Archiv für den Monat Oktober 2015

Zum Umgang mit Druck

Es ist ein schleichender Prozess. Zuerst sind es nur Nuancen. Da wird eine Bemerkung gemacht, die ansonsten mit Beifall bedacht wird und plötzlich erscheint die Reaktion etwas frostig. Oder es werden Dinge in den Nachrichten gemeldet, die allein für sich nicht dramatischer sind als sonst, in der Summe aber ein anderes Gefühl hinterlassen. Manchmal sind es nur Gesten, manchmal eine schreckliche Begebenheit, manchmal scheint es aber auch als völlig normal. Egal, was es ist. Es unterscheidet sich nicht in allem von den sonstigen Begebenheiten, aber dennoch wirkt es anders und die Menschen beginnen, sich anders zu verhalten.

Das, wovon die Rede ist, ist das Phänomen ansteigenden des Drucks auf Mensch und Gesellschaft. Nicht, dass es Zeiten gäbe, in denen kein Druck herrschte. Das anzunehmen, ist eine durchaus gängige Illusion, die sich besonders gut verkaufen lässt, solange er weiter steigt. Dennoch gibt es unterschiedliche Druckzustände. Erhöhter Druck geht Richtung Grenze dessen, was die menschliche Seele, soziale Institutionen oder sonstige Organisationen zu ertragen oder auszuhalten in der Lage sind. Erhöhter Druck macht deutlich, dass es Grenzen gibt. Und die Erkenntnis, dass Grenzen überschritten werden könnten, führt zu einer dramatischen Erhöhung des Faktors Stress.

Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem der Druck die Grenzen seiner ihm zugehörigen Systeme erreicht hat. Es wird deutlich, dass etwas passieren wird. Entweder bricht das zu beobachtende System zusammen, oder es wird etwas unternommen, das den Zusammenbruch verhindern soll. Bei letzterem handelt es sich um eine Intervention, die gut durchdacht sein will. Es geht nämlich darum, ob das Einschreiten gegen den Druck, oder besser gesagt der generierte Gegendruck dazu geeignet ist, das betroffene System zu entlasten oder endgültig kollabieren zu lassen. Erzeugter Gegendruck in einem geschlossenen Raum kann zu einer Doppelbelastung der Grenzen und damit zum beschleunigten Zusammenbruch derselben führen. In diesem Fall wäre das Gegenteil von dem erreicht, was Motiv des erzeugten Gegendruckes war: das System zu entlasten.

Aber es existieren auch andere Techniken, mit einer Drucksituation umzugehen. Es besteht z.B. die Möglichkeit, das Phänomen als Erscheinung in eine andere Umwelt zu stellen. Wird das kreativ gehanhabt, kann sogar aus negativ erlebten, destruktiven Druck so etwas wie eine neue Energiezufuhr werden. Die Entwicklung einer Erscheinung in dem alten System kommt als Bedrohung, in einer neuen Umgebung kann sie als das Maß aller Lösungen begriffen werden.

Das, was auch Reframing genannt wird, d.h. eine Erscheinung, die zunächst negativ wirkt, in einen neuen, positiven Rahmen und Zusammenhang zu stellen, ist die produktive Variante des Umganges mit steigendem Druck. Dieser Umgang erfordert ein gewisses Maß an Kreativität und ein besonderes Maß an Toleranz gegenüber Phänomenen, die neu sind, zunächst befremdlich wirken und gegebenenfalls sogar bedrohlich sind in Bezug auf die Fähigkeit der bestehenden Institutionen, mit ihnen umzugehen.

Was sich hinter dem Beschriebenen auch verbirgt ist der Unterschied zwischen Problembeschreibung und der Entwicklung von Lösungsansätzen. Wer in der Problembeschreibung verharrt, dem gelingt es in der Regel nicht, das Phänomen in einen positiven Kontext zu verpflanzen. Wer hingegen in der Lage ist, in Lösungsansätzen zu denken, für den ist Druck sogar etwas, das bis ins Inspirative reicht. Momentan, in einer Situation, in der sich der Druck signifikant erhöht, ist genau zu beobachten, wer in produktiven und wer in destruktiven Kontexten verhaftet ist.

