Archiv für den Monat September 2014

Double Standards and Full Spectrum Dominance

Mathias Bröckers, Paul Schreyer. Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren

Es war an der Zeit. Seit dem Beginn dessen, was neutral noch am besten als Ukraine-Krise bezeichnet werden kann, wurde zum ersten Mal ein Phänomen sichtbar, das in dieser Dimension neu war. Große Teile der Bevölkerung wandten sich ab von der Art und Weise, wie in den großen Tageszeitungen, Journalen und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen darüber berichtet wurde. Es war nicht mehr die Kritik einer politisierten, nicht parteipolitisch gebundenen Opposition, sondern die derer, die normalerweise die Quoten ausmachen. Ganz normale Konsumenten der Nachrichten und des politischen Journalismus begannen sich die Augen zu reiben über die einseitige Parteinahme in der Berichterstattung, über die Verdrehung von Tatsachen, über die Anwendung propagandistischer Legenden und über die ständigen Versuche, den Konflikt zu eskalieren. Die ehemalige Russland-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz hatte in einem langen Interview ihr Unbehagen über das zu beobachtende journalistische Handwerk zum Ausdruck gebracht und wurde damit zum Renner auf YouTube.

Nun, endlich, haben Mathias Bröckers und Paul Schreyer das Ärgernis eines kriegstreibenden Journalismus und die dahinter stehenden tatsächlich wirkenden Kräfte in einem Buch systematisiert aufbereitet. Unter dem Titel „Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Meiden manipulieren“ haben sie das Thema aufgegriffen und liefern mit einer Reihe der angestellten Betrachtungen sehr nützliches Material, das gebraucht wird, in dem gegenwärtig herrschenden bellizistischen Dunst die eine oder andere verlorene Seele noch retten zu können.

Zum Beispiel widmet sich das Buch der tatsächlichen Geschichte der ukrainischen Nation, die in dieser Form gerade einmal 20 Jahre aufweist, sondern immer aufgeteilt und /oder annektiert war, mal von Russen, mal von Polen und mal von Deutschen. Des Weiteren wird sehr pregnant der gegenwärtige Weltatlas der Öl-Pipelines aufgezeichnet und damit illustriert, inwieweit die USA bzw. die aus den USA agierenden Ölkonzerne kein Interesse daran haben können, dass Versorgungsadern vom Iran über Syrien bis ans Mittelmeer entstehen oder eine russisch-iranische Versorgungslinie nach Indien entsteht. Es geht um Weltherrschaft und den in der Bush-Ära geprägten Begriff der Full Spectrum Dominance. Um diesen zu erreichen, ist es seit den Tagen der britischen Weltherrschaft durchaus üblich, mit so genannten doppelten Standards zu operieren, d.h. durchaus mit Schurken zu operieren, wenn sie nur nützlich sind und und politisch Zivilisierte über die Klinge springen zu lassen, wenn sie der Full Spectrum Dominance im Weg stehen.

Auch die inneren politischen Kräfte der Ukraine werden analysiert. Das alleine führt schon dazu, dass man sich die Augen reibt angesichts der semantischen Fragmente, die einem von der Süddeutschen bis hin zum Heute Journal vor die Füße geworfen werden. An Beispielen wie der Aufbereitung einer Legende um den so genannten Schokoladenkönig Poroschenko, der sein Geld aber auch mit Waffen verdient, erhält die Leserschaft noch einmal eine Lehrstunde über das Wirken journalistischer Propaganda genauso wie an der Rekonstruktion der Berichterstattung über den Abschuss der MH17, die lanciert ist, um den Konflikt zu eskalieren und nicht, um Geschehenes aufzuklären. Alle Analysen sind eingebettet in einen Bezug zu dem Wirken amerikanischer Lobbies und Think Tanks, wodurch vieles tatsächlich noch einmal in einem anderen Licht erscheint.

Es wird deutlich, dass sich in der Eskalation des Konfliktes um die Ukraine Europa und vor allem Deutschland in die Geiselhaft amerikanischer Interessen hat nehmen lassen. Die von den beiden Autoren angedeutete Alternative, die Ukraine als einen eurasischen Brückenstaat zu denken und Russland wiederum als Partner im Wirtschaftskontakt zu Asien scheint angesichts der desaströsen Befindlichkeit der anglo-amerikanischen Ökonomien wie politischen Systeme eine vielleicht lebenswichtige Variante zu sein.

Normative Rollen oder Potenziale?

