Archiv für den Monat April 2015

Leicht erzählte Systemtheorie

J.J. Voskuil, Das Büro. Direktor Beerta

Der Niederländer J.J. Voskuil, 1926 – 2008, seinerseits über dreißig Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Institut zur Erforschung der Volkskunde beschäftigt, hatte, nachdem einige literarische Versuche nicht sonderlich großen Erfolg gebracht hatten, nach Beendigung seines Wissenschaftslebens die Idee, sein Berufsleben in Form eines Romans zu verarbeiten. Was daraus entstand war ein sieben Bände umfassender Monumentalroman von mehr als 5000 Seiten unter dem Titel Das Büro. Er verfasste das Werk im Zeitraum von 1996 bis 2000. In den Niederlanden erreichte das Werk in kurzer Zeit Kultstatus. In Deutschland liegen bereits die ersten beiden Bände in deutscher Übersetzung vor.

Schon der erste Band mit dem Namen Das Büro. Direktor Beerta, ist dazu geeignet, das Rätsel um ein Phänomen zu lösen, dessen Wirkung zunächst absurd erscheint. Wie, so die vielerorts gestellte Frage, kann es sein, dass ein Roman, der sich mit dem profanen Alltag eines Wissenschaftsbüros mit dem eher trivialen Aktionskreis niederländischer Volkskunde beschäftigt, eine derartige Resonanz auslösen. Die Lektüre gestaltet sich zunächst eher genauso profan wie die Anziehungskraft der Ausrichtung des Büros. Ein eher altbacken daher kommender, konservativer Direktor des Büros beginnt, eine Institution aufzubauen. Da ist sehr viel Provisorisches und Profanes, die Figuren der ersten Stunde werden vorgestellt, unter ihnen auch Marten Koning, das alter ego des Autors Voskuil. Verschiedene Wissenschaftler werden vorgestellt und so langsam etablieren sich Arbeitsbeziehungen und es konturiert sich ein erstes Soziogramm der Beziehungen untereinander. 

Die Geschichte beginnt im Jahr 1957 und die stetige Vergrößerung und Erweiterung des Büros schleicht sich im ersten Band durch die Jahre bis 1965. Ohne an analytische Reflektoren appellieren zu müssen, gelingt Voskuil eine sehr präzise Nachzeichnung systemischer Theorie am Beispiel des Büros. Der systemtheoretische Grundsatz, dass der erste und dominante Zweck von Systemen darin besteht, sich selbst zu erhalten, wird deutlich. Marten Koning, der nicht mit Illusionen in diese Anstellung gegangen ist, wird dennoch durch diese Erkenntnis mächtig irritiert und hat zu lernen, dass die wissenschaftliche Ausrichtung des Büros allenfalls als sekundärer Zweck zu deuten ist.

Eine weitere, mit Fortschreiten der Lektüre sich immer mehr in den Vordergrund drängende Erkenntnis ist die allmähliche Veränderung von Gesellschaft und Arbeit durch technische Innovation wie einen schleichend vonstatten gehenden Wertewandel. Allein die Einführung von Tonbandgeräten, natürlich durch eine Frau, die die Arbeit bei der volkskundlichen Recherche revolutionieren, mutet aus heutiger Sicht an wie eine Blaupause menschlichen Verhaltens gegenüber technisch-revolutionären Prozessen. Die Reaktion variiert von technologisch verklärender Idealisierung bis hin zu inquisitorischer Verteufelung. Hinzu kommt ein Einblick in die in Europa nicht unbedingt stereotype Entwicklung der Niederlande: Einem strammen, aus dem Protestantismus generierten Konservatismus stellt sich eine die Lebensformen fokussierende Liberalität entgegen, ohne dass daraus unüberbrückbare gesellschaftliche Verwerfungen resultierten. 

Die große Anziehungskraft, die das Buch bei selbst vorhandener Anfangsskepsis entwickelt, resultiert aus der genauen Beobachtung und dem Verzicht auf eine zu große Verpflichtung auf Handlungsdetails. Immer, wenn der Eindruck entsteht, es ginge zu sehr in die mikroskopische Begutachtung, setzt sich die Handlung auf einem anderen, eher profan wirkenden Feld fort. Das große Pfund, auf das der Autor Voskuil setzen konnte, war die kollektive Erfahrung der Leserschaft in Bezug auf das Büro, seine Arbeitsabläufe und seine sozialen Beziehungen. Jede bürokratische Absurdität, jede menschliche Schrulle und jeder noch so irrsinnige Widerstand gegen Innovation lösen bei der Leserschaft Deja vu-Erlebnisse aus, die die eigene Erfahrung reflektieren. Deshalb, so die Prognose, wird die Wertschätzung dieses Werkes stetig zunehmen. Zu Recht. 

Madame Lagarde und das Eigentum

Die veränderten Eigentumsformen vor allem in der Industrie haben die Wirtschaft mehr revolutioniert als zunächst angenommen. Der Übergang des kleinen Privatbetriebs, der von den Eigentümern geführt wurde, hin zu Gesellschaften oder anderen Eigentumsformen, in denen angestellte Manager die täglichen Entscheidungen treffen, hat zu einem erheblichen Kulturwandel geführt. Die Loyalität gegenüber dem eigenen Unternehmen, die zwangsläufig aus familiärem Privatbesitz resultiert, war dahin. Und die damit verbundene Reflexion des eigenen Verhaltens hinsichtlich des Ansehens des Unternehmens ebenso. Es war natürlich ein schleichender Prozess, sonst wäre er, im negativen Sinne, nicht so erfolgreich gewesen. Kein Eigentümer hätte es zugelassen, dass sich von ihm beauftragte Führungskräfte so aufführten, wie sie das oft tun, hätte er ein direktes Monitoring über die Außenwirkung besessen.

Große Organisationen wie die öffentliche Verwaltung und Verbände kennen das Phänomen weitaus länger. Da gab es nie die direkte Identifikation der Akteure mit der eigenen Organisation wie im Falle des Privatbesitzes. Es sei denn, der ideelle Wert der jeweiligen Funktion ersetzte die familiäre Identifikation. Die Hochachtung vor dem öffentlichen Amt und die notwendige Demut des Amtsträgers wurden bereits von Seneca unvergessen reflektiert. Ihm gelang es, die Notwendigkeit der Loyalität gegenüber der Organisation von Res Publica sehr anschaulich zu begründen. Der Lohn des Amtes, schrieb er in Bezug auf manche Stimmen, die nach höherer Vergütung riefen, der Lohn des Amtes ist das Amt selbst. Das ist wahre, gesellschaftlich verantwortliche Tiefe. Aber es ist auch lange her.

Nicht, dass hier der allgemeine Verfall der Sitten beklagt werden sollte. Das ginge zu weit. Vieles funktioniert, in großen Unternehmen wie großen Organisationen. Aber manches läuft auch schief, weil sich manche Akteure in eine Richtung entwickeln, die, wird ihrem Treiben kein Einhalt geboten, durchaus in der Lage sind, die Existenz ihrer Organisation zu gefährden. Auf sie trifft das Bonmot zu, das unter Beratern gepflegt wird: Sie führen sich auf, als sei es ihr eigener Laden. Aber im eigenen Laden führt sich niemand so auf. Das trifft es sehr genau.

Christine Lagarde, die gegenwärtige Präsidentin des Internationalen Währungsfonds (IWF), seinerseits ebenso ein Derivat der Vereinten Nationen wie die Weltbank, führte sich gestern in einer Pressekonferenz auf, wie in dem Zitat beschrieben. Befragt, ob die griechische Regierung einen IWF-Kredit über 450 Millionen Euro getilgt habe, antwortete sie: I´ve got my money back. Sie spielte dabei auf ein Zitat Margaret Thatchers an, die mit dem Satz I want my money back die EU auf die Anklagebank setzen wollte. Mit der Bemerkung ironisierte Frau Lagarde die Vertragsloyalität der griechischen Regierung und offenbarte ihre Enttäuschung darüber, dass es keinen Anlass zur Skandalisierung gab.

Es war eine kleine Episode am Rande, aber sie offenbarte etwas über das Ego derer, die zur Zeit in leitenden Funktionen wichtiger Organisationen sind. Das Geld, über das Frau Lagarde so nonchalant flapste, sind international eingesammelte Steuermittel, mit der sie treuhänderisch umzugehen hat. Das scheint ihr nicht bewusst zu sein, was nicht groß wundert, weil sich der IWF im Laufe der Jahrzehnte zu einer Propagandaabteilung marktliberalistischer Ansätze mit eigenen Projektmitteln gemausert hat. Die Rezepte sind ur-alt, sie laufen immer hinaus auf die Bezahlung gesellschaftlicher Allgemeinkosten durch die Bevölkerung und die Privatisierung öffentlicher Funktionen, sobald eine Rentabilität in sich ist. Oder einfach ausgedrückt: Es ist der Kampf von Reich gegen Arm, den der IWF zugunsten der Begünstigten organisiert. Wer das macht, verliert schon einmal die Proportionen: Schließen Sie die Augen, Frau Lagarde! Was Sie dann sehen, das gehört Ihnen!

Tröglitz

Sagen wir, vor zwanzig Jahren, als in Kinofilmen noch Kette geraucht wurde, als der Alkohol in Strömen floss und sexuelle Themen selbst im öffentlichen Diskurs die Regel waren, in dieser aus heutiger Sicht politisch anrüchigen Zeit, wäre eines allerdings nicht passiert: Dass man morgens das Radio einschaltet und eine schnoddrig anmutende Stimme im Nachrichtenteil davon erzählt, wie dreist es doch sei, dass der griechische Staatspräsident ausgerechnet jetzt nach Russland führe. Anscheinend wolle er mit seinem Land, das ja ganz schön marode sei, herum lavieren und Europa spalten. Und es würde ein deutscher Präsident des europäischen Parlaments zitiert, der Griechenland energisch davor warnt, sich zu sehr mit Russland zu arrangieren.

Allein diese Sequenzen hätten dazu geführt, dass sich ein Sturm der Entrüstung gebildet hätte gegen diese Rundfunkanstalt. Und das Wort, das die Runde gemacht hätte, wäre das der Volksverhetzung gewesen. Allein dieses Faktum hätte zu dem beschriebenen Schluss gereicht und die Tiraden, die einige Stunden später ein semi-legitimierter ukrainischer Präsident gegen die griechische Regierung ausgestoßen hat, die hätte vor zwanzig Jahren niemand mehr geglaubt. Aber so ist es, die Zeiten haben sich geändert und das Deutschland, das aufgrund eines großen Vertrauensvorschusses aller Beteiligten sich wieder vereinigen durfte, dieses Deutschland ist auf dem besten Wege, wieder in den Mief zurückzukehren, dem es wenige Jahrzehnte vorher gerade entstiegen war.

Es sind weder Parteiorgane noch im Untergrund erscheinende Subversionsblätter, die hier und heute ihr Unwesen treiben, sondern die öffentlich-rechtliche Sparte einer offiziell politisch korrekten und sich moralisch überlegen fühlenden Nomenklatura des Staates. Das, was dort an emotionaler Aufladung geschieht, ist dem verfassungsmäßigen Anliegen dieses Gemeinwesens diametral entgegengesetzt. Da sind die faulen und dreisten Griechen, die gefährlichen Russen, die überall gefährlich sind, sobald sie außerhalb Russlands leben, die schmuddeligen Bulgaren, die windigen Serben, die lausigen Afrikaner, die über das Meer kommen und uns gleich mit überschwemmen. Und trotzdem: Es ist keine unreflektierte Xenophobie, die uns in großem Maße trifft, sondern eine wohl kalkulierte: Überall, wo die imperialen Interessen der von Deutschland maßgeblich mitgesteuerten Politik Europas auf ihre Grenzen stößt, überall dort trifft das Gute auf barbarische, hinterhältige Horden. Diese sind momentan süd- oder osteuropäischer Provenienz, aber das kann sich ändern.

Der Anspruch und Anschein, in einem Land zu leben, in dem es vorbildlich zugeht, erfordert auch eine zumindest im Pflichtparkur ausführbare Figur, die eine glaubhafte Vision enthält. Und diese ist immer wieder schnell gefunden in einzelnen Übergriffen auf Minderheiten, die zur Regel gehören in diesem Land, die aber noch weit genug vom Pogrom sind, an dem das Land dann doch schaden nähme, wie die Geschichte gelehrt hat. Aber anhand dieser Übergriffe, die mal im Totschlagen eines Individuums und mal im Abfackeln eines Gebäudes bestehen, kann sich die ansonsten die Hassszenarien gegen andere Völker und Regierungen Europas inszenierende Nomenklatura sehr gut verstecken. Zumindest glaubt sie das. Da wird dann von Humanität und Menschlichkeit, von Solidarität und Brüderlichkeit geredet, während im anderen Kanal der faule und korrupte Grieche medial gemobbt wird.

So leid es tun mag, die Wahrheit muss ab und zu raus. Sonst verkümmert sie in diesem dunklen, luft- und lustlosen Raum, der so viel Schlechtes hervorbringt. Nicht nur die Rechte, die in den hehren Kodizes der Menschheit verbrieft sind, sind unteilbar. Auch das Schlechte, der Rassismus, der Fremdenhass und die Ignoranz sind es. Wer die propagandistische Mobilmachung gegen andere Völker in Europa gutheißt, der bekommt seine Rendite in Tröglitz ausgezahlt.