Archiv für den Monat April 2014

Hier Radio Monopol! Hier Radio Monopol!

Es hört sich an wie ein Journal der Spekulation. Da ist die Rede von den wohl von X gesteuerten Kräften. Mutmaßlichen Infiltranten. Maßgeblich Beteiligten. Von mit Wahrscheinlichkeit zur Verantwortung zu ziehenden Kreisen im Hintergrund. Von außen gesteuertem Mob. Von agens provocateurs ohne Auftrag. Von gekauften Elementen. Von einer planlos agierenden Opposition. Von vermeintlichen Sprechern. Von deplatziert wirkenden Kritikern. Von infamen Infiltranten. Von humorlosen Subjekten. Von Claqueuren. Von gekauftem Jubel. Und vielem mehr.

Was anmutet wie eine Regieanweisung zu einem Ganovenstück, einer Dreigroschenoper der Postmoderne, sind Versatzstücke aus der täglichen medialen Berichterstattung in der Bundesrepublik Deutschland. Das, was als verbrieftes demokratisches Recht zu einem Herzstück des Antitotalitarismus in diesem Lang gereift war, hat sich in seiner Nonchalance gegenüber dem Wahrheitsgehalt seiner eigenen Verlautbarung in einen Groschenroman aus der Feder des Massenjournalismus herabgearbeitet.

Zwei Dinge sind es, die intrinsisch für die qualitative Talfahrt der vornehmlich öffentlich-rechtlichen Berichterstattung verantwortlich gemacht werden müssen. Zum einen die Schlampigkeit in der Recherche und die willenlose Zustimmung zur propagandistischen Zielsetzung. Und zum anderen die nur durch Hybris zu erklärende Unterschätzung der zu unterrichtenden Leser- und Hörerschaft.

Beides ist fatal. Indem nicht mehr nach dem Wahrheitsgehalt einer Nachricht gesucht wird und nur dann eine Meldung freigegeben wird, wenn der Sachverhalt nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert wurde und die Autorenschaft mit dem eigenen Namen bürgt, wird nach dem Wunsch der Mächtigen das Tatsächliche zu einem Opfer der tendenziösen Spekulation. Das ist dramatisch und schlägt der eigenen Geschichte dieses Landes böse ins Gesicht. Dass es trotzdem Menschen gibt, die sich auf dieses Spiel nicht einlassen wollen, muss als die einzige Lehre archiviert werden, die hierzulande noch aus der totalitären Vergangenheit gezogen wird.

Nicht die aus Steuergeldern der Republik finanzierten Medien mit ihrem öffentlich-rechtlichen und demokratischen Auftrag, sondern die von letzteren entweder ignorierte oder diffamierte Opposition haben die Qualität, die demokratische Prozesse erfordern. Es ist an der Zeit, die politischen Konsequenzen aus dem Desaster der öffentlichen politischen Berichterstattung zu ziehen. Denn nicht nur die Ideologisierung dessen, worüber berichtet wird, hat die Grenze des Akzeptablen überschritten, sondern auch das Ausmaß und der Stellenwert dessen, worüber nicht berichtet wird. Oppositionelle und kritische Aktionen im In- und Ausland werden schlichtweg ignoriert, Volksentscheide innerhalb der EU ausgeblendet, kriminelle Handlungen assoziierter Regierungen unterschlagen, Massenbewegungen gegen die offizielle Politik der EU totgeschwiegen. Die Dimension, mit der manipuliert wird, kann nicht mehr geduldet werden.

Angesichts der zunehmend doktrinären Entwicklung der öffentlich-rechtlichen Medien, die jährlich mehr als acht Milliarden Euro verschlingen, wäre deren Auflösung eine sehr praktische und vernünftige Forderung. Mit dieser Summe könnte passgenau die Infrastruktur erneuert werden. In Zeiten des Internets könnte die Freigabe aller Frequenzen zu einem sehr produktiven Wettbewerb derer werden, die gewillt und in der Lage sind, gute Nachrichtensendungen und noch bessere Unterhaltung zu produzieren. Staatsmonopole waren noch nie eine Lösung. Staatsmonopole in Deutschland waren immer ein Fluch. Deshalb ist es an der Zeit, dem Spuk, in dem Staatsagenten die öffentliche Meinung generieren, ein Ende zu bereiten. Dass es ohne die Qualität der öffentlich-rechtlichen nicht ginge, ist eine Legende, die in den letzten Wochen endgültig zerstört wurde. Ein Blick nach Israel wäre auch angebracht. Dort werden die Öffentlichen gerade abgeschafft. Wegen der schlechten Qualität und ständiger Kollusion. Konsequenz ist eine demokratische Tugend.

