Archiv für den Monat August 2015

Kriegstrommeln

Das PewResearchCenter ist kein unbeschriebenes Blatt. Es gilt als kompetent, wenn es darum geht, weltweit Haltungen und Trends zu untersuchen. Und es ist kein Zufall, dass nun, in der Sommerpause, von diesem Center eine Studie vorgestellt wird, die die Reputation Russlands und ihres Präsidenten Putins zum Inhalt hat. Das besagte Institut hat diese Fragen in vielen Ländern dieser Erde zu ermitteln versucht und kommt zu Ergebnissen, die die Auftraggeber sicherlich erfreuen werden, aber noch kein Grund dafür sind, sich mit dem jetzigen Stand zufrieden zu geben.

Insgesamt ist nach der Studie das Ansehen Russlands weltweit mit 51 % als kritisch bewertet, während immerhin noch 30 % der Weltbevölkerung mehrheitlich Sympathien hegen. Die Länder, in denen Russland sogar überwiegend positiv gesehen wird, sind Indien mit 43 % Sympathiewerten bei 17 % Ablehnung, China mit 51 % positiven bei 37 % kritischen Werten sowie Vietnam bei 75 % Sympathie und 10 % Skepsis. Anders natürlich der Westen, in den USA sind immerhin 67 % der dortigen Bevölkerung negativ gegenüber Russland eingestellt und nur 22 % haben gute Konnotationen. In Deutschland sind es 70 zu 30. Das bemerkenswerte dabei ist, dass seit der Weltfinanzkrise im Jahr 2008 sich dieser Wert in Deutschland gedreht hat. Da entschied man sich hierzulande endgültig für den Wirtschaftsliberalismus und folglich musste Russland als das stärkste Land des Staatsinterventionismus ideologisch zum Hauptfeind erklärt werden. Die in diesem Fall installierten Manipulationsmechanismen haben Wirkung gezeigt.

Kriege werden in unsren Tagen dann möglich, wenn eine emotional aufgeladene Öffentlichkeit für die Kriegsziele mobilisiert werden kann. Die Blaupausen für diese Erkenntnis in der jüngeren Vergangenheit waren die Kriegsvorbereitungen auf dem Balkan Ende der neunziger Jahre und die Kampagnen in den USA zur Intervention in den Irak zu Beginn des neuen Milleniums. In beiden Fällen wurde systematisch, permanent und zielgerichtet mit Fehlinformationen gearbeitet, um in der Bevölkerung eine Stimmung zu erzeugen, die eine militärische Intervention möglich machte. Die Angriffe auf Serbien mit deutscher Beteiligung beruhten auf einem Gefühl der moralischen Verpflichtung, die aus einer gezielt unvollständigen Berichterstattung über Sebrenica resultierte. Der dortigen Tragödie war ein Völkermord auf serbischem Gebiet vorausgegangen, worüber nie berichtet wurde. Und im Irak war es die Produktion von Atomwaffen, die die Amerikaner bedrohte, die dazu herhielt, um die Befürwortung eines militärischen Angriffs zu ermöglichen. Nachweise für diese Behauptung wurden nie gefunden, ganz im Gegenteil, selbst Regierungsmitglieder gestanden später, wissentlich gelogen zu haben.

Nun, nach Veröffentlichung der Studie über Russland, ist damit zu rechnen, dass die Propagandamaschine gegen Russland wieder angeworfen werden wird. Schon mit dem Bericht über die Studie setzen die ersten primitiven Verunglimpfungen gegen Russland und Putin wieder ein. Der Boden für diese Art der Propaganda ist fruchtbar, sonst hätte in sieben Jahren nicht der positive Wert gegenüber Russland in das negative Gegenteil verwandelt werden können. Es gilt, die Kompetenzzentren der Volksverhetzung und des Völkerhasses zu identifizieren und entsprechend anzugreifen. Es kann nicht mehr geduldet werden, dass Kriegstreiberei als Kavaliersdelikt akzeptiert wird.

Zudem sollte der Gedanke schnellstens verscheucht werden, mit einer noch stärkeren Ablehnung Russlands in der öffentlichen Meinung des Westens sei die Chance einer Bezwingung Russlands gleichermaßen gestiegen. Das ist Wunschdenken und Träumerei. Die neuen Allianzen, die sich auch aus der jetzt vorliegenden Studie ablesen lassen, sind in der Lage, Europa zu einem Hinterhof des Weltgeschehens mutieren zu lassen.

