Archiv für den Monat August 2012

Konkurrenzkampf und Defätismus

Zwei große und kommerzielle Sportereignisse haben den Sommer 2012 geprägt. Zum einen die Fußballeuropameisterschaft in Polen und der Ukraine und zum anderen die olympischen Sommerspiele in London. Bei beiden Anlässen handelte und handelt es sich, um etymologisch sauber zu bleiben, um sportliche Wettkämpfe. Gemeint ist damit ein Vergleich unter Kampfbedingungen, d.h. das Messen der Kräfte und des Könnens unter einem genau festgelegten Reglement zivilen Charakters.

Sieht man sich diejenigen, egal ob bei individuellen oder Mannschaftsdisziplinen Erfolgreichen an, so fällt auf, dass es Diejenigen waren, die in der Lage sind, schwierigste Bedingungen zu akzeptieren und trotz aller Widernisse imstande waren, Höchstleistungen zu erbringen. Es geht, betrachtet man die zivile Form des absoluten Wettkampfes, um ein Zusammenspiel von Kampf, Kraft, Konzentration und uneingeschränktem Siegeswillen. Alles andere ist Prosa in schlechtem Sinne ihrer Verwendung. Und sieht man sich die Prototypen des Erfolges an, so ist sehr schnell zu entziffern, dass es sich dabei um Typen handelt, die auch in ihrer Biographie neben einer ungeheuren Frustrationstoleranz einen Siegeswillen entwickelt haben, der alles andere überragt.

Es ist weder neu noch originell darauf hinzuweisen, dass die jeweilige Form eines Landes in derartig zu beschreibenden sportlichen Auseinandersetzungen einiges über die allgemeine Befindlichkeit aussagt. Es bedeutet nicht unbedingt, dass alle Länder, die sich sportlich in einer guten Verfassung präsentieren, sich automatisch in einer guten zivilen Verfassung befinden. Totalitäre Systeme neigen zu einer Militarisierung und damit einhergehenden Professionalisierung des Sportes. Aber der Vergleich unter demokratischen Ländern lässt Rückschlüsse zu. Obwohl, auch diese Einschränkung sei erlaubt, es sich immer um Momentaufnahmen handelt.

Kurz nach dem Scheitern der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Halbfinale der Fußballeuropameisterschaften schrieb eine spanische Zeitung über die deutschen Kicker, aus den einstmals verhassten, arroganten Siegertypen seien sympathische Verlierertypen geworden. Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Bis auf wenige Ausnahmen trifft diese Beobachtung auch auf die nach London losgezogenen Olympioniken zu, die nach ihren jeweiligen Misserfolgen, analog zu den Fußballern, unter Heulkrämpfen ihre Niederlagen eingestanden und mit der Botschaft hausieren gingen, dabei sein sei eben alles.

Die Außerkraftsetzung des Wettkampfprinzips zugunsten von sozialtherapeutischen Selbsterfahrungsevents bei laufendem Echtzeit-Wettkampf kann nur zu einem Desaster führen. Es ist aber genau das, was als Symptom der gegenwärtigen deutschen Befindlichkeit attestiert werden muss. Die Gesetze der harten Realität zum einen und das gleichzeitige Tolerieren ihrer Ausblendung, im Sport wie in der Wirtschaft und im Spiel der internationalen Mächte, schafft nicht nur die Perspektive der Erfolglosigkeit, wie sie nur im Sport noch ertragen werden kann, sondern auch ein Milieu, in dem die Unterwerfung in eigener Sache salonfähig wird. Der Sport ist dabei ein erstes Indiz. Was nützt die Parole Dabei sein ist alles!, wenn man am Ende nicht überlebt?

