Archiv für den Monat Mai 2015

Oligarchen und Plutokraten

1991, als die Sowjetunion zusammenbrach, setzte eine Zeit der Rechtlosigkeit auf dem Territorium der ehemaligen Supermacht ein, die nicht zu vergleichen ist mit dem, was sich zum Beispiel in der ehemaligen DDR abgespielt hat. Dort wickelte bekanntlich eine Treuhhandgesellschaft die vermeintlich nicht rentablen Betriebe ab und veräußerte diese an Dritte, zumeist Investoren aus dem Westen. Das alles geschah in einer sehr ausgeprägten Atmosphäre der Euphorie, endlich war man im Westen, blühende Landschaften warteten auf die Brüder und Schwestern aus dem Osten. In Russland hingegen herrschten Depression und Angst. Der unvergessene polnische Journalist Ryszard Kapuscinski hatte in seinem grandiosen Buch Imperium. Sowjetische Streifzüge den Niedergang eingefangen. Er beschrieb, wie Direktoren von Waffenfabriken, Helden der Sowjetunion, plötzlich Kühlschränke produzieren sollten und sich stattdessen mit der Jagdflinte erschossen.

In Russland wütete Anarchie, die sich vor allem Menschen zunutze machten, die aus dem bestehenden Herrschaftsapparat kamen und ihn kannten. Sie hatten die so genannten wichtigen Netzwerke und Zugänge zu einer Armee, die ebenfalls sehen musste, was aus ihr wurde. Den Skrupellosesten dieser Kohorte gelang es, die großen, krisensicheren Geldquellen des alten Staates unter sich aufzuteilen. Das machten sie in einer Art Krieg aus, mit Waffen, Morden, Geiselnahmen und Plünderungen, aber sie setzten sich durch. Wie, so die Frage, würde man solche Leute wohl nennen, wenn sie es hier bei uns trieben? Sie jedenfalls erschienen in unserem Bewusstsein hier unter dem ominösen Begriff der Oligarchen. Oligarchie, das ist die Herrschaft Weniger. Und wie immer, wenn eine große kriminelle Dimension im Spiel ist, sorgt die Sprache für bösartige Verharmlosung. Denn, da sich Russland irgendwann konsolidierte und den notwendigen Kampf gegen die Oligarchen begann, um das Land und seine Güter zu schützen, waren immer wieder derartige mafiöse Pistoleros die Kronzeugen westlicher Außenpolitik gegen Russland.

Aber, die Vorsicht ist eine kluge Dimension der Politik, nichts sollte die Illusion bewahren, als hätte der Zerfall der Sowjetunion nicht auch etwas mit Veränderungen zu tun, unter denen der Westen zu leiden gehabt hätte. Mit dem Ende der bipolaren Welt und der damit verbundenen atomaren Kriegsgefahr sank der Einfluss der Politik und der staatlichen Apparate. Das Ende der Geschichte, wie es euphorisch proklamiert wurde, bereitete dem Wirtschaftsliberalismus einen Triumphzug sondergleichen. Und ein Grundsatz dieser Ideologie des Reichtums ist der, dass Staat zurückgebaut und staatlicher Einfluss minimiert werden muss. Besonders im ehemaligen Osteuropa wurden Blaupausen für diese Doktrin geschaffen, die noch verheerende Wirkungen zeitigen werden und die nun auch auf südeuropäische Länder wie Griechenland, Portugal und Spanien angewandt werden.

Die großen Gewinner des Zusammenbruchs des bipolaren Weltmodells auf westlicher Seite waren die Plutokraten. Plutokratie meint die Herrschaft des Geldes. Es sind die Superreichen, die mit dem Jonglieren ihres Kapitals ganze Länder in die Krise stürzen und zum Abschuss freigeben können. Das haben sie unzählige Male bewiesen, sie haben die Weltfinanzkrise mit zu verantworten und sie sind dabei, erneut Länder zu destabilisieren, um politische Brände zu verursachen, die dazu dienen sollen, neues Niemandsland für den Wirtschafts- und Marktliberalismus zu schaffen.

