Archiv für den Monat August 2015

Der Strömung die Stirn bieten!

Charlotte Kerner. Rote Sonne, Roter Tiger. Rebell und Tyrann. Die Lebensgeschichte des Mao Zedong

Die Historiographie hat in den letzten Jahren wieder besonders gelitten. Auch und gerade in Deutschland. Wer geglaubt hatte, dass sich die Darstellung historischer Ereignisse und Figuren so langsam gelöst hätte von einem intendierten ideologischen Zweck, hatte sich geirrt. Das ist betrüblich, aber leider auch nicht zu ändern. Und es ist nicht flächendeckend so. Manchmal ragen ganz plötzlich solche Werke heraus, denen es ganz unspektakulär und ohne großen PR-Aufwand gelingt, eine ganz andere Qualität an die Leserschaft zu bringen, als sie die Fronten zwischen der jeweiligen hysterischen Parteinahme vermuten lassen.

Charlotte Kerner, geboren in Speyer und heute in Lübeck lebend, ist zwar keine Historikerin, sondern Volkswirtin und Soziologin, und sie hat meistens den Beruf der Journalistin ausgeübt. Vielleicht wegen der Koinzidenz, dass sie selbst Ende der siebziger Jahre für ein Jahr in China weilte und die Erdverschiebungen nach dem Tod Mao Zedongs hautnah miterlebte und sicher aus einem vitalen Interesse hat sie sich an eine Biographie dieses Titanen gewagt. Unter dem Titel Rote Sonne, Roter Tiger. Rebell und Tyrann. Die Lebensgeschichte des Mao Zedong ist ihr ein Buch gelungen, das alle lesen sollten, die Interesse an Erkenntnisgewinn besitzen und die Lust verloren haben, sich ideologisch belehren zu lassen.

Denn die Stärke von Kerners Buch ist eine wohl tuende Distanz zu der historischen Figur Mao Zedong, die es ermöglicht, die Lebensumstände des Staatsgründers der Volksrepublik China zu objektivieren und seine intrinsische Motivation freizulegen. Zunächst frei von Urteilen werden die Schlüsselerlebnisse des jungen Mao in der Provinz geschildert, die langsame , aber stetige Entwicklung seiner Denkweise und die Herausbildung einer Persönlichkeit, die selten im Geschäft der Weltpolitik war und geblieben ist. Eine Mischung aus Poet, denn Mao verfasste von seiner Jugend bis zum Tod qualitativ hoch stehende Lyrik, und Machtpolitiker, der bei aller Empathie und Sensibilität nicht mit der Wimper zuckte, wenn es darum ging, das durchzusetzen, was er als wichtig erachtete. So entsteht das Bild eines Regisseurs der Weltgeschichte, zum Lieben und Fürchten zugleich.

Rote Sonne, Roter Tiger ist aber auch eine sehr gekonnt gezeichnete Illustration des historischen Rahmens, in dem sich das Leben Mao Zedongs innerhalb Chinas abspielte. Die ungeheuren Katastrophen, die vor Mao das Land prägten, die Demütigungen, die die Nation erleiden musste, der Befreiungsschlag der erfolgreichen Erhebung und die hausgemachten Katastrophen, die folgen sollten, aber das Land dennoch weiter brachten. Denn ohne dass die Autorin den belehrenden Zeigefinger benötigt, gelingt es ihr, die Dialektik zwischen der Kulturrevolution, ihren Verwüstungen, ihrer Niederschlagung, der erneuten Bürokratisierung und dem heutigen zivilgesellschaftlichen Widerstand zu verdeutlichen. Trotz der furchtbaren Dimension der Kulturrevolution hat sie den Keim gesetzt, der es einem Volk, dass unter einer tausendjährigen Autokratie gelitten hat, ermöglicht zu rebellieren.

Das Bestechende an diesem Buch über Mao Zedong ist nicht nur der Mangel an Rechthaberei und Verurteilung, sondern auch die angebrachte historische Relativität einer möglichen Bilanz. Nahvollziehbar beschreibt die Autorin die Lebensspanne Maos im europäischen Vergleich mit den Ereignissen aus 400 Jahren. Da relativieren sich auch die Dimensionen. Und es bleibt der Leserschaft überlassen, zu welchen Urteilen sie sich durchringt. Eine atemberaubende Perspektive im Zeitalter wachsender Belehrung!

