Archiv für den Monat Mai 2013

Der Wolf aus dem Baumwollfeld

Howlin‘ Wolf. Message To The Young

Das Klischee über den Bluesmusiker, der irgendwo aus dem Mississippi-Delta kam und dann als Tramp mit der Gitarre eines Tages in Chicago landete, trifft tatsächlich auf viele der bekannten Größen dieses Genres zu. Einer aber übertrifft das Klischee mit seiner Biographie noch bei weitem: Chester Burnett, besser bekannt als Howlin´Wolf. Der Riese, der mit seinen Bühnenauftritten für ungeheure Spannung wie Entladung sorgte, wurde tatsächlich in dem Dorf West Point im Bundesstaat Mississippi geboren. Und er endete vorerst auf den Baumwollfeldern als Arbeiter. Blues sangen sie dort alle, und ein Zufall wollte es, dass der spätere Howlin´Wolf Charlie Patton kennenlernte, der ihm vieles auf der Gitarre beibrachte und ihn mit zu Auftritten nahm. Howlin´Wolf, der Riese, vor dem sich viele fürchteten, der Mann mit der unverwechselbar rauen Stimme, tourte im Süden, gelangte nach Memphis, wo er sich als Musiker etablierte, bevor er erst 1952 als Vierzigjähriger nach Chicago ging, um dort vielen einen gehörigen Schrecken einzujagen.

Bei dem Label Chess bekam er einen Vertrag. Seine größten Hits waren Smokestack Lightnin´und Spoonful, die zu den Klassikern des Blues gehören. Das Album Message To The Young, welches nun in überarbeiteter Form in einer guten Tonqualität vorliegt, wurde 1971, vier Jahre vor seinem Tod, bei Chess in Chicago eingespielt. Es umfasst schlicht acht Titel, die nicht den Howlin´Wolf vorstellen, den das nunmehr eigene Klischee einfordern würde. Es ist ein Bekenntnis des Veteranen zum Blues und seiner beständigen Fortentwicklung. Und darin liegt das Besondere dieses Albums: die Botschaft des Musikers an die Jüngeren besteht nicht in einem strikten Verweis auf die Tradition! Nein, indem Howlin´Wolf auf dem Album experimentiert, verweist er auf das Lebenselexier des Genres, das in der Weiterentwicklung besteht.

Natürlich ist da noch ein Klassiker, wie I Smell A Rat, der die derbe Konsequenz der Armut in seiner sinnlichen Form wiedergibt. If I Were A Bird ist insofern interessant, als das es auf der Gitarre eine Spielweise antizipiert, die später von Bands wie Led Zeppelin für das weiße Publikum kultiviert und zu einem Markenzeichen etabliert wurden. Message To The Young ist vom Blues-Schema der eigentliche Klassiker, was nicht sonderlich verwundern kann. She´s Looking Good ist ein prähistorischer, lupenreiner Funk, eingespielt mit einem Bläsersatz, den James Brown auch nicht abgelehnt hätte. Just As Long wiederum deutet an, dass Howlin´Wolf bis hin zu seiner musikalischen Reifung in Memphis nicht nur ähnliche Wurzeln wie B.B. King hatte, sondern die nur King zugeschriebene Spielweise der Gitarre genauso beherrschte, bei der der eindringlich klare Ton hervorsticht und die charakterisiert wird durch die atemberaubende Architektur der Pausen.

Message To The Young ist ein Album, das nicht die Klischees über Howlin´Wolf bestätigt, sondern eher seine Fähigkeit herausstreicht, sich und das Genre weiterzuentwickeln. Es empfiehlt sich, sich die einzelnen Stücke mehrmals anzuhören und auf sich wirken zu lassen, um die -man vergesse nicht das Aufnahmejahr 1971 – Entwicklungspotenziale und den Ideenreichtum identifizieren zu können. Der Wolf aus den Baumwollfeldern des Südens hatte wesentlich mehr zu bieten als seine sicherlich unvergessenen Hits. Bis zum Schluss hatte er einen Sinn für die Zukunft, und das macht ihn auch heute noch so hörenswert.