Mit wachsender Arbeitsteilung und zunehmender interdisziplinärer Vernetzung steht das, womit sich die professionelle Organisation von Arbeit befasst, vor einer entscheidenden Neuorientierung. Klassische Organisation im Sinne einer Betrachtung von Arbeit nach Aspekten von Leistungen, die zu erbringen sind und Faktoren, die kombiniert dazu führen, hat sich als solches überlebt. Nicht, dass die immer wieder genannten Faktoren von Ressourcen, Prozessen und Rollen, die die menschliche Arbeitskraft einzunehmen hat, keine Rolle mehr spielten. Ganz im Gegenteil. Die neuen Theorien von Wertschöpfung ohne einen solchen energetischen Prozess beschreiben den Mythos, den die Postmoderne so gerne bemüht, weil er die Arbeit und die mit ihr verbundene Anstrengung gerne ausblendet. Die Apostel des Hedonismus haben es damit nicht sonderlich. Der Grund für das Ende der klassischen Organisationsbetrachtung liegt ganz einfach in der Tatsache, dass die klassische Taylorisierung von Arbeit, auf deren Grundlage die bis heute vertretene Organisationstheorie basiert, den Faktor Mensch in diesem Prozess unterschätzt und sich zu sehr auf die Beschreibung normativer Qualitäten konzentriert als sich um die vorgefundene Realität zu kümmern.

Der klassische Prozess sieht in der Regel so aus: Es wird ein Produkt oder eine Leistung beschrieben. Um dieses oder diese zu erreichen, bedarf es bestimmter Stoffe und Instrumente und eines oder mehrerer Menschen, um daraus das gewünschte Ergebnis zu formen. Die Menschen in diesem Prozess werden zu Recht als Rollen beschrieben, die eine Tätigkeit zu verrichten haben. Welche tatsächlichen Menschen letztendlich in diesen als Rollen bezeichneten Hüllen landen, ist zunächst einmal uninteressant. Was in der Regel folgt, ist die Besetzung dieser Rollen mit Menschen, die mit der normativen Beschreibung der Rolle nicht kongruent sind. Wie sie auch immer ausgewählt wurden, es ist sicher und wird in jedem Fall auch immer wieder verifiziert, dass jeder reale Mensch, der sich in diesem Prozess wieder findet, nur zu einem Teil dem Anforderungsprofil, wie das Rollenskript professionell genannt wird, entspricht. Was nicht erfasst wird und in der Versenkung verschwindet, sind seine sonstigen Fertigkeiten und Fähigkeiten. Alles, was hinsichtlich der Zweckausrichtung jetzt noch getan werden muss, ist, die so genannten Defizite gegenüber dem normativen Profil zu überwinden.

Die Betrachtung von Arbeit in der skizzierten Weise der traditionellen Organisation führt zu einer gewissen Exklusivität des Denkens in defizitären Dimensionen. Der Mensch, einzige Produktivkraft im schnöden Universum wie wir es erleben, wird beschrieben als ein Werkstück, das durchaus bereits einiges vermag, aber dennoch vieles zu lernen und sich anzueignen hat, um in dem gewünschten Prozess der Arbeit die Rolle einnehmen zu können, die ihm zugedacht ist. Er ist zu einem Objekt geworden, das seinerseits bearbeitet werden muss, damit es funktioniert.

Was klassische Organisation sehr gerne ausblendet, ist die Betrachtung der vorhandenen Potenziale. eine Arbeitsorganisation ist ein höchst interessanter Mikrokosmos, der von der Befähigung bis zur gesellschaftlichen Perspektive eine Varianz darstellt, wie man sie ansonsten sehr selten anzutreffen in der Lage ist. Und obwohl das so ist, existieren bis heute keine Kenntnisse und Daten über die tatsächlich vorhandenen Potenziale der Beschäftigten. Stattdessen ist wird mit den vorhandenen Anforderungsprofilen ein exaktes Mapping der Defizite in Bezug auf die normativen Qualitäten vorgenommen. Das Problematische dieses Sachverhaltes liegt einerseits darin, dass kaum jemandem die Absurdität auffällt. Wie kann es sein, dass der einzige Garant für die Wertschöpfung, nämlich die menschliche Arbeit, als der kritische Punkt betrachtet wird, und Stoffe oder Maschinen als zuverlässig gelten? Und wieso rebellieren nicht die Schöpferinnen und Schöpfer des Wohlstands, dass man sie betrachtet wie eine Rolle Kabel?

