Archiv für den Monat Februar 2016

München: Ein Beitrag zur kriegerischen Mobilmachung

Das Phänomen ist bekannt und weit verbreitet. Sigmund Freud gab ihm den Namen Projektion. Dabei handelt es sich um ein Muster, das wie folgt funktioniert: eine Person hat einen bestimmten Plan,einen Wunsch oder eine bestimmte Ansicht, bezichtigt aber eine andere Person genau dieses vorzuhaben, zu hegen oder zu vertreten, weil sie sich selbst nicht traut, es zuzugeben. In der politischen Diplomatie unserer Tage handelt es sich längst nicht mehr um Hemmungen innerhalb einer vorhandenen Psychostruktur, sondern um ganz bewusst eingesetztes Besteck, um seine eigenen Absichten zu verbergen und in der öffentlichen Kommunikation Verwirrung zu stiften. Zum Teil, wenn es ganz perfide werden soll, wird dieses Spiel dann noch mit vertauschten Rollen gespielt.

Die jüngste Münchner Sicherheitskonferenz hätte unter diesem Aspekt sicherlich auch eine wunderbare Folie für Untersuchungen der psychoanalytischen Gesellschaften abgegeben. Sie hätten sich mit der Frage beschäftigen können, wie viele Projektionen und Fehlhandlungen aus dem Portfolio Freudscher Diagnostik mittlerweile Eingang gefunden haben in die internationale Politik. Und es ist an der Zeit, dass sich viele Berufsgruppen in den immer pathologischer werdenden Diskurs um die politische Zukunft einmischen, es kann nur eine Bereicherung sein!

Der Vertreter Polens übrigens begann mit der Projektion. Er sprach von einem Generalangriff Russlands auf die freien osteuropäischen Gesellschaften. Wen er damit außer Polen meinte, ob die Ukraine oder Ungarn, er ließ es offen. Nur die Drohung gegen Russland blieb, notfalls von polnischem Territorium aus Russland anzugreifen. In dieses Horn stieß auch NATO-Sprecher Stoltenberg, der nach dem gleichen pathologischen Grundmuster Russland davor warnte, Nuklearwaffen in konventionellen Konflikten einzusetzen, denn die NATO sei in der Lage von den Anrainerstaaten Russlands aus das Gleiche zu tun. Da war die Katze dann wohl aus dem Sack und Freud hätte wahrscheinlich an seiner Zigarre gesaugt und geschmunzelt. Wenn es nicht darum ginge, dass momentan irrsinnige Kriegstreiber dabei sind, Europa auf Kurs zu bringen, könnte tatsächlich das Amüsement dominieren, aber dem ist nicht so.

Denn in der Syrien-Frage kam nun der immer unberechenbarer werdende türkische Großmachtphilosoph Erdogan auf die Idee, zusammen mit saudischen Bodentruppen direkt in Syrien einzumarschieren. Dass auf dieser Konferenz zu München niemand von unseren eigenen lupenreinen Demokraten kräftig auf den Tisch gehauen hat, zeigt, dass schon der Kuckuck droht. Die immer wieder in die Diskussion geworfene moralische Verpflichtung, den gegenwärtigen Präsidenten Assad zu stürzen, weil er so unverantwortlich mit der syrischen Bevölkerung umgehe, gewinnt ungeheure Glaubwürdigkeit mit diesen beiden sunnitischen Scharfmachern. Während Erdogan die kurdische Zivilbevölkerung im eigenen Land bombardieren lässt wurden 2015 in Saudi Arabien mehr Menschen hingerichtet als vom verteufelten IS.

Dass die russischen Vertreter, allen voran Medwedew, davon sprachen, sich in einem neuen kalten Krieg zu fühlen, wurde in den hiesigen Medien wie eine befremdliche, nicht nachvollziehbare Gefühlsregung kolportiert. Die Art und Weise, wie die Kommunikation der Aussage gestaltet wurde, ist wiederum eine Angelegenheit für den Bereich der Diagnostik, mit dem Ergebnis, dass von kritischer Berichterstattung keine Regung mehr zu spüren ist. Denn wenn man der russischen Delegation etwas vorwerfen könnte, dann ist es die Verharmlosung. Die beschriebenen Konflikte wie die destruktiven Potenziale haben alles, und noch viel mehr, um von einem bereits begonnen heißen Krieg zu sprechen. Diejenigen, die die Münchner Konferenz durchführen, haben allerdings gezeigt, dass sie und ihr Handeln als eine der wesentlichen Kriegsursachen selbst gesehen werden muss. Die Münchner Konferenz hat zum Frieden nichts beigetragen. Zur kriegerischen Mobilmachung eine ganze Menge.

