Archiv für den Monat Februar 2015

Ein Zuruf aus dem Reich der Räson

Gabriele Krone-Schmalz. Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens

Nach der großen Beachtung, die ihr Interview auf YouTube gefunden hat und einigen Auftritten in den medienwirksamen Talkshows hat sich Gabriele Krone-Schmalz nun mit einem Buch zu Wort gemeldet. Es trägt den Titel „Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens“. Kaum war es auf dem Markt, wurde sie bereits scharf in den Zeitungen und Magazinen attackiert, die bereits alles verlassen haben, was das Wesen einer kritischen Presse ausmacht. Ganz ehrlich, wer Emotionen gegen diejenigen zu mobilisieren sucht, die sich bereits darüber echauffieren, dass sie versuchen, verschiedene Parteien eines Konflikte zu verstehen und Verständnis bereits als Delikt ansehen, der hat sich bereits aus dem Reich der Räson verabschiedet.

Und genau darum geht es Krone-Schmalz. Ihre berufliche Vita qualifiziert sie in sehr hohem Maße dazu, ein qualifiziertes Urteil über Russland und seine Geschichte abzugeben. Bereits ihre Dissertation beschäftigte sich mit deutsch-russischen Feindbildern und später lebte sie als Korrespondentin zwischen 1987 und 1991 in Moskau, genau jener Zeit, als die einst mächtige Sowjetunion in sich zusammenbrach und Russland einen neuen Weg suchte. Authentischer kann man den Transformationsprozess nicht erleben, und wer ihre damaligen Reportagen noch einigermaßen präsent hat, kann sich erinnern, dass sie die komplexe und teilweise desaströse Befindlichkeit der Russen mit einer kritischen, aber auch empathischen Perspektive schilderte.

Das, was seit Beginn des Ukraine-Konfliktes hier, in Deutschland, geschah, ist daher ihr Thema. Weil sie sich als Journalistin einem Berufsethos verpflichtet fühlt, der das demokratische Wesen einer Berichterstattung zum Zentrum hat, ist ihr Entsetzen über das mediale Auftreten in diesem Konflikt groß. Sie liefert in dem 166 Seiten umfassenden kleinen Buch ein regelrechtes Kompendium über das, was falsch laufen kann.

Ohne emotional zu werden, dokumentiert sie das Auseinanderklaffen zwischen den Berichten, wie wir sie lesen und einem immer größeren Publikum, dass in der Lage ist, Tendenz und Fakten zu unterscheiden. Sie bietet eine Chronologie der Ereignisse und arbeitet an der Art wund Weise, wie ukrainische Entwicklungen, die unter demokratischen Aspekten haarsträubend sind, als völlig normal dargestellt werden, während russische Aktionen, die sogar internationalen Standards entsprechen, als kriminelle Vergehen angeprangert werden. Sie erläutert in sehr präziser Weise, wie Sprache bewusst eingesetzt wird, um zu täuschen und sie identifiziert die Rekonstruktion eines Feindbildes, von dem man glaubte, dass es mit dem Ende des Kalten Krieges zu den Annalen gehört. Was ihren Kapiteln fehlt ist die Anklage. Das ist eine große Stärke, aber sie hat es nicht nötig, weil die Enthüllungen über fahrlässige journalistische Praktiken wie politisches Wording für sich sprechen.

Was allerdings nicht unterbleibt ist die Prognose für die weitere politische Entwicklung in Europa. Sie basiert auf dem Unverständnis darüber, wie sich auch Deutschland ohne Not hat in einen Konflikt treiben lassen, der aufgrund seiner Komplexität nicht gleich überschaubar war. Es wäre, so schreibt sie, sehr einfach gewesen, mit den Organen, die den Kalten Krieg zu Ende gebracht haben, unter Einbeziehung Russlands die Lage in der Ukraine kühlen Kopfes analysiert zu haben und einen vernünftigen Modus vivendi zu finden. Das ist nicht nur unterblieben, sondern systematisch hintertrieben worden. Das Buch sollte jeder lesen, der ein Interesse an einer Objektivierung hat. Wer versteht, ergreift nicht dumm Partei. Aber er verhindert Torheiten, deren Ausmaß niemand taxieren kann.

