Archiv für den Monat September 2014

Das Ritual aus New Orleans

The Dirty Dozen Brass Band. Funeral For A Friend

Heute, in Zeiten, wo der Tod und der Umgang mit ihm zu den ausgeprägtesten Tabus gehört, empfiehlt es sich, die Rituale, die sich anlässlich seines Eintretens herausgebildet und funktioniert haben, etwas genauer anzusehen. Viele können sich noch an Zeiten erinnern, als auch noch hierzulande der Tod eines Menschen dazu geführt hat, dass das traurige Ereignis gemeinsam begangen wurde und die Beerdigung oder Beisetzung nach einem Reglement vonstatten ging, das alle noch einmal zusammenschweißte und den Beteiligten das Ereignis des Schmerzes gemeinsam erleben ließ und auch noch eine Perspektive des Danachs vermittelte. Vieles ist dahin, aber die Erzählungen von einer „schönen Leich“, einem „phänomenalen Abgang“ oder „unvergesslichen Leichenschmaus“ flackert doch noch hier und da auf.

Die Dirty Dozen Brass Band aus New Orleans wurde 1977 von dem Trompeter Leroy Jones gegründet. Die Gründung fiel in eine Zeit, als die traditionellen Marching Bands zunehmend weniger gebucht wurden, weil der Zeitgeist eine andere Sprache sprach und weil sie wohl auch zu teuer wurden. Ein Motiv, die Band ins Leben zu rufen war der Wunsch, Jugendlichen, die in Armut aufwuchsen, eine Möglichkeit zu geben, sich mit der Musik zu entwickeln und sozialen Halt zu bekommen. Und natürlich fühlten sich die Akteure dazu verpflichtet, die großartige Tradition der Marching Bands in New Orleans weiter leben zu lassen. Der Erfolg des Konzeptes bestand allerdings darin, sich nicht nur auf das traditionelle Repertoire zu konzentrieren, sondern auch anspruchsvolle Weisen des modernen Jazz mit in den Fokus zu nehmen. Charlie Parkers Moose The Mooche war so ein Titel, der die Dirty Dozen Brass Band in die Schlagzeilen brachte und dokumentierte, welchen Gewinn auch derartige Titel dadurch erfuhren, dass sie für die Straße spielbar wurden. Natürlich unter der Voraussetzung, dass gute Musiker sich dessen annahmen.

Nach großen Erfolgen dieses Konzeptes, denen Tourneen in vielen Teilen der Welt folgten, ergriffen die Mitglieder der Band im Jahr 2004 die Gelegenheit, mit der Band exklusiv auf die Traditionen ihre Heimatstadt hinzuweisen. Mit dem Album Funeral For A Friend spielten sie Weisen ein, die in jedem baptistischen Standardwerk zu finden waren, die einzelnen Titel, die für sich immer wieder einmal von großen Interpreten des schwarzen Jazz aufgegriffen worden waren, aber in diesem Ensemble dem Ritual einer klassischen Beerdigung in New Orleans entsprachen, erhielten nun einen Sinnzusammenhang. Was dabei herauskam, war so gut und kondensiert, dass es sinnvoll wäre, diese Aufnahme in das Inventar des Weltkulturerbes aufzunehmen.

Funeral For A Friend dokumentiert den Ablauf eines Begräbnisses, das mit dem Akt der Trauer beginnt, den Abschied der sterblichen Überreste begleitet und den Weg zur Feier beschreibt, der sich erhebt über den Schmerz und die Aufforderung zu einem lustvollen Weiterleben intoniert. Die Zeremonie beginnt mit Just A Closer Walk, I Shall Not Be Moved und Please Let Me Stay A Little Longer, setzt sich fort mit What A Friend We Have In Jesus und Jesus On The Main Line, geht weiter mit I´ll Fly Away und endet schließlich mit Down By The Riverside und Amazing Graze.

Die Interpretation der einzelnen Stücke zeugt nicht nur von einer tiefen Empfindung für das Ritual selbst, sondern sie dokumentiert, dass wir es hier zu tun haben mit erstklassigen Jazzmusikern, die sehr virtuos ihre jeweiligen Instrumente beherrschen und sehr viel mehr liefern als die Abfolge verschiedener Stücke eines Rituals. Ihnen gelingt es, die Geschichte des Jazz noch einmal ganz anders aufzuschlüsseln, nämlich als Genre hoher spiritueller Substanz.