Die Rückkehr der Hundred Pipers

In Krisen bleibt das kollektive Gedächtnis unbarmherzig. Es erinnert sich an alles, was die Geschichte bereit hält an Demütigungen und Verwerfungen. Das ist auch jetzt der Fall im Falle Schottlands. Bekanntermaßen stehen die Schotten vor einer entscheidenden Abstimmung über den Verbleib im britischen Königreich. Das ist nicht erstaunlich. Die Geschichte Schottlands ist die Geschichte von Niederlagen gegen ein übermächtiges Britannien im Süden. Der Auslöser für die aktuellen Bestrebungen, sich von Großbritannien zu lösen hat jedoch nicht die alte Verweigerung der eignen Unabhängigkeit zur Grundlage, sondern der gegenwärtige Zustand Großbritanniens und die Perspektive eigener wirtschaftlicher Prosperität. Die Ölvorkommen in schottischen Hoheitsgewässern wären das lange gesuchte Mittel um komfortabel auf eigenen Füßen zu stehen. Es winkt eine exklusive Existenz nach dem Muster Norwegens. Klein, überschaubar und reich.

Der Beitrag, den die Macht in London zu den Abspaltungswünschen geleistet hat, hat nicht die Geschichte der Unterwerfung Schottlands zur Grundlage, sondern er liegt in einer Politik der letzten drei Jahrzehnte. Mit der großen Kehrtwende, der von der Eisernen Lady Margaret Thatcher eingeleitet wurde, ist eine der wesentlichen Grundlagen der britischen Größe endgültig zerstört worden. Nach dem Verlust der kolonialen Macht blieben dem Königreich noch exzellente Kontakte zu den ehemaligen Kolonien, die sich auch in dem Zugriff auf für die Warenproduktion wichtigen Rohstoffe niederschlugen. Mit der Krise der Kohle- und Stahlindustrie zog die Londoner Politik jedoch die falschen Schlüsse. Anstatt die wertschöpfende Industrie umzusteuern auf Leistungen und Produkte technisch hoch entwickelter Massenprodukte und innovationsfähiger Verfahren, zerschlug man die Arbeitsstätten des ältesten Proletariats Europas und ließ es dabei bewenden.

Auf der einen Seite blieb ein heute auf vier Millionen geschätztes Industrieproletariat, für das es keine Verwendung mehr gibt und das sich als ein Arsenal der Unzufriedenheit und Trostlosigkeit etabliert hat. Auf der anderen Seite unterlag man der Mystifikation, die die Domäne der Finanzspekulation, zu der sich London gemausert hatte, suggerierte. Die Produktion von Reichtum durch den Handel mit Optionen auf eine Wertschöpfung, die andernorts stattfindet, hat eine neue Klasse von Plutokraten hervorgebracht, die zwar Liquidität in Hülle und Fülle mit sich bringt, aber auch die Verluste sozialisiert und deren Verantwortung gegenüber der Gesellschaft missen lässt. Russische Oligarchen und arabische Ölmogule leben prächtig in der Metropole an der Themse. Für diejenigen, deren Arbeit das Land zum Wohlstand gebracht haben, ist aus rein monetären Gründen kein Platz mehr. Kein Land Europas hat seine Arbeiterklasse trotz der ungeheuren Krisen in den klassischen Industriezweigen so verraten wie Großbritannien. Das zahlt sich jetzt aus. Die Perspektive ist düster, warum also sollten sich die Schotten ausgerechnet dafür entscheiden?

Wenn sich große Veränderungen in der Geschichte andeuten, dann bemühen die Akteure zumeist die Vergangenheit, um ihr Unterfangen zu legitimieren. Denn in der Vergangenheit liegen die Überlieferungen, derer es bedarf, um dem Wandel emotional einen Sinn zu geben. So ist es kein Zufall, dass jetzt in der schottischen Debatte vor der Entscheidung die Geschichte eine sehr große Rolle spielt und mehr Raum einnimmt, als ihr tatsächlicher Stellenwert tatsächlich ist. Von Maria Stuart bis zu den Hundred Pipers ist die Rede. Gerade letztere, nach denen sogar ein Whiskey benannt wurde, liegen seit ewigen Zeiten auf dem Depot der Emotionen eines jeden Schotten. Es galt als ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Musiker, die vor dem Heer marschierten, für die Attacke Tabu waren. In einer der vielen Schlachten wurden sie von englischen Angreifern dahin gemetzelt. Der Grund, für die Abstimmung, die ansteht, sind sie nicht. Aber nichts bleibt vergessen. Die Hundred Pipers sind zurück.