Zypriotische Tektonik

Bild

Aus der Ferne betrachtet wirkt vieles sehr einfach. Manchmal ist auch genau das der Sinn der permanenten Distanz. Die Krise Zyperns scheint so etwas zu sein. Denn alles, was sich auf oder um Zypern tut, scheint mit einer Komplexität befrachtet zu sein, vor der das manische Ansinnen nach Vereinfachung von politischen Zusammenhängen tatsächlich in die Knie gehen muss. Die Botschaften, die uns bisher von Medien und Regierung erreichten, sind sehr schlicht: Die Zyprioten haben über ihre Verhältnisse gelebt, sie haben Kredite genommen zu unverschämt niedrigen Zinsen, sie haben eine katastrophale Geschäftsmoral und unterhalten einen völlig überladenen, leistungsschwachen öffentlichen Dienst. Zudem, und das scheint strafverschärfend gemeint zu sein, liegen dort die stinkreichen, faulen Russen an den Stränden herum und werfen mit ihren Petro-Rubeln nur so um sich.

Die Geschichte lässt sich, wie bei dem Geschäftsmodell Europa üblich, auch so beschreiben: die zentraleuropäischen Banken haben Zypern wie anderen südeuropäischen Ländern das Geld nahezu aufgedrängt. Die zypriotische Regierung machte allerdings den Fehler, weder Infrastruktur, noch technisches Gerät noch militärische Ausrüstung aus dem Hause Deutschland zu kaufen, sondern sie investierte hier und da, verhängnisvollerweise auch in Griechenland und ließ eine immense Investition in die lokale Bauwirtschaft zu. Da die Kredite nicht zu Einkäufen bei den Kreditgebern führten, wurde das Eintreiben der Schulden nicht mit Hilfspaketen abgefedert, sondern diesmal recht rigoros betrieben. Fair ist das nicht, aber wenn es um Macht und Einfluss geht, ist das auch eher selten.

Mit Blick auf das offizielle Deutschland könnte man sagen, es ist wie immer, d.h. Innenpolitik ist gleich Außenpolitik und die rein ökonomische Sichtweise dominiert. Bei dem Konflikt sollte man nicht aus dem Blick verlieren, dass es sich bei Zypern immer noch um eine geteilte Insel handelt, auf deren andere Hälfte nur über die Türkei zu gelangen ist. Für eine sich zunehmend in der islamisch-arabischen Welt als Big Player profilierenden Türkei ist ein derartiges ökonomisches Desaster innerhalb der EU ein gefundenes Fressen. Zum anderen sollte man die zypriotische Regierung nicht unterschätzen, was das Austarieren neuer Bündnisoptionen anbelangt.

Nicht aus Zufall ist die Vermutung von großen Flüssiggasvorkommen vor der Küste Limassols Grundlage für Gespräche zwischen Israel und Zypern, bei denen bereits von einem energetischen Bündnis gesprochen wird. Es beinhaltet bereits den Konsens, dass bei einer Bestätigung des Ressourcenvolumens eine strategische Partnerschaft zwischen Israel und Zypern geschlossen wird, bei der zypriotisches Gas mit israelischem Know-how geborgen werden und beiden Ländern zugute kommen soll. Und so stellt sich wieder einmal heraus, dass der machtpolitische Konflikt im östlichen Mittelmeerraum jenseits des Koordinatensystems der Bundesregierung liegt.

Analog zur fatalen Balkanpolitik, bei der die Zerschlagung des ehemaligen Jugoslawiens und die Isolierung des stärksten Teiles dieses Vielvölkerstaats, Serbiens, ganz oben auf der Agenda stand und zu diesem Zweck mit islamistischen Befreiungsbewegungen wie mit kriminellen Vereinigungen eifrig fraternisiert wurde, was übrigens zu einem recht stabilen Bündnis zwischen Israel und Serbien geführt hat, wird die verpasste Lektion auf Zypern wieder versemmelt. Das, wovon einst der machttrunkene Sarkozy gefaselt hat, einer Entente mediterranee, hat weder Frankreich noch die hinterher hechelnde Bundesregierung bis dato zustande gebracht. Israel kann das Versagen der EU wie ihrer Großmächte derzeit gut für eine eigene Sicherheitsstrategie nutzen, was ihm zu gönnen ist. Die bloße Krämerseele befähigt hingegen nicht zum Global Player.