Carlito Presidente

Es bleibt dabei. Der Fußball und alles, was mit ihm zu tun hat, ist ein Indikator für Entwicklungen aus dem richtigen Leben. Jetzt gibt es wieder ein Beispiel dafür. Carlito, einer der Chefs aus der Chefetage des FC Bayern, hat einmal wieder etwas in die Mikrophone formuliert, das wir uns gut merken sollten. Im Hinblick auf kritische Stimmen seitens der Presse in Bezug auf die Transferpolitik des Staatsvereins schleuderte er diesen den Vorwurf des Rassismus entgegen. Das ist nicht nur auf dem Mist von Carlito gewachsen, sondern ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen, denn deshalb, und nur deshalb ist es wert, sich damit zu beschäftigen. Denn Carlito Presidente übersieht ja gerne mal etwas, wie zum Beispiel Zollbestimmungen, wenn ihm eines seiner arabischen Schätzchen Uhren im Wert von über 100.000 Euro schenkt und er sie im Handgepäck an der Heimatfront vorbeischleusen will. Aber Vorstrafen sind in seinem Gremium nicht unbedingt eine Rarität.

Nun, worum geht es? Die Steuerer des FC Bayern sind seit jeher erfolgshungrig, was sie ohne Zorn und Häme auszeichnet. Immer wollten sie das Beste, um zu den Besten zu gehören. Das tun sie bereits seit Jahrzehnten. In der Außenpolitik heißt das konkret, dass sie national die Konkurrenz systematisch zu schwächen suchen, indem sie deren Leistungsträger konsequent bei sich verpflichten. International basierte der Erfolg auf einer Kombination von Nachwuchstalenten aus der eigenen Region und Stars aus den Zentren des Weltfußballs. Die Erfolge des momentan wohl schärfsten Konkurrenten Borussia Dortmund waren wohl dafür verantwortlich, dass man versuchte, mit zittriger Hand den vermeintlich ultimativen Coup zu landen.

So verpflichtete man mit Pep Guardiola den markantesten Philosophen des Tiki-Taka, der mit dem CF Barcelona über nahezu ein Jahrzehnt die Fußballwelt beherrscht hatte. Dass der FC Bayern genau zu diesem Zeitpunkt seinerseits auf dem Zenit stand, und zwar mit einem Trainer Heynckes, der einen Tiki-Taka light, gepaart mit einem teutonischen Drang zum Tor spielen ließ, hielt das Verhängnis nicht auf. Heynckes ging, Guardiola kam, war erfolgreich, aber da gab es schon manche, die behaupteten, er erntete nur noch einmal die Früchte von Heynckes´ Arbeit. Das befürchtete auch Carlito Presidente. Und dann kam die Demontage der spanischen Nationalmannschaft bei der WM in Brasilien. In diese Unruhe stieß Guardiola nun mit der Forderung, an den vermeintlichen Schwachstellen mit der Verpflichtung spanischer Fußballer die Chancen auf den immerwährenden Erfolg zurückzukaufen. Das Zweisäulenmodell, eigene Talente und internationale Stars, wurde aufgegeben zugunsten etablierter Spieler aus Spanien. Dass Pepi, Hoffnungsträger und Separatist aus Katalonien, es nun auf zehn Spanier in einem Gesamtteam von vierzig in relativ kurzer Zeit gebracht hat, fällt einfach nur sehr auf.

Der Fußball und seine Anhänger, immer wieder geschmäht als rechts, militant und rassistisch, waren das Metier, in dem de facto die Internationalisierung des Personals am radikalsten durchgesetzt wurde. Kein Verein in Germanistan ist mehr exklusiv arisch und die vielen Fans im Lande setzen sich ebenfalls aus allen Nationalitäten zusammen. Wenn es ein erfolgreiches Modell der Integration gibt, dann ist es der Fußball und nicht der Vorstand der Grünen oder der CSU. Dass Carlito Presidente nun den Rassismus-Vorwurf auspackt, ist gar nicht so abwegig. Roberto Blanco, ebenfalls ein Münchner, trat ja auch schon auf CSU-veranstaltungen auf und forderte demonstrativ: Wir Schwarzen müssen zusammenhalten! Man sieht, mit der politischen Terminologie geht man zuweilen sehr nonchalant um an der Isar. Ist auch egal. Die menschlichen Regungen sind zumindest vertraut. Wer sich unsicher ist, ob er noch alles richtig macht, der lenkt ganz gerne mal ab. Das macht auch Carlito Presidente, und zwar sehr professionell.