Wie eine Reise mit der Zeitmaschine

Max Frisch. Aus dem Berliner Journal

Der Wert von Tagebüchern bezieht sich in seltenen Fällen auf literarische Güte. Zumal bei Schriftstellern stellte man sich ansonsten nicht umsonst die Frage, warum zur Klärung der sprachlichen und kompositorischen Qualität nicht das zu nehmen wäre, was von den Autoren selbst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Das Interesse an Tagebüchern ist vor allem aus der historischen Perspektive heraus dennoch nicht zu unterschätzen. Tagebücher geben Einlass in die Tagesroutinen, die ganz profanen Ängste, Sorgen, Quälereien oder Ausschweifungen. Daraus kann ein Bild entstehen, das das abgestimmte oder von den Feuilletons erschaffene relativieren. Und in besonders seltenen Fällen bekommt die Nachwelt noch Informationen, die nicht unbedingt das Bild der Person oder des Werkes präziseren, sondern Einblick geben in das, was man die Lebensbedingungen des Zeitalters zu nennen pflegt, zu denen auch die politischen Umstände der Existenz zählen.

Nun, lange nach seinem Tod, erscheint ein Band mit dem Titel Aus dem Berliner Journal. Es bezieht sich tatsächlich auf die täglichen Notizen Max Frischs während seiner Berliner Jahre, die 1973 in einer Wohnung in Friedenau begannen und den Rest des Jahrzehntes andauern sollten. Da das Journal vieles enthielt, was Personen des Zeitgeschehens betraf, war Max Frisch weise genug, die Publikation mit einer 20jährigen Sperrfrist zu belegen. Und die Max Frisch Stiftung, die nun letztlich darüber entschied, was aus den Journalen veröffentlicht werden sollte, war klug genug, das Private und die Beziehung Frischs zu seiner damaligen Frau nicht für die Publikation frei zu geben. In Zeiten, in denen der Voyeurismus zum Massenphänomen geworden ist, haben Charaktere wie Max Frisch und Marianne Oellers auch postum ein Recht auf Schutz.

Neben den nicht untypischen Krisen eines Schriftstellerlebens hinsichtlich akuter Schreibblockaden, Alterungshysterien und Alkoholübertreibungen bietet Aus dem Berliner Journal vor allem Einblicke in Lebensumstände und Studien von Psychogrammen interessanter Literaten jener Zeit. Die Leserinnen und Leser werden Zeugen der Auftritte Uwe Johnsons, sie erhalten Einblicke in die prekäre Existenz Wolf Biermanns in der Chausseestraße, sitzen zusammen mit Christa Wolf am Tisch, wenn sie ihr Verhältnis zur DDR erklärt. Damalige Upcomer wie Jurek Becker sind ebenso mit von der Partie wie Günter Kunert. Max Frisch nutzte das Interesse der DDR, mit literarischen Größen aus dem Ausland Verkehr zu pflegen. Als Etablierter mit einem Schweizer Pass passte er genau in den Fokus der Parteibürokraten. Er ließ sich auf das Werben ein und besuchte Ost-Berlin so oft wie möglich. Und erhielt Einsichten, die bis heute sehr wertvoll sind.

Gerade die Lebens- und Schaffensbedingungen der DDR-Schriftstellerinnen und –Schriftsteller sind vor allem aus heutiger Zeit sehr interessant, weil sie aus der Perspektive eines unabhängigen Geistes geschildert werden, der sich zu keinen Ressentiments verpflichtet sah. Frisch, der immer das Prätentiöse genauso ablehnte wie das gierige Understatement, korrigiert mit seinen Notizen nicht nur das Bild des einen oder anderen Zeitgenossen, sondern er schildert die geteilte Stadt Berlin als einen Status des Irrwitzes, für den beide Seiten teuer mit dem Stigma des Provinziellen bezahlten. Der freie Westen verströmte den gleichen Kleinbürgermief wie die Hauptstadt der DDR.

Aus dem Berliner Journal ist ein wichtiges Dokument. Es ist wie eine Reise mit der Zeitmaschine und gibt Einblicke in das Leben wichtiger Figuren der Zeitgeschichte, es dechiffriert ideologisch beladene Darstellungen von Lebensumständen in Ost und West und es vermittelt eine Ahnung von den Krisen des literarischen Schaffens.