Die fundamentalistische Ideologie der Neuzeit

Sie brüsten sich damit. Die Journalisten von BILD weisen in ihrer heutigen Ausgabe stolz daraufhin, dass sie bereits vor fünf Jahren eine Schlagzeile hatten, in der es hieß: Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen! Und nun, da die Arbeit vollbracht ist, stehen tatsächlich griechische Inseln zum Verkauf. Insgesamt befinden sich diese Inseln in einem Privatisierungspaket, das dem Schuldnerland 50 Milliarden Euro einbringen soll. Es geht dabei um Land, um Immobilien, um Flughäfen und Häfen. Es ist der Gipfel an Privatisierungsrausch und es ist der europäische und vor allem deutsche Bankrott gegenüber dem Wirtschaftsliberalismus.

Nicht, dass es dabei um eine rein akademische Diskussion ginge. Nein, es geht darum, ob Wirtschaftsinteressen die Politik dominieren. Die Äußerungen und Auftritte eines deutschen Finanzministers dokumentieren die Metamorphose von der Politik zur Ökonomie. Und sie dokumentieren die Aggressivität und den Revanchismus, mit der gegen alles vorgegangen wird, was noch in irgendeiner Weise auf den Anspruch eingeht, dass Politik die ungezügelten Interessen einzelner Gruppen dominieren muss. Es handelt sich um ein Debakel für die Politik generell. Sie hat abgedankt in einem Land, in dem Vulgärökonomen unangefochten erklären können, was für das Gemeinwesen erforderlich ist und was nicht.

Besonders bemerkenswert ist die Position, die sich bis zur ersten manifesten und umfangreichen Krise des Monetarismus vehement gegen seine Expansion gewehrt hat. Es sind dies die Kräfte des Keynesianismus gewesen, d.h. einer Perspektive, die das Primat in der Politik sieht und die Wirtschaft politisch zu steuern sucht, indem sie positive Stimulanzen setzt. Eigentlich genau das, was die griechische Syriza vorhatte und von bundesrepublikanischem Dogmatismus auf das schärfste kritisiert wurde. Der Keynesianismus ist der Kontrapunkt zum Sparexzess. Eigenartigerweise ist diese Art des Keynesianismus die klassische Politik der deutschen Sozialdemokratie gewesen, bis sie in der Regierungsverantwortung war und seit der Weltkrise im Jahr 2008 für Lösungsansätze verantwortlich zeichnete. Seitdem schweigt sie zu dem weiteren Voranschreiten von Reich gegen Arm, seitdem ist sie im Strom des Wirtschaftsliberalismus. Wer das zu verantworten hat, ist sekundär, dass sie es als Partei tut, verspielt ihre Chance auf die Zukunft. Der intern diskutierte Vorschlag, auf eine eigene Kandidatur bei der nächsten Wahl zu verzichten, ist nicht absurd, sondern folgerichtig.

Alles, was in diesem Land und in unserem Kulturkreis diskutiert wird und die Gemüter erregt, hat eine Ursache, die zu benennen keine Angelegenheit von Irrationalisten mehr sein kann. Der weltweite Kampf von Reich gegen Arm ist ein weltweiter Kampf gegen die Zivilisation unserer Tage. Der Wirtschaftsliberalismus und seine Vasallen putschen ganze Nationalstaaten, ganze Gemeinwesen und ganze Kulturkreise zurück in den Zustand der Barbarei. Alles, was das gesellschaftliche Dasein lebenswert macht, wird für die großen Mehrheiten der einzelnen Sozialsysteme immer unerreichbarer, weil es reduziert worden ist auf die individuelle Bezahlbarkeit. Das bezieht sich auf so etwas wie ein gesichertes Dasein, das bezieht sich auf so etwas wie Bildung und das bezieht sich auf so etwas wie bezahlbare Gesundheitsversorgung und bezahlbaren Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen. Wer wissen will, wohin die Barbarei dieser Ideologie führt, der fahre nach Griechenland. Und wer wissen will, welche ethische Verrohung damit im eigenen Kulturkreis verbunden ist, der lese BILD.

