Archiv für den Monat Juni 2014

Uninspiriert im taktischen Korsett

Die Motivation, Fußball zu spielen, nährt sich aus verschiedenen Faktoren. Da ist zunächst der Wunsch nach Gelingen, und zwar durch das eigene Agieren Situationen zu schaffen, in denen das eigene Können und der eigne Esprit dazu führen, Erfolg zu haben. Der lässt sich sehr einfach in Toren zählen. Bei einem Turnier ist zunächst entscheidend, ob eine Mannschaft diese Erfolge verbuchen kann. Dann kommt sie weiter, und am Schluß, wenn sie alle Gegner geschlagen hat, wird sie das Turnier gewonnen haben. Das ist alles so bekannt wie trivial. In diesem Sinne hat das deutsche Team im Spiel gegen die USA ihre Pflicht erfüllt, es hat das Spiel mit 1:0 gewonnen, ist Gruppensieger und im Achtelfinale.

Die gegenwärtige Weltmeisterschaft in Brasilien hat bis dato eines gezeigt: Sie ist ein Turnier des Enthusiasmus und der großen Emotion. Teams wie Chile, Mexiko und auch Brasilien haben gezeigt, dass sie technisch und taktisch sehr gut sind und dass sie grandios kämpfen können. Das hat das Publikum überaus honoriert, weil es besonders durch diese Haltung mitgerissen wird. Deshalb war es in den bisherigen Spielen eine große Freude, diesen Mannschaften zuzusehen. Aus Europa haben das die Niederlande vorgelebt, glanzlose und uninspirierte Teams wie England, Italien und Spanien haben bereits ihre Quittung für die Attitüde bezahlt, nur mit Taktik und Technik erfolgreich sein zu wollen.

Der Auftritt der Deutschen im Spiel gegen die USA gehörte zu dieser Old School. Taktisch diszipliniert, technisch gut, kühl und wohl temperiert. Bei der Betrachtung dieses Auftrittes kam nicht nur Langeweile auf, sondern es drängte sich der Eindruck auf, dass die Mentalität des gegenwärtigen gesellschaftlichen Geistes sich in diesem Auftritt offenbarte. Es dominierte der Eindruck, als ginge es um den Erwerb einer Versicherungspolice, mit der das Weiterkommen abgesichert werden soll. Nicht, dass die Spieler auf dem Platz nicht das Potenzial hätten, mehr zu zeigen als sie es taten. Aber die taktischen Anweisungen des Trainers liefen auf diese uninspirierte Vorstellung hinaus, die, und das ist das Wesentliche, was zu bedauern ist, zum Erfolg führte.

Und natürlich feierte die mediale Claque samt aller engagierten Experten das desolate Schauspiel als einen Sieg der Dominanz. Ja, es war Dominanz, aber ohne Spirit, ohne Botschaft, sondern ein technokratisches Konzept, das niemanden mehr mitzureißen in der Lage ist. Die Straßen bleiben leer, die Fans, die auf ein Feuerwerk hofften, schlichen wie geprügelte Hunde aus den Gartenkneipen nach Hause und überlegten sich die Strategie für den kommenden Arbeitstag. Da ist auch kein Spieler, der gegen diese vom Drohnenkrieg inspirierte Taktik aufbegehrt und einfach einmal das zurückforderte, was ihn dazu motivierte, sein Leben dieser Fußballkunst zu widmen. Glattgebügelt produzierten sie Sprechblasen in die Mikrophone, die genauso dramaturgisch fade waren wie der vorherige Kick.

Da bleibt zu hoffen, dass die inspirierten Teams in diesem Turnier erfolgreich bleiben und den technokratischen Taktikern der Zunft den vorzeitigen Weg nach Hause weisen. Alles andere wäre eine Abwicklung des Metiers nach Art einer Firmenliquidierung. Ausbeinen der Talente, Einstreichen der Revenuen und das Hinterlassen einer großen Depression. Mehr war da bis jetzt nicht, nein, Ressentiments werden nach wie vor über die Bildschirme auf das hungrige Volk gekübelt, aber das ist man ja gewohnt. Kein Esprit, kein Hunger, kein Wille zum Triumph in Schönheit. Das ist Verwaltung in schlechtem Sinne. Von Gestaltung, die begeistert, keine Spur.

