Archiv für den Monat August 2012

Die Linguistik des Unvermögens

Was macht eine soziale Sphäre, wenn sie nicht mehr in der Lage oder willens ist, sich auf Ziele zu einigen und zu verpflichten? Richtig, sie formuliert erst gar keine mehr. Etwas, das in der Zukunft liegt und eine Kontur aufweist, wird momentan in der Sozialsphäre namens Bundesrepublik als eine Horrorvision angesehen. Die Wenigen, die sich erdreisten, Klarheit über ihre Zukunftsvorstellungen zu artikulieren, werden bei lebendigem Leibe in der medialen Folterkammer verbrannt. Eine solche Atmosphäre wirkt sich natürlich auf die beteiligten Akteure aus und nimmt eine Eigendynamik an, die ihresgleichen sucht.

Vor allem Politiker haben gelernt, sich nicht auf Konkretisierungen in der Zukunft einzulassen und bleiben lieber vage. Nun ist es aber so, dass die Mehrheit der Menschen in diesem Land durchaus den Wunsch hätte, auch einmal etwas Großes zu gestalten. Großes, das Bestand hat, wird allerdings nicht im Moment erschaffen. Dazu sind lange und komplexe Entwicklungsprozesse erforderlich, und da fängt das eigentliche Elend an. Die Politik, die einerseits die langfristige öffentliche Positionierung vermeiden will, weil die Lebens- und Zukunftsangst das herrschende Prinzip ist, wird auf der anderen Seite immer wieder von der Summe der geheimen Wünsche angestachelt, einmal etwas alles Überragendes schaffen zu sollen.

So entstehen Großprojekte, die in vielen Fällen gar nicht so futuristisch sind, aber angesichts der mäßigen Dimensionen des Alltags so erscheinen. Tödlich wird es, wenn dann das Maß des Alltags das Unmäßige der Zukunft managen soll. Ob beim Berliner Flughafen, dem Wilhelmshavener Tiefseehafen oder der Elbphilharmonie, neben der superlativistischen Entgleisung bei letzterer handelt es sich um Dimensionen, die man in Shanghai, Kuala Lumpur, Jakarta und Dubai seit Dekaden lässig stemmt, nur hat man dort erkannt, dass es sich dabei nicht um das Alltagsgeschäft einer Verwaltung, sondern die Professionalität eines globalen Spezialistentums handelt. Aus Misstrauen vor der fremden Macht und Souveränität des Wissens und Könnens vertraut man hier lieber dem provinziellen Maß und wundert sich dann, wenn aus der Vision der Zukunft ein provinzieller Albtraum wird.

Liebenswürdige Zyniker haben nun vorgeschlagen, um über das Debakel der Vision im Hausschuhmuff überhaupt noch sprechen zu können, die Deutsche Sprache um die Form des Futur III zu bereichern. In Bezug auf den geplanten Berliner Flughafen nähme das dann folgende Form an: „Ich werde nächstes Jahr im Sommer nach Mallorca in den Urlaub geflogen wären gewesen“ oder „Wenn der Pfusch am Bau nicht bald aufhört, wird Klaus Wowereit die längste Zeit regierender Bürgermeister Berlins wären gewesen.“ Bis heute hört sich das noch sehr verwegen an, kommt aber an das, was wir sprachlich immer öfter werden ausdrücken müssen, peinlich genau heran.

Wer Trost nach all dem Leid sucht, der sollte sich, bevor es zu spät ist, noch einmal das letzte Kapitel von Peter Weiss´ Ästhetik des Widerstandes vornehmen. Da schrieb der Mann konsequent im Futur II, d.h. der grammatisch abgeschlossenen Vorgänge in der Zukunft, wie es gewesen sein wird, wenn eine politische Vision zu einem Abschluss gekommen sein wird. Einfach großartig, intellektuell, spirituell und grammatisch. Da spürt man mit jeder Zeile, dass die Vision ernst gemeint und kein Preis zu hoch gewesen sein konnte, um ihn nicht zahlen zu wollen.

Ein positiver Aspekt der Diskriminierung

Es gab Zeiten, und die sind noch gar nicht so lange her, da konnte ein Geschichtslehrer noch, ohne befürchten zu müssen, seinen Job loszuwerden, öffentlich im Unterricht die These aufstellen, ein Mensch ohne historisches Bewusstsein sei existenziell so etwas wie eine Amöbe. Bei Amöben handelt es sich bekanntlich um Einzeller, die mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die lebenswichtige Funktion des Stoffwechsels aufrecht erhalten. Punkt. Der angenommene und doch so reale Geschichtslehrer meinte damit aber in der Regel Schüler, die sich weigerten, seinen Ausführungen zu folgen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die es sich erlaubt hatten, medial das Defizit ihrer reflektierten historischen Dimension zur Schau zu stellen.