Avantgardistische Kryptogramme

Ornette Coleman. Tomorrow Is The Question

Manchmal sind es nur kurze Momente in einem langen Leben, die den Ruf eines Menschen bestimmen. Ornette Coleman, der im texanischen Fort Worth aufgewachsene Altsaxophonist, gilt bis heute als einer der großen Innovatoren des modernen Jazz. Der mittlerweile über Achtzigjährige hat in den Jahren 1958-1960 wahrhaft Jazz-Geschichte geschrieben. Mit Alben, die schon in ihrem Namen den Anspruch auf avantgardistische Programmatik formulierten: Something Else!!! (1958), Tomorrow Is The Question (1959), The Shape Of Jazz To Come (1959), Change Of The Century (1959) und Free Jazz (1960). Damit endete sein innovatives Werk keineswegs, aber es waren die 36 Monate, in denen der Free Jazz den Akzent bekam, der über Jahrzehnte bestand haben sollte.

Mit Tomorow Is The Question wurde im Titel die ganze Programmatik vielleicht am stärksten in den Fokus gestellt. Coleman verabschiedete sich von der auf Standards basierenden Systematik der Revolutionierung des Stils und betonte die im Titel bereits formulierte Richtung: Avantgardismus bedeutete für ihn die Konzentration auf die Frage nach der futuristischen Gestaltung seiner Klangfolgen. Mit Don Cherry (trumpet), Red Mitchell (bass) und Shelly Manne (drums) hatte er neben dem exzellenten Trompeter Cherry eine Rhythmussektion im Rücken, die ihn trieb wie der scharfe Westwind die Segler.

Bei dem Titelsong, der noch daherkommt wie gefälliger Mainstream-Jazz, wäre da nicht diese perkussive Hast und die dissonanten Figuren Colemans selbst, wird bereits deutlich, wie weit sich das Ensemble bereits von den Spielweisen ihrer Zeit entfernt hatten. Tears Inside hingegen ist ein Fingerzeig, wie emotional Coleman in der Lage war, das, was als Free Jazz als dissonant klassifiziert war, als nahezu romantische Weise erscheinen zu lassen. Mind And Time ist wiederum ein Hinweis auf die Unwilligkeit eines durch Eigendynamik getriebenen Tempos, sich auf die emotionale Dimension der Existenz einzulassen, ohne die Hörbarkeit dadurch zu beschädigen. Compassion wiederum deutet auf die einzelnen Versatzstücke der jeweiligen individuellen Zugänge zum Gesamtkonzept hin. Das einzig Verbindende ist dabei das von Coleman im Legato gespielte Alt, dem er Töne entlockt, die das Temperament und die Hingabe an das gemeinsame Projekt dokumentieren. Analog dazu wird bei Lorraine eine Stimmung erzeugt, die etwas Finales hat, aber auf das Glück des Augenblicks nicht verzichten will. Und Turnaround, ein Stück, das aufgrund seines Tempos, seiner filigranen Figuren und seiner kontrapunktischen Entwürfe zu einer Hymne des Free Jazz geworden ist, deutet auf das ganze Reservoir an Ideen hin, die diese Jahre von Colemans Schaffen auszeichneten.

Mit Tomorrow Is The Question wurde eine Album mit insgesamt neuen Stücken produziert, das zweifelsohne zu einem Meilenstein der Jazz-Geschichte gezählt werden muss. Die einzelnen Kompositionen sind keine Reproduktion einer revolutionären Idee in verschiedenen Varianten, sondern eher neun revolutionäre Ideen in einer wiederum inspirierenden wie verstörenden Form. Ornette Coleman und die dort versammelten Musiker wiesen erfolgreich und mit Nachdruck darauf hin, dass der Tempus der Avantgarde die Zukunft ist und dass ein Entwurf in diese Richtung, wenn er die hier zu hörende Qualität besitzt, durchaus das Potenzial besitzt, für Jahrzehnte der Aufregung zu sorgen.

