Archiv für den Monat Januar 2015

Griechenland: Der kalte Eros der Logik

Die Logik ist ein schönes, aber auch kaltes Weib. Daher kann nicht jeder so richtig mit ihr. Denn sie wendet sich einem nur dann so richtig leidenschaftlich zu, wenn man ihr im Rahmen ihrer eigenen Maßstäbe eine Avance macht. Zu den Abgewiesenen der Logik zählen Legionen. Und die sind von ihrem Gemütszustand her in einer Sphäre aus Trotz und Verbitterung. Noch nach Jahren wollen sie es der Schönen und Kalten heimzahlen. Deshalb sind sie auch so außer Rand und Band. Denn so sehr sie sich auch mühen in dem Verlangen, vor allem unlogisch zu sein, ihr Werk wird nie zum Erfolg führen. Denn, so kalt die Logik auch sein mag, nachtragend ist sie nicht, und beabsichtigte Verletzungen für Vergangenes nimmt sie ihrerseits gar nicht wahr.

Nun, nachdem die Griechen gewählt haben, werfen sich vor allem Hinterbänkler aus dem Europäischen Parlament wie dem Bundestag ins Rampenlicht und lehren die staunende Öffentlichkeit, wie es geht, wenn man bei der Logik so richtig vergeigt. So erzählen sie die Geschichte, wie sie seit der Genese der Finanzkrise gerne von denen erzählt wurde, die sie eigentlich verursacht haben. Da haben die Griechen einfach über ihre Verhältnisse gelebt, einen Haufen Schulden gemacht und sei seien dann von der altruistischen Vereinigung der EU vorm Ruin gerettet worden mit Krediten aus den einzelnen Staatshaushalten. Und jetzt hätten diese Griechen die Chuzpe, einfach so linksradikale Träumer zu wählen, die die Schuldverpflichtungen in den Wind schrieben.

Während die Logik das alles schon nicht mehr erträgt und ganz woanders flaniert, sei nur bemerkt, dass Säcke voller Kapital in Zentraleuropa faul in den Ecken herumlagen, ehe findige, staatlich beauftragte Banker vor allem in Südeuropa künstliche Konjunkturen aufbliesen, die Renditen versprachen. Ja, und es gab und gibt in Ländern wie Griechenland Strukturen, die dieses begünstigten, und ja, sie haben das Geld gerne genommen. Aber die windigen Investoren, die auch mit Steuergeldern bereits unterwegs waren, die wurden nicht eingesperrt, sondern als systemrelevant erklärt und mit Michels harten Groschen gerettet. Denjenigen, die in die Falle gelaufen waren, zog man kurzerhand die Hosen aus und warf ihnen fortan nur noch hartes Brot über den Zaun. Dass diese das irgendwann durchschauten und nicht mehr wollten, war eine Frage der Zeit.

Nun, nach Griechenlands Wahl, geht ein Gespenst um in Europa, und zwar das Gespenst, dass der Wiege der Demokratie noch andere Länder folgen werden, die auch durch die Finanzkrise sehr gebeutelt wurden. Italien, Spanien und sogar Frankreich könnten folgen. Immerhin sind die Vorstellungen der Europäischen Zentralbank, der Weltbank wie des Internationalen Währungsfonds insofern immer deckungsgleich, als dass sie die Bevölkerung für gouvernal verursachte riskante Finanzpolitik bezahlen lassen und dieses durch die systematische Senkung von Staatsausgaben zu bewerkstelligen suchen. Und es bleiben Sozialsysteme, die den Namen nicht verdienen, eine Gesundheitsversorgung, die den Menschenrechten widerspricht, Bildungseinrichtungen, die verwahrlosen und Infrastrukturen, die aussehen wie nach einem Krieg und eine Jugend, die ohne Perspektive, es sei denn die der Emigration aufwächst.

Eine Europäische Union, die sich bei ihrer Osterweiterung als ein Bündnis freier und zunehmen florierender Staaten anpreist, kann derartige Konflikte nicht wollen. Und Völker, die das Opfer einer europäischen Finanzpolitik wurden, können es nicht dulden, dass sie untergebuttert werden wie wertlose Konkursmasse. Jetzt wird es richtig spannend auf dem Kontinent, den Griechen sei Dank!