Und wer in der Lage ist, Zusammenhänge zu lesen, der wird auch begreifen, dass Flüchtlingsbewegungen auf dieser Welt, die nun auch uns erreichen, zurückzuführen sind auf die systematische Barbarisierung dieses Planeten durch die fundamentalistische Ideologie der Neuzeit, den Wirtschaftsliberalismus. Die Novellierung von Asylverfahren und die Neuformulierung von Asylkriterien sind Hokuspokus, wenn die weltweite, systematische Zerstörung sozialer Systeme nicht gestoppt wird.

Was sind schon 100 Jahre?

Muddy Waters 100. A Tribute From John Primer And Special Friends

Nun ist der 1946 in Camden, Mississippi, geborene Gitarrist und Bluesmusiker John Primer nicht irgendwer. Immerhin kann er für sich reklamieren, selbst in den Bands von Willie Dixon, Muddy Waters und Memphis Slim gespielt zu haben. Von seiner Herkunft, seinem Können und seiner individuellen Erfahrung bringt er alles mit, um eine musikalische Referenz an einen der ganz Großen des Blues zu erweisen. So verwundert es nicht, wenn er, zusammen mit allerlei Cracks wie Billy Branch, Shemekia Copeland, Gary Clark Jr., James Cotton, Keb Mo oder Johnny Winter ein Album mit dem Titel Muddy Waters 100 aufgenommen hat. Es ist eine Hommage an den großen Inspirator und Inventor des amerikanischen Blues zu dessen 100. Geburtstag, von dem allerdings keiner so genau weiß, wann er eigentlich war.

Die Titel, die John Primer für dieses Album ausgewählt hat, sind eine Auswahl aus dem ungeheuren Repertoire Muddy Waters´. Wie viele der großen Blues Musiker tingelte er sein ganzes Leben von Bühne zu Bühne und schuf hunderte von Songs, die bis heute überall auf der Welt gespielt werden. Über die Güte Primers und der von ihm ausgewählten Musikerinnen und Musiker besteht kein Zweifel und auch die Stücke sind gut getroffen. Was bei den insgesamt 15 Titeln jedoch nur ansatzweise gelingt, ist den Spirit der Musik Muddy Waters in das Jahrhundert nach ihm zu übertragen. Viele der Stücke, wie Got My Mojo Working, Still A Fool, I Be´s Troubled, Why Don´t You Live So God Can Use You, Good News etc. sind so gespielt, als säße Muddy Waters mit im Studio, nur hat John Primer seinen Platz eingenommen. So etwas geht immer ins Auge. John Primer, so gut er ist und so analog zum Original er auch spielt, ist eben nicht Muddy Waters. Die Kongruenz zu den Originalen lässt die Frage zurecht aufkommen, warum man sich die Kopie anhören soll, wenn es doch immer noch die Originale gibt? Die Aura eines Muddy Waters war einzigartig, die Kopie, so gut sie auch ist, kommt nicht an die Atmosphäre des Originals heran. Es ist ein Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

Zur Ehrenrettung und als Empfehlung sei gesagt, dass doch einige Songs dabei sind, die sehr gelungen sind, eben weil sie eigene Aspekte enthalten. I´m Ready zum Beispiel, bei dem Johnny Winter noch mitspielt, allerdings sehr nah an der Waters-Version, allerdings mit einer Frische und Verve, die den Eindruck hinterlassen, als sei das Stück gerade neu eingespielt. Insgesamt am gelungensten ist allerdings die Version Mannish Boy. Das Stück, kongruent zum Original, wirkt allerdings durch einen intelligenten Off-Beat im Drum Loop Programming und die melancholischen Piano-Akkorde von Blaise Barton wie ein Zitat, das nicht nur in die Moderne passt, sondern sie auch distanziert erklärt. Rosalie, eine augenzwinkernde Ballade aus dem Jahr 1942, wird durch die Violine von Steve Gibbons aus den Archiven zu neuem Leben erweckt und ist ein so untrüglicher Hinweis auf die sprichwörtliche Lebensfreude Muddy Waters. Und letztendlich 40 Day And 40 Nights, mit Gary Clark Jr., dem Shooting Star aus Texas an der Gitarre und einer rhythmischen Innovation zum Original, deutet daraufhin, wie zeitlos die musikalischen Ideen des Mannes waren, der am Mississippi aufwuchs und Chicago auf den Kopf stellte. Was sind schon hundert Jahre? Eine Frage, die ihm gefallen hätte.