Archiv für den Monat November 2015

Sage mir, mit wem du dich umgibst

…und ich sage dir, wer du bist. So falsch gelegen haben die, die diese Weisheit manchmal auch bis zur Schmerzgrenze angewendet haben, dennoch nicht. Vom Freundeskreis über Geschäftspartnerschaften bis hin zu politischen Allianzen können soziologische wie psychologische Rückschlüsse gezogen werden, die einen hohen Erkenntniswert haben. Soziologisch spielen zumeist entweder analoge Sozialisations- oder Lebensmilieus oder sich als solche ergänzende Muster eine Rolle für das Zusammengehen. Bei der Psychologie sind es mehrheitlich die Motive von Zuneigung oder gemeinsamer Ablehnung. Oder es sind, jenseits sozilogischer oder psychologischer Deutungshoheit, ganz schlicht und kalt kalkulierte gemeinsame Interessen.

Übertragen in die internationale Politik können diese Erkenntnisse schon ungemütlich werden. Die Ereignisse der letzten Tage machen deutlich, dass bestimmte Allianzen lebensgefährlich sein können. Es ist abzuwägen, inwieweit die Allianz und das mit ihr einhergehende Risiko fundamentaler Verwerfungen bis hin zum Krieg es wert ist, weiter gepflegt zu werden.

Im Falle der Unterbrechung der Stromversorgung auf der Krim und dem gleichzeitigen Lieferstopp von Lebensmitteln dorthin hat sich ein Regime wieder in das Gedächtnis gedrängt, das seinerseits gekennzeichnet ist durch suspekte soziale Milieus, Korruption und Schuldknechtschaft. Nämlich relativ unbemerkt von einer in diesem Fall nicht informierten Öffentlichkeit hat nach dem inquisitorischen Theater um Griechenland die Ukraine, von der hier die Rede ist, einen 40 Milliarden Euro Kredit von IWF und EU bekommen. Selbstverständlich mit der wirtschaftsliberalistischen Rezeptur und der Aufforderung zu politisch angepasstem Verhalten. Ob die Aktion gegen russisch besetzte Krim aus einer solchen Abmachung resultiert, ist schwer zu beantworten. Sie korrelliert zumindest nicht mit den militärischen Möglichkeiten der Ukraine und wäre reiner Selbstmord, spielte man nicht den agent provocateur im Auftrag neuer Herren.

Das andere Beispiel ist die Türkei, in der der gerade im zweiten Anlauf, nach massiver Einschüchterung der Wählerinnen und Wähler, im Amt bestätigte türkische Ministerpräsidenten, der sich wieder einmal als Onkel Osman aufspielt und meint, es sei an der Zeit, ein russisches Militärflugzeug vom Himmel zu holen. Das ist ganz dicke Hose, die der ehemalige Kringelverkäufer nur machen kann, weil er sich in einem Bündnis namens NATO wähnt, das ihm gegen die bösen Russen zur Seite steht. Hingegen das Verdachtsregister gegen den neuen Herrscher vom Bosporus ist lang, es reicht von terroristischen Anschlägen gegen Oppositionelle im eigenen Land bis hin zur Unterstützung militanter Islamisten und auch der Abschuss eines anderen Flugzeuges, das 17 Sekunden im türkischen Luftraum präsent gewesen sein soll, dokumentiert eine Pistolero-Mentalität. Zudem glaubt der Herr, mit den 2 Millionen syrischen Flüchtlingen im eigenen Land genügend Geiseln zu besitzen, um mit einem in sich zerstrittenen und ängstlichen Zentral- und Westeuropa zu den eigenen Gunsten schachern zu können.

Es lohnt sich, die eingangs gestellte Fragestellung weiter durch zu deklinieren. Da tauchen noch andere Bündnispartner auf, die es in sich haben, zum Beispiel Saudi-Arabien, das alle Schurkenstaaten zu toppen in der Lage ist. Angesichts der wachsenden Gefahr, in kriegerische Handlungen mit Russland zu geraten, ist es jedoch zunächst ein wichtiges Anliegen, im Anblick dieser Option die Frage zu stellen, ob das Festhalten an einer komplett entstaatlichten Ukraine, die in der Hand von kriminellen Oligarchen ist, die Konfrontation zu suchen. Und die Antwort kann nur positiv beantworten, wer andere Interessen verfolgt oder den Verstand verloren hat. Das Gleiche gilt für Erdogan, dessen imperialer Größenwahn mit nichts an europäischem Eigeninteresse aufzuwiegen ist.

