Archiv für den Monat August 2012

Universalismen, Systeme und Subjekte

Hierzulande, im Herzen Europas, ist man dazu geneigt, die existierende Welt nach Theorien und Lehren zu interpretieren und zu gestalten. Vor allem im politischen Denken wie in der Führung von Wirtschaftsunternehmen geht es zumeist nicht ohne ein Bekenntnis zu einem Theorem, einer Doktrin oder einem ganzen System. Der Glaube, der diesem Denken zugrunde liegt, begründet sich durch die Überzeugung, dass nur eine formulierte Orientierung es ermögliche, komplexere Systeme zu steuern.

Politik- wie Managementtheorien leben davon, Programme sowie Kodifizierungen zu produzieren, die garantieren sollen, dass eine bestimmte Konsistenz herrscht und in dem System das entsteht, wofür man es geschaffen hat. Der systemische Mangel dieser Auffassung liegt allerdings in der nahezu konsequenten Ausblendung des Subjektes, d.h. der in dem System entscheidenden und handelnden Menschen. Vor allem die modernen Theorien von Politik und Theorie neigen dazu, dieses radikal zu betreiben und nennen das Ganze die Versachlichung.

Die Historie wiederum bietet unzählige Beispiele für die Notwendigkeit, die Befindlichkeit, die Interessen, das Können und Wollen der handelnden Subjekte stärker in den Fokus zu nehmen. Denn auch Demokratie bedeutet Herrschaft, und nicht immer wurden die Beherrschten in dieser Staatsform mit Glacéhandschuhen angefasst. Und auch die Herrschenden in diesem System haben allzu oft dokumentiert, dass ihnen keine Form der Korruption, der Kollusion oder des Nepotismus fremd ist. Andererseits sind die Bücher voll von Monarchen, denen das Wohlergehen ihrer Völker wichtig war und deren Vorstellung von Toleranz bis heute beispielhaft ist.

In der Betriebsführung ist es nicht anders. Das, was heute an Managementtheorien auf dem Markt ist, hat immer reale Protagonisten und nachprüfbare Vorgehensweisen, die in der Regel selten konsistent sind und deren Abweichung von der reinen Lehre allzu groß ist. Die kolportierte Antwort bei der Beobachtung derartiger Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist in der Regel die Formulierung, es menschele halt überall. Und genau das ist es, was den nahezu religiösen Glauben an Politik- und Managementtheorien nachhaltig zugunsten einer weiter führenden Betrachtung schädigen sollte.

Das Scheitern der besten Theorien liegt zumeist in dem begründet, was die menschliche Unzulänglichkeit genannt wird. Letztere ist das, wovon wir ausgehen müssen, wenn wir uns Gedanken über andere Formen der sozialen Organisation machen. Die handelnden Subjekte sind diejenigen, die mit ihrem konkreten Verhalten bestimmen, wohin sich ein System entwickelt. Und wenn wir uns ansehen, worin momentan, im Jahre 2012, die so genannten Unzulänglichkeiten bestehen, sind wir sehr schnell bei dem Kanon dessen, was man in jeder Bäckerei oder an jedem Marktstand als Kritik an dem bestehenden politischen System hören kann: Die handwerkliche Unsicherheit, die Angst vor Konflikten, die Verpackung unbequemer Botschaften, die Entscheidungsschwäche, der Opportunismus, die Versessenheit auf Status, die Armut an Strategien und der mangelnde Respekt gegenüber anderen.

Letzteres jedoch ist eine Erscheinung, die nicht als Konsequenz einer Staatsform wie der Demokratie oder einer Managementkonzeption missverstanden werden darf, sondern ein Form der menschlichen Unzulänglichkeit, die es immer schon gegeben hat, die quasi universal ist, wie die Literatur zur Genüge dokumentiert. Und nur, wenn es Subjekte gab, die als fähig und kompetent galten, konnte man davon ausgehen, dass Systeme auch funktionierten. Die Aufklärung gab sich dezidiert das Programm, den Menschen, das Individuum, zu einem verantwortungsvollen Subjekt zu bilden. Die Aktualität dieser Programmatik könnte höher nicht sein!