11. September: Die Finsterlinge und das Licht

Alle, die alt genug sind, werden sich noch erinnern. Der 11. September 2001 löste weltweit heftige Reaktionen aus. Hier bei uns, im politischen Westen, dominierte der Schock, in anderen Teilen der Welt gab es aber auch Schadenfreude oder Unverständnis. Das sollte nicht vergessen werden, denn der okzidentale Zentrismus führt nicht selten zu Fehlschlüssen. Dennoch möge erlaubt sein anzumerken, dass die Form der asymmetrischen Kriegsführung, wie sie in den Attacken auf New York und Washington zum Ausdruck kam, mit zivilisatorischen Grundsätzen, die sich aus der bürgerlichen Gesellschaft entwickelt haben, nichts gemein hatten. Es war die dreckige Tat einer Horde, die in der Barbarei angesiedelt ist.

Die Reaktion, vor allem dort, wo es geschah, war die des heftigen Trotzes. Wir, so der damalige, charakterlich zweifelhafte Präsident der Vereinigten Staaten, wir werden uns von Euch nicht ein Leben aufzwingen lassen, das wir nicht führen wollen. Damit plädierte er an die Haltung eines tief demokratischen Amerikas, dass er selbst, mit seiner eigenen Politik, im Begriff war, zu demontieren. Und auch hier, jenseits des Atlantiks, in den Zentren Europas, waren jene Worte die Diktion, die dem Schock folgten.

Wir alle wissen kaum noch, wie es war, als man sich frei von Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen, in Shopping Malls, in Sportarenen, auf Bahnhöfen und Flughäfen bewegen konnte und wie leicht man Clubs und Musikkonzerte besuchen konnte und wie schnell man an Bord eines Flugzeuges war verglichen mit heute. Millionen von Menschen werden seit den Anschlägen des 11. September täglich stundenlang von Sicherheitsroutinen aufgehalten und was vor diesem Datum als Privatsphäre galt, wird heute gescreent und durchwühlt als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Schlimmer jedoch ist die mentale Wirkung. Das Verlangen nach Sicherheit, immer ein probates Drohszenario konservativer Politik, um Bürgerrechte einzuschränken, hat zu einer starken Demontage der demokratischen Öffentlichkeit als dem Medium geführt, dass die Selbstbestimmung der Menschen erwirkt. Das war ein schleichender Prozess, aber wenn man sich heute ansieht, wie zahm Konflikte ausgetragen, wie seicht Politik begründet wird und wie phlegmatisch massive existenzielle Eingriffe akzeptiert werden, dann gewinnt man einen Eindruck von dem, was ist, aber nicht sein darf.

Wenn von einem Kampf gegen den Terror gesprochen wird, so wird in der Regel auf das technokratische Arsenal gezeigt, auf Drohnen und Panzerabwehrraketen, aber nicht auf das, wovor der barbarische Fundamentalismus die größte Angst hat. Der demokratische Diskurs, das Recht, sich einem Thema konfliktär zu nähern, ohne mit der eigenen Vernichtung rechnen zu müssen, die Frische des Disputs, der Gewinn an neuer Erkenntnis, die Bereicherung durch Reflexion und Selbstreflexion, das sind die Waffen der bürgerlichen Gesellschaft, die sie hat Wohlstand und Reichtum produzieren lassen, die Produktionsweisen entfesselte, die die Welt revolutionieren.

Das Eigenartige an den Allianzen gegen den Terror, die seit dem 11. September 2001 geschmiedet wurden, war die Analogie im Denken. Mit einer eindimensionalen Kausalität im Kopf wollten sie der globalen Angst vor der Aufklärung begegnen und schürten mit ihrem Vorgehen eine Angst vor der eigenen Tugend. Und so ist es gar nicht verwunderlich zu behaupten, dass der Kampf gegen Terror und anti-zivilisatorische Barbarei mit jedem Widerspruch am Arbeitsplatz beginnt, mit jeder Polemik in einer politischen Debatte und mit jedem Dissens gegenüber behördlichen Verlautbarungen. Das ist der Charme, den die Freiheit versprüht und das ist das Mittel, das die Finsterlinge dieser Welt fürchten wie das Licht.