Ignoranz und Propaganda

Wer kennt sie nicht, die Situation! Man steht vor einem Machwerk an Argumentation oder Interpretation und weiß gar nicht, wo man anfangen soll, sich damit auseinanderzusetzen, weil es dermaßen von Fehlannahmen, Sottisen, Irrationalitäten und Boshaftigkeiten strotzt, dass man am liebsten das Elaborat ignorieren wollte und stattdessen das Dasein genießt. Aber manchmal wäre das eben unverantwortlich, weil weder Ideologie noch Ignoranz etwas Gutes nach sich ziehen. Momentan häuft sich diese Situation. Anlass dafür sind nicht selten die Ereignisse in und um die Ukraine.

Im Spiegel Online, kurz und zutreffend SPON genannt, passiert momentan vieles, das mit Verharren in blankem Entsetzen quittiert werden müsste, wollte man nicht standhalten. Neben einer Kolumne, in der sich Sybille Berg vor kurzem dazu verstieg, alle, die nicht ihr Weltbild teilen, als deutschnationale Frauenhasser zu diskriminieren und in der sie eine Hetzschrift verfasste, lässt nun ein gewisser Sebastian Fischer einen Artikel vom Stapel, der sich folglich in bester Gesellschaft befindet. Unter dem Titel In der antiamerikanischen Nische macht er nämlich folgendes aus: Die heutigen Putinversteher, übrigens eine Wortkreation aus der Welt unbewältigter Beziehungskisten, seien eigentlich antiamerikanische Pubertierende.

Dann kann man nur staunen. So einfach ist das Weltgeschehen. Allen, die sich nicht auf Abenteuer einlassen und Eroberungslüste auf dem Terrain der internationalen Politik verspüren, wird mal so eben ein pubertäres Autoritätsproblem attestiert, von einem Organ, das selbst im Rahmen der NSA-Affäre, die ihrerseits nichts anderes ist als die Zerstörung einer adoleszenten Illusion, die bösesten Auslassungen gegen die USA und ihre Bevölkerung produziert.

Nur eine leise Ahnung von Diplomatie und ein rudimentäres Grundverständnis vom Völkerrecht hätte eigentlich zu folgendem führen müssen: Bei einem antagonistischen Gemisch wie der Ukraine, politisch wie ethnisch und kulturell, wird es schwierig sein, eine konkordante Lösung für die Zukunft zu finden. In einer Situation akuter politischer Krise auf den ersten daher gelaufenen Bündnispartner, der durch nichts legitimiert ist, zu setzen, führt zu Eskalation. Einen Prozess des Vorrückens gegen das Terrain der ehemaligen Supermacht Sowjetunion in zwei Dekaden nicht wahrzunehmen und nicht in der Lage zu sein, sich auch nur temporär in die Situation Russlands zu versetzen, führt zur sicheren Diagnose des politischen Autismus. Russland als Aggressor darzustellen ist in diesem Kontext lausige Propaganda. Und die Ereignisse auf der Krim als völkerrechtswidrig zu bezeichnen, dokumentiert Dummheit wie Unverfrorenheit zugleich.

Das Völkerrecht, wiewohl ein spätes Ergebnis des Kolonialismus, basiert vor allem auf einer so genannten Drei-Elemente-Lehre, die auf den Faktoren Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt basiert. Eine Kongruenz dieser drei Begriffe ist weder auf der Krim noch in der ganzen Ukraine gegeben. Schaut man sich die Historie an, weiß man auch warum. Eine zweite Frage ist, wie man damit umgehen sollte, wenn das Völkerrecht wichtig erscheint. Aber weder den momentanen Bündnis-Oligarchen des Westens noch dem Westen selbst scheint daran besonders gelegen zu sein. Die einzige Macht in der Region, die noch einen kausal vertretbaren Ansatz in puncto Völkerrecht vorbringen kann, ist tatsächlich Russland. Das ist pure Logik. Und der ausgemachte Antiamerikanismus ist pure Projektion. Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Europäische Union und die Bundesrepublik. Das, was da an der Tag gelegt wurde, könnte als Lehrstück für pubertäres Agieren genommen werden. Ginge es da nicht um handfeste Interessen, die in diesem Falle nun einmal nicht friedensstiftend sind.