Sehnsucht am Horizont

Sean Costello. We Can Get Together

Sean Costello. Geboren 1979 in Philadelphia. Gestorben 2008, eine Nacht vor seinem 29. Geburtstag in Atlanta. Der als Gitarrist des Blues geführte Musiker zog mit 9 Jahren nach Atlanta, mit sechzehn Jahren debütierte er mit dem Album Call The Cops. Seither galt er als eine der großen Hoffnungen des amerikanischen Blues. Bis zu seinem Tod, über dessen Ursachen verschiedene Versionen kursieren, von der fälschlichen Einnahme verschriebener Medikamente gegen sein bipolares Leiden bis hin zu Betäubungsmittelmissbrauch, veröffentlichte er fünf Alben. Alle überzeugen. Sie zu hören ist eine Wohltat, weil Costello es vermochte, mit gekonntem Spiel das Wesen der Songs herüberzubringen. Sein letztes Album We Can Get Together erschien in seinem Todesjahr 2008. Es ist eines der besten Blues Alben im beginnenden 21. Jahrhundert.

Was Costello auf diesem Album gelang, war eine Reife, die viele nie erreichen. Vom ersten bis zum letzten Song handelt es sich um Kompositionen, die mit einer klaren Aussage und einem dieser entsprechenden musikalischen Untermalung überzeugen. Der schnörkellose, teils aggressive Blues, aus dem der Rock immer wieder hervorlugt, mit dem Costello bis dato bekannt geworden war, erhält auf We Can Get Together völlig neue Schattierungen.

Anytime You Want, der Auftakttitel, entspricht noch dem Bild, das Costello geprägt hatte. Knallharte Gitarrenriffs, rhythmisches Staccato und eine raue, heisere Stimme. Same Old Game, der zweite Song, könnte aus dem Bluesrock-Arsenal der siebziger und achtziger Jahre stammen, während Can´t Let Go bereits eine Wende zum Balladenhaften enthält, die aufgrund der weichen, melodischen Gitarrenführung wie der sentimental-leidenschaftlichen Stimme nachvollziehbar ist. Told Me A Lie, das folgt, hat bereits die Architektur eines Funeral Songs aus New Orleans. Spätestens hier wird deutlich, das das unvermutete Spätwerk eine grandiose Referenz an die Vielseitigkeit des Blues werden würde. Um nicht vom kompromisslosen Blues in die Ballade endgültig zu verfallen folgt prompt Hard Luck Woman, welches sowohl von der Gitarre wie der Intonation von ZZ Tops Billy Gibson stammen könnte.

Ebenso verhält es sich mit How The Devil, das noch aggressiver und bedingungsloser daherkommt. Da wird aus der Melancholie plötzlich der Überlebenskampf in brütender Hitze. Und schon, dramaturgisch perfekt, folgt Have You No Shame, eine wunderbare, herzbrechende Ballade, die die Zerbrechlichkeit und Vielseitigkeit des gerade noch gewürdigten Raufboldes dokumentiert. Irgendwie wird das Ende einer jeden Schönheit in diesem Song beklagt, und wer stimmte dem nicht zu. Das Gitarrensolo vertont diese Idee dermaßen glaubhaft, das nur noch Gänsehaut bleibt. Going Home zeigt die kaum ausgesprochene, aber fühlbare Nähe zum Soul. All This Time ist das einzige Stück, das mit dem Titel Mainstream bezeichnet werden könnte. Feel Like I Ain´t Got A Home erinnert mit seiner ganzen Wucht an den irischen Folk-Blues eines Rory Gallagher und letztendlich, Little Birds ist eine musikalische Referenz an den amerikanischen Süden, in die eine unter der Hitze ächzende Gitarre die Sehnsucht an den Horizont malt.

Sean Costello war ein grandioser Musiker. Er hat es geschafft, vor seinem frühzeitigen Tod ein Meisterwerk zu hinterlassen, das an Qualität nichts verlieren wird. Nicht technisch, nicht kompositorisch und erst recht nichts an Gefühl. We Can Get Together. Sean Costello!