Oligarchen und Plutokraten sind für Volkswirtschaften und demokratische Staatswesen eine existenzielle Gefahr. Weder die Gefahr noch die Gemeinsamkeit spielen im öffentlichen Diskurs unserer Tag eine Rolle. Das liegt an dem Tagesinteresse, die östlichen Oligarchen als Kronzeugen gegen die russische Politik benutzen zu wollen. Wenn etwas für die russische und gegen die westliche Politik spricht, dann ist es der Kampf gegen die Oligarchen. Wenn etwas für die westlichen Staaten spräche, dann wäre es der Kampf gegen die Plutokraten. Bis jetzt herrscht Stille. 

Der König geht, der König lebt

Ja, über ihn kann sehr viel geschrieben werden. Und ja, sein Leben gibt Geschichten her, die so schön die Klischees bedienen, dass sie umso lieber erzählt werden. Sein Name war ein Artefakt. B.B., der Blues Boy King, alles so falsch und nichtig wie die Identität der Sklavennachfahren im Delta des großen Mississippi. Da passte einfach alles. Der Underdog aus einer Sklaven- und Baumwollpflückerdynastie, der anfing, auf einer eher als Katastrophe denn als Gitarre durchgehenden Instrumentenkopie zu spielen. Der sich hoch kämpfte durch harte Arbeit und Disziplin, der verstand, wie das Geschäft funktionierte und der es mehr als ein halbes Jahrhundert beherrschte. Der Blues Boy, der den Blues neu erfand und spielte, war auch ein Geschäftsmann und Machtmensch. Kalt und knallhart. Das war ihm eigen wie allen, die von ganz unten kommen. Sie verzeihen weder sich selbst noch ihrem Umfeld Nachlässigkeiten.

Die meisten Nachrufe werden überschrieben sein mit den Titeln seiner großen Erfolge. Mehrheitlich mit The Thrill Is Gone und Lucille. Das reduziert einen Musiker, der unzählige Alben über die Jahrzehnte eingespielt hat. Aber es charakterisiert den Musiker B.B. King dennoch sehr gut. The Thrill Is Gone, ein Stück, das einer bestimmten Generation in den nicht löschbaren Gedächtnisspeicher eingebrannt ist, war der Ausdruck eines Lebensgefühls, das eintrat, als die große Periode der Illusionen seinem Ende zuging. Nein, es ging dem empathischen B.B. in diesem Song nicht nur um die Liebe, es ging um das Erwachsenwerden einer Generation, die zu lernen hatte, dass das Leben keine endlose Party war. Deshalb die Emotion, die sich Bahn bricht, sobald es ertönt.

Und dann Lucille! Der Name seiner Gitarre, die zum Weltlabel dank ihres mächtigsten Interpreten wurde. Der große, überschwere B.B. kokettierte mit der Vorstellung, dass er seine Gitarre behandelte wie eine Frau. Sie immer im Auge behaltend, mal streichelnd, mal hart anfassend, ihr immer wieder kleine Pausen gönnend und nur in den höchsten Tönen von ihr redend. Das war wahrscheinlich das Geheimnis des großen Statthalters des Blues. Seine Metaphern waren wie das echte Leben. Mit Lucille übertrug er die Botschaft, die sein ganzes Werk prägte: Was du nicht liebst, das kannst du nicht beherrschen und was du beherrschst, kannst du nicht lieben. Du musst es respektieren, dann lernst du es zu lieben. Das war seine zutiefst humane Metaphysik aus dem sumpfigen Delta.

Und dann, ja, und dann die Pausen. B.B. erkannte man daran, wie er die kleinen Pausen setzte, um seine Töne wirken zu lassen. Niemand außer ihm hat das so vermocht und niemand außer ihm hat dem Blues diese Note gegeben. Seine Pausen waren allesamt Blue Notes, er kreierte ganze Symphonien im Ruhezustand. Wenn die Leute sagen, sie erkennten den großen B.B. an der Art und Weise, wie er Gitarre spiele, dann trifft das nur die halbe Wahrheit. B.B. erkennt man vor allem daran, wie er die Pausen setzt. Das Sein und das Nichts. Wieder so eine metaphysische Botschaft aus dem Delta.

B.B., der großartige Bluesmusiker, der Geschäftsmann und Machtmensch, der alles so sanft in sich vereinte, die Muße, die Muse und die Disziplin, die Weisheit und die Berechnung, der Koloss, der immer wie ein lieber Junge daher kam, der unsere Biographien so sehr begleitet hat, der ist nun von uns gegangen. The Thrill Is Gone. Aber das wussten wir schon lange, dank B.B.!

