgern würden, hätte die Aufgabe begriffen und zerschlüge schnell die Strukturen, die das verhinderten.

Eine sehr hohe Überlebenskompetenz steht momentan einer groß angelegten Sicherheit von Strukturen gegenüber. Kommt es zur Konfrontation wird es desaströs, doch welchen Charme hätte die Symbiose?

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Das Geschrei dauerte noch an, da hatte die Arbeit schon längst begonnen. Natürlich im Stillen und jenseits der großen Aufmerksamkeit. So könnte die Situation beschrieben werden, wie sie sich momentan im Land nach dem großen Schock darstellt. Viele, sehr viele Menschen drängten hierher um Zuflucht zu suchen und viele, auch und besonders die Öffentlichkeit, wurden dadurch überrascht. Angesichts der politischen Vorarbeit auf der Welt müsste das nicht überraschen, aber auch die kluge Rückbetrachtung hilft nicht wirklich, wenn es darum geht, den Status Quo zu managen und die Zukunft vorzubereiten. Und dann wurden die Wurfgeschosse der Beschuldigung in alle Richtungen geworfen, gegen die, die kamen, gegen die, die sie Willkommen hießen, gegen die,, die das alles zu verantworten hatten, gegen die, die darüber berichteten. Die gesamte Geschichte ist typisch dafür, wie eine saturierte Gesellschaft mit etwas fundamental Neuem umgeht. Die Erregung und die sich in Superlative steigernde Emotionalität dominierten lange nahezu alles, vor allem den von einem Grundgefühl der Humanität aus handelnden Pragmatismus.

Aber, und das ist die positive Nachricht, jenseits der großen Öffentlichkeit, längst hat sich in dieser Republik eine Kraft zu Wort gemeldet, die ihre Arbeit längst begonnen hat und dabei ist, erste, kleine Erfolge zu erzielen. Das sind diejenigen, die nicht zum ersten Mal Immigranten zur Seite stehen, wenn sie in dieses Land kommen, es sind diejenigen, die Schulen organisieren und am Laufen halten und natürlich diejenigen, die dort unterrichten, es sind diejenigen, die ihre Vereine schon immer für fremde, neue Bürgerinnen und Bürger geöffnet haben, es sind politische Parteien, es sind Initiativen und es sind ganze Belegschaften in den Betrieben und es sind die ganz normalen Leute auf der der Straße. Sie sind längst dabei, Gutes zu finanzieren, sie sind dabei, Projekte zu organisieren und sie sind dabei, Beistand zu leisten. Die Berichte darüber sind spärlich, was nichts macht, aber die Spärlichkeit erweckt den Eindruck, als dominierten die Propagandisten, Hetzer und Hassprediger dieses Land. Doch das stimmt nicht. Der Anteil derer, die jetzt die Arbeit machen, die diese Gesellschaft braucht, ist weitaus größer.

Und, was sich jetzt herausstellt, ist die tatsächliche Kraft derer, die als Immigranten vor langer Zeit in dieses Land gekommen sind und die sich jetzt sehr selbstverständlich ebenfalls an die Arbeit machen. Sie sind es, die noch größeren positiven und vor allem pädagogischen Einfluss auf diejenigen haben, die neu kommen, sei es aufgrund der gleichen, ursprünglichen Heimat, sei es aufgrund der gleichen Sprache oder der gleichen kulturellen Sozialisation. Viele von ihnen sind längst bei der Arbeit, sei es, sie organisieren in Form von Bildungsvereinen Willkommensklassen, sei es, sie betreiben Küchen, sei es, sie gehen in die Lager und erzählen einfach. Wie es Ihnen ergangen ist, was sie haben lernen müssen und wie sie begonnen haben, die, die hier schon immer gelebt haben, zu begreifen. Das sind zum Teil Botschaften, die nicht ganz so einfach für die, die neu sind, zu begreifen sind, die ihnen von ihnen aber in einer durchaus konsequenten Art und Sprache beigebracht werden.