Überforderte Behörden

Angesichts der vielen Flüchtlinge sind die Behörden einfach überfordert, so heißt es. Eine Reaktion auf eine derartige Äußerung müsste sein, dass die Behörden heil froh sein können, dass sie es noch gibt. Denn herrschte die Doktrin, die die Regierung der Bundesrepublik Deutschland nach außen vertritt, dann hätte es sich mit einer solchen Behörde bald gehabt. Die wäre nämlich längst aufgelöst, weil sie nur Geld kostet und angeblich nichts bringt und durch die Beauftragung an ein privates Unternehmen ersetzt. Das, was diese Regierung vor allem in Form ihres heillosen Finanzministers nach außen vertritt, traut sie sich im eigenen Land nicht. Vielleicht noch nicht. Vielleicht kommt der Vorstoß noch und die schlechte Arbeit zum Beispiel bei der Bearbeitung von Asylanträgen ist lanciert. Sollten in diesem Jahr tatsächlich 450.000 Asylsuchende ins Land kommen, dann wären das bei 2800 Beschäftigten in diesem Bereich ungefähr 160 Fälle. In jedem Sozial- oder Jugendamt sind derartige Zahlen normal, nur liegen sie dort nich jahrelang unbearbeitet herum. Das ist nicht ganz koscher, wenn die Formulierung erlaubt ist.

Die überforderten Behörden sind ein Phänomen, das repräsentativ für die gesetzte und zu Ende strukturierte Gesellschaft steht. In keinem Schwellenland existieren Behörden, die mit einer solchen Präzision und Zuverlässigkeit arbeiten wie zum Beispiel oder vielleicht auch besonders die deutschen. Und dennoch sind in vielen Schwellenländern die Probleme in nichts mit denen zu vergleichen, die hier beklagt werden. Jährlich strömen, und in diesem Kontext ist der Ausdruck tatsächlich angebracht, Millionen junger Menschen in die Metropolen, jedes Jahr wachsen diese Städte um eine halbe bis eine Millionen Menschen. Da sind keine Behörden,, bei denen Anträge abgegeben werden, da gibt es keine Stadtentwickler und keine Bauordnung und wenn, dann steht sie irgendwo im Archiv auf dem Papier.

Das Phänomen der Gesellschaften, die jung sind und wachsen, in denen die Metropolen ein besseres Leben und eine bessere Welt versprechen, besteht in ihrer Hoffnung und ihrer Dynamik. Trotz nicht vorhandener oder völlig überforderter bürokratischer Strukturen gelingt es dort immer wieder, die großen sozialen wie ethnischen Migrationen zu absorbieren. Das ist interessant zu beobachten, weil ein gewaltiger Prozess im Gange ist, der am besten mit einem Terminus wie „In der Praxis lernen“ beschrieben werden kann. Da wird das Auto schon mal in einem Kiosk zugelassen, unterrichtet wird in so mancher Großküche und jeder Taxifahrer bringt es zumindest basal auf drei bis fünf Sprachen. Die große Bewegung und Umwälzung funktioniert. Sie funktioniert anders, als das hiesige Denken in Kästchen zulässt, aber es sind großartige Leistungen, die diesen Gesellschaften in ihrer Gesamtheit attestiert werden müssen.

Anscheinend haben in Gesellschaften wie der unseren die Fähigkeiten das Zeitliche gesegnet, sich mit den aktuellen Problemen, die die Welt erzeugt, in einer adäquaten Weise auseinanderzusetzen. Phänomene, die neu sind, sollten vielleicht auch pragmatisch und provisorisch gelöst werden können. Das ist genau das, was wir von den dynamischen Gesellschaften lernen könnten, stünde dem nicht die Mentalität im Wege, nur die bekannten Regeln und Regelwerke anwenden zu wollen und sich und das eigene System für das Nonplusultra zu halten. Dekadente Gesellschaften weisen genau die Merkmale auf, die sich an der Flüchtlingsdebatte manifestieren. Gegen Dekadenz kann wenig ausgerichtet werden, weil es auch ein Gemütszustand ist. Die Politik jedoch, die weltweit Gesellschaften destabilisiert und an der diese Regierung beteiligt ist, diese Politik, die systematisch Menschen vertreibt und zu Flüchtlingen macht, die kann mit Binnenkräften beendet werden.