Der Brandsatz ist gelegt

Auch wenn es seit geraumer Zeit nicht so erscheint: In der Bundesrepublik Deutschland herrscht die Richtlinienkompetenz des Kanzlers. Das war immer so, weil es in der Verfassung steht. Das war auch bei Helmut Kohl so, obwohl es nicht immer so erschien. Und es ist im Falle der Kanzlerin Angela Merkel so, auch wenn es in ihrer Amtszeit noch seltener so erschien. Die Praxis des Abwartens und Austarierens hat bei ihrem Lehrer und noch mehr bei ihr selbst dazu geführt, dass die Richtlinienkompetenz immer mehr in Vergessenheit geriet. Sie besagt, dass es dem Bundeskanzler oder der Bundeskanzlerin obliegt, in wesentlichen Fragen zu entscheiden, welche politische Strategie bei der Bewältigung des Tagesgeschäftes maßgeblich ist. Vor allem bei schwierigen Fragen ist diese Richtlinienkompetenz entscheidend, ob die Regierungsgeschäfte so geführt werden, dass sie begründet und nachvollziehbar sind.

Bei Betrachtung der letzten Monate konnte der Eindruck entstehen, dass die Kanzlerin von diesem Recht nicht mehr Gebrauch zu machen scheint. Das war vor allem in der Krise um die griechischen Kredite so, als die Kanzlerin es zuließ, dass ihr Finanzminister in aller Öffentlichkeit Positionen vertrat, die nicht ihren eigenen Erklärungen entsprachen. Während sie einen möglichen Grexit von sich wies, vertrat der Finanzmister in aller Öffentlichkeit und in den internationalen Gremien, in denen er unterwegs war, genau das Gegenteil. Und nun, in der Frage um die massenhafte Immigration, erscheint es wieder so. Da vertreten Regierungsmitglieder reihenweise Positionen, die anscheinend nicht dem Kurs, den die Kanzlerin formuliert, entsprechen. Das ist ein offener Verstoß gegen die Richtlinienkompetenz. Durchgesetzt wird sie nicht. Was bleibt, ist eine zunehmende gesellschaftliche Verunsicherung.

Die Meldung, dass momentan in Brüssel wie Berlin darüber nachgedacht werde, einen Flüchtlingssolidaritätszuschlag einzuführen, ist wieder so eine Geschichte. Im Kontext taucht erneut der Name Schäuble auf. Dieser bringt es fertig, die Vermutung weder zu bestätigen noch zu dementieren. Das ist eine Floskel, die alles sagt. Bei der Meldung handelt es sich um den Versuch, einen Brandsatz zu legen, der zu einer Explosion führen soll. Die Einführung einer Sondersteuer würde zu einer emotionalen Eskalation der Befindlichkeiten um die Zuwanderung führen. Genau das ist es, was dahintersteckt. Es ist politische Brandstiftung. Ausgeführt von Regierungsmitgliedern, unter den Augen der Kanzlerin. Entweder spielt sie das Spiel mit, um auszutarieren, was geschieht, dann ist es an spekulativer Arroganz nicht mehr zu überbieten, oder sie hat bereits die Macht verloren, ihre Kompetenzen durchzusetzen. Dann ist es das Ende ihrer Amtszeit.

Es scheint die logische Folge einer langen Entwicklung zu sein. Abwarten, was geschieht, sich von der irdischen Politik zu abstrahieren und sich zunehmend selbst zu inszenieren. In der letzten Woche, als die Bundeskanzlerin zumindest medial als Kandidatin für den Friedensnobelpreis gehandelt wurde, inszenierten die ARD mit Showmasterin Anne Will noch einen einstündigen Promotionspot, wo sie sich jenseits der gesellschaftlichen Entwicklungen als exponierte Humanisten darstellen konnte. Derweilen rebelliert die eigene Partei und die CSU mobilisiert den archaischsten Populismus der Dekade, um auf Stimmenfang zu gehen. Eine Intervention aus dem Kanzleramt blieb aus.

Während die Republik sich beweisen muss, während Hunderttausende sich engagieren, ungeachtet ihrer sonstigen Verpflichtungen, während die Ursachen für die gegenwärtigen Probleme einer strategischen Lösung harren, inszeniert sich die Kanzlerin, um einen Preis zu gewinnen und rebelliert eine Partei, die sich den Realitäten verwehrt. Für solche Fälle existiert unter anderem die Richtlinienkompetenz. Aber was nützt das alles, wenn weder Richtlinien noch Kompetenz zu finden sind?