Das Elixier aus Konsequenz und Toleranz

Die Zerrissenheit des Menschen führt es mit sich, dass Veränderungsprozesse in der Regel länger brauchen als erwünscht. Das, was der Mathematiker David Kahnemann in seinem jüngsten Buch Thinking fast, thinking slow so anschaulich beschrieben hat, ist eine der Ursachen für die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Das rein Kognitive ist in der Regel weiter als das Emotionale, der arge Weg der Erkenntnis geht nach der treffenden, logischen Analyse über die Straße der menschlichen Unzulänglichkeit.

Wie schnell sind wir doch, wenn wir uns ein treffendes, von rationalen Gesichtspunkten geleitetes Bild von den Umständen machen wollen, in denen wir leben und arbeiten. Und wie unzureichend wird es, wenn wir den emotionalen, tradierten und rituellen Aspekt mit einbeziehen wollen.

Die Epistemologie des menschlichen Denkens kann auf zwei Steuerungsebenen zurückgreifen. Die eine ist langsam, logisch und konsistent und eine reine Kopfsache. Sie ist kaum korrumpierbar, hat aber den Nachteil, dass sie bei einer erforderlich schnellen Reaktionszeit nicht zur Verfügung steht. Die andere Steuerung erfolgt umgangssprachlich über den Bauch, was allerdings nicht stimmt. Auch wenn dieser Prozess über Bilder und Gefühl gespeichert wird, geht er über eine ungeheure Datenmenge von Erfahrungswerten, die nur teilrationalisiert sind und im Unterbewussten gelagert werden. Die empirische Datenauswertung findet hier statt, und zwar ebenfalls unterbewusst und blitzschnell.

Veränderungsprozesse haben in der Regel dann Chancen auf Erfolg, wenn in ihnen die verschiedenen Steuerungsebenen menschlicher Erkenntnis beide zum Tragen kommen. Ein rein kognitiver Prozess dauerte zu lange und scheiterte an mangelndem Feuer. Die puristisch emotionale Variante gliche einer grellen Stichflamme, von der in kurzer Zeit nichts mehr übrig bliebe. Insofern gehört es zu den wichtigen Disziplinen der Umgestaltung, beides, die kalte kognitive Operation wie den heißen emotionalen Impuls zur Geltung kommen zu lassen.

Den verschiedenen Hirnoperationen können humane Prototypen zugeordnet werden, die ebenfalls in dem Prozess der Veränderung eine wichtige Rolle spielen. Historisch, in jeder Revolution, haben derartige Figuren eine Rolle gespielt und sie sind die Dokumentation der unterschiedlichen, immer gleichzeitig existierenden Varianten des menschlichen Denkens. Auch dort spricht man von den Kopf- und den Bauchtypen und sie hießen mal Robespierre und Danton, mal Stalin und Trotzki. Ihre Chroniken und Rollen erscheinen in den Annalen immer wie ein heftiger Kampf gegeneinander, der es auch tatsächlich ist und war. Interessant dabei ist allerdings die Frage, welche Art der Denkweise sich durchsetzt und was das letztendlich für den Prozess bedeutet.

Die exklusiv kognitive Herangehensweise hat in der Regel intolerante, dogmatische und chemisch reine Politikvarianten zur Folge, während die versteckt rationale, emotionale Perzeption folgerichtig das Gefühl bedient und sich den Formen der Realität beugt, was zu Inkonsistenzen führt. Erfolgreich hingegen sind nur die Umgestaltungsprozesse, in denen es gelingt, beiden Denkweisen die Rollen einzuräumen, die ihnen an der entsprechenden Stelle gebührt. Das Programm der Umgestaltung muss aus den kalten, kognitiven Laboratorien kommen, während der Kodex für seine Umwandlung von der Erfahrung des Bauches geprägt sein muss. Nur entwickelt sich das Elixier aus Konsequenz und Toleranz, aus dem das Gelingen entsteht.

