Archiv für den Monat April 2015

Die Rendite des Washington Consensus

Das Kalkül ist so kalt wie der Schwanz einer Natter. Seit den achtziger Jahren des letzten Jahrtausends, als die Chicago School of Economics die geistige Herrschaft im Internationalen Währungsfond (IWF) übernahm, wurden verschiedene Kontinente und deren Länder von einer Doktrin überzogen, die mittlerweile auch in der Literatur mit dem Begriff des Schocks bezeichnet wird. Das, was als eine Ideologie von puristischen Marktwirtschaftlern bezeichnet werden muss, trug seitdem den irreführenden Namen des Washington Consensus. Mit dem unterstellten Konsens waren nicht die Länder gemeint, deren Schicksal mit der Doktrin bestimmt wurde. Konsens herrschte lediglich in den Kreisen der Designer der Rezeptur.

In den achtziger Jahren wurde diese Rezeptur vor allem Staaten in Südamerika verabreicht. Staaten, die in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten waren, mussten die bitteren Pillen schlucken, die auf dem Zettel des Washington Consensus standen. Heute kennt sie jeder: Geldverknappung, Liberalisierung des Marktes, Deregulierung und Privatisierung. Unabhängig von der spezifischen Struktur der Länder, die in die Krise geraten waren, das Rezept blieb das gleiche. Aus der Krise, die bestand, wurde ein Strukturwandel abgeleitet, der in der Regel Schlimmeres bereit stellte. Alles, was zur nationalen Identität beigetragen hatte, wurde eliminiert. Infrastrukturen zerschlagen, Sozialsysteme abgeräumt und Bildungsinstitutionen, wie armselig sie auch sein mochten, wurden dem Erdboden gleichgemacht. Das Resultat war eine Umverteilung des Reichtums: Wohlstand für Wenige, Armut für die Massen.

Lateinamerika folgten in den neunziger Jahren viele Staaten des ehemaligen Ostblocks und zur Jahrtausendwende Teile Asiens, vor allem deren Tigerstaaten. Und seit der ersten Dekade des neuen Jahrtausends sind es die Staaten, in denen die Arabellion für kurze Zeit Hoffnung auf neue Wege aufkeimen ließ. Ein Spezifikum sollte bei der Auflistung nicht außer Acht gelassen werden: Nach dem Niedergang des so genannten sozialistischen Lagers und der Marktliberalisierung in vielen dieser Staaten war es auch im europäischen Westen zumindest teilweise mit der Vorstellung eines eigenen Weges, der unter der Chiffre Soziale Marktwirtschaft lief, vorbei. Alles, was hierzulande als Demontage dieser Architektur zu beobachten ist, läuft nach der Rezeptur des Washington Consensus. Die Art und Weise, mit der die südeuropäischen Staaten bei den laufenden Krisen-Programmen unter der aktiven Mitwirkung des IWF traktiert werden, entspricht dem alt bekannten Dreischritt: Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung. Jetzt ist die Rosskur auch vor der europäischen Haustür angelangt.

Trotz der verheerenden Wirkungen dieser Programme spricht nichts für eine Kurskorrektur. Die Bundesregierung, federführend der deutsche Finanzminister, sind vehemente Verfechter der Ideologie des freien Marktes, der alles richten wird. Nur den Bedürfnissen der jeweiligen Nationen, denen entspricht er nicht. Dass nun, ausgerechnet aus Staaten, die bewusst seit der Jahrtausendwende destabilisiert und dann mit den Radikalkuren des IWF überzogen wurden und dessen Kredite dazu genutzt wurden, u.a. in deutschen Waffenschmieden großzügig einzukaufen, um die Gewinner in diesen Ländern an der Macht zu halten, dass nun aus diesen Ländern die Ärmsten der Armen die letzte Hoffnung in den wirtschaftlich prosperierenden Zentren suchen und sich in Nussschalen werfen, um dem Elend über das Mittelmeer zu entfliehen, ist nur folgerichtig.

Nun wird darüber nachgesonnen, wie man das menschliche Strandgut in den Ländern, aus denen sie fliehen, halten könne. Es ist eine rhetorische Frage, die an Zynismus nicht mehr zu überbieten ist. Jede Kreatur, die in den Wogen des Mare Nostrum ersäuft, ist eine Rendite auf den Washington Consensus.