Hasard am Tisch der Sicherheit

Die Münchner Sicherheitskonferenz hat eine lange Tradition. Sie stammt aus Zeiten, als man befürchten musste, dass überall auf der Welt ein Funken hätte reichen können, um einen globalen Brand zu entfachen. Es war die Phase, als sich zwei unangefochtene Supermächte gegenüber standen und eine bipolare Welt nicht nur Gefahr, sondern auch eine große Übersichtlichkeit schuf. Mit der Bewegung der Blockfreien, in der Länder wie China und Indien, aber auch wie Jugoslawien präsent waren, wurde die Situation erstmals aufgebrochen und heute, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor einem Vierteljahrhundert, wird die Welt neu geordnet. Die USA reklamieren die globale Herrschaft, wogegen sich immer mehr von den USA so genannte Regionalmächte wehren, weil sie gelernt haben, ihre eigenen Interessen zu identifizieren.

Die ehemalige Sowjetunion, einst Hauptkonkurrent der USA, verlor beträchtliche Anteile an Land und Bevölkerung. Die Abtrennung ehemals föderierter Republiken und ihre Deklaration als souveräne Staaten war eine logische Folge nach Jahrzehnten der Bevormundung. Ihre Hinwendung zum Westen vielleicht ebenso. Ihre nahezu komplette, in unterschiedlichen Formen vollzogene Assoziierung mit der NATO, dem Militärbündnis des Westens unter Führung der USA, hat dazu geführt, dass das nach den ruinösen Jahren einer libertäten Wirtschaftspolitik unter Jelzin und des IWF wieder erstarkte Russland darin eine Form der Einkreisung sah, die nichts Gutes verhieß.

Die Ukraine bedeutete für eine derartige Analyse den casus belli. Während Russland zum ersten Mal Njet sagte, expandierte die NATO mit schwerem Geschütz bis vor dessen Haustür. Die Doktrin von der Sicherheitslinie, die vom Baltikum bis zu Georgien am Schwarzen Meer reicht, ist nahezu zu einer realen Existenz geworden. So trennt die NATO militärisch Russland vom Rest Europas. Mehr Bedrohung lässt sich nicht inszenieren. Während Russland darauf reagiert hat, liegt die Europäische Union, die von Anfang an den Einkreisungsprozess eskortiert hat, derweilen mit eigenen Problemen auf Kniehöhe.

Nichtsdestotrotz ist der Auftritt der Bundesverteidigungsministerin beachtlich. Sie macht nicht nur für die Ukraine, sondern auch für die Syrien-Krise immer wieder Russland verantwortlich. In Syrien geht es um Öl und den damit assoziierten Konflikt zwischen Saudi Arabien und dem Iran, und natürlich, wie immer, um die Interessen der USA. In einem solchen Kontext eine Brandrede gegen Russland zu halten, das verantwortlich für das Elend in Syrien sei, ist abenteuerlich. Die Einschätzung des Generals a.d., Harald Kujat, die Möglichkeit eines Waffenstillstandes sei einzig und allein auf die Intervention Russlands zurückzuführen, steht dem diametral entgegen.

Wie schon so oft in der Vergangenheit lässt sich aus den bisherigen Statements in München eine Auseinandersetzung innerhalb des westlichen Lagers vermuten, die zum einen eine Deeskalation mit Russland zum Ziel hat und eine andere der Befeuerung des Unüberbrückbaren. Das Lager ist gespalten und die deutschen Vertreter ebenso, bis in die Regierung. Während von der Leyen immer wieder auf den Eskalationsknopf drückt, versucht Steinmeier ein Rest an diplomatischer Friedensarchitektur zu retten, allerdings, während Gabriel weitere Waffenlieferungen genehmigt. Das sieht eher nach einem gewissen Chaos als nach einer fein abgestimmten und spitzfindigen Rollenverteilung aus.

Abgesehen von den deutschen Irrläufern in diesem Prozess wird deutlich, dass die USA den Konflikt nutzen wollen, um Russland wieder zu schwächen. Angesichts der momentanen Konstellationen ist das allerdings nicht so einfach möglich. Es sei denn, man schickte saudische Truppen direkt nach Syrien, dann ist eine Kettenreaktion gewiss. Wer über so etwas räsoniert, der will mehr als einen Regionalkrieg.