Riads Mosaik

Nicht lange ist es her, da sorgte ein als solches erklärtes Gedicht von Günter Grass für große Aufregung. In diesem hatte er seine Zweifel an Israel geäußert. Vor allem in Hinblick auf die Ausrüstung israelischer U-Boote mit Atomsprengköpfen, die sicher stellen sollen, dass die Abschreckungswirkung gegenüber dem Iran bestehen bleibt, wenn dieser versuchen sollte, seinerseits Israel mit atomaren Mittelstreckenraketen anzugreifen. Letzteres würde den Staat sehr schnell auslöschen, daher das Gegenszenario. Günter Grass, dessen früheres Werk man nach wie vor würdigen kann, hatte die komplexe Dimension des Konfliktes nicht wahr genommen. Treiber der Inszenierung gegen den Iran war und ist der Staat Saudi Arabien, dessen sunnitischen Machthabern es überhaupt nicht passt, einen zunehmend starken schiitischen Iran in der Region zu haben. Saudi Arabien drängte zunächst die USA, wie es so diabolisch heißt, präventiv gegen den Iran loszuschlagen. Als sich die USA nicht auf dieses Spiel einließen, wurde, wie so oft, die israelische Karte gezogen, die bis heute allerdings nicht sticht.

Der nächste Schritt Riads in der Mobilmachung gegen den Iran heißt nun Syrien. Das von Aleviten regierte und von Christen gestützte Assad-Regime hat zweifelsohne die Katakomben voller Leichen. Einerseits hat es über Jahrzehnte die sunnitische Mehrheit des Landes innenpolitisch unterdrückt und gegängelt, andererseits war es aber auch nützlich, weil es den Libanon mit der Unterstützung und der Alimentierung der Hisbollah destabilisierte und so einen ständigen lebensbedrohlichen Gefahrenherd für Israel schuf. Nun, da Israel und die USA in dem anti-iranischen Puzzle nicht die Aufgabe übernehmen wollen, kriegerisch gegen den Iran vorzugehen, injizierte Riad genügend Mittel nach Syrien, um dort die sunnitische Mehrheit gegen das Assad-Regime zu mobilisieren. Ziel dieses Unterfangens ist natürlich die Machtübernahme der Sunniten, die dann ihrerseits den Zangengriff gegen den Iran organisieren sollen.

Die Konfliktlinien innerhalb Syriens haben das Zeug zu einer wahrhaft tragischen Situation. Einerseits werden die in diesem Land lebenden Sunniten tatsächlich unterdrückt, andererseits wäre bei ihrer Machtübernahme ein wahres Gemetzel gegen Aleviten und Christen die Folge und die labile Balance der Region dahin. Was auf dem Rücken der Bevölkerung in Syrien ausgetragen wird, ist das Machtspiel Riads, das die Zerstörung des schiitischen Irans auf dem Programm hat. Der Westen hält sich deshalb zurück, weil er in seiner Ressourcen-Allianz mit Saudi-Arabien und Unmengen von saudischem Kapital in den eigenen Ländern erpressbar ist, aber andererseits kein Interesse an einem Krieg hat, den er nicht gewinnen kann. Russland und China, die viel Gescholtenen im Weltsicherheitsrat, wissen um den wahren Konflikt und haben ihrerseits ein Interesse an einem iranischen Gegengewicht zu den saudischen hegemonialen Plänen. Und selbst die Türkei, ihrerseits durchaus nach zunehmenden innenpolitischen Problemen mit einem sunnitischen Imperialismus kokettierend, weiß genau, dass die Verluste in diesem Fall für sie größer sein werden als die Gewinne.

Die mediale Berichterstattung hingegen bewegt sich auf der emotionalen Ebene und stellt in nur sehr seltenen Fällen die Zusammenhänge dar. Die Aporie des Westens besteht in der Allianz mit Saudi-Arabien, einem der letzten klassischen Sklavenhalterstaaten der Weltgeschichte um den Preis des Öls. Solange diese Konstellation nicht überdacht wird, ist das Mitleid mit den armen Seelen in den Straßen von Aleppo nichts als Heuchelei.