Fragte man die, die eingangs zitiert wurden, was den Umgang betrifft, so hätten sie drastisch geantwortet. Da wäre sicherlich die Rede vom Umgang mit Gesocks gewesen, ein Ausdruck, der heute kaum noch gebraucht wird, der aber das Wesen dieser Freunde ganz gut beschreibt.

Neue Formen des westlichen Fundamentalismus

Sich mit der Zukunft zu beschäftigen ist ein Muss für jede Gesellschaft. Macht sie das nicht, so ist die Prognose wahrscheinlich, dass sie von Entwicklungen überrollt wird, mit denen sie nicht gerechnet hat und auf die sie nicht vorbereitet ist. Je komplexer Gesellschaften und je höher die Frequenz der sich über den Globus erstreckenden Interaktionen mit anderen Gesellschaften und deren Organisationen, desto komplexer werden die Fragestellungen, die mit der Zukunft zusammenhängen. Einfache Kausalitäten existieren kaum noch, Interdependenzen steigen ins Unermessliche. Dennoch kann das extrem hohe Niveau der Fragestellung Zukunft nicht davon abhalten, sich mit ihr zu beschäftigen.

Was machen die Menschen und Organisationen, die Lösungsmodelle für die Fragen von Morgen entwickeln wollen? Ja, sie rechnen vorhandene Entwicklungen hoch, ja, sie entwickeln Modelle, und ja, sie betrachten mögliche Widerstände gegen ihre Modelle. Das Wichtigste jedoch, was sie, oder zumindest die Erfolgreichen unter ihnen leitet, ist die radikale Hinterfragung der eigenen, vielleicht auch ehernen Annahmen und der bewusste Ausschluss von Tabus. Letztere sind kulturell regional und hinsichtlich von Lösungen restriktiv.

Selbstverständlich können Zukunftsmodelle mit Fehlern behaftet sein oder sich gar als gänzlich untauglich erweisen. Es gehört sogar zu ihrem Wesen. Denn das Wesen von Zukunft ist ein Lernprozess, der von Hypothesen ausgeht und diese immer wieder verifiziert oder falsifiziert. Diejenigen, die sich damit befassen, sind diejenigen, die die berühmten Komfortzonen verlassen und ins Risiko gehen. Ohne sie gäbe es keine Lernprozesse und Entwicklung.

Immer dann, wenn sich die gefühlte Erdumdrehung beschleunigt, sammeln sich die Lager, um Antworten zu finden. Neben denen, die Zukunft als etwas Unvermeidliches ansehen, das auch Chancen birgt, existieren immer auch die, die in der mit der Zukunft einhergehenden Veränderung etwas sehen, das vermieden werden muss, weil es Verlust bedeuten könnte und auf jeden Fall Ängste erzeugt. Ihre Strategie ist eine andere. Sie versuchen mit Gewalt, die Entwicklung zu vermeiden.

Die Mittel, die sie dabei anwenden, sind zumeist nicht zimperlich, weil ihr ganzes Handeln emotional gesteuert ist. Der erste Baustein ihres Retro-Modells ist die Personifizierung der Erscheinungen. Da sind einerseits die Übeltäter, die das Neue selbst verkörpern und andererseits die Übeltäter, die Antworten auf das Neue suchen. In dem personifiziert wird, wird emotionalisiert, und das mit Kalkül. Und diejenigen, die nach Antworten auf die neuen Erscheinungen suchen, werden in einem Umkehrschluss zum Übel selbst und aus der Sicht der Zukunftsverhinderer werden sie sogar zum Kern des Problems.

Der Versuch, die Internationalisierung von Gesellschaften und die De-Geographisierung von Konflikten zu leugnen und die Überbringer dieser Entwicklung zu meucheln ist die Auftaktveranstaltung zu einer neuen Form des Fundamentalismus. Das, was momentan als Populismus erlebt und in Formen der Propaganda übermittelt wird, hat angesichts der aggressiven Emotionalisierung und der radikalen Tabuisierung eine Qualität erreicht, die Analogieschlüsse zu historischen Formen des Fundamentalismus zulassen. Prinzipiell, d.h. vom Prinzip her, sind Phasen der Modernisierung immer von diesen Strategien eskortiert worden. Die großen Namen, die diese Art von Zukunftsvermeidungsstrategie umschreiben, sind die Heilige Inquisition, die verschiedenen Formen des europäischen Faschismus wie die Operationen islamistischer Revolutionsgarden oder Terrorgruppen unserer Tage. Der deutsche und europäische Populismus, wie er sich momentan spreizt, weist die gleiche systemische DNA auf. Die bittere Realität ist nicht die Tatsache, dass diese demagogische Vorgehensweise existiert, sondern die Resonanz, auf die sie momentan stößt. Und damit ist die Zielrichtung politisch verantwortlichen Handelns auch benannt.