Der Biss einer Straßenzicke und die Grandezza eines Herrn

Nicht nur die amerikanischen, sondern auch afrikanische Mannschaften haben dafür gesorgt, dass große europäische Fußballnationen die Gruppenphase nicht überlebt haben. Nachdem Welt- und Europameister Spanien deklassiert nach Hause fahren muss, hat es bereits ebenso England wie dann auch Italien getroffen. Englands Abgang war früh klar und es gehörte keine große prognostische Fähigkeit dazu, dieses schnelle Ende vorauszusagen. Italien wiederum starb ohne die morbide Schönheit, die vielleicht das positive Image gerettet hätte.

Nein, was das Ensemble um Majestäten wie Pirlo und Buffon gegen Uruguay bot, war keiner Diskussion würdig. Ausgelaugt und ideenlos wirkten sie, Pirlos Geniestreiche blieben aus und nur Buffon ließ die Dimension vergangener Grandezza aufblitzen. Lediglich seine Worte nach dem Aus dokumentierten, welcher Gigant sich von der internationalen Bühne wohl für immer verabschiedete. Er verlor kein Wort über dubiose Schiedsrichterbesetzungen und -entscheidungen. Selbstkritisch verwies er auf die Tatsache, dass es eben nicht reiche, wenn man in zwei Speilen selbst kein einziges Tor geschossen habe und nun allein dafür verantwortlich sei, wenn die traurige Heimreise angetreten werden müsse. Andere seien besser, und die hätten es verdient. Das war Sportsgeist, den anscheinend nur noch die aufbringen, die bereits in den Annalen stehen.

Dabei hätte man sich beklagen können über eine allzu harte Rote Karte für das eigene Team und vor allem über eine ausgebliebene für den uruguayischen Pistolero Luis Suarez, der gegen England noch mit zwei atemberaubenden Toren auf sich aufmerksam gemacht hatte, gegen Italien aber dadurch auffiel, dass er seinem italienischen Gegenspieler in die Schulter biss, was nicht geahndet wurde. So wurde aus dem Helden gegen England eine Straßenzicke gegen Italien. Für viele war neu, dass diese Art von Attacke nicht seine erste in seiner Karriere war und er sich damit die Aura eines Mike Tyson erwarb.

Obwohl dann doch sehr viel Glück im Spiel war, erkämpfte sich Griechenland wiederum das Weiterkommen gegen die glücklosen, aber durchaus starken Akteure der Elfenbeinküste, die nur durch einen Elfmeter in der 93. Minute den Abschied nehmen mussten. Griechenland zeigte eine geschlossene Mannschaftsleistung und und war von Kampfeswillen beflügelt, was ihnen die deutschen Kommentatoren wiederum im Vorfeld nicht zugetraut hätten. So kommt es, wenn man lange gehegte und gepflegte Klischees für bare Münze nimmt.

Und obwohl Argentinien es sich hätte gegen Nigeria leichter machen können und Nigeria selbst sehr früh wusste, dass auch sie es geschafft hatten, lieferten beide Teams ein Spiel, als gäbe es kein Morgen mehr. Das war technisch gut und kämpferisch brillant, von beiden Seiten, und zeigte, dass es so etwas wie Spielfreude auch jenseits der als abgebrüht und professionell geltenden Haltung noch gibt. Argentiniens Messi, mit dem sich so mancher Mediokrer gerne misst und Nigerias Musa zeigten, über welches Kaliber sie tatsächlich verfügen. Allein die beiden schossen vier Tore in einem Spiel, in dem es vermeintlich um nichts mehr ging.

Da bleibt die Frage, wie sich das bevorstehende Spiel der Deutschen gegen die USA gestalten wird. Die Unken des Metiers erinnern gerne an das Unentschieden von Gijon aus dem letzten Jahrtausend, bei dem sich die Akteure Österreichs und Deutschland gegenseitig den Ball zuschoben, weil ein Unentschieden beiden reichte, während aufgebrachte Zuschauer die reibende Handbewegung mit den Geldscheinen machten, weil sie die Verkommenheit zurecht ankotzte. Ja, auch Kassandra ist ein durchaus deutsches Phänomen, das immer wieder zum Vorschein kommt. Aber wir, die wir infiziert sind von der Magie eines Spiels, das trotz aller Beugungsversuche, Entartungen und Diskriminierungen immer wieder aufblitzt, wir alle wissen um das philosophische Axiom: Wichtig ist auf dem Platz!