Die schwäbische Zuchthauspraline

Es ist wie es ist und es bleibt, wie es war. Vieles an menschlicher Haltung und Reaktion verändert sich selbst aus historischer Perspektive sehr langsam. Menschen sind keine Maschinen. Das ist einerseits beruhigend, andererseits führt es aber immer wieder zu Irritationen. Eben weil technisch sich schon längst alles verändert hat, die Menschen aber noch Verhaltensweisen an den Tag legen, die so weit vom Dreißigjährigen Krieg nicht entfernt sind. Da gibt es bis heute interessante Typologien, den bayrischen oder westfälischen Katholizismus, geprägt durch Lebensfreude und Nonchalance, die rheinische Variante, die nahezu mediterrane Züge trägt, den Hamburger Kaufmann, der Geschäftssinn mit Generosität, Weitsicht und Geduld zu verbinden versteht, den Berliner Protestantismus, der die notwendige Kühle, aber auch den Pragmatismus besitzt, um mit der Macht zu jonglieren und den schwäbischen Protestantismus, der das Geld und die Sparsamkeit in den Mittelpunkt des Universums rückt.

Nun, im Jetzt, erleben wir eine Konkordanz von Berliner und schwäbischem Protestantismus, wobei letzterem das Augenmerk geschenkt werden soll. Der schwäbische Protestantismus findet seine Krönung in der Figur des Bundesfinanzministers, der seine eigene Geschichte hat. Er, so schreiben viele, sei der eigentliche Vater der Wiedervereinigung. Sein Vertragswerk wickelte die alte DDR ab wie eine Schrottimmobilie und noch bevor die Tinte unter dem Einigungsvertrag trocken war, sausten die Abrissbirnen in die Monumente der ehemaligen Ost-Ökonomie. Das war schon ein Meisterstück, das zu Höherem empfahl und deshalb verwundert es nicht, dass eben dieser Mann nun die europäische Zuchtpeitsche schwingt, wenn es um die Eintreibung von Schulden geht. Dass dabei die zahlen müssen, die die Schulden gar nicht gemacht haben, spielt weniger eine Rolle. Das nämlich ist das Eigene am schwäbischen Protestantismus, die Lust- und Lebensfeindlichkeit ist ein Wert an sich. Lässt man diesem System freien Lauf, dann treibt es die betroffenen Menschen in eine Radikalisierung sondergleichen. Dafür gibt es berühmte, traurige Beispiele, der Name Gudrun Ensslin gehört zu den prominenten.

Es gehört nicht viel Imaginationskraft dazu, sich vorzustellen, wie der juvenile Bonvivant und neue griechische Finanzminister, der das Hemd über der Hose zu tragen pflegt, auf diese Ikone des schwäbischen Protestantismus wirkt. Auf jeden Fall werden die Gefühle, die er dort auslöst, nicht mit denen korrespondieren, die dieser bis jetzt bei Journalistinnen ausgelöst hat. Aber wenn der schwäbische Protestantismus eine Tugend kennt, dann ist es die der Disziplin. Und genau diese fordert er ein von der neuen griechischen Regierung. Dass es dabei um die Erfüllung von Verträgen geht, die auf europäischer Seite nicht von demokratisch legitimierten Unterhändlern verfasst wurden, interessiert dabei nicht. Und genau da ist das Problem: Ideologien begreifen sich immer als Absolutum und verweigern sich der Relativierung. Letzteres wäre allerdings erforderlich, um aus einem ungerechten Artefakt eine Perspektive für ein integriertes Griechenland zu machen. Wie sagte heute, unter Beobachtung des schwäbischen Peitschenschwingers, der Franzose Moscovici? Wir müssen logisch, und nicht ideologisch sein.

Vor vielen Jahren, da gab es hier, im Südwesten, eine Kneipe, die alle nur Zum Karl nannten. So hieß der Wirt. Irgendwann, wenn die Nacht lang war, landete man dort. Das Bier war schrecklich und das letzte Glas gehörte in der Regel zu denen, die den Unterschied machten. Und immer, wenn ein armer Teufel diese Grenze zu überschreiten drohte, rief der fürsorgliche Wirt durch den verqualmten Äther, er habe noch schwäbische Zuchthauspralinen. Er meinte damit Frikadellen, und zwar die schlechtesten weltweit, die unter einer Glasglocke auf dem Tresen standen. Und alle wussten, dass ihr Konsum sofort zur brutalen Ernüchterung und gleichzeitigen Erkrankung führte. Dass diese sich irgendwann einmal als Metapher für einen deutschen Finanzminister eignen sollten, hätte ich mir damals nicht träumen lassen.

Verstrahlt und drakonisch oder tolerant und sozial?

Das kann man ja auch einmal so sehen: Die Halbwertzeiten der technischen Innovation korrespondieren mit dem Verfall existenzieller Humananteile. Oder, um es volkstümlicher auszudrücken, je schneller immer neue Techniken Einzug in unseren Alltag finden, desto dämlicher werden die Akteure und desto demontierter wirkt der menschliche Körper. Und wenn wir ehrlich sind, wer von uns weiß schon, was in den nächsten fünf bis sieben Jahren passieren wird? Gibt es dann noch Knöpfe und Schalter, die wir bedienen oder brüllen wir dann bereits gammatisch-kryptische Befehle in die Richtung von Geräten, die uns dann bedienen oder tyrannisieren, je nach IQ oder Gefühlslage? Sind wir noch mit Händen oder Augen zugange, wenn wir Signale erhalten, oder schmücken bereits schöne Implantate in der Stirngegend unsere Physiognomie? Vieles steht in den Sternen, eigentlich alles, nur unserer eigener Wille nicht mehr. Das entmündigte Individuum, durch Technik und Technikglaube, steht im Mittelpunkt der Betrachtung. Mittelpunkt der Gestaltung ist es nicht.

Wie fade wirkt da die Kritik, man könne doch nicht 2020 die Olympischen Spiele nach Japan, ausgerechnet gesponsert durch den Fukushima-Havaristen TEPCO und die Fußball-WM 2022 nach Katar, in das Reich des krudesten Wüstenislams katapultieren. Wenn etwas folgerichtig ist, dann die Auslagerung zweier sowieso als blanke Cash-Maschinen funktionierende Ereignisse dahin zu befördern, wo sie die Rendite in die Höhe treiben.

Hochleistungsvergleiche sind eine Blaupause für das System der Konkurrenz. Und wir wissen seit langem, dass es bei beiden Spielen um Konzepte und Materialvergleich geht. Bei der Olympiade im Lande Fukushimas wäre das Zuckerl nicht nur die Frage, wie sich das Material in einem optimalen Verstrahlungsfeld verhält, sondern wie resistent Hochleistungssportler gegen die zu vermutenden Krebsmutationen sind. Dass TEPCO sich mit dem Mäzenatentum nicht nur neu vermarkten, sondern auch noch gleichzeitig zu exkulpieren sucht, ist dabei ein willkommener Nebeneffekt.

Bei der WM in Katar stellen sich die Fragen anders, aber nicht minder pervers: Erstens, wie können Erfolgskonzepte wie das Deutsche, das auf Talenten, Toleranz und Technik basiert, in feindlicher Umgebung gedeihen? Wie kann die postindustrielle Aufklärung in der der Moderne extremst feindlichen Umgebung überleben und wie können Vorturner wie der von allen so geliebte Kaiser unwidersprochen mit ihrem Mutterwitz die Verletzung der elementarsten Menschenrechte als maßlose Übertreibung und die irrsinnige Energieverschwendung in Zeiten des globalen Umdenkens als kleiner Beischlafdiebstahl miniaturisiert werden.

Denn, so müssen wir schlussfolgern, wenn die Träger von verstrahlten Implantaten und die unterkühlten Kicker aus dem Land der Peitschenstrafen all das als Boten der Normalität in die hier gebliebene Jugend tragen, dann ist tatsächlich alles möglich: Die Anwendung jeder Art von Technik, der Menschenversuch und die Eliminierung der Zivilisation. Das wäre tatsächlich eine neue Dimension politischer Katastrophen, wie sie selbst Kriege nicht zu etablieren vermögen. Fukushima und Katar sind ein Angriff auf alles, worauf das zivilisierte Europa stolz sein kann.

Daher wäre zu bedenken, ob das Mittel des Reframing nicht einige Probleme in Europa bereinigen könnte: Die beiden Mega-Ereignisse werden zurück nach Europa geholt. Die Fußball-WM 2020 wird gemeinsam von Russland, Deutschland und der Ukraine ausgerichtet. Die Olympiade 2022 geht nicht nach Japan, sondern nach Griechenland. Die Investitionen, die das Land dringend braucht, werden ab sofort von der EU zur Verfügung gestellt, die ihrerseits dieses Mal die Banken in die Regresspflicht stellt. Europa bekäme etwas zurück von seiner Identität, und die globale Zockermentalität sähe eine erste Grenze.