Barbarische Ratgeber

Woher, so muss gefragt werden, stammt eigentlich diese eigenartige Faszination und Sympathie für Australien. Immer wieder, spätestens seit der Olympiade in Sidney, wurde das deutsche Publikum überzogen mit Berichten über dieses scheinbar so grandiose Land. Seitdem setzte nahezu ein Boom ein, der junge Leute dorthin trieb. Selbst das lausigste Englisch, das auf diesem Planeten gesprochen wird, kann Lernwillige aus Deutschland nicht davon abhalten, dorthin zu reisen, um der englischen Sprache mächtig zu werden. Einfach ein tolles Land, so heißt es, mit allen Klimazonen und allen Freiheiten, die man sich nur vorstellen kann.

Der so genannte fünfte Kontinent hat seine eigene Geschichte. Erschlossen wurde er als britische Dependance, vorwiegend mit Personal aus den Gefängnissen des Mutterlandes. Daher war es nur folgerichtig, dass die Siedler scherzhaft und treffend zugleich als PROMEs bezeichnet wurden, als Prisoners of Mother England. Das Milieu, aus dem sie kamen, prädestinierte die Methoden, mit denen sie ein Staatswesen aufbauten. Wie der amerikanischen, so standen auch der britischen Siedlergesellschaft diejenigen im Weg, die dort eigentlich ansässig waren. Die Geschichte der Aborigines in Australien ist die Geschichte eines Holocausts, der nur nicht als solcher in die Annalen eingegangen ist. Vertreibung, Deportation, Arbeitslager, völlige Entrechtung und letztendlich sogar die Enteignung einer ganzen Generation von Kindern waren die Bilanz. Bis ins 21. Jahrhundert haben die unterschiedlichen australischen Regierungen es verstanden, diese Geschichte zu leugnen. 

Zu dem zivilisatorischen Massaker an der Aborigines kam in den letzten Jahrzehnten eine Abschottungspolitik gegen Flüchtlinge, wie sie zynischer und barbarischer nicht sein kann. Flugzeuge, die aus Asien kamen, wurden mit ätzenden Mitteln inklusive der ankommenden Menschen desinfiziert, Schiffe mit Flüchtlingen, die auf die australische Küste zusteuerten, wurden gnadenlos zurückgewiesen, selbst den Haien wurden sie vorgeworfen. Der damalige Premier Howard, der, wie seine Nachfolger auch, mit einem Slang vor die Kameras trat, als sei er soeben einem Hochsicherheitstrakt entflohen, rühmte sich noch öffentlich mit solchen Taten. 

Und genau diese australische Regierung bietet sich nun, angesichts der grausigen Dramen, denen Tausende von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer ausgesetzt sind, der EU als Berater an. Die Botschaft ist klar: Niemand darf rein, bleibt hart, lässt die Barbaren nicht auf euren Kontinent. Es scheint keinen Grund zu geben, sich zurück zu halten. So kommt es, wenn eine Aura um das weißeste Land dieses Planeten gepflegt wird, die nichts mit dem gemein hat, wofür dieses Gesellschaftsmodell tatsächlich steht. Spannend bleibt allenfalls, ob irgendein Politiker aus unserer Hemisphäre die Chuzpe besitzt, auf die Ratschläge aus Down Under überhaupt einzugehen.

Unabhängig von dem Fiasko auf dem Mittelmeer, das die offiziell formulierten moralischen Ansprüche der Europäischen Gemeinschaft vor eine bittere Realität stellt, ist es nun an der Zeit, die Apologeten der political correctness auf ihre eigenen Ansprüche zu hinterfragen. Bis dato wurde keine Stimme aus dem Lager der vereinigten Moralisten laut, die sich mit den rassistischen und menschenverachtenden Statements von australischer Seite auseinandergesetzt hätte. Sollte das so bleiben, dann lieferten sie ein neues, tiefgreifendes Beispiel für die eigene Verlogenheit. Wieviel Wert besitzen die Argumente derjenigen, die nach Militärinterventionen in anderen Fällen schreien, wenn sie in diesem Falle schweigen, als besäße die australische Position keine Relevanz? Vieles spricht für das Muster der doppelten Standards. Alles, was im Sinne von Demokratie und Menschenrechten reklamiert wird, verkommt zu einer trüben Rhetorik, der auf diesem Globus kaum noch jemand auf den Leim geht.