Samba, Mariachi und kollektive Visionen

Die Weltklasse eines Fußballspielers erkennt man auch daran, wie theatralisch er sich fallen lassen und einen Freistoß schinden kann. So die Worte eines Kommentators. Wir in Deutschland wussten schon lange, wie groß zumindest die schauspielerische Weltklasse des Niederländers Arien Robben ist. Die Sympathien, die er sich in Brasilien durch sportliche Leistungen erspielte, sind nach den degoutanten Schwalben gegen Chile wohl bei dem einen oder anderen wieder verflogen. Wie insgesamt, trotz Sieg nicht zu verkennen war, wo die Grenzen des derzeitigen Systems van Gaal liegen. Die Teilung der Mannschaft in unterirdische Morlocks, die an den Öfen schuften und schillernden überirdischen Solisten birgt eine fragile Linie, die sich zu einem stattlichen Riss vergrößern kann, wenn Funktionsstörungen auftreten, die einem der beiden Lager zugeschrieben werden können. Dann regiert auf der jeweiligen Seite sehr schnell wieder das Ressentiment und das Team ist dahin. Das muss nicht so kommen, die Wahrscheinlichkeit jedoch steigt mit der Qualität der jeweiligen Gegner.

Und immer noch lastet ein kontinentaler Druck auf der brasilianischen Combo, die weit davon entfernt ist, bereits im Samba-Rhythmus von Erfolg zu schweben. Jeder Punkt war bis jetzt harte Arbeit und auch Kamerun hat sich lange gegen den Tropensturm gewehrt, bis die Klasse des jungen Neymar die Sache entschied. Dennoch, bei jeder Aktion ist spürbar, wie sehr die Akteure unter Dampf stehen und wie sehr ihre Operationen durch Blockaden gehemmt sind. Da kann sein, dass irgendwann der Knoten platzt, aber Chile wird wohl der richtige Gegner zum richtigen Zeitpunkt sein. Wer Chile bezwingt, wird bei diesem Turnier zu den Großen gehören, wer von ihnen seinerseits besiegt wird, überreicht letzteren den Passierschein in den Olymp. Dramaturgisch hätte es nicht besser ersonnen werden können und das Symbol dieser Inszenierung wird der Condor sein.

Genauso genial inszeniert der Siegeszug der Mexikaner, die wie eine Reconquista von ihren Vulkanen herunter geströmt sind auf die südliche Hälfte des Kontinents, um zu zeigen, dass diese Nation geschmiedet wurde in den Wirren des Kolonialismus, in tribalen Aufständen und in einer Antizipation späterer europäischer Befreiungsbewegungen, immer mit dem Gestus des zwielichtigen Revolverhelden, aber auch immer mit einer infernalen Liebe zur Freiheit. Mexico Mexico Ra Ra Ra, der Schlachtruf ging bis jetzt durch die brasilianischen Stadien und Diminutive wie das des Chicharito Hernandez, der kleinen Erbse, täuschten eine Sozialverträglichkeit vor, die trügerisch und tödlich zugleich war. Die kleinen Männer aus dem Land des Mariachi brauchen keine Messer, um fußballerische Existenzen zu meucheln, ihnen reichte die eigene Begeisterung.

Die kollektiven Visionen haben bis dato die Oberhand. Ob es die niederländische Revanche für die Niederlage im südafrikanischen Finale ist, die auf einem Bild der Wiederauferstehung basiert, die brasilianische Dominanz in der Heimat, die mexikanische Identität in einem chronisch geschüttelten Land oder die chilenische Wiedergeburt nach Jahrzehnten der politischen Barbarei. Die amerikanischen Nationen werden getragen von einer euphorisierenden Idee, während die Dominanz des alten Europa, die auf technische Suprematie insistiert, empfindliche Schläge hinnehmen musste. Wir alle wissen, dass die materielle Macht irgendwann die Ideen wieder verfolgt. Die Macht kommt bekanntlich aus den Läufen der Gewehre. Aber die Stunden, in denen die Ideen das Übergewicht haben, die zählen zum Hochgefühl der Menschheit.