Ohne Vision, ohne Charme, ohne Charisma

Bereits vor vielen Jahren wurde in den USA eine Diskussion geführt, die als so etwas wie die Soziologie der Präsidenten genannt werden kann. Vorausgegangen war eine Untersuchung über Herkunft, Milieus und Sozialisation der jeweiligen US-Präsidenten. Hoch brisant waren die Schlussfolgerungen, die die Untersuchenden zu treffen hatten. Demnach waren diejenigen Präsidenten, die vor allem im politischen Milieu der Großstädte sozialisiert worden waren gute Verwalter, die das Geschäft kannten, aber keine Innovatoren, die in der Lage gewesen wären, das System zu verändern. Das blieb den Präsidenten vorbehalten, die aus der Provinz kamen und als junge Leute buchstäblich im Weizenfeld gestanden und auf einen unendlichen Horizont geblickt und dabei eine Vision entworfen hatten.

Empirisch, am Beispiel der USA, ließen sich diese Thesen halten. In der nachfolgenden Diskussion wurde beklagt, dass die Tendenz immer mehr und auch natürlicherweise zu dem Politiktypus ginge, der seine Herkunft im urbanen Milieu habe und damit die Zeit für die Visionäre vorbei sei. Aus dem Bauch betrachtet und bei einer Reflexion der Erfahrungen in Deutschland scheinen die Thesen allesamt nicht abwegig. Interessant ist allerdings aus heutiger Sicht noch eine weitere Entwicklung. Es ist die Frage, inwieweit in der Logik von heutigen Politikerinnen und Politikern, einmal unabhängig wo sie sozialisiert wurden, die Vorstellung von der Nützlichkeit einer Vision überhaupt noch existiert. War nicht der Großstädter Helmut Schmidt derjenige, die denen, die in der Politik Visionen nachhingen, dringend einen Besuch beim Arzt empfahl?

Vielmehr ist festzustellen, dass das Visionäre mit dem unbändigen Trend der Demoskopie aus der Politik gewichen sind. Plötzlich waren es nicht mehr Politiker oder Parteien, die mit Vorstellungen und Programmen um die Wählerschaft warben, sondern das Denken und vor allem das Fühlen der Wählerschaft selbst bis hin zu Detailfragen, das begann, das Handeln der Politik zu beeinflussen. Die Arithmetik dieses Trends hat zu dem Dilemma geführt, dass nun ausgerechnet ein Großteil der Wählerinnen und Wähler wiederum selbst beklagt: Eine sich in Alltags- und Detailfragen verlierende Politik ohne Vision, Charme und Charisma.

Die Branche, die über das politische Geschehen referiert, Presse und Medien, hat sich diesem Trend durch ein normatives Anforderungsprofil für Politiker angeschlossen. Da sind Pragmatiker gefragt, die auf das Tagesbedürfnis der Bevölkerung eingehen und es tunlichst vermeiden, die Notwendigkeit von schmerzhaften Schritten oder Anstrengungen zu formulieren, um politische Ziele erreichen zu können. Das Pendant zu diesem absurden Profil wurde in derselben Branche ebenfalls entwickelt, nämlich ein Volk, das zu jeder Idee und jeder Vorüberlegung bereits gefragt wird, ob es die Politik autorisiert, darüber weiter nachzudenken und das vor allem nie in seiner Selbstgerechtigkeit und vorurteilsbeladenen Befindlichkeit irritiert werden darf. Das ist die suggerierte Form guter Demokratie und bewirkt genau das Gegenteil. Es ist das tödliche Gift, das den politischen Diskurs unterbindet und zu einem scheinheiligen Brot-und-Spiele-Szenario abgleitet.

Politikerinnen und Politiker, die über Visionen verfügen, müssen dieses quasi geschickt kaschieren, um überhaupt noch einigermaßen fair behandelt zu werden. Wer die Notwendigkeit grundlegender Veränderungen auch nur andeutet, wird den medialen Wölfen zum Fraß vorgeworfen und man erzählt sich, dass es hier und da dennoch Politikerinnen und Politiker geben soll, denen es gelungen ist, Grundlegendes zu verändern. Das haben sie jedoch nicht kommuniziert und deshalb leben sie noch. Oder anders herum: Die Prototypen der non-visionären Politik sitzen in der Bundesregierung, ohne Vision, ohne Charme, ohne Charisma. Kommt da nicht so langsam der Wunsch nach Politikerinnen und Politikern, die auf Wanderschaft waren, zur See gefahren sind oder im Kornfeld standen?