Archiv für den Monat Oktober 2015

Lest die deutsche Literatur zum Thema Exil!

Als die Katastrophe hier in Deutschland ausbrach, in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, da gingen die Menschen sehr unterschiedlich damit um. Diejenigen, die an den Nationalsozialismus glaubten, waren voller Hoffnung und diejenigen, die nicht daran glaubten, gingen zunächst mehrheitlich davon aus, dass der Spuk sehr bald vorbei sei, angesichts des sehr jungen und zumeist unqualifizierten Personals, mit dem das III. Reich aufgebaut werden sollte. Wir wissen, dass alle falsch lagen bis auf diejenigen, die an diesem Spuk noch verdienten. Diejenigen, die nicht an das Reich der Rasse glaubten, duckten sich irgendwann ab, oder sie verschwanden in Lagern, wo sie irgendwann erschlagen, erschossen oder verbrannt wurden. Andere machten sich noch früh genug auf die Flucht. Wenn sie früh genug gingen, waren sie klug, andere, die erst später auf die Idee kamen, hatten es wesentlich schwerer. Auch wenn sie ihr Leben retteten, stand vor ihnen das beschwerliche Exil.

Das Exil war nichts, was in irgend einer Form romantisiert werden könnte. Die wenigen Stunden in dem berühmt gewordenen Sanary-sur-Mère, an der Code d´Azur, wo einst Thomas Mann eine Villa besass, bezeugen nicht das, was das Exil für viele bedeutete. Sie verloren zumeist alles, ihre bürgerliche Existenz, ihr Hab und Gut, ihre sozialen Beziehungen und, was immer unterschätzt wurde, ihren Beruf. Und es gab sehr unterschiedliche Wege, wohin man sich aufmachte. Die einen zog es nach Amerika, gerne nach Nord, aber auch nach Süd, andere, von denen nicht so gerne berichtet wird, auch nach Osten. Thomas, Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch, Oskar Maria Graf etc. gingen über New York in die USA, und ihr Geld und Ruhm entschied, wie es weiter ging. Thomas Mann und Lion Feuchtwanger residierten in großen Villen an der kalifornischen Westküste, weil sie schon vor den Nazis weltbekannt und berühmt waren und einen Teil ihre Vermögens retten konnten. Stefan Zweig arbeitete zwischendurch als Tellerwäscher, Oskar Maria Graf wohnte in Manhattans Norden unter Latinos, die einwanderten. Und es gab Betriebsräte und Kommunisten aus Zechen und Stahlwerken, die in die Sowjetunion gingen, um gegen Hitler zu kämpfen. Ihr Exil war irgendwo an der chinesischen Grenze in einer Waffenfabrik.

Diejenigen, die nicht doch irgendwann geschnappt wurden, in der Vergessenheit den Rest ihres Daseins fristeten oder aus Verzweiflung und Schmach Hand an sich legten, die Zeugnis ablegen konnten vom Elend des Exils, von den vielen, verzweifelten, intelligenten wie dummen, extravaganten wie armseligen Versuchen, dem Tod durch die Schergen eines Tyrannen zu entgehen, sie und ihre Zeugnisse, die verfügbar sind, sie sind aktueller denn je. In einer Situation, in der Hunderttausende von Flüchtlingen in unser Land kommen und das historische Wissen um die eigene Vergangenheit dem Konsumrausch und einem Befindlichkeitsdiskurs gewichen sind, sollten diese Bücher schleunigst gelesen werden. Es gibt sehr viele davon und sie sind gut: Exil und der Teufel in Frankreich von Feuchtwanger zum Beispiel, oder Der Vulkan von Klaus Mann, oder Transit von Anna Seghers, oder Der Weg nach unten von Franz Jung, oder Wir müssen weiter von Franz Mehring, oder Die Flucht ins Mittelmäßige von Oskar Maria Graf, oder, oder, oder. Wer einen Eindruck vom Grauen von Flucht und dem Elend des Exils erhalten will, sollte sich dieser Literatur, die unter dem Stichwort Exil in den Regalen der Bibliotheken steht, intensiv widmen. Sie öffnet die Augen für das, was momentan in unserem Land geschieht!

Genug der Worte!