Was nicht mehr war und was hätte kommen können

Fleetwood Mac. Kiln House

Auch und gerade in der musikalischen Entwicklung gibt es Momente, die mit dem Begriff des Zwischenspiels gut umschrieben sind. Als der Ausnahmegitarrist und einzigartige Blues-Musiker Peter Green, die Inkarnation des jüdischen Blues schlechthin, die Band Fleetwood Mac verlassen hatte, prognostizierten viele dem Ensemble das Ende. Wer, bitte schön, sollte diesen Magier und Virtuosen ersetzen, der mit seinen Inspirationen und seiner genialen Empathie die Formation mit ihrer Affinität zum Electric Blues ersetzen? Es konnte keiner! Und es spricht vor allem für die Bandgründer Mick Fleetwood (drums) und John McVie (bass), dass sie dieses begriffen. Und was machten sie? Sie gingen zusammen mit Danny Kirwan (guitar, vocals) und Jeremy Spencer (guitar, vocals, piano) ins Studio und nahmen eine Platte auf, die nichts mehr mit dem gemein hatte, was vorher ihren musikalischen Charakter ausgemacht hatte.

Das 1970 erschienene Album Kiln House wird heute nicht mehr wahr genommen, ist allerdings ein Markstein der Pop-Geschichte. Fleetwood Mac verabschiedete sich vom Blues und wurde eine durch und durch weiße Band. Kiln House ist eine teilweise konsequente Zuwendung zum Rock, die nur für diesen Augenblick anhielt. Schon die nächsten Alben stellten die Weichen zum Pop und bescherten der Band bis heute einen kommerziell einzigartigen Erfolg.

Wie bis zu diesem Zeitpunkt immer praktiziert, wurden die Stücke mit spärlichen technischen Mitteln aufgenommen und überzeugten durch die musikalische Güte der Akteure selbst. Das erste Stück, This Is The Rock, war die programmatische Ansage und stand voll in der Tradition des Rock-a-Billy. In der Art, wie die Formation dieses Stück zu diesem Zeitpunkt spielte, war sie der Renaissance des Genres um mehr als ein Jahrzehnt voraus. Das folgende Station Man war der Tradition des County entlehnt, beinhaltete allerdings harte Gitarrenriffs, wie sie für den Rock der Folgejahre typisch werden sollten. Blood On The Floor klingt da schon eher wie eine Parodie auf den Country ohne instrumentelle Innovation. Während Hi Ho Silver alles Zeug gehabt hätte, zu einem Hit zu werden, wie ihn später die Pioniere des britischen Rocks vorlegten. Die darauf folgenden Stücke fallen in ihrer Qualität mächtig ab, deuten allerdings bereits den Weg an, den Fleetwood Mac später in Richtung Pop gehen sollten. Jewel Eyed Judy könnte ein Beatles Song sein, Buddy´s Song klingt wie Small Faces, Earl Grey ist der Versuch, zu Klangbildern wie bei Albatros zurückzufinden, One Together ist bereits Mainstream Pop, Tell Me All The Things To Do wiederum ein Beispiel späteren Gitarrenrocks und Mission Bell, das zehnte und letzte Stück, verweist wiederum auf glatten Pop.

Kiln House ist die Suche nach einem neuen Weg. Es verweist auf die Tradition des Rocks und seine Möglichkeiten und deutet an, in welche Richtung die spätere Entwicklung gehen konnte. Kiln House ist der Abschied vom weißen Blues und und ein Kokettieren mit dem Rock, das Austarieren des Country auf Möglichkeiten der Innovation und die instinktive Zuwendung zum Pop. Kiln House ist kein Themenalbum, sondern ein Dokument der Suche. Wie so oft, birgt das Experiment auch das Gen der Universalität. Es ist zu hören, was nicht mehr war, was hätte werden können und letztendlich kam. Unfertig, frisch, und vieles bis heute alles andere als antiquierte Botschaften.