Die Bagatelle als Kollektivsymbol

Korrespondierend mit der wachsenden Interdependenz durch die Globalisierung setzen sich bestimmte Trends in Richtung und Haltung nicht nur sehr schnell, sondern auch großflächig durch. Das bezieht sich auch auf die Art und Weise, wie an bestimmte Zeiterscheinungen herangegangen wird. Und so entsteht das gar nicht so neue, aber nun täglich exklusiv zu betrachtende Phänomen, dass ein Ereignis, mit dem man gestern nach bestimmten Kategorien umgegangen ist, heute in einem völlig neuen Deutungskontext steht. Dieser Kontext, mit dem wir es aktuell zu tun haben, ist der der Hysterisierung und De-Rationalisierung. Das, was als klarer Verstand oder kalte Logik verstanden werden kann, ist nicht mehr en vogue. Dass eine Lady Gaga in einem solch schwülstigen, emotionsgeladenen und geistig heruntergeschrubbten Milieu zu einer Pop-Ikone avanciert, gehört zu den wenigen Rationalitäten, die noch zu verzeichnen sind.

Das Metier wird dominiert von allem, was nicht mit dem scharfen Besteck der Logik seziert werden könnte. Es geht um Leid und Mitleid, Ängste, Verfolgungswahn und Bedrohungsszenarien, es geht um Befürchtungen und es geht immer wieder um Wut. Die Zorndepots, so das Bild Sloterdijks, der seinerseits genauso zum Grundrauschen der Höllenfahrt gehört wie selbst ernannte Philosophen aus dem medialen Feuilleton, die Zorndepots sind bis obenhin voll. Zumindest bei jenen, die sich mit dem Bild der Wut-Bürger geschmeichelt fühlen, vielleicht auch, weil sie nie kämpfen mussten für ihre Herrschaftsrechte, die ihnen jetzt zu entgleiten drohen.

Denn diejenigen, die tatsächlich zu den Verlierern gehören, die sind gar nicht so sehr im Fokus der Wahrnehmung. Eigenartigerweise sind gerade sie, die emotionalisiert sein müssten, eher im Zustand des Phlegmas auf Distanz und sehen sich den ganzen gesellschaftlichen Diskurs, der sich qualitativ in einer historischen Hausse befindet, so an als hätten sie damit nichts zu tun. Ihr Widerwille ist verständlich, ihre Trägheit nicht. Was ihnen, den Verlierern, zu fehlen scheint, ist der Biss der alten Tage, als man noch willens und in der Lage war, die Ursache von Leistung und Wohlstand anhand des eigenen Verhaltens allen, die es wissen wollten und allen, die es nicht begreifen wollten, machtvoll vorzuführen.

Die Frage, die sich aufdrängt, ist die nach der Urkraft der Bagatellisierung des Daseins. Trotz der Größe und dem Brennwert der Probleme, die sich weltweit, grenzübergreifend und suprasystemisch auftun, drehen sich die gesellschaftlichen Diskurse um existenziellen Firlefanz. Flaschenpfand, Verbraucherinformationen, Rauchverbote, Helmpflichten und Biozertifikate sind die Insignien einer Gesellschaft, in der Existenzielles keine Rolle mehr zu spielen scheint. Die Betonung liegt auch Schein, verursacht durch quantitative Überladung, weil die Debatten um genannte Begriffe zu den inszenierten Manövern gehören, um vom eigenen, selbst bestimmten Leben zu desorientieren.

Doch schlechte Nachrichten für alle, die glaubten, die Arbeit sei damit getan! Der Gesellschaftszustand der vermeintlichen Saturiertheit ist mit der Massenimmigration ins Wanken geraten und das kollektive Gefasel über die Bagatelle als Kollektivsymbol der allgemeinen Befindlichkeit droht von einem heranziehenden Tief einer Rationalitätsfront hinweggeblasen zu werden. Die anstehenden Stürme des Frühlings bergen die Chance, der Einfalt, dem Phlegma und der intellektuellen Wurstigkeit das Fürchten zu lehren. Es bleibt bei der These, dass Krisen etwas Gutes in sich haben. Vieles deutet darauf hin, dass die Gesellschaft sich wieder mehr für das Existenzielle interessiert. Gute Zeiten für eine Politik, die den Namen verdient und schlechte Zeiten für die Klasse der Konsens-Talker, die bald unter das Betäubungsmittelgesetz fallen werden.