Profession und Konfession

Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Termini Profession und Konfession nah beieinander liegen. Das, was als Professionalität mental verortet ist, hat sehr viel mit einem Bekenntnis zur wahr genommenen Tätigkeit zu tun. Es geht, vor aller technischen Finesse und Virtuosität, um eine Überzeugung, vielleicht auch um große Leidenschaft oder Liebe. Nur, wer sich zu einer Aufgabe hingezogen fühlt, ist in der Lage, die Mühen, Widrigkeiten und Rückschläge zu akzeptieren, die zur Erlangung tatsächlicher Meisterschaft erduldet werden müssen. Wer sich das Adjektiv professionell redlich erworben hat, blickt auf große Zeiträume der Übung zurück. Übung, die dennoch mit Leidenschaft durchdrungen war, weil eine innere Bindung zu der substanziellen Tätigkeit bestanden hat.

Die Geschichten der einzelnen Berufe, vor allem in Deutschland, weil dort die Zünfte eine Organisationsform darstellten, die weit über das rein Berufliche hinausgingen und von der Vertretung einer allgemeinen Ethik bis hin zur Korporierung wirtschaftlicher und politischer Interessen reichten, sind ein beredtes Beispiel für die Hingabe und Leidenschaft, die mit dem Erwerb der Rechte verbunden waren, sich als ein Vertreter der Professionalität in der Gesellschaft bewegen zu dürfen.

Max Weber, der den Prozess der Moderne in vielerlei Hinsicht geistreich kommentierte, hat das Berufsethos der Gewerke versucht auf das Politikerdasein zu übertragen. Analog zu der hier angestellten These von der Nachbarschaft von Profession und Konfession wählte er die Analogie von Beruf und Berufung. Im Grunde ging er normativ noch weiter. Er unterstellte dem Typus des Politikers, der gesellschaftliche Berechtigung erlangen wollte, über die Befähigung zum Beruf die Notwendigkeit zur Bekenntnis der Berufung. Damit drehte er, der gar nicht zu den Dialektikern gehörte, die Verhältnisse einfach um. Das ideelle Commitment, wie es heute zu formulieren wäre, war besonders zu seiner Zeit in den Gewerken zu finden. Im Beruf des Politikers musste es noch entwickelt werden.

Die allgemeine Vergesellschaftung aller relevanten Prozesse hat zu einer Ent-Privatisierung der handelnden Subjekte geführt. Manager sind keine Eigentümer mehr und Politiker entwickelten sich zu Managern. Weder die einen noch die anderen arbeiten nach eigener Wahrnehmung in konkreten Sozial- und Beziehungssystemen, sondern in korporierten, komplexen und anonymen Organisationen, für die der individuelle Tribut an eine Berufsidee nicht mehr adäquat erscheint.

Das erste, was unter dieser Entwicklung gelitten hat, war die Trennschärfe zwischen den beiden Systemen, um die es sich handelt. Das Leistungssystem bekam politische Züge und das politische System erhielt Anteile des Leistungssystems. Plötzlich wurde Politik gemanagt und in Unternehmen zunehmend mehr Politik gemacht. Die Referenzgröße des Leistungssystems wurde genauso erodiert, wie die Loyalität als Bezugsgröße in dem der Politik. Damit zurecht zu kommen, wird immer schwerer, weil die Spielarten in ein und demselben Prozess des Öfteren wechseln.

Die Verhältnisse und ihre Entwicklungen sind so wie sie sind und es ergibt keinen Sinn, sich darüber zu beklagen. Wichtig scheint zu sein, dass der Typus des beruflich spiritualisierten Menschen, der das entwickeln konnte, was im Englischen so treffend mit Craftsmanship beschrieben wird, bis auf Randerscheinungen nicht mehr existiert. Stattdessen haben sich Fähigkeiten entwickelt, die auf einer Meta-Ebene stattfinden. Es ist der Systemwechsel innerhalb eines Prozesses, es ist das Jonglieren mit Referenzsystemen. Wahrgenommen werden diese Fähigkeiten selten, zumeist wird das kritisiert, was dem Purismus des jeweiligen einen Systems zu fehlen scheint. Und die Instanzen, die das Neue beschrieben hätten und zu würdigen wüssten, die existieren noch nicht.