Archiv für den Monat März 2013

Imperiale Absurditäten und dekadente Lebensstränge

William Boyd. Waiting For Sunrise

Seit Jahren gilt William Boyd als einer der packenden Erzähler aus der englischsprachigen Welt. Vor allem mit Romanen wie Restless, Any Human Heart und Ordinary Thunderstorms stürmte er die Charts. Boyds Stil und seine Sujets heben sich wohltuend ab von dem ganzen Trash des Mainstreams, bei dem man sich oft die Frage stellt, inwieweit die Nennung des Autorennamens überhaupt noch eine Rolle spielt. Dennoch gehört Boyd nicht zu den Geheimtipps einer esoterischen Lesegemeinschaft, deren Qualitätsmerkmal leider zu oft in dem Paradoxon besteht, dass etwas schwer lesbar sein muss, um Qualität zu garantieren. Mit seinem neuesten Roman „Waiting For Sunrise“ ist William Boyd aufgrund des ausgewählten Sujets über die Lesbarkeit hinaus noch ein weiterer Qualitätszuwachs gelungen.

Die Handlung des Romans beginnt 1913 am Vorabend des I. Weltkrieges in Wien. Lysander Rief, ein junger englischer Schauspieler mit einer österreichischen Mutter, hält sich in Wien auf, um mittels einer psychoanalytischen Therapie ein Leiden kurieren zu lassen, das auf eine frühkindliche Traumatisierung zurückzuführen ist. Mit dieser Konstellation beginnt eine Erzählung, die es an kulturellen und politischen Botschaften in sich hat. Lysander Rief entdeckt eine neue Welt, die die Trächtigkeit des alten Europas spürbar werden lässt. Die bereits Gefangene Leserschaft erhält Hinweise über den aufkeimenden Methodenstreit innerhalb des psychoanalytischen Lagers, über die Rolle der Kunst und des Kunstbetriebes mit seinem Freiheitsdrang und seiner Libertinage am Vorabend der europäischen Selbstzerstörung, über die inneren Werte des alten Militärs, über die Bigotterie und lustbetonte Schattenwelt sowie über den klandestin wuchernden Dschungel der europäischen Geheimdiplomatie.

Lysander Rief schlittert in sein eigenes Abenteuer ohne sonderliches eigenes Zutun hinein, er avanciert vom staunenden Zuschauer, das genutzte Werkzeug bis hin zum handelnden Subjekt. Das Psychogramm des Protagonisten ist glaubhaft, weil Rief für seine jeweilige Naivität hohe Preise bezahlt, er aber andererseits in der Lage ist, aus seinen Kalamitäten zu lernen. Insofern handelt es sich bei Boyds Hauptperson in diesem Roman um ein lernendes Objekt inmitten einer einstürzenden Welt. Die anderen Figuren wirken in diesem Panoptikum wie die Charaktermasken der verschiedenen, sich errichtenden Strömungen eines apokalyptischen Sogs. Hettie Bull, die lustvolle, ruchlose Maitresse des Kunstbetriebs, Munro und Fyfe-Miller, mediokre Geheimdienstbeamte, die allerdings das Handwerk der Misstrauensbildung perfekt beherrschen, der homophile Onkel Hamo, der das alte koloniale Großbritannien mit seinen Werten und Loyalitäten ebenso überzeugend repräsentiert wie seine Mutter, Lady Faulkner in zweiter Ehe, die tragisch für die Beobachtung steht, wie das imperiale Säbelrasseln die feminine Ordnung des alten Europas zerstörte.

Waiting for Sunrise ist trotz allem nicht der Thriller, als der er vermarktet wird. Er ist mehr, weil es Boyd zwar gelungen ist, eine Grundspannung zu erzeugen, die sich durch die gesamte Handlung zieht, aber dennoch eine zurückgelehnte, epische Betrachtungsweise weiter zulässt und sogar einfordert. Die kriminalistische Konstruktion ist nicht so stark, als dass der Leser mit ihr auskäme. Wer sich nicht für die ungeheuer komplexen Themen wie die Psychoanalyse, den Kunstbetrieb und die Geheimdiplomatie interessiert, sollte das Buch nicht in die Hände nehmen. Der Plot ist nicht die Enttarnung eines innerhalb der britischen Kriegsmaschinerie agierenden Verräters, sondern die Entzauberung des alten Europas hinsichtlich seiner imperialen Absurditäten und dekadenten Lebensstränge. Und es keimt die Ahnung auf, dass der ersehnte Aufgang der Sonne gewalttätiger werden sollte als ihr Untergang.