Dieser Lehrer, der in der zeitgenössischen Betrachtung allenfalls belächelt wurde, bekommt in der rückwärts gerichteten Würdigung nahezu das Format einer Madonnenerscheinung. Denn seine Aussage, in die heutige Gegenwart transponiert, hätte einen Sturm der Entrüstung zur Folge. Das Mindeste, was man ihm heute vorwürfe, wäre eine elitäre Gesinnung. Aber das wäre längst nicht alles. Sehr wahrscheinlich wäre auch, dass der Mann die zu Beklagenden, sprich Beschimpften, in arger Weise diskriminiere. Die Diskriminierten wiederum, so die zeitgenössisch inquisitorische Denkweise, erhielten durch die Art der Verunglimpfung das Signet nicht zu schützenden Lebens und deshalb sei, so spinnen wir einmal weiter, die Bezeichnung als Amöbe sehr schnell der Aufruf zur Vernichtung unwerten Lebens.

Zu diesem Zeitpunkt würde sich schon niemand mehr mit der These des enervierten Historikers auseinandersetzen. Niemand ginge der Frage nach, ob Gesellschaften, die die historische Dimension ihres Daseins nicht mehr kritisch reflektierten, überhaupt noch eine aufklärerische Perspektive hätten. Dafür aber wäre der besagte Lehrer nicht nur in Windeseile geächtet, sondern auch ebenso schnell aus seiner Funktion als Pädagoge entfernt. Eine Welle der Entrüstung, getragen von öffentlichen Amtsträgern, Parteien, Elternverbänden und der einen oder anderen Einzelgewerkschaft überzöge das Land und würde dafür sorgen, dass bestimmte Fragen in naher Zukunft von niemandem mehr gestellt werden dürfte: Wie halten wir es damit, dass wir nicht mehr wissen, aus welchen historischen Verhältnissen wir kommen? Und wohin wollen wir uns entwickeln, angesichts dessen, was uns in der Vergangenheit geprägt hat?

Im Grunde bliebe dann alles beim Alten. Denn vernünftige Fragen nach der kollektiven Existenz sind im Zeitalter der digitalen intellektuellen Repression und der post-traumatischen Geschichtsverweigerung unserer Nation tabu. Der Drang, politisch vertretbare Optionen für die Zukunft freizulegen und zu verfolgen, ist zugunsten einer massenpsychologisch konstituierten Inquisition erloschen.

Der zitierte Geschichtslehrer in seiner historischen Form hatte bewirkt, dass die von ihm als Amöben titulierten Phlegmatiker keine Lust darauf hatten, mit dem Stigma des Einzellers zu gesellschaftlichen Anlässen zu erscheinen, auf denen es schick war, intellektuell und kritisch zu sein. Die Bezichtigten lasen Bücher, was das Zeug hielt und taten alles, um dem Lehrer in seinem eigenen Metier die Leviten zu lesen, was auch das eine oder andere Mal gelang. Und der Zyniker, den keiner mochte, hatte das erreicht, was er wollte. Er hatte Leute, die durchaus die Gabe hatten, sich zu entwickeln, vor dem Schicksal der Eindimensionalität und Dummheit bewahrt. Beliebt war er zu seiner Zeit nicht. Von heutigem Standpunkt aus ist er sogar hoch geachtet.

Downfall and Desperation

Philipp Meyer, American Rust

Young Philipp Meyer marked in his biography milestones that could be of advantage for becoming a good writer. He grew up in Baltimore and knows what it means if a city or region is facing decline from a former prosperity. Meyer himself quitted school, worked with traumatized youngsters, travelled around and had jobs as a construction worker. All is not the pre-condition for good writing but concerning the ability to identify and emphasize social context it can be very helpful.

American Rust, a narrative masterpiece of current american prose fiction is chosen to happen in the aera of Pittsburg P.A., the former El Dorado of coal and steel, the black country itself in the United States. Like Englands black country and Germans Ruhrgebiet it went down in the eighties and nineties and there was no limit of suffering not to be reached. The downfall of a whole region had consequences on every aspect of life: Former good earning workers lost their jobs, became poor clients living from funds, lost their prospects and self esteem. Family dramas followed, alcoholism, drug abuse and growing criminality.

Meyers protagonists in American Rust are youngsters who remained in the region despite the chance to get out there. In a normal constellation of daily struggle something fatal happened and somebody lay dead on the ground. Poe, the strong buddy with a loyal soul, is charged for murder and Isaac, the introversed antipode, is hitting the road to California where he never will be seen. Isaacs father Henry and his sister Lee, Poes mother Grace and her time to time lover Harris, the police agent in charge, are the actors of a masterful written drama. Meyer changes the point of view and the progress of the social texture with these people who are all very interesting characters with their own history and motivation, with their own traumas and tragedies.

It becomes clear that at the end there will be no winners. The further going question wich remains during the process of reading is who will lose most and who less. We get an impression of the whole dimension of desolation caused by the economic downfall of thatregion. Like the German writer Stefan Heym, who was for some years in exile in the U.S and who lived as a journalist in Pittsburg P.A. in the early fifties, the characterization of the people in his novel Goldsborough (1953), although done in a time of prosperity, comes to similar results as Meyers. And it reminds of the people in other black countries. Even in in times of downfall and desperation they are heros. A beautiful book for those who love human beings who never give up, whether it makes sense or not.