Krisen sind Chancen. Krisen sind keine Katastrophe. Dazu kommen sie zu häufig vor. Etwas, das häufig vorkommt zu einer Besonderheit zu erklären, macht aus dem Dasein einen Sonderzustand. Das ist absurd und es ist nicht klug. Der Zustand allgemeiner Zufriedenheit ist kein allgemeiner Zustand, der von Krisen unterbrochen wird. Bei Betrachtung dessen, was den Individuen wie der Gesellschaft widerfährt, ist der Zustand allgemeiner Zufriedenheit eher eine der selteneren Ausnahmen und Krisen das Normale. Dass der Wunsch ein anderer ist, kann als menschliches Bedürfnis angesehen werden. Das Bedürfnis ist verständlich, denn wer strebte nicht nach Freiheit von Not und Glück. Insofern sind all jene, die sich immer so sehr von den Slogans der Krisenpropaganda verführen lassen, Menschen, die ein verständliches Streben vereint.

Die Wahrnehmung derer, die die Politik der Krisenpropaganda im destruktiven Sinne betreiben, setzt bei dem Wunsch nach allgemeiner Sorgenlosigkeit an. Das ist klug, aber in Situationen großer gesellschaftlicher Anspannung unverantwortlich. Die gestörte Emotion reagiert und arbeitet anders als der herausgeforderte Verstand. Störungen der Harmonie, auch wenn sie nur unterstellt werden, führen zu einer disharmonischen Reaktion. Die Beschreibungen möglicher Lösungen und besserer Zustände aus der Lage, wie sie heute ist, verlangt ein hohes Maß an Anstrengung und Inspiration. Pläne, wie man es anders machen könnte, haben etwas Humaneres als brennende Kinderbetten. So sieht es aus.

Das Phänomen der gestörten Harmonie ist nicht zu unterschätzen, auch wenn es sich um eine illusionäre Wahrnehmung handelt. Tatsächliche Strapazen, die die gewohnten Grenzen jeden Tag überschreiten, können nur diejenigen abtun, die selbst nicht in der Lage sind. Um dieser Krise, ja, es ist eine ausgewachsene Krise, produktiv und vernünftig begegnen zu können, bedarf es nicht nur eines semantischen Modells. Es ist erforderlich, es ist notwendig, aber es reicht nicht aus. Um aus der Krise eine Lösungsgeschichte machen zu können, bedarf es einer guten Lebensführung. Die Maximen dieser Lebensführung sind alt, aber kommen selten zur Anwendung: Gehe mit gutem Beispiel voran, gewähre Freiheiten und fordere Verantwortung, verlange von andren nicht Dinge, die du selbst nicht akzeptieren könntest. Wer das nicht gewillt ist zu leben, der sollte sich nicht am Design der Lösung verschwenden. Hic Rhodus, hic salta! Es ist wie bei dem Athleten, der überall prahlte, was er in Rhodus einst geleistet hatte. Bis man ihm immer wieder zurief, hier ist Rhodus, hier musst du springen! Für alle, die ein besseres Leben erreichen wollen, gilt dieser Satz. Rhodus ist überall.

Und diejenigen, die so tun, als sei ein Zwischenzustand der wahre Dauerzustand, sie brauchen keinen Rat, denn sie gleichen dem Inferno Dantes. Wer sie erblickt, der lässt alle Hoffnung fahren. Denn wer sonst außer dem leibhaftigen Teufel könnte fordern, zugunsten des Friedens und des Glückes das Unglück und Leiden der anderen zu fordern. Das ist die Logik von Inquisitoren, die alle eines gemein haben, egal für welchen Glauben und welche Ideologie sie zu Felde ziehen: Sie glauben selbst nicht an Gott und sind selbst die besten Freunde des Teufels.

Doch genug der sphärischen Figuren. Das Hier und Jetzt fordert Taten. An ihnen werden wir alle gemessen werden. Und an ihnen werden wir sehen, ob wir es Wert waren, uns selbst in so günstigem Lichte zusehen. Das Wort geht der Tat voraus. Jetzt ist Tat-Zeit! Ohne Wenn und Aber!