Das Märchen vom Wolgastrand

Medial kompakt kommt sie nun daher. Eine neue Welle der Vergangenheitsbewältigung und Kriegserklärung. Auf den vielen Beipackzetteln des Dreiteilers Unsere Väter, unsere Mütter ist immer wieder davon die Rede, dass jetzt die Zeit für eine Aufarbeitung begonnen habe. Das ist insofern makaber, als dass die vielen Täter und Opfer fast alle tot sind. Nun treten die Söhne und Töchter derer an, die an der Front waren oder den Krieg von seiner Kehrseite zuhause erlebt haben, und erklären wiederum ihren Töchtern und Söhnen den Krieg. Die jetzt Sprechenden sind also die Vermittler dessen, was ihnen selbst aufgrund der Traumatisierung der direkt Beteiligten nicht vermittelt wurde. Diejenigen, die dieser Generation zuzurechnen sind, sollten sich vergegenwärtigen, dass sie heftig protestiert haben gegen das Schweigen vor allem der Väter.

Die Erkenntnisse, die um den Film herum medial vermittelt werden, sind, wenn es gut läuft, so neu nicht: Die bestialischen Taten der Aggressoren, das allmähliche Um-Sich-Greifen des Unrechts auf allen Seiten, die Bestialisierung der Opfer und das Scheitern der Täter. Wer Eltern hatte, die dabei waren und zuhause gut zugehört hat, der wird es längst wissen, wiewohl er oder sie es nicht selbst erlebt hat. Natürlich haben sie erzählt, immer und immer wieder, und es hat sie nicht losgelassen, weil sie mehr erlebt hatten, als ein Menschenleben verkraften kann. Und es hat erklärt, warum sie in bestimmten Situationen danach so gehandelt haben, wie sie es taten.

Das Trauma Krieg und die Frage der eigenen Schuld macht den Weg der Adenauer-Republik genauso plausibel wie den der DDR. Hier sprach man nicht darüber und machte mit vielen alten Netzwerken weiter, dort erhielt man eine Generalamnestie, wenn man den neuen Staat unterstützte. Verlogen war beides und aufgearbeitet ist wenig. Während die einen mit erstauntem Blick das Unsägliche, wie Bloch es einmal so treffend formulierte, zum ersten Mal aus der Perspektive einer gesicherten Dekadenz zur Kenntnis nehmen, sind alle Versuche, die ideologischen wie strukturellen Erbanteile des heutigen Deutschland aus der Epoche des Faschismus freizulegen und zu entlarven, einer Tabuisierung und Ignoranz ausgesetzt, die ihresgleichen sucht und große Zweifel zulässt, ob irgendetwas an der Zeit sein könnte, geschweige denn die Aufarbeitung von Faschismus und Krieg. Wie selbstverständlich wird heute noch von Kinderbetreuung geredet, obwohl der Begriff vor Nationalsozialismus trieft und auch die Daseinsfürsorge ist bis tief in die Sozialdemokratie sakrosankt, auch wenn sie in den Ideologiezentren der NSDAP geboren wurde. Selbst in der DDR wimmelte es von Regelungen und „Errungenschaften“ aus dem nationalsozialistischen Volksstaat, erdacht, um die Volksgemeinschaft für die Plünderungen im Rest der Welt für sich einzunehmen.

Es wäre schön, wenn irgendwann einmal eine Diskussion einsetzte, die es ermöglichte, die Selbstkritik und Selbstreflexion derer, die die Diskussion dann führen werden, an den Anfang zu setzen und sich zu fragen, was man denn adaptiert hat aus der Zeit, über die man jetzt wohl gesättigt urteilt. Das Schicksal derer, die als Täter loszogen und als Opfer endeten oder als Opfer begannen und als Täter verzweifelten ist zu komplex, als dass es das Urteil der Unwissenden ertrüge. Was Täter wie Opfer auszeichnete, war die Fähigkeit, trotz des Unfassbaren, dass sie erlebten, in der Lage gewesen zu sein, ein Gemeinwesen zu gestalten und wieder Verantwortung zu übernehmen. Diese Fähigkeit war gigantisch. Ihr emotionales Scheitern dagegen logisch.