Nach dem Vorlauf der destruktiven Rituale bekommt nun auch eine gestaltende Kraft in diesem Land Konturen. Es ist eine überaus positive Entwicklung, die sich nicht von denen, die auf Angst und Schrecken spekulieren, bremsen lassen darf. Es ist wie immer: Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Die Saturnalien und die Rebellion

Es ist ein altes Ritual und es hat es in sich. Die Möglichkeit, sich der sozialen Bindungen zu entledigen, in einer Spielsituation das zum Besten zu geben, was einem auf der Seele brennt. Nur einmal, für wenige Tage oder Wochen, das sein zu können, was schon immer der Wunsch war zu sein und nicht das sein zu müssen, was das Schicksal aus einem gemacht hat. Im alten Rom nannten sie diesen Ritus die Saturnalien, und Sklaven wurden zu Herren und schrien diesen ins Gesicht, was sie von ihnen hielten. Es war das große Spiel des Schicksals und eine Grundidee eines jeden Theaters. Mit den Saturnalien wurde nicht nur ein soziales Ventil geschaffen, sondern auch eine Denkfigur, ohne die die mehr als tausend Jahre später folgende Aufklärung in Europa nicht denkbar gewesen wäre.

Der Karneval, obwohl seinerseits auch immer in der strengen Logik der katholischen Mythologie von Fastenzeit vor der Wiedergeburt zu sehen, beinhaltet auch das Spiel mit den sozialen Rollen und die Autorisierung zum Widerspruch. In manchen Landstrichen wird er als akzeptierte Replik auf die napoleonische Besatzung interpretiert.

Entscheidend bei Saturnalien wie Karneval ist, aus heutiger Sicht, die Idee. Und diese Idee ist in hohem Maße bestechend, weil sie quasi ein Grundbestandteil von Religion in das reale Leben transportiert. Doch der paradiesische Zustand, der temporär suggeriert wird, beinhaltet etwas, was wiederum gar nicht religiös ist. Dieses Etwas ist die Aufforderung zur Rebellion gegen die bestehenden sozialen Rollen. In dieser Hinsicht hat die Idee der Saturnalien etwas Teuflisches an sich. Sie verleiht das Paradies zum Preis der Revolution.

Aber es geht noch weiter: Indem das Paradies zum Preis der Revolution für eine gewisse Zeit verliehen wird, nimmt das ganze Ritual wiederum den Charakter von etwas an, das das System erhält. Indem nämlich die Menschen das Angebot annehmen, zumindest einmal im Jahr das sein zu dürfen, wovon sie das ganze Jahr träumen, lernen sie zu akzeptieren, dass die Realität genau anders herum aussieht. Die Bilanz des Rituals fällt dann sehr schlicht aus, wenn an 51 Wochen die Sklaverei steht und lediglich in einer einzigen Woche das Dasein als Herr genossen werden darf.

Allein darauf reduziert wäre das Urteil also sehr schnell klar. Ein bisschen Freilauf für die Unzufriedenen und die Welt bleibt so, wie sie war. Aber auch das muss nicht so zutreffen. Denn an den Tagen der Freiheit können sich Gedanken entwickeln, die in die folgende Normalität hineinwirken und eine Tendenz erzeugen, die alles andre als das System erhaltend beschrieben werden muss. Das setzt jedoch voraus, dass der Gedanke des Rollenspiels denen bewusst ist, die die Rollen vertauschen. Laufen sie nur mit, machen sie alles nur, weil das schon immer so war, dann haben sie die kleine Chance auf eine sich anbahnende Rebellion bereits verkannt und sind zum Konservierungsmittel schlechthin geworden.

Bei der Betrachtung des karnevalistischen Treibens generell kann der Eindruck sehr schnell entstehen, dass von dem Sinn des Ritus bei den Akteuren wenig bis gar nichts präsent ist. Und da fällt auf, dass die vernetzten Metropolen rückständiger sind als das flache Land, wo der Funke der Rebellion gelegentlich noch aufflammen soll. Und dieses Fazit ist wiederum desaströs für die Gesellschaft: Wenn an den Tagen, an denen alle alles dürfen, nicht der Unmut und der Gegenentwurf durch alle Gassen pfeift, dann sind die Perspektiven nicht so rosig.