Welterklärung all-inclusive

Schlechte Nachrichten für alle, die sich im warmen Bett der Gewissheiten wähnten, die mit einbetoniertem Kompass an ihren Tischen saßen, die mit einem Anflug von Arroganz in Talkshows und Hörsälen dem staunenden Auditorium die Welt erklärten. Nichts von dem, was ihre kleinformatigen Erklärungsansätze zu erfassen suchten, stimmt mit der Welt, so wie sie draußen ist, noch überein. Ob am Rednerpult in den Parlamenten, an der Tafel vor der Klasse, im Plüschsessel vor der Kamera oder im Fokus des Auditorium Maximum: Die großen Gesten der Welterklärung haben den Weg in Dunkelheit und Verwirrung eröffnet und das Licht der Erkenntnis in weite Ferne gerückt.

Es ist zu reden über ein Phänomen, das besonders im Lande der Dichter und Denker, in welchem die intellektuelle Kapriziosität des einzelnen Individuums so außergewöhnliche Leistungen zu zeitigen in der Lage ist, das kollektive Arrangement sich umgekehrt proportional aber so schwer tut. Die großen Werke des deutschen Idealismus wie der deutschen Klassik, die kosmischen Figuren einer einzigartigen, voluminösen Musik wie die erhellenden Texte radikaler Philosophie konnten nichts bewirken in Bezug auf das staatliche Zusammenwirken. Das war angesichts der kulturellen Potenziale ein beschämender Exkurs quasi ins Paläolithikum.

Vielleicht ist es der aus der intellektuellen Extravaganz entstandene Übermut, der dazu trieb, die Dimension sozialer Konstrukte zu unterschätzen und sie zu behandeln wie einen Schülertext. Und dieser Übermut, er gehörte zu den wenigen Dingen, die je in der Geschichte der Deutschen demokratisiert wurde. Diesen Übermut beherrschen alle und ihnen ist gemein, dass sie schnell zu Herren einer Analyse werden, die den Namen nicht verdient. Besser als eine Episode, die sich zu wiederholen scheint, lässt es sich nicht beschreiben:

Ein weitgereister, in allen Teilen Welt aktiv gewesener Berater in Politik und Wirtschaft, einer der zu den wenigen gehört, die im Felde der internationalen Deutung aus diesem Land geschätzt werden, klagte einst sein Leid, gefragt, wie es ihm gehe, wenn er nach Deutschland zurückkehre. Ja, seufzte er, es sei schön, nach Hause zu kommen, die Ordnung, das geregelte Leben, die sachliche Verfügbarkeit und all die Genüsse goutieren zu können. Nur mit den Sozialkontakten, das sei so eine Sache. Er ginge zum Bespiel auf keine Party mehr, weil dort die erste Frage immer sei, was man so mache. Und wenn er zum Beispiel sage, dass er derweilen in Kuba lebe, ohne auf die Inhalte seiner Tätigkeit konkret einzugehen, meldeten sich schon Experten, die bereits einmal für 14 Tage dort gewesen seien, all-inclusive versteht sich, die ihm in epischer Breite und mit profunden Blick dieses Land erklärten. Das ertrage er nicht mehr, seufzte der Kosmopolit. Und wäre er kein Rheinländer gewesen, so hätte er sicherlich sogar geweint.

Beschrieben ist damit ein Phänomen, dem sie nahezu alle aufsitzen, die Spezialisten aus den Disziplinen, ob es Ökonomen sind, deren Format in diesen Tagen besonders aufgeblasen ist, oder Historiker, die sich an die Propagandafonds heranschleichen oder gar Politologen, die illustrieren, dass sie nichts von Politik verstehen. Deshalb implodiert gerade das deutsche Gebäude der Welterklärung und man ist so überrascht über gewaltige Bewegungen, die scheinbar überraschend über uns hereinbrechen. Das war vor 25 Jahren übrigens auch so, niemand war überraschter als die damalige Bundesregierung, als die DDR in sich zusammenfiel. Eine kritische Revision über die Konstituenten der eigenen, fatalen Prognostik? Nein, warum auch, wir sind doch Meister auf den Gebieten der Angst wie des Größenwahns, da bleibt kein Platz für Bescheidenheit und Demut.