 

China komplex

Der neue erste Mann der Volksrepublik China übernimmt eine der, wenn nicht gar die erfolgreichste Wirtschaftsnation der Gegenwart. Betrachtet man das statistische Material nach klassischer Manier und nimmt Wachstumszahlen als Indiz für Prosperität, dann kann kaum eine Volkswirtschaft der chinesischen das Wasser reichen. Nirgendwo wurde so viel produziert und nirgendwo soviel investiert wie dort. Schaut man genauer hin, dann zeigen sich jedoch jede Menge gesellschaftliche Sollbruchstellen, deren soziale Sprengkraft nicht überschätzt werden kann. Der Komplex China ist mit allen Aspekten längst eine globale Angelegenheit geworden, weil vieles, was dort in den nächsten Jahren passieren wird, im wahren Sinne des Wortes die ganze Welt betrifft. Da steht der neue Staatspräsident, natürlich rekrutiert aus den festen Reihen der kommunistischen Partei, und seinerseits der erste Ökonom in diesem Amt, im Fokus der Weltgesellschaft.

Der chinesische Aufschwung wurde gewährleistet durch einen strammen Zentralismus, der die planmäßige und rücksichtslose Ausbeutung der Ressourcen garantierte und der wachsenden Ökonomie eine adäquate Infrastruktur zur Verfügung stellte. Eine nahezu unbegrenzte Workforce, die lange Zeit unter den Standards des Weltmarktes zu haben war und ein Heer von Wanderarbeitern von mindesten 50 Millionen Menschen führten zu Produktionsbedingungen, die selbst in Zeiten des Manchester-Kapitalismus nicht angetroffen wurden. Auch die Expansion der Bildungslandschaft, die nach wie vor korrespondiert mit einer massenhaft und exorbitant vorhandenen intrinsischen Motivation der Jugend des Landes, sich via Bildung den Weg in eine bessere Bildung zu bahnen, ist Ergebnis einer zentralistisch fungierenden Planökonomie. Das chinesische Erfolgsrezept wurde zum richtigen Zeitpunkt angereichert durch eine vor allem von Deng Siao Ping betriebene Liberalisierung der Märkte.

Mit seinen Billigprodukten bediente das sich jedoch auch qualitativ weiter entwickelnde China den Weltmarkt und versetzte dem etablierten Kapitalismus vor allem in den USA und zunehmend in Europa einen Schlag, den man bis heute dort kaum wahrgenommen hat. Die Versorgung der einkommensschwachen Klassen mit chinesischen Exportprodukten hat dazu geführt, dass ein jähes Ausbleiben dieser Warenzufuhr zu massiven sozialen Konflikten führen könnte. Bezahlbar sind die Waren aus westlicher Produktion, die zunehmend ökologische und soziale Standards erfüllen, von den großen Massen immer weniger. Wer China zu einer Denkweise drängt, die diesen Aspekten Rechnung trägt, dreht genau an dieser Schraube.

Im Innern des großen Reiches sind die Herausforderungen nur noch im Superlativ zu beschreiben: Die ökologischen Schäden sind immens, die Widersprüche zwischen Arm und Reich sowie zwischen Stadt und Land sind mit einem Zeitalter kaum noch zu bemessen, das mit der ökonomischen Entwicklung zunehmend entstandene Bedürfnis nach bürgerlichen Freiheiten und Rechten wird nicht befriedigt und die Verwaltung mit ihrer inhärenten Parteibürokratie ist korrupt und von Effektivität und Transparenz Lichtjahre entfernt.

Die Zielvorgaben der Partei an den neuen Mann können da nur wie eine Mission Impossible anmuten, denn genau die großen Konfliktlinien soll er beseitigen. Dass es die Partei dennoch ernst meint, lässt sich an der lapidaren Erklärung lesen, dass die Exportproduktion drastisch gedrosselt werden soll, was für mehr Ökologie, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Arbeitsentgelte spricht. Wirtschaftlich wird es sich das Land, das über gigantische Rücklagen und Staatskredite an Dritte verfügt, allemal. Ob die dringend notwendigen Reformen nach innen ohne verbriefte Rechte und Freiheiten, ohne Transparenz und den demokratischen Wettstreit von Konzepten wird vonstatten gehen können, bleibt anzuzweifeln. Egal, was hinter der großen Mauer geschehen wird, es wird uns alle betreffen, überall!