Die Sklavenroute gehört zum Jazz wie die Blue Notes

Marcus Miller. Afrodeezia

Manchmal ist auch die Reaktion auf ein neues Album der Schlüssel zu Dechiffrierung dessen, worum es geht. Das hört sich schräg an, lässt sich aber anhand der neuen CD von Marcus Miller, Afrodeezia, sehr gut illustrieren. Marcus Miller selbst steht für seine Pionierarbeit im Bass getriebenen Jazz, er steht für atemberaubende Kooperationen und er steht für die Orientierungssuche im zeitgenössischen Jazz. Insofern könnte man ihn als Kronzeugen für alles, womit der Jazz zu kämpfen hat, mit heranziehen. Mit seiner letzten CD, Renaissance, hat sich der Amerikaner zu den immer noch vitalen Wurzeln bekannt. Nun, mit Afrodeezia, greift er auf einen Gründungsmythos des Jazz selbst zurück.

Seit seiner Reise in den Senegal und der Besichtigung der Verschleppungs- wie Verschiffungsrouten für Sklaven lässt ihn der Gedanke an die Geschichte der heutigen Afro-Amerikaner nicht mehr los, Miller ist mittlerweile auch im Auftrag der UNO unterwegs. Mit Afrodeezia hat er sich dieser Thematik exklusiv gewidmet. Was dabei herauskam ist im positiven Sinne ein Konzeptalbum mit insgesamt 11 Titeln, die sich der Sklavengeschichte in Afrika widmen. Die musikalische Gestaltung der Themen wird mit dem Einsatz afrikanischer Instrumente und einer sehr variationsreichen Percussion unterstrichen. Exakt bei der Hälfte der Stücke aktiviert Miller mit Papa Was A Rolling Stone den aktuellen Bezug zum heutigen Nordamerika, das Zurückreichen der Reise nicht vom Mississippi-Delta nach Chicago, sondern bereits vom Senegal in den Hafen von Baltimore. Das ist historisch nicht nur authentisch, sondern musikalisch mittlerweile rekonstruierbar.

Dass bei der tonalen Gestaltung in diese historische Reise immer wieder Fragmente eines weltmusikalischen Konzeptes auftauchen, liegt in der Natur der Sache und dass der mit der Modernität kämpfende, urbane Jazz davon keinen Innovationsimpuls erhält, ist logisch. Die Kritik bezieht sich nämlich genau auf diese Kernpunkte. Mangelnde Innovation und zu viel Weltmusik. Dass, analog zu Renaissance, wo Blues und Improvisation eine entscheidende Rolle spielten, nun Marcus Miller mit der historischen Politisierung seiner Träger die sozialgeschichtliche Dimension des Genres in der Vordergrund rückt, dokumentiert, dass dieser außergewöhnliche Bassist nicht durch seine musikalische Welt irrt. Ganz im Gegenteil: Miller arbeitet seit einiger Zeit die Wesensmerkmale des Jazz noch einmal heraus, um deutlich zu machen, worauf es auch bei einer Weiterentwicklung ankommt. 

Mit Hylife, B´s River Preacher´s Kid und We Were There wird die historische Dimension thematisiert, besonders mit Stücken wie Son Of Macbeth, Prism und Xtraordinary werden die eher zeitgenössischen Aspekte dieses Humantransfers behandelt, der Welt der Täter wie der Opfer, deren Trennlinien zunehmend verschwinden. Zusammen mit einer hervorragenden Band und nicht weniger bedeutenden Gästen wie Ambrose Akinmusire, Robert Glasper, Chuck D, Keb’ Mo’, Lalah Hathawa ist so ein Album entstanden, dass aus dem Rahmen fällt und ihn dennoch herstellt. 

Die Sklavenroute gehört zum Jazz wie die Blue Notes. Marcus Miller hat sich ein Herz genommen, um auf diesen essenziellen Sachverhalt hinzuweisen. In Zeiten zunehmend unpolitischer Diskurse in und um die Musik kann diese Geste nicht hoch genug eingeschätzt werden. Und musikalisch, musikalisch rangiert Afrodeezia sicherlich in Höhen, in die monothematische Modernitätsfanatiker erst noch aufsteigen müssen. Manchmal ist die Geschichte revolutionärer als das Hier und Jetzt.