Die Kritik im digitalen Zeitalter

Die digitale Revolution hat vieles hervorgebracht. Vor allem Beschleunigung durch Übertragungsgeschwindigkeit und omnipräsenten Zugriff. Gerade diese Phänomene werden sehr gerne als die Bahn brechenden Errungenschaften beschrieben. Nicht selten werden ihnen auch demokratische Tugenden zugeschrieben. Bei jedem Volksaufstand wird dieses Momentum wiederholt. Und nicht zu Unrecht wird bemerkt, dass Ausgangs- und Nachrichtensperren, verhängt durch diktatorische Regimes, keine Wirkung mehr haben. Zumindest bei jenen, muss eingeschränkt werden, die digitale Technologie zur Verfügung haben. Was auffällt, ist das das momentan Subversive z.B. nach einem Sturz nicht mehr weit recht. Qualitative Änderungen, die den Aufbau eines neuen, demokratischen Systems mit entsprechenden Institutionen zugrunde liegen müssen, gelingen nicht.

Spätestens im 17. Jahrhundert fand die Kritik als das Mittel der Meinungsbildung in Europa Einzug in die gesellschaftliche Entwicklung. Der Etablierung dieses Denkinstrumentes ist alles zu verdanken, was die zivilisatorische Entwicklung und die Etablierung der bürgerlichen Gesellschaften ausmacht. Der durch die Kritik verursachte gesellschaftliche Diskurs, die Legalisierung von Rede und Gegenrede, der damit verbundene Wechsel der Perspektiven, die Beschreibung und Bewertung von Meinungen und Zuständen, bildete sich in einem fortan dialektischen Prozess heraus, der nicht immer zu vernünftigen Schlüssen führte, aber dennoch das Despotische und Eindimensionale verbannte.

Vor allem mit der massenhaften Verbreitung der Social Media wurde, gemäß der Funktionsweise der digitalen Technik, die dieser zugrunde liegt, das binäre System der Betrachtung kulturell verankert. Die auf das Duale reduzierte Option von Like und Dislike ist mittlerweile in vielen Köpfen verankert. Zumeist handelt es sich dabei um die tatsächliche Entsprechung der englischen Begrifflichkeit von Gefallen und Missfallen und schließt, neben der Dualreduktion, auch noch eine rationale Betrachtung aus. Es handelt sich um das Ende der Kritik.

Umso logischer ist es, dass genau das stattfindet, wenn die klassischen Foren der Kritik untersucht werden. Das exklusiv den in den Social Media sozialisierten Zeitgenossen zur Verfügung stehende Denkwerk reduziert sich auf diese beiden Kategorien. Elektronisch kommunizierte Kritiken im klassischen Sinne finden sich in dieser Ödnis wieder. Rezensionen von kulturellen Werken werden gelikt, wenn sie dem Weltbild der Lesenden entsprechen und sie werden dislikt, wenn dieses nicht der Fall ist.

Allein der einfache Sachverhalt, dass z.B. eine Rezension im Sinne der Kritik gut geschrieben ist, spielt dabei keine Rolle. Sie kann sogar brillant sein, d.h. sie kann den Gegenstand der Betrachtung erfassen und beschreiben, sie kann die verschiedenen Dimensionen skizzieren, sie kann die unterschiedlichen Aspekte herauskristallisieren, sie kann die Stärken und Schwächen akzentuieren, sie kann die eigenen Maßstäbe kommunizieren und zu einem Urteil kommen, dessen Zustandekommen nachvollziehbar ist, alles vergeblich. Sie kann denen, die das Werk erschaffen haben, wiederum ihre handwerkliche Qualität wie ihr kreatives Potenzial bestätigen und sie kann ihre Motivlage illustrieren, es ändert nichts. Werden die gegebenen Urteile und Vorurteile nicht bestätigt, erfolgt in der Regel ein Dislike, weil bei der permanenten Öffentlichkeit des Urteils ansonsten die Gefahr aufleuchten könnte, in der Nähe einer Position zu sein, die dem politischen Mainstream widerspräche.

Im Grunde genommen haben wir es mit der Liquidierung der Kritik als Instrument des aufklärerischen Denkens zu tun. Auch wenn es sie noch gibt: Das Reservoir derer, die sie noch beherrschen, ist bedroht. Gleich voll gefressenen Aristrokraten im untergehenden Rom sitzt ein pauperisiertes Publikum vor dem Display auf dem Sofa und senkt oder hebt den Daumen über die geistigen Leistungen, die den Treibstoff für die Zivilisation der letzten Jahrhunderte ausmachten. Dies ist ein sangloses Ende eines heroischen Zeitalters. Bleibt zu hoffen, dass sie sich lange wehrt, die beißende Kritik.