Vision und Pragmatismus, Diplomatie und Charisma

Egon Bahr. „Das musst du erzählen!“ Erinnerungen an Willy Brandt

Egon Bahr, geboren 1922, hat es nicht lassen können und die Gelegenheit genutzt, der Nachwelt doch noch etwas zu erzählen von jenen bewegten und bewegenden Jahren, die die Geschichte zwischen den beiden deutschen Staaten dramatisch verändern sollte, die die Weichen stellte für eine neue europäische Konstellation und letztendlich auch als ein Sargnägel für die Zweiteilung der Welt werden sollte. Egon Bahr erzählt in dem vorliegenden Buch vor allem von seinem Aufeinandertreffen mit Willy Brandt Anfang der Sechziger Jahre, als dieser Regierender Bürgermeister in Berlin war, über den Wechsel nach Bonn als Außenminister der Größen Koalition bis zum Bundeskanzler der sozial-liberalen Koalition und seinem Rücktritt 1974 nach der Guillaume-Affäre.

Bei der Lektüre eines in einem rar gewordenen, exzellenten Deutsch geschriebenen Buches drängten sich zumindest dem Rezensenten immer wieder zwei Begrifflichkeiten auf, die das Wesen des Verhältnisses zwischen Willy Brandt und Egon Bahr zu beschreiben in der Lage sind. Zum Einen ein immer mehr in die Vergessenheit geratender Begriff wie der des Weggefährten, der ausdrückt, dass die festzustellenden Gemeinsamkeiten aus einer gleichen Zielsetzung wie der Übereinkunft über den einzuschlagenden Weg hin zu diesem Ziel resultieren. Und bei dem anderen Terminus handelt es sich um den der Kongenialität, der ausdrückt, dass verschiedene außergewöhnliche Begabungen zusammenkommen und zusammen etwas positiv bewirken. Um all das, was Egon Bahr an situativem Handeln beschreibt und anhand eigener charakterologischen Studien ausführt zusammenzufassen, könnte man aus gutem Grund zu der Quintessenz kommen, bei Egon Bahr und Willy Brandt handelte es sich um kongeniale Weggefährten.

Neben dem Menschlichen, das bei den Aufzeichnungen zutage tritt und in mancher Hinsicht auch neu ist, und welches nie die Grenze des Respektes und der Diskretion überschreitet, liefert das Buch noch einmal im Zeitraffer das Projekt der neuen deutschen Ostpolitik. Das, was wohl ohne Wenn und Aber das große historische Verdienst des Kanzlers Willy Brandt bleiben wird, die Befähigung zu einer friedvollen Deutschland- und Europapolitik aus dem machtpolitischen Chaos, das dem II. Weltkrieg erwuchs, wird noch einmal deutlich gemacht. Die Leserinnen und Leser erfahren, wie schwierig es war, sowohl Deutsche aus Ost und West als auch die Siegermächte um die Lager USA und UdSSR wieder sprechfähig zum Thema Deutschland zu machen. Dazu bedurfte es einer politischen Vision und eines sehr elaborierten Verständnisses von Politik, wie es zu diesem Zeitpunkt wohl nur Willy Brandt mitbrachte und einer diplomatischen und kommunikativen Brillanz, die Egon Bahr zu dem unverzichtbaren Partner des Politik-Architekten Brandt machte. Die Kongenialität der beiden materialisierte sich in einer Kombination aus Vision und Pragmatismus sowie aus Diplomatie und Charisma.

Die Erinnerungen Egon Bahrs sind in vielerlei Hinsicht eine sehr wertvolle Ergänzung zu den bereits vorliegenden Werken der Historiographie. Da erzählt einer, der tatsächlich den später so oft bemühten Hauch der Geschichte verspürt hat, wie es war, als man mit den Russen im Kalten Krieg klandestin verhandelt hat, wie es sich anfühlte, wenn die Kränkungen Willy Brandts durch die Revanchisten zu persönlichen Krisen führten oder wie irritierend es sein konnte, wenn die Amerikaner die beiden Sozialdemokraten in einem Hotel in Washington abhörten, harsche Kritik der beiden vernahmen und dennoch die Unterstützung nicht versagten. Bahr beschreibt sehr authentisch die Empathie und Verletzlichkeit seines Freundes Willy Brandt. Und er fasst das mit gestaltete Kapitel deutscher Geschichte mit einer Prägnanz zusammen, das heutige Journalisten erblassen lassen muss. Da bleibt nur die höchste Empfehlung.