Ibu Soemilah

Nach dem Sturz Soehartos war in Indonesien einiges in Bewegung geraten. Nicht zum ersten Mal in seiner jungen Geschichte musste dieses Land mit seinen 20.000 Inseln und ungefähr 200 Kulturen und Sprachen, die kaum etwas miteinander gemein hatten als eine dreihundertjährige Kolonialgeschichte, wieder ganz von vorne anfangen. Das Regime des alten Herrschers, der in den Sechziger Jahren so brutal an die Macht gekommen war und nahezu die komplette Gründungsgeneration des freien, unabhängigen Indonesiens kaltgestellt hatte, war unter einem mächtigen Slogan in die Knie gegangen. Eine breite, sich durch das ganze Volk bis hin in die Funktionseliten ziehende Opposition hatte sich unter der Parole KKN versammelt. Sie klagte Korruption, Kollusion und Nepotismus an und charakterisierte das Regime damit präzise. Als Soeharto 1998 zu einer Reise nach Kairo aufbrach, brannten in Jakarta die Straßen. An einem Tag kamen im Norden der Stadt 10.000 Menschen um. Im Chinesenviertel Glodok und am Hafen Tanjung Priok versuchte das alte Regime, den Widerstand zu brechen. Es gelang nicht. Als Soeharto aus Kairo zurückkam, war er ein geschlagener Mann.

In der Folgezeit versuchte das Volk genauso auf die Füße zu kommen wie ein wie immer auch geartetes politisches System. Kaum war der Rauch verflogen, gaben sich die Weltbank und Emissäre des IWF die Klinke in die Hand, um dem Land Geld zu versprechen und Reformen, die nach dem Muster Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung folgten, von der neuen Regierung zu fordern. Zumeist flogen sie mit ihren vollen Koffern zurück, was für das neue Indonesien sprach.

Aber das Land lag in vielerlei Hinsicht am Boden und der Weg in eine neue, freiere Zukunft musste erst noch gefunden werden. In vielen staatlichen Institutionen, die vom alten Korpsgeist geprägt waren, begannen mal laute, mal leise Umgestaltungsprozesse, die sehr beschwerlich waren. Zum einen trafen Generationen aufeinander, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, zum anderen fehlte es finanziell an allem. Hier die Alten, die über drei Jahrzehnte durch die gebotene Vorsicht, die eine Diktatur mit sich bringt, geprägt waren, dort die Jungen, die global im Internet kommunizierten und ihre Demonstrationen über Cellular Phones organisiert hatten. Richtig schwierig wurde der Umgestaltungsprozess, wenn Alte die Führung der Organisation innehatten und Junge nach Führung wie Veränderung strebten.

Das SEAMEO Tropmed war, auf den ersten Blick zumindest, eine solche Organisation. Es handelte sich um ein tropenmedizinisches Institut der Universität Indonesia in Jakarta, das aber mit Schwesterinstituten in Bangkok und Manila vernetzt war. Eines Tages erreichte uns, d.h. einer  staatlichen Beratungseinheit, die eigens für die Begleitung derartiger  Umgestaltungsprozesse eingerichtet war, ein Anruf der dortigen Leiterin, Professor Ibu Soemilah, die darum bat, zu einem Konsultationsgespräch zu erscheinen. Wir sagten zu und machten uns auf den Weg.

Wir landeten in einem Hinterhof von vom Tropenklima und mangelnder Bauunterhaltung zerstörter Institutsgebäude, hinter Müllcontainern, die bestialisch stanken. Als wir das Büro der Direktorin betraten, strahlte uns eine würdige, alte Dame an, die uns in einer mit ramponiertem Mobiliar bestückten Hütte empfing, als handelte es sich um einen Palast. Wenn es eine Aura gibt, die ein Mensch auszustrahlen in der Lage ist, dann besaß sie diese Frau. Liebenswürdigkeit, Würde, Maß, Sicherheit, Gewissheit und Respekt waren die Dimensionen, die sich sofort, schon beim Öffnen der Tür, einstellten. So etwas passiert sehr selten im Leben, Ibu Soemilah vermochte dies geschehen machen.

Sehr schnell setzte sie uns ins Bild. Das Institut lag am Boden, Geld gab es nicht, dafür aber alle Freiheiten, um etwas daraus zu machen. Das Personal war vornehmlich ehrgeizig und jung und sie, die Siebzigjährige, wolle diese Jungen mit ihrer ganzen Erfahrung bei diesem Prozess unterstützen. Ibu Soemilah, die sprach und weltlich gekleidet war, wurde umrahmt von zwei jungen Frauen, die den Jilbab trugen. Es spielte keine Rolle.

Schließlich einigten wir uns auf eine längere Kooperation, die vor allem daraus bestand, dass wir dabei halfen, die vorhandenen Kompetenzen zu identifizieren, die bestehenden Leistungen zu bewerten, die qualitativen Möglichkeiten neuer Dienste zu benennen und die Notwendigkeiten, dafür Interessenten zu finden, auszuloten. Immer wieder trafen wir uns zu Workshops, in denen deutlich wurde, wie groß die Kluft war, die zwischen dem jungen Staff und der alten Direktorin herrschte. Ihr Schicksal war es wohl, dass sie mit etwas identifiziert wurde, wofür sie gar nicht stand. Wie ich von meiner indonesischen Kollegin erfuhr, gehörte Ibu Soemilah zur Gründergeneration Indonesiens. Sie selbst hatte als junge Frau auf der Insel Java mit der Waffe in der Hand gegen das niederländische Militär gekämpft und war dann zu Präsident Soekarno nach Jakarta gegangen. Ihre Generation war, es, die von dem soeben verjagten Diktator um ihre Zukunft gebracht worden war. Und jetzt, wo es um einen neuen Aufbruch ging, hatte sie mit einem Stigma zu kämpfen, für das sie nichts konnte.

In den Gesprächen, die wir mit ihr führten, spielte dieses Thema nie eine Rolle. Sie analysierte die Situation mit scharfem Verstand, gab ihr Plazet zu allem, was notwendig war und stemmte sich gegen Dinge, die nur dem Zeitgeist, nicht aber etwas wirklich Neuem entsprachen. Das handelte ihr oft auch roh formulierte Kritik ein, doch sie lächelte nachsichtig und weise. Als wir sie einmal fragten, wie es ihr mit der zeitweiligen Aggressivität ginge, antwortete sie lediglich, mit einem etwas verträumten Blick, sie sind doch jung! Und das sagte sie, als sei sie verliebt.

Bei einem mehrtägigen Workshop, der in einem Handlungsprogramm enden sollte, führen wir in den Puncak, eine Bergkette im Norden Jakartas, die hoch liegt und wo es kühler ist. Es war Regenzeit und während dieser Tage brachen noch einmal alle Widersprüche auf. Es wurde heiß diskutiert und es schien, wie der Regen, kein Ende nehmen zu wollen. Die permanenten Wolkenbrüche schlugen allen aufs Gemüt, alles war nass, die Telefone funktionierten nicht mehr, Lampen brannten durch und die Küche wurde auch immer schlechter. Als wir uns am vorletzten Abend voneinander verabschiedeten, strahlte uns Ibu Soemilah an, und entließ uns mit den Worten: enjoy the rain!

SEAMEO Tropmed wurde ein Erfolgsmodell. Heute, so erzählte mir meine Kollegin von damals, regiert dort ein junges Management und man tagt im Hilton. Ibu Soemilah ging kurz nach dem verabschiedeten Programm in den Ruhestand. Als ich ihr Adieu sagte, weil ich nach Deutschland zurück ging, wünschte ich ihr ein langes Leben und die Gnade, sich ihre große Weisheit bewahren zu können. Und wieder lächelte sie milde. Wir tranken einen letzten Tee zusammen und sprachen von der Unwahrscheinlichkeit, dass sich unsere Wege in diesem Leben noch einmal kreuzten. But, so schloss sie unser Gespräch mit der ihr eigenen Würde, You never know where the ball rolls…