Konversion im Konjunktiv

Michel Houllebecq. Unterwerfung

Die Koinzidenz schlug, im wahrsten Sinne des Wortes, ein wie eine Maschinengewehrsalve. Michel Houllebecq, der französische Schriftsteller, der dafür bekannt ist, dass er wie kaum ein anderer mit dem Mittel des Schocks arbeitet, stellte seinen neuen Roman Unterwerfung just an dem Tag den Medien vor, als die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo regelrecht von islamistischen Terroristen hingerichtet wurde. Das, was nun den Hype dieses Romans ausmacht, war von Houllebecq nicht intendiert. Denn im Gegensatz zu seinen sonstigen Büchern hat er gerade in diesem mehr mit einer verhaltenen, eher de-eskalierenden Erzählweise etwas geschildert, was als die Übernahme der politischen Macht durch eine gemäßigte, sehr durchdacht und besonnen vorgehende und von europäischen Verhaltensmustern geprägte islamische Strömung schildert.

Der Roman spielt im Jahr 2022 und bewegt sich auf unterschiedlichen Ebenen. Zum einen ist es die Geschichte eines Hochschullehrers, der als Ich-Erzähler die nahezu typischen und desolaten Zustände eines vereinsamten, individualisierten und skeptisch nach Perspektiven suchenden Intellektuellen illustriert. Die Hochschulkarriere stagniert, der Protagonist, seinerseits Literaturwissenschaftler und Spezialist in Sachen Huysmann, einem eher vergessenen Literaten, der anfangs des 20. Jahrhunderts bereits verstarb und dessen Werk sich um Individualität und Wahrheitsfindung drehte, bis hin zur späten Konversion zum Katholizismus, konterkariert seine eigene Karriere durch Disziplinlosigkeit und hedonistische Eskapaden.

Vor diesem Hintergrund werden Wahlen geschildert, die schließlich in einer parlamentarischen Mehrheit für eine gemäßigte islamische Muslimbruderschaft enden. Das Frankreich des Jahres 2022 ist kulturell tief gespalten. Houllebecqs nahezu geniale Analyse der Verhältnisse unterstellt nicht einen wild gewordenen, sondern einen sehr kalkulierenden politischen Islam, der sich, ohne dass es ausgesprochen würde, des Revolutionsbesteck vieler süd- und mittelamerikanischer Befreiungsbewegungen bedient. Wenn du die Macht willst, dann brauchst du die Lehrer, die Polizei und die Medien, hieß es da. Und genau nach diesem Schema unterwandern die Muslimbrüder diese Institutionen und stellen somit die Weichen für ihre eigenen politischen Mehrheiten. Das ist exzellent inszeniert und verblüfft alle, die mit der Auflistung stereotyper Klischees gerechnet hatten.

Die Beschreibung der politischen Entwicklung ist ein Gedankenspiel ohne Ressentiment. Ganz im Gegenteil, die Überlegungen zu einer europäischen Kultur, die sich im Post-Heroismus, Individualismus und Hedonismus aufgerieben hat, tragen selbstkritische Züge, die dem Räsonnement Glaubwürdigkeit verleihen. Und das Portfolio der aufstrebenden politischen Macht, die sich einem aggressiven Block des Neo-Nationalismus gegenüber sieht, besticht in vielerlei Hinsicht durch ihren am Gemeinwohl orientierten Kollektivismus. Auch sie verfügt über die Gerissenheit, derer es bedarf, um die Macht zu erlangen und zu erhalten, aber sie bedient sich nicht des Terrors.

Der Erzähler bleibt insofern dem Prinzip Houllebecqs treu, als dass er bei der Rolle des Enfant terribles bleibt. Der individualisierte Freak ist es, der dem archaischen Frauenbild der Muslimbruderschaft gar etwas abgewinnen kann, weil er die Unterwerfung als Stimulans sexistischer Phantasien zu akzeptieren bereit ist. Das ist nicht Schwarz-Weiß, es ist die Koinzidenz unterschiedlicher kultureller Befindlichkeiten, die zu der Möglichkeit eines Zivilisationstransfers führt, der weit entfernt ist von allen Horrorszenarien der politischen Propaganda. Die Vertreter der aufstrebenden Macht wirken eher gelassen, weil sie sich im Aufwind der Geschichte sehen. Daraus erwächst eine Toleranz, die auf die individualisierte Kultur destabilisierend wirkt.

Der Schluß, in dem es um die Entscheidung des Protagonisten für die freiwillige Unterwerfung geht, bleibt konsequent im Konjunktiv. Eine ungeheure erzählerische Stärke, die Houllebecq in diesem Kontext das Testat beschert, ein Schriftsteller zu sein, der die unterschiedlichen Ebenen des gesellschaftlichen Seins brillant verweben kann und der Leserschaft einen Horizont